Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt
Mit einem Kollegen unterhielt ich mich über eine Kurvenapproximation. "Man könnte sie über die Minimierung der Summe der Beträge der Fehler optimieren", schlug ich vor. "Die Fehlerquadratmethode ist besser", antwortete er mir. Klar, denn bei der Minimierung der Fehlerquadrate werden große Einzelfehler stärker bestraft, sodass die Anpassung der Kurve insgesamt besser ist. "Weißt du, wie Gauß auf die Methode gekommen ist?", fragte ich ihn. "Das steht in seiner Biografie drin", antwortete mir mein Kollege und versprach das Buch mitzubringen, in dem er das gelesen hatte.Wie sich herausstellte, handelte es sich aber gar nicht um eine Biografie, sondern um Daniel Kehlmanns Bestseller. Ich hatte es mir vor einiger Zeit als Hörbuch gekauft, hatte aber damals den Eindruck, dass nicht der komplette Buchinhalt erzählt wird. Der Übergang der Kapitel erschien mir etwas abrupt. Beim Lesen des Buchs stellte sich jetzt aber heraus, dass es im Buch genauso ist.
Es ist schon ein meisterhafter Einfall, Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß in einem Buch zuerst gegenüber zu stellen und dann zusammen zu führen. Das Leben der beiden hätte verschiedener nicht ausfallen können. Der eine ist zeitlebens gereist, der andere hasste das physische Reisen, seine Expeditionen fanden im Kopf statt.
Ich bin eher der Gauß-Typ, im Laufe der Jahre ist mein Drang andere Gegenden körperlich zu bereisen, immer kleiner geworden. Wenn man woanders hin fährt, nimmt man sich selbst immer mit. Wenn man sich also für Dinge interessiert, die man eher im eigenen Kopf oder in Büchern findet, reicht der Gang zur nächsten Buchhandlung oder Bibliothek als Ortsveränderung vollkommen aus. Beim Lesen habe ich auch folgerichtig die "Humboldt"-Kapitel übersprungen, ich kannte ja das Hörbuch bereits, und mich auf die "Gauß"-Kapitel konzentriert.
Die Stelle, in der es um die Fehlerquadratmethode ging, hatte ich relativ schnell gefunden. Kehlmanns gezeichnetes Bild ist hier klasse und typisch für Gauß - jedenfalls für den Gauß, den Kehlmann im Buch beschreibt. Die Idee zur Methode kommt Gauß in seiner Hochzeitsnacht:
Er hätte es gern notiert, aber jetzt kroch ihre Hand an seinem Rücken abwärts. So habe sie es sich nicht vorgestellt, sagte sie mit einer Mischung aus Schrecken und Neugier, so lebendig, als wäre ein drittes Wesen mit ihnen. Er wälzte sich auf sie, und weil er fühlte, daß sie erschrak, wartete er einen Moment, dann schlang sie ihre Beine um seinen Körper, doch er bat um Verzeihung, stand auf, stolperte zum Tisch, tauchte die Feder ein und schrieb, ohne Licht zu machen: "Summe d. Quadr. d. Differenz zw. beob. u. berechn. → Min.", es war zu wichtig, er durfte es nicht vergessen.Das war nicht die Begründung des Verfahrens, die mir mein Kollege versprochen hatte, aber immerhin eine ziemlich gute Beobachtung. Auch an anderen Stellen deckt sich Kehlmanns Beschreibung mit dem, was ich von Höchstbegabten beobachtet, gelesen oder gehört habe:
Er hörte sie sagen, sie könne es nicht glauben und sie glaube es auch nicht, selbst jetzt, während sie es erlebe. Aber er war schon fertig. Auf dem Weg zurück stieß er mit dem Fuß gegen den Bettpfosten, dann spürte er sie wieder unter sich, und erst als sie ihn an sich zog, bemerkte er, wie nervös er eigentlich war, und für einen Augenblick wunderte es ihn sehr, daß sie beide, die kaum etwas voneinander wußten, in diese Lage geraten waren. Doch dann wurde etwas anders, und er hatte keine Scheu mehr, und gegen Morgen kannten sie einander schon so gut, als hätten sie es immer geübt und immer miteinander.
