Daniel Hope: Wann darf ich klatschen?
Die Erfurter Herbstlese ist eine jährliche Veranstaltungsreihe, bei der im Oktober und November eine Reihe von Buchlesungen stattfinden, aber auch andere interessante Veranstaltungen eingebettet sind. Man muss sich rechtzeitig ein Programmheft besorgen und Karten buchen, wenn man an speziellen Dingen Interesse hat.
In diesem Jahr war ich bei der Einführungsveranstaltung mit Friedrich Schorlemmer, einem Bürgerrechtler, der deutschlandweit zur Zeit der Wende sehr bekannt geworden ist. So wie er damals die Zustände in der DDR kritisiert hat, so kritisiert er heute die Zustände in Deutschland und hier vor allem den Umgang mit der DDR-Vergangenheit.
Die zweite Veranstaltung, die ich besucht habe, war eine Lesung mit Thomas Großbölting. Er hat das Buch Friedensstaat, Leseland, Sportnation? herausgegeben, in dem eine Reihe von Wissenschaftlern ihre Ergebnisse der Erforschung der DDR in essayistischer Form vorgestellt haben. Interessant ein Querbezug, den ich beim Googeln gerade gefunden habe: Mit "Thomas Großbölting" als Suchbegriff landet man sehr schnell bei dem "Institut zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur". Genau diese Bezeichnung hatte Schorlemmer kritisiert, weil sich hier das moralische Urteil über den Forschungsgegenstand bereits vorab im Namen zeigt.
Aber die Lesung bzw. besser die Podiumsdiskussion mit dem Geschichtsprofessor fand ich recht gut. Auf eine entsprechende Frage antwortet er sinngemäß, dass es natürlich außer der Aufarbeitung der Lebenslügen der DDR (Friedensstaat, Leseland, Sportnation) genauso notwendig wäre, die entsprechenden Mythen der alten Bundesrepublik wissenschaftlich zu analysieren. Dass das nicht in demselben Maß passiert, liegt unter anderem daran, dass viele Archive nicht so zugänglich sind wie die der DDR und es für deren Erforschung einfach mehr Forschungsgelder, auch international, gibt.
Die dritte Veranstaltung vom Mittwoch war dann im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen gänzlich unpolitisch. Daniel Hope stellte sein Buch Wann darf ich klatschen? Ein Wegweiser für Konzertgänger vor. Ich gestehe, dass ich vor der Veranstaltung nicht wusste, wer Daniel Hope ist. Ich war einfach nur neugierig auf die Antwort auf die Klatschenfrage und wie man daraus ein ganzes Buch machen kann.
Der Beginn der Lesung war ein wenig seltsam. Nachdem er vom Moderator als weltbekannter Violinist vorgestellt worden war, kam er von der Seite auf die Bühne, legte seine Violine und den Bogen neben sich auf den Tisch und begann, aus einem Buch vorzulesen, ohne jede Vorrede. Nach einigen Anekdoten stand er dann auf und erklärte, er wolle erstmal ein kurzes Stück auf der Violine spielen. Was genau habe ich vergessen, ich kannte es nicht, es war wohl eine Adaption von Ravi Shankar. Stattdessen hier ein Video mit Daniel Hope, das ich bei Youtube gefunden habe:
In der Anmoderation vor dem Stück und auch in seinen eigenen Dankesworten danach erfährt man einiges über seine Biografie. Sein ziemlich gutes Deutsch verdankt er also seinen Großeltern, die zur Zeit des Nationalsozialismus aus Deutschland vertrieben wurden. Das Buch, aus dem er während der Veranstaltung vorgelesen hat, hat er übrigens in Deutsch geschrieben, zur Veröffentlichung in Großbritannien muss es erst noch ins Englische übersetzt werden.
Im Buch und in der anschließenden Fragestunde hat Daniel Hope eine Reihe von Anekdoten aus seinem und dem Leben anderer Künstler erzählt, die schönste für mich: Ein ziemlich bekannter Violinist (ich habe den Namen vergessen, wahrscheinlich war es Rostropowitsch) hat mal bis spät in die Nacht mit Picasso gebechert. Irgendwann kam Picasso auf die Idee, sie müssten sich jetzt gegenseitig etwas schenken. Picasso schenkte Rostropowitsch eine kleine Statue, Rostropowitsch Picasso seinen Bogen. Picasso wollte dann unbedingt noch eine Widmung in das Holz des viele Tausend Dollar teuren Bogens geritzt haben und beschmierte selbst seine Statue mit einer Widmung.
Am nächsten Tag war Picassos Frau sehr ärgerlich, denn eigentlich gehörte ihr die Statue, die Pablo da verschenkt hatte. Und Rostropowitsch musste das Konzert an diesem Tag mit seinem Ersatzbogen spielen. Wer heute ins Picassomuseum in seinem Heimatort geht, der findet dort einen hinter Glas ausgestellten Bogen.
Die Frage "Wann darf man klatschen?" wurde übrigens auch beantwortet: Bei einer Sinfonie normalerweise danach, nicht zwischen den Sätzen. Aber wenn man sehr begeistert ist, dann werden einem die Musiker sicher nicht böse sein - vor allem wenn man mit Klatschen beginnt und das übrige Publikum dabei mitreißen kann. - Ich glaube, mit nicht so überbordendem Selbstbewusstsein ausgestattet, werde ich es weiterhin so wie bisher halten: Ich warte darauf, dass andere anfangen und mache es ihnen nach.
