Leben wir in einer Matrix II?
Ich hatte darüber schon einmal etwas geschrieben: Leben wir in einer Matrix?. Das war eine Reflexion auf einen Artikel von Nick Bostrom zu diesem Thema. Heute nun habe ich gelesen, dass diese Frage nach der Realität der Realität schon viel älter ist und nach Meinung des Philosophen Olaf L. Müller von der Humboldt-Universität bereits vor über 20 Jahren von Hilary Putnam beantwortet wurde. Das Folgende entstammt dem Artikel Wirklichkeit ohne Illusionen oder Der Abschied vom Skeptizismus von Olaf L. Müller.
In dem Artikel wird zunächst in die Vorstellung, man wäre ein Gehirn im Tank, eingeführt. Dazu wird man im Schlaf entführt, das Gehirn entnommen und an einen Computer angeschlossen, der ab diesem Zeitpunkt alle Interaktionen des Gehirns mit seiner Umwelt realisiert:
die zweite Voraussetzung erscheint dagegen zunächst unklar. Aber da das ewige Gehirn im Tank keinen kausalen Zugang zu Tigern hat, kann sein Wort "Tiger" nicht die realen Tiger bezeichnen, sondern höchstens die entsprechenden Bitmuster im Simulationscomputer. Oder anders gesagt: Die Bedeutung eines Wortes entsteht nicht im Gehirn, sondern in der Realität.
Aus dem Vergleich der beiden Voraussetzungen kann man ableiten:
Mir ist es selbst erst dann klar geworden, als ich mich daran erinnert habe, dass Putnam Sprachphilosoph ist. Die beiden eingangs vorgestellten Gedankenexperimente sind grundverschieden. Im ersten gibt es eine Außenwelt, in der Tiger existieren und von denen das Gehirn wenigstens im Prinzip Kenntnis erlangen kann, weil es sie außerhalb des Gehirns bzw. der Apparatur gibt. Im zweiten Experiment wird ein Gehirn in eine Simulation gesteckt und gleichzeitig (aus der Sicht des Gehirns) angenommen, dass es nichts außerhalb gibt, sonst wäre es nicht "ewig".
Beide Voraussetzungen können nicht gleichzeitig gelten, weil dazu ein Wechsel der Beobachterposition notwendig wäre. Damit das Gehirn erkennen könnte, dass es ein Gehirn im Tank ist, müsste es sich von außerhalb das Tanks beobachten. Damit Sprachphilosophie funktioniert, muss sie dieses Ergebnis nichtphysikalistisch, also innerhalb ihrer eigenen Grenzen, der Sprache und der Logik, finden. Und genau das leistet die zweite Voraussetzung. Olaf L. Müller schreibt u.a. in seinem Artikel:
In dem Artikel wird zunächst in die Vorstellung, man wäre ein Gehirn im Tank, eingeführt. Dazu wird man im Schlaf entführt, das Gehirn entnommen und an einen Computer angeschlossen, der ab diesem Zeitpunkt alle Interaktionen des Gehirns mit seiner Umwelt realisiert:
Die Chirurgen verloren keine Zeit. Sie sägten Ihren Schädel auf, um an Ihr Gehirn heranzukommen, das sie behutsam aus seiner Schale lösten und in eine Nährlösung gleiten ließen, damit es nicht abstirbt. Dann begann die Fummelarbeit. Die Ärzte identifizierten jede einzelne Nervenbahn, durch die Ihr Gehirn bis gestern mit Ihrem Restkörper Informationen ausgetauscht hatte: Sehnerven, Nerven für akustische Reize aus dem Gehör, aber auch Nerven, durch die das Hirn Steuersignale zur Bewegung seines Ex-Körpers gesandt hatte.In einem zweiten Schritt wird dieses Experiment zum "ewigen Gehirn im Tank" erweitert, aber tatsächlich wird durch diese scheinbar kleine Modifikation etwas ganz Entscheidendes und für die Beweisführung Wesentliches geändert:
Alle diese (bei der Operation durchtrennten) Nervenstränge verbanden die Doktoren mit einem Computer, in den sie zuvor mit Akribie sämtliche Fakten über Ihr Haus, Ihre Familie, Ihren Job und Ihr Leben eingespeist hatten und in dem überdies ein geniales Programm zur Simulation von Nervenimpulsen geladen war.
