Die Päpstin
Gestern habe ich mir "Die Päpstin" zusammen mit einem guten Freund angesehen. Normalerweise werde ich in solchen Filmen immer von seiner Frau begleitet, da er mehr auf Action steht. Dieses Mal aber haben ihr wahrscheinlich die Kritiken nicht so gut gefallen, sie wollte sich deshalb die Bilder in ihrem Kopf, die sie sich nach dem Lesen des Buches gemalt hatte, nicht verderben lassen. Ich hatte zuvor zwar die Mäkelei in der Telepolis gelesen, wollte den Film aber trotzdem sehen und fand ihn recht gut.

Immer wenn ich ein solches außerordentlich begabtes Kind sehe und dann die Umstände, unter denen es mehr leidet als lebt, frage ich mich, wie viele Talente in der Menschheitsgeschichte schon vergeudet worden sind.Johannes Johanna Angelicus ist da ein typisches Beispiel und hat bei aller Tragik trotzdem noch Glück, denn sie vollbringt letztendlich ja Außerordentliches. Die Schulszene, in der sie als Mädchen zuerst von einem Beauftragten des Bischofs gelobt und dafür dann von ihren Mitschülern auf Geheiß des Lehrers mit Tinte übergossen wird, tat mir schon fast körperlich weh.
Bei drei Abschnitten im zweiten Teil des Films habe ich überlegt, ob man sie nicht auch hätte anders drehen können. Die erste Szene ist ihre Wahl zum Papst. Aber vermutlich hat es Sönke Wortmann, der Regisseur, doch richtig gemacht, denn ein Schicksalsschlag ist ja deswegen ein "Schlag", weil er einen unvermittelt trifft und man eben keine Gelegenheit hat, ihm noch auszuweichen oder ihn anders zu gestalten, man hat keine Wahl.
Die dritte ist die Szene, in der sie stirbt. Ich wusste es bisher nicht, aber in der Wikipedia kann man lesen, dass die Autorin des Buches, Donna Woolfolk Cross, eine historische Legende als Vorlage hatte: Päpstin Johanna. Doch auch hier kann es sein, dass der Regisseur die richtige Lösung für ihr Ende gefunden hat. Der Geliebte kann sie sicherlich nicht überleben, und von der historischen Johanna heißt es, dass sie bei der Geburt ihres Kindes entdeckt wurde und gestorben ist.
Aus der zweiten Szene jedoch, chronologisch zwischen den beiden gelegen, hätte man sicher mehr machen können. Dort diskutiert die Päpstin mit den ihr feindlich gesinnten Lakaien über ihre Anordnung der Einrichtung von Mädchenschulen. Zwar wird sie auch hier ihrer Umgebung als intellektuell haushoch überlegen dargestellt, aber diesem Disput hätte ich gern länger gelauscht. Für mich ist es das zentrale Thema des Films: Die jahrhundertelange Unterdrückung der Frauen durch die abrahamitischen Religionen (aber auch durch die weltlichen Mächte des Mittelalters). Auch hier wieder: Welch ein Wahnsinn, dass soviel Potenzial verloren gegangen und so viel Leid erzeugt worden ist.
Nach dem Ende des Films bin ich eine kurze Zeit sitzen geblieben. Als ich gegenüber meinem Begleiter erwähnte, welche Gedanken mir gerade durch den Kopf gehen, antwortete er, der mich sehr gut kennt, sinngemäß: "Alles, was nicht aufgeschrieben wurde, ist niemals passiert." Genauso ist es, worüber man keine Informationen hat, das ist niemals passiert.
Für viele Menschen wird die im Film gezeigte Päpstin jetzt einen höheren Realitätsgehalt haben als zum Beispiel Agapitus II, dessen Amtszeit sich mit der vermuteten Amtszeit der historischen Johanna überschneidet. Warum ist das so? Es liegt daran, dass die Vergangenheit nicht existiert. Es gibt nur Erinnerungen und Aufzeichnungen, eben Informationen über sie, auf die wir aber in der Gegenwart zugreifen. Und über das Leben dieser (Film)Päpstin wissen die Kinogänger jetzt mehr als über Agapitus II, der im 10. Jahrhundert angeblich gelebt haben soll. Hat er wirklich gelebt? Sicher?