Auch die schwarzen Zeichen in den Büchern, welche zu den meisten Erwachsenen sprachen, nicht aber zu seiner Mutter und zu ihm, störten ihn. An einem Sonntag nachmittag ließ er sich von seinem Vater, aber wie stehst du denn da, Junge, einige erklären: das mit dem großen Balken, das unten weit ausschwingende, den Halb- und den ganzen Kreis. Dann betrachtete er die Seite, bis sich die noch unbekannten ganz von allein ergänzten und da plötzlich Wörter standen. Er blätterte um, diesmal ging es schneller, ein paar Stunden später konnte er lesen, und noch am selben Abend war er mit dem Buch, das übrigens langweilig war und immerzu von Christi Tränen und der Liebesreue des Sünderherzens redete, fertig. Er brachte es seiner Mutter, um auch ihr die Zeichen zu erklären, aber sie schüttelte traurig lachend den Kopf. In diesem Moment begriff er, daß niemand den Verstand benutzen wollte. Menschen wollten Ruhe. Sie wollten essen und schlafen, und sie wollten, daß man nett zu ihnen war. Denken wollten sie nicht.Schön auch dieses Missverständnis:
Von allen Menschen, die er je getroffen hatte, waren seine Studenten die dümmsten. Er sprach so langsam, daß er den Beginn des Satzes vergessen hatte, bevor er am Schluß war. Es nützte nichts. Er sparte alles Schwierige aus und beließ es bei den Anfangsgründen. Sie verstanden nicht. Am liebsten hätte er geweint. Er fragte sich, ob die Beschränkten ein spezielles Idiom hatten, das man lernen konnte wie eine Fremdsprache. Er gestikulierte mit beiden Händen, zeigte auf seinen Mund und formte die Laute überdeutlich, als hätte er es mit Taubstummen zu tun. Doch die Prüfung schaffte nur ein junger Mann mit wäßrigen Augen. Sein Name war Moebius, und als einziger schien er kein Kretin zu sein.Einen anderen Gedanken, der im Buch mehrfach in unterschiedlicher Form auftaucht, habe ich selbst häufig, zum Beispiel wenn ich im Wartezimmer beim Zahnarzt sitze und aus dem Behandlungsraum den Bohrer höre, wenn ich Rückenschmerzen habe oder wenn ich sinnlos auf der Autobahn irgendwohin fahre und genau weiß, dass alle diese Dinge in nicht einmal 200 Jahren die Menschen nicht mehr stören werden:
Beim Heimgehen mußte er sich an Hauswände lehnen, seine Knie waren weich, seine Füße gehorchten ihm nicht, ihm war schwindlig. Schon in ein paar Jahren würde es Ärzte für das Gebiß geben, dann würde man diese Schmerzen heilen können und bräuchte nicht jeden entzündeten Zahn herauszureißen. Bald würde die Welt nicht mehr voll Zahnloser sein. Auch würde nicht mehr jedermann Pockennarben haben, und keiner würde mehr seine Haare verlieren. Es wunderte ihn, daß außer ihm niemand an diese Dinge dachte.Also ich grübele ziemlich häufig über solche Dinge nach, und, ehrlich gesagt, beneide ich diejenigen, die einfach so denken können, dass alles, was sie erleben (oder erleiden), absolut selbstverständlich ist.
Bücher, Mathematik
Freitag, 16.Oktober 2009
Gedankenlosigkeit und Verdrängung ...
Neidisch bin ich daher nicht, und viel stärker als die (fehl)angenommene Selbstverständlichkeit tangiert mich -- von Berufs wegen -- ein anderer Aspekt der Denkfaulheit: das verbreitete, aber in der Pädagogik kaum beachtete Phänomen des Nicht-wissen-Wollens.
Thomas Metzinger sieht im multimedialen Info-Dschungel allerlei kommerzielle "Aufmerksamkeitsräuber" am Werk, welche denen, die wirklich Wichtiges mitzuteilen hätten, die begrenzten persönlichen Aufmerksamkeitsressourcen streitig machen. Umso gerührter lese ich seine der intellektuellen Redlichkeit verpflichteten Schriften, die er eigentlich nur zu Papier bringen kann in permanenter Verdrängung der Tatsache, dass sein Rezipientenkreis stets um etliche Größenordnungen kleiner sein wird als es zur Erreichung seiner wohlbegründeten Ziele erforderlich wäre.
So wie ihm geht es traditionell allen Freidenkern, welche als Aufklärer dem Allgemeinwohl zu dienen hoffen, indem sie originelle Ideen und neue Erkenntnisse ihren Zeitgenossen zugänglich machen: Wer will von Lösungen hören, wenn ihrer Einsicht die Anerkennung eines erfolgreich verdrängten Problems vorausgehen muss?
Eine vergleichbare Situation besteht zwischen Lehrern und Schülern (ab einer gewissen Entwicklungsstufe) jeden Tag...
Ich glaube nicht, dass sich die Situation in der Neuzeit verschlechtert hat. Der Fokus der Aufmerksamkeit hat sich nur verschoben. Die Lebenszeit, die manche heute dem Privatfernsehen schenken, haben ihre Vorfahren in der Kneipe oder am Spielfeldrand verbracht. Metzinger wird heute von anteilig so vielen wahrgenommen, wie Kant zu Lebzeiten.
@Metepsilonema
Auch bei deiner These glaube ich nicht an eine Verschlechterung. Was heute nur deutlicher hervortritt, ist, dass es jede Menge Informationen gibt, die man nicht erhält. Das war aber auch schon immer so. Früher hat man selbst von manchen Kriegen erst erfahren, als sie schon wieder vorbei waren. Heute ist man live dabei, wenn am anderen Ende der Welt zwei Hochhäuser einstürzen.
@ Köppnick
Und daher auch nicht ganz so aufnahmebereit bin...
Aber ganz allgemein kann ich Köppnick zustimmen: es gibt immer etwas zu denken. Oft ärgere ich mich über das Bewusstsein, dass es ja nicht beim Denken bleiben sollte. Man sollte auch tun, die Schlussfolgerungen in Taten umsetzen. Doch da kommt dann das Gewinnen wollen ins Spiel. Etwas umsetzen will ich nur dann, wenn ich auf Erfolg hoffen kann.
Aber Denken ist fast immer angesagt. Nur bei Sauna, Sex und Klavierspiel ist die Dekonzentration oder auch die Konzentration so hoch, dass nicht jeder afferente Stimulus gleich weiterverarbeitet wird. Beim Klavierspielen geht das so weit, dass ich während des Spielens auch nicht sprechen kann.
Ich habe mich nie als Autist gefühlt, noch wurde es mir je unterstellt, doch was das Denken angeht, gewinne ich den Eindruck, dass es sich um einen autistischen Vorgang handelt.
Aber es gibt ja auch unendlich viel zu denken...