Der Simulationscomputer sorgte zuverlässig für den Anschein von Normalität. Er simulierte das Strecken Ihrer Glieder, den Kälteschock unter der Dusche, den Geruch Ihres Morgenkaffees und die haptischen Qualitäten der Zeitschrift, die Sie jetzt in den Händen zu halten wähnen ...
Treiben wir die Sache auf die Spitze. Vielleicht ist Ihr Gehirn nicht erst gestern in den Tank geraten, sondern steckte von Anbeginn in dieser traurigen Lage? Dann hätten Sie niemals einen eigenen Körper gehabt. Und vielleicht befinden sich Tank, Hirn und Computer gar nicht im Keller einer irdischen Klinik. Sie könnten ja auch irgendwo im Andromedanebel herumschweben, weit, weit weg von unserem Sonnensystem.Hillary Putnam ist nun der Meinung, dass genau dieses Experiment nicht denkbar ist. Sein Beweis ist extrem einfach aufgebaut. Er besteht lediglich aus zwei Voraussetzungen und zwei daraus ziehbaren Schlussfolgerungen. Die Beweisführung folgt dabei der Sprachphilosophie Wittgensteins. Im Text wird dazu das Bild eines Tigers gezeigt, dass dem Gehirn als äußere Empfindung vorgegaukelt wird. Die beiden Voraussetzungen des Beweises sind:
Wie, wenn es die Erde gar nicht gäbe? Dann wären Sie das einzige denkende Wesen überhaupt! – Wer denn in diesem Fall den Simulationscomputer programmiert haben soll? Nun, die ganze Konfiguration könnte durch einen gigantischen Zufall entstanden sein: unwahrscheinlich, zugegeben – aber theoretisch denkbar. Oder?
- In meiner Sprache bezeichnet das Wort »Tiger« die Tiger.
- In der Sprache eines ewigen Gehirns im Tank bezeichnet das Wort »Tiger« nicht die Tiger.
die zweite Voraussetzung erscheint dagegen zunächst unklar. Aber da das ewige Gehirn im Tank keinen kausalen Zugang zu Tigern hat, kann sein Wort "Tiger" nicht die realen Tiger bezeichnen, sondern höchstens die entsprechenden Bitmuster im Simulationscomputer. Oder anders gesagt: Die Bedeutung eines Wortes entsteht nicht im Gehirn, sondern in der Realität.
Aus dem Vergleich der beiden Voraussetzungen kann man ableiten:
- Meine Sprache ist von der Sprache eines ewigen Gehirns im Tank verschieden.
- Ich bin nicht seit jeher ein Gehirn im Tank.
Mir ist es selbst erst dann klar geworden, als ich mich daran erinnert habe, dass Putnam Sprachphilosoph ist. Die beiden eingangs vorgestellten Gedankenexperimente sind grundverschieden. Im ersten gibt es eine Außenwelt, in der Tiger existieren und von denen das Gehirn wenigstens im Prinzip Kenntnis erlangen kann, weil es sie außerhalb des Gehirns bzw. der Apparatur gibt. Im zweiten Experiment wird ein Gehirn in eine Simulation gesteckt und gleichzeitig (aus der Sicht des Gehirns) angenommen, dass es nichts außerhalb gibt, sonst wäre es nicht "ewig".