Wenn man sehr genau nachdenkt (dazu muss man nicht einmal etwas über die Implikationen moderner Physik wissen), wird man zustimmen (müssen), dass die folgenden drei Fälle ununterscheidbar sind: Ein Ereignis, das in der Vergangenheit stattgefunden hat, von dem wir aber absolut nichts wissen. Ein Ereignis, von dem wir absolut nichts wissen, weil es in der Vergangenheit nicht stattgefunden hat. Ein Ereignis, von dem wir absolut nichts wissen, weil es noch nicht stattgefunden hat. Diese drei Fälle sind ununterscheidbar. Was ununterscheidbar ist, ist gleich.
Filme, Alltag

Immer wenn ich ein solches außerordentlich begabtes Kind sehe und dann die Umstände, unter denen es mehr leidet als lebt, frage ich mich, wie viele Talente in der Menschheitsgeschichte schon vergeudet worden sind.
Bei drei Abschnitten im zweiten Teil des Films habe ich überlegt, ob man sie nicht auch hätte anders drehen können. Die erste Szene ist ihre Wahl zum Papst. Aber vermutlich hat es Sönke Wortmann, der Regisseur, doch richtig gemacht, denn ein Schicksalsschlag ist ja deswegen ein "Schlag", weil er einen unvermittelt trifft und man eben keine Gelegenheit hat, ihm noch auszuweichen oder ihn anders zu gestalten, man hat keine Wahl.
Die dritte ist die Szene, in der sie stirbt. Ich wusste es bisher nicht, aber in der Wikipedia kann man lesen, dass die Autorin des Buches, Donna Woolfolk Cross, eine historische Legende als Vorlage hatte: Päpstin Johanna. Doch auch hier kann es sein, dass der Regisseur die richtige Lösung für ihr Ende gefunden hat. Der Geliebte kann sie sicherlich nicht überleben, und von der historischen Johanna heißt es, dass sie bei der Geburt ihres Kindes entdeckt wurde und gestorben ist.
Aus der zweiten Szene jedoch, chronologisch zwischen den beiden gelegen, hätte man sicher mehr machen können. Dort diskutiert die Päpstin mit den ihr feindlich gesinnten Lakaien über ihre Anordnung der Einrichtung von Mädchenschulen. Zwar wird sie auch hier ihrer Umgebung als intellektuell haushoch überlegen dargestellt, aber diesem Disput hätte ich gern länger gelauscht. Für mich ist es das zentrale Thema des Films: Die jahrhundertelange Unterdrückung der Frauen durch die abrahamitischen Religionen (aber auch durch die weltlichen Mächte des Mittelalters). Auch hier wieder: Welch ein Wahnsinn, dass soviel Potenzial verloren gegangen und so viel Leid erzeugt worden ist.
Nach dem Ende des Films bin ich eine kurze Zeit sitzen geblieben. Als ich gegenüber meinem Begleiter erwähnte, welche Gedanken mir gerade durch den Kopf gehen, antwortete er, der mich sehr gut kennt, sinngemäß: "Alles, was nicht aufgeschrieben wurde, ist niemals passiert." Genauso ist es, worüber man keine Informationen hat, das ist niemals passiert.
Für viele Menschen wird die im Film gezeigte Päpstin jetzt einen höheren Realitätsgehalt haben als zum Beispiel Agapitus II, dessen Amtszeit sich mit der vermuteten Amtszeit der historischen Johanna überschneidet. Warum ist das so? Es liegt daran, dass die Vergangenheit nicht existiert. Es gibt nur Erinnerungen und Aufzeichnungen, eben Informationen über sie, auf die wir aber in der Gegenwart zugreifen. Und über das Leben dieser (Film)Päpstin wissen die Kinogänger jetzt mehr als über Agapitus II, der im 10. Jahrhundert angeblich gelebt haben soll. Hat er wirklich gelebt? Sicher?
Wenn man sehr genau nachdenkt (dazu muss man nicht einmal etwas über die Implikationen moderner Physik wissen), wird man zustimmen (müssen), dass die folgenden drei Fälle ununterscheidbar sind: Ein Ereignis, das in der Vergangenheit stattgefunden hat, von dem wir aber absolut nichts wissen. Ein Ereignis, von dem wir absolut nichts wissen, weil es in der Vergangenheit nicht stattgefunden hat. Ein Ereignis, von dem wir absolut nichts wissen, weil es noch nicht stattgefunden hat. Diese drei Fälle sind ununterscheidbar. Was ununterscheidbar ist, ist gleich.
Filme, Alltag
Montag, 26.Oktober 2009
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