Cornelia Funke: Tintenherz

So, jetzt habe ich das Buch gelesen und mir damit die Berechtigung erworben, den Film anschauen zu dürfen!
Eine Inhaltsangabe möchte ich hier nicht geben, bei Belletristik finde ich es immer ein bisschen unfair, wenn denjenigen, die das Buch noch nicht gelesen haben, durch eine Rezension ein Teil der Spannung genommen wird. Bei populärwissenschaftlichen Büchern sehe ich das ganz anders. Deshalb hier nur ein paar Gedanken, die mir beim Lesen des Buchs gekommen sind.
Bereits beim Herrn der Diebe (und beim Vergleich mit "Harry Potter") war mir aufgefallen, dass gute Bücher für Kinder mittleren Alters genügend Tiefe haben, damit sich auch ihre Eltern darin wiederfinden. Meist sind es Erwachsene oder Situationen, die zwar kindgerecht etwas überzeichnet und vereinfacht dargestellt sind, aber dennoch genügend Identifikations- bzw. Distinktionsmöglichkeiten bieten. Bei Harry Potter sind es überwiegend die Lehrer, in Tintenherz die drei Bibliophilen als die Guten und eine ganze Anzahl Gauner als die Bösen.
Ich habe manchmal darüber nachgedacht, welche Einstellung Schriftsteller zu Büchern haben - nicht zu dem von ihnen geschriebenen Inhalt, sondern zu dem Gesamtkunstwerk, also dem Einband, der Bindung, dem verwendeten Papier, dem Schriftsatz und den Illustrationen. Vielleicht wird sich diese enge Verbindung zwischen Form und Inhalt in einigen Jahren ja auflösen, die größten Zuwächse erzielen die Verlage heute mit "eBooks", aber so ganz mag ich das noch nicht glauben.
Cornelia Funke scheint das Haptische noch nicht aus den Augen verloren zu haben (oder sollte man besser "nicht aus den Fingern verloren" sagen?), jedenfalls hat sie die Illustrationen für Tintenherz selbst gezeichnet und die drei erwachsenen Haupthelden sind, wie schon erwähnt, prototypische Bibliophile. Es gibt einen Buchbinder, der zugleich magische Fähigkeiten beim Vorlesen zeigt, eine besessene Sammlerin auserlesener Bücher mit einer riesigen Bibliothek und einen Schriftsteller. Wenn in Büchern Letztere eine Rolle spielen, dann ist das eine interessante Form von Selbstreferenzialität, als Leser überlegt man, welche der beschriebenen Eigenschaften der "echte" Schriftsteller seinem Alter Ego geliehen hat:
Weißt du, mit Schriftstellern ist es eine merkwürdige Sache. Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen, dass Bücher von Menschen geschrieben werden, die nicht anders sind als sie. Von Schriftstellern nimmt man an, dass sie längst tot sind, aber bestimmt nicht, dass sie einem auf der Straße begegnen oder beim Einkaufen. Man kennt ihre Geschichten, aber ihren Namen kennt man nicht und schon gar nicht ihr Gesicht. Und die meisten Schriftsteller mögen das...In Tintenherz begegnet einem der Selbstbezug noch auf eine ganz andere Art. Manchmal ist es ja so, dass man bei einem spannenden Buch vollständig eintaucht und so zu einem Teil der Handlung wird. Und wenn man auf den merkwürdigen Gedanken "Was wäre, wenn die Personen im Buch plötzlich real würden?" nicht selbst kommt, gibt es bereits genügend Bücher und Filme, die das zum Inhalt haben. Neu ist das Thema also nicht.
Man findet es anderenorts auch noch in zwei ähnlichen Varianten: In dem bereits uralten Buch Flächenland von Edwin A. Abbott aus dem Jahr 1884 und seiner modernen Fortsetzung Flacherland von Ian Stewart, geschrieben Ende des 20. Jahrhunderts, wird geschildert, wie die Welt jeweils aus der Sicht höher- bzw. niedrigerdimensionaler Wesen aussieht. Ein dreidimensionales Wesen zum Beispiel kann alle Seiten eines zweidimensionalen Wesens und sogar sein Inneres gleichzeitig sehen, während das zweidimensionale Wesen immer nur einen Schnitt durch das Dreidimensionale wahrnehmen kann.
Hier besteht eine Analogie zu Figuren in einem Buch. Obwohl diese während der Handlung eine zeitliche Entwicklung durchmachen, liegt diese für uns offen zutage, weil wir lesend zum Anfang und Ende der Handlung springen können, während für die Personen selbst ihre Handlung linear verläuft.
Staubfinger betrachtete seine geröteten Finger und strich über die gespannte Haut: »Womöglich würde er mir noch erzählen, wie meine Geschichte ausgeht«, murmelte er.Staubfinger ist eine literarische Figur, Meggie ein Mensch.
Ungläubig sah Meggie ihn an. »Das weißt du nicht?«
Staubfinger lächelte. Meggie mochte sein Lächeln immer noch nicht. Es schien nur dazu da, etwas zu verbergen. »Was ist daran so Besonderes, Prinzessin?«, fragte er mit leiser Stimme. »weißt du etwa, wie deine Geschichte ausgeht?«
Darauf wusste Meggie keine Antwort.
Eine zweite Analogie findet man in der Matrixtrilogie ausgedrückt, hier geht es um die Frage, wie wir den Realitätsgrad unserer Realität herausfinden können. Aus dem von Nick Bostrom angezettelten unendlichen Regress erlöst einen wohl nur das Ockhamsche Rasiermesser, logisch kommt man diesem Gedanken nicht bei.
Als Tintenherz veröffentlicht wurde, wussten die meisten beim Lesen wahrscheinlich lange nicht, dass Cornelia Funke eine Fortsetzung geplant hat, aber spätestens auf den letzten Seiten haben sie es dann erfahren, denn es blieben zu viele "Böse" am Leben. Und außerdem:
Denn das war Meggies Plan: Sie wollte lernen Geschichten zu spinnen, so wie Fenoglio es gekonnt hatte. Sie wollte lernen nach Worten zu fischen, damit sie ihrer Mutter vorlesen konnte, ohne sich Sorgen zu machen, wer herauskam und sie mit heimwehkranken Augen ansah. Nur Wörter konnten sie zurückschicken, all die, die aus nichts als Buchstaben gemacht waren, und deshalb beschloss Meggie, dass Wörter ihr Handwerk werden sollten. Wo konnte man das besser lernen als in einem Haus, in dessen Garten Feen ihre Nester bauten und Bücher nachts in den Regalen flüsterten?Wenn man allerdings sehr aufmerksam gelesen hat, dann wusste man es bereits ab der Hälfte des Buchs, denn dort lässt Cornelia Funke ihren "Kollegen" sagen:
Wie Mo schon gesagt hatte: Mit Zauberei hat das Geschichtenschreiben eben auch zu tun.
»Basta bleibt auch am Leben«, antwortete Fenoglio. »Ich habe damals lange mit der Idee gespielt, eine Fortsetzung von Tintenherz zu schreiben, und auf die beiden wollte ich dabei nicht verzichten. Ich war stolz auf sie! Gut, der Schatten war mir auch nicht schlecht gelungen, nein, wirklich, aber an meinen menschlichen Figuren hänge ich doch immer am meisten.Den zweiten Teil "Tintenblut" besitze ich noch nicht, aber der dritte Teil steht als Hörbuch, bestehend aus 18 CDs, bereits bei mir im Bücherregal.
Bücher
Dienstag, 03.November 2009
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