Beide Voraussetzungen können nicht gleichzeitig gelten, weil dazu ein Wechsel der Beobachterposition notwendig wäre. Damit das Gehirn erkennen könnte, dass es ein Gehirn im Tank ist, müsste es sich von außerhalb das Tanks beobachten. Damit Sprachphilosophie funktioniert, muss sie dieses Ergebnis nichtphysikalistisch, also innerhalb ihrer eigenen Grenzen, der Sprache und der Logik, finden. Und genau das leistet die zweite Voraussetzung. Olaf L. Müller schreibt u.a. in seinem Artikel:
Die Arbeit am Modell vom Gehirn im Tank und an Putnams Gegenbeweis brachte zwei Ergebnisse. Erstens war der Beweis in keiner der bislang bekannten Fassungen wasserdicht. Logische Lücken, versteckte Zirkularitäten und tausend Detail-Probleme verdarben den guten Eindruck, den der Beweis selbst bei Wohlwollenden hinterlassen hatte.Gehirn & Geist
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Die Überraschung liegt im zweiten Ergebnis meiner Auseinandersetzung mit dem Beweis. Putnams Beweisidee ist völlig in Ordnung, ja sogar genial. Alle Makel des Beweises können ausgebügelt werden. So ist es mir gelungen, insgesamt drei wasserdichte Fassungen des Beweises auszuarbeiten, die sich gegen alle mir bekannten Einwände verteidigen lassen.
Sonntag, 11.Oktober 2009
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Irgendwie erinnert mich das an einen Solipsismus nach Albert Camus. Oder an Kant, der 5 Gottesbeweise widerlegt, um selbst einen sechsten aufzustellen.
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Würde es übrigens einen Unterschied machen, wenn die Aussage stimmt?
Im Übrigen, das ist mir gerade erst eingefallen, gibt es einen Unterschied zwischen Bostrom und Putnam: Bostrom analysiert die Wahrscheinlichkeit der Simulation einer gesamten Welt, Putnam ein einziges Bewusstsein.
Aber die Schlussfolgerung bleibt in beiden Fällen doch gleich: Wenn ich keinen Unterschied finden kann zwischen einer simulierten und einer realen Welt, muss ich mich aus Sparsamkeitsgründen (Okham) für letztere entscheiden. Weil eine Simulation außer der simulierten Welt eine weitere erfordern würde, über die ich nichts in Erfahrung bringen kann. Sie erhöht ohne erkennbaren Nutzen die Komplexität der Erklärungen.
Simulationen sind 'wir'...
Welches Substrat unser Bewusstsein konstruiert, kann uns eigentlich egal sein, so lange das Selbstmodell sich nicht als solches erkennt und sich phänomenal als autonomer Agent und Körperkontrolleur in einer realen Welt erlebt.
Matrix, Tank und Solipsismus halte ich von allen Gedankenspielen der Geistesphilosophie für die uninteressantesten. Zumal man das oben angesprochene Rasiermesser in Bezug auf die Matrix-Maschine noch schärfen kann: Wenn man sich nicht zur völlig abwegigen Annahme versteigen will, dass jenes hochfunktionale, hochintegrierte Selbstmodell quasi als Geniestreich entstanden ist, muss man nicht nur die Maschine postulieren, sondern auch eine interne Evolution, aus der unser Simulationsprogramm mit seinen phänomenalen Zuständen hervorgegangen ist. Doch welches hierbei die Selektionskriterien und welches die Replikatoren sein sollen, bliebe wildester Spekulation überlassen.
PS.: Ich darf an dieser Stelle gleich mal das Buch "Der Ego-Tunnel" empfehlen, das ich gerade gelesen habe. Thomas Metzinger hält sich erfrischenderweise nicht lange damit auf, die "naturalistische Wende im Menschenbild" gegen konkurrierende metaphysische Entwürfe zu verteidigen, sondern stellt den vorläufigen Stand der Neurowissenschaften und den Raum zukünftiger technologischer Möglichkeiten kurzerhand vor, um hiervon ausgehend psychosoziale und ethische Implikationen zu diskutieren.
Keine Matrix