Herta Müller und Rumänien 1989
Als ich die Nachricht vom Literaturnobelpreis für Herta Müller gelesen habe, schossen mir zwei Gedanken durch den Kopf: Herta Müller, was für ein Künstlername, und Rumänien! Herta Müller ist eine Banater Schwäbin, neben den Siebenbürger Sachsen die zweite deutschsprachige Bevölkerungsgruppe in Rumänien. Herta Müller ist 1987 aus Rumänien in die BRD ausgereist, ich bin in dieser Zeit zweimal aus der DDR nach Rumänien in den Urlaub gefahren.
Das erste Mal war ich 1986 mit einigen meiner Kommilitonen auf Bergtour im Retezat-Gebirge. Ich weiß noch, dass wir uns nach unserer Rückkehr darüber unterhalten haben, wie gut wir es doch in der DDR haben, besser als in Rumänien oder in der Sowjetunion. (Letztere habe ich aber erst 1987 genauer kennengelernt, als ich eine Zeit lang in Leningrad studiert habe.)
Das zweite Mal war ich im Sommer 1989 in Rumänien, dieses Mal haben wir zuerst eine Wanderung entlang des Hauptkamms des Fogarasch-Gebirges unternommen. Danach waren wir eine Woche zum "Kultururlaub" in Siebenbürgen. Ich erinnere mich noch an einen Lebensmittelladen, in dem es zwei Regalreihen gab. Auf der linken Seite standen Gläser mit Tomatenmark, auf der rechten eine einzige Sorte Waschpulver, außer diesen beiden Produkten gab es nichts. In einem Buchladen war ein ganzes Regal den Werken von Nikolae und Elena Ceausescu vorbehalten.
Um Brot kaufen zu können, mussten wir ausländischen Touristen unsere Personalausweise vorzeigen, deren Nummern von der Verkäuferin notiert wurden. Die Rumänen selbst erhielten alle Produkte nur auf Lebensmittelmarken. Alles außer Brot hatten wir aus der DDR mitgebracht und schleppten die Verpflegung für drei Wochen in unseren unerhört schweren Kraxen ständig mit uns herum.
Aus heutiger Sicht hört es sich wahrscheinlich merkwürdig an, aber im Vergleich zu Rumänien im Jahr 1989 hielten wir die DDR für ein Paradies. Um unseren Urlaub zu finanzieren, hatten wir außer den Lebensmitteln zum eigenen Verbrauch noch Bohnenkaffee und Schokolade einstecken und verkauften beides auf dem Schwarzmarkt. Auch mit Zigaretten hätte man handeln können, aber wir waren alles Nichtraucher. Das Notieren der Personalausweisnummern und die auffällige Zurückhaltung der Menschen mit uns zu reden, machte die Allgegenwart der Securitate offensichtlich, wir fühlten uns beobachtet, ganz im Gegensatz zur DDR, wo zumindest ich dieses Gefühl nie hatte.
In einem kleinen Dorf besichtigten wir eine Kirche, an deren Außenwand sich der laut Reiseführer älteste Blitzableiter Europas befand, ein krummes Stück handgeschmiedetes Eisen, das sich quer von oben nach unten über die Wand zog. Dort wurden wir vom deutschen Pfarrer angesprochen, der offensichtlich keine Scheu hatte, mit uns ins Gespräch zu kommen. Er erzählte uns, dass bereits etwa die Hälfte seiner Gemeindemitglieder nach Westdeutschland ausgereist seien, und er hier ausharren würde, bis auch der letzte gegangen oder gestorben ist. Ceausescu würde eine systematische Vertreibung der Deutschen organisieren und für jeden Ausgereisten Geld von Westdeutschland kassieren.
An unserem letzten Tag am Fuße des Fogaraz wurde ich, im Zelt liegend, im Morgengrauen durch ein leises Geräusch geweckt. Als ich die Augen öffnete, erkannte ich einen Schlitz im Zelt. Mit einem lauten Schrei sprang ich auf und weckte dadurch auch meine neben mir liegende Begleiterin. Die beiden Rumänen, die durch die mit einer Rasierklinge ins Zelt geschnittene Öffnung unsere Rucksäcke klauen wollten, flohen.
Einer unserer Rucksäcke lag vor dem Zelt, den anderen ließen sie bei ihrer Flucht fallen. Hinterher war ich wie betäubt, aber wir hatten doch Glück gehabt: Zum einen hätte uns ein kaputtes Zelt am Beginn des Urlaubs die geplante Bergtour vermasselt, zum anderen hätten uns die Diebe ja auch einfach ermorden können, als sie erwischt wurden.
Von Rumänien sind wir mit dem Zug zurückgefahren und haben ein paar Tage in Ungarn Halt gemacht. Deshalb lässt sich der Urlaub auch genau datieren, denn wir waren um den 20. August herum, einem Nationalfeiertag, in Budapest. Wir hatten vorher gehört, dass es in Budapest ein kostenloses Zeltlager für DDR-Bürger geben soll und erkundigten uns danach. Irgendwie muss einer von uns dabei die Worte "Lager" und "Stacheldraht" benutzt haben, jedenfalls reagierte der von uns angesprochene Einheimische empört: "In Ungarn gibt es keine Lager mit Stacheldraht."