Ich habe noch ein zweites Video gesucht, es gibt sehr viele mit ihm und über ihn, das folgende bietet nochmals ein bisschen Musik, ein Interview und weitere Informationen:
Violine, Bücher, Alltag
In diesem Jahr war ich bei der Einführungsveranstaltung mit Friedrich Schorlemmer, einem Bürgerrechtler, der deutschlandweit zur Zeit der Wende sehr bekannt geworden ist. So wie er damals die Zustände in der DDR kritisiert hat, so kritisiert er heute die Zustände in Deutschland und hier vor allem den Umgang mit der DDR-Vergangenheit.
Die zweite Veranstaltung, die ich besucht habe, war eine Lesung mit Thomas Großbölting. Er hat das Buch Friedensstaat, Leseland, Sportnation? herausgegeben, in dem eine Reihe von Wissenschaftlern ihre Ergebnisse der Erforschung der DDR in essayistischer Form vorgestellt haben. Interessant ein Querbezug, den ich beim Googeln gerade gefunden habe: Mit "Thomas Großbölting" als Suchbegriff landet man sehr schnell bei dem "Institut zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur". Genau diese Bezeichnung hatte Schorlemmer kritisiert, weil sich hier das moralische Urteil über den Forschungsgegenstand bereits vorab im Namen zeigt.
Aber die Lesung bzw. besser die Podiumsdiskussion mit dem Geschichtsprofessor fand ich recht gut. Auf eine entsprechende Frage antwortet er sinngemäß, dass es natürlich außer der Aufarbeitung der Lebenslügen der DDR (Friedensstaat, Leseland, Sportnation) genauso notwendig wäre, die entsprechenden Mythen der alten Bundesrepublik wissenschaftlich zu analysieren. Dass das nicht in demselben Maß passiert, liegt unter anderem daran, dass viele Archive nicht so zugänglich sind wie die der DDR und es für deren Erforschung einfach mehr Forschungsgelder, auch international, gibt.
Die dritte Veranstaltung vom Mittwoch war dann im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen gänzlich unpolitisch. Daniel Hope stellte sein Buch Wann darf ich klatschen? Ein Wegweiser für Konzertgänger vor. Ich gestehe, dass ich vor der Veranstaltung nicht wusste, wer Daniel Hope ist. Ich war einfach nur neugierig auf die Antwort auf die Klatschenfrage und wie man daraus ein ganzes Buch machen kann.
Der Beginn der Lesung war ein wenig seltsam. Nachdem er vom Moderator als weltbekannter Violinist vorgestellt worden war, kam er von der Seite auf die Bühne, legte seine Violine und den Bogen neben sich auf den Tisch und begann, aus einem Buch vorzulesen, ohne jede Vorrede. Nach einigen Anekdoten stand er dann auf und erklärte, er wolle erstmal ein kurzes Stück auf der Violine spielen. Was genau habe ich vergessen, ich kannte es nicht, es war wohl eine Adaption von Ravi Shankar. Stattdessen hier ein Video mit Daniel Hope, das ich bei Youtube gefunden habe:
In der Anmoderation vor dem Stück und auch in seinen eigenen Dankesworten danach erfährt man einiges über seine Biografie. Sein ziemlich gutes Deutsch verdankt er also seinen Großeltern, die zur Zeit des Nationalsozialismus aus Deutschland vertrieben wurden. Das Buch, aus dem er während der Veranstaltung vorgelesen hat, hat er übrigens in Deutsch geschrieben, zur Veröffentlichung in Großbritannien muss es erst noch ins Englische übersetzt werden.
Im Buch und in der anschließenden Fragestunde hat Daniel Hope eine Reihe von Anekdoten aus seinem und dem Leben anderer Künstler erzählt, die schönste für mich: Ein ziemlich bekannter Violinist (ich habe den Namen vergessen, wahrscheinlich war es Rostropowitsch) hat mal bis spät in die Nacht mit Picasso gebechert. Irgendwann kam Picasso auf die Idee, sie müssten sich jetzt gegenseitig etwas schenken. Picasso schenkte Rostropowitsch eine kleine Statue, Rostropowitsch Picasso seinen Bogen. Picasso wollte dann unbedingt noch eine Widmung in das Holz des viele Tausend Dollar teuren Bogens geritzt haben und beschmierte selbst seine Statue mit einer Widmung.
Am nächsten Tag war Picassos Frau sehr ärgerlich, denn eigentlich gehörte ihr die Statue, die Pablo da verschenkt hatte. Und Rostropowitsch musste das Konzert an diesem Tag mit seinem Ersatzbogen spielen. Wer heute ins Picassomuseum in seinem Heimatort geht, der findet dort einen hinter Glas ausgestellten Bogen.
Die Frage "Wann darf man klatschen?" wurde übrigens auch beantwortet: Bei einer Sinfonie normalerweise danach, nicht zwischen den Sätzen. Aber wenn man sehr begeistert ist, dann werden einem die Musiker sicher nicht böse sein - vor allem wenn man mit Klatschen beginnt und das übrige Publikum dabei mitreißen kann. - Ich glaube, mit nicht so überbordendem Selbstbewusstsein ausgestattet, werde ich es weiterhin so wie bisher halten: Ich warte darauf, dass andere anfangen und mache es ihnen nach.
Ich habe noch ein zweites Video gesucht, es gibt sehr viele mit ihm und über ihn, das folgende bietet nochmals ein bisschen Musik, ein Interview und weitere Informationen:
Violine, Bücher, Alltag
Freitag, 30.Oktober 2009
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