Wir fanden das gesuchte Zeltlager. Abends gab man seinen Personalausweis ab, am Morgen erhielt man ihn wieder zurück. Nach knapp drei Wochen unterwegs waren die heißen Duschen ein Genuss. Bei früheren Budapesturlauben hatten wir entweder auf den Gängen im Bahnhof oder in irgendeinem Stadtpark geschlafen. Damals war es mir nicht klar, aber die Mehrheit der dort kampierenden DDR-Bürger ist sicherlich nicht zurück in die DDR gefahren, sondern weiter über die Grenze nach Österreich, denn die symbolische Grenzöffnung durch Gyula Horn hatte ja schon Ende Juni stattgefunden.
Als ich zu Hause in der DDR zum ersten Mal wieder Nachrichten hörte, war das ein Schock. Hunderte DDR-Bürger saßen in der Botschaft in Prag, um ihre Ausreise zu erzwingen. Es begann die Zeit, in der ich jeden Abend die Nachrichten sah, zuerst 19:30 die "Aktuelle Kamera", dann 20:00 die "Tagesschau". Am Sonntagabend des 8. Oktober fuhr ich aus Leipzig wieder zur Arbeit an meine Uni, voller Sorge, denn am Sonnabend hatte ich in der Leipziger Volkszeitung den Brief eines Kampfgruppenkommandeurs gelesen. Am 9. Oktober in der "Aktuellen Kamera" kam nichts über Leipzig, in der Tagesschau dann die Bilder aus der Stadt. Und am Ende des Jahres 1989, am 25. Dezember, wurde der Diktator Ceausescu in Rumänien erschossen.
In meinem nächsten großen Urlaub bin ich über die Alpen gewandert, von Konstanz am Bodensee nach Bozen in Südtirol. Es war überwältigend, ein so großes und deutschprachiges Gebiet zu durchqueren. Und statt einer Passkontrolle informierten lediglich zwei kleine Schilder darüber, dass man jetzt nicht mehr in Deutschland, sondern in Österreich, und ein paar Tage später, dass man nicht mehr in Österreich, sondern in Italien ist.
Acht Monate nach dem Rumänienurlaub bekam das zweite Pärchen, das mit in Rumänien im Urlaub war, ein Mädchen. Dieses Mädchen ist jetzt erwachsen - und nächste Woche fliegt es zur Arbeit nach Rumänien, allerdings nicht ins Banat oder nach Siebenbürgen, sondern in einen mehr ungarischsprachigen Teil des Landes. Es sind nicht nur Nobelpreise, die davon zeugen, dass sich ganz schön was verändert hat in den letzten zwanzig Jahren.
Alltag, Reiseberichte
Das erste Mal war ich 1986 mit einigen meiner Kommilitonen auf Bergtour im Retezat-Gebirge. Ich weiß noch, dass wir uns nach unserer Rückkehr darüber unterhalten haben, wie gut wir es doch in der DDR haben, besser als in Rumänien oder in der Sowjetunion. (Letztere habe ich aber erst 1987 genauer kennengelernt, als ich eine Zeit lang in Leningrad studiert habe.)
Das zweite Mal war ich im Sommer 1989 in Rumänien, dieses Mal haben wir zuerst eine Wanderung entlang des Hauptkamms des Fogarasch-Gebirges unternommen. Danach waren wir eine Woche zum "Kultururlaub" in Siebenbürgen. Ich erinnere mich noch an einen Lebensmittelladen, in dem es zwei Regalreihen gab. Auf der linken Seite standen Gläser mit Tomatenmark, auf der rechten eine einzige Sorte Waschpulver, außer diesen beiden Produkten gab es nichts. In einem Buchladen war ein ganzes Regal den Werken von Nikolae und Elena Ceausescu vorbehalten.
Um Brot kaufen zu können, mussten wir ausländischen Touristen unsere Personalausweise vorzeigen, deren Nummern von der Verkäuferin notiert wurden. Die Rumänen selbst erhielten alle Produkte nur auf Lebensmittelmarken. Alles außer Brot hatten wir aus der DDR mitgebracht und schleppten die Verpflegung für drei Wochen in unseren unerhört schweren Kraxen ständig mit uns herum.
Aus heutiger Sicht hört es sich wahrscheinlich merkwürdig an, aber im Vergleich zu Rumänien im Jahr 1989 hielten wir die DDR für ein Paradies. Um unseren Urlaub zu finanzieren, hatten wir außer den Lebensmitteln zum eigenen Verbrauch noch Bohnenkaffee und Schokolade einstecken und verkauften beides auf dem Schwarzmarkt. Auch mit Zigaretten hätte man handeln können, aber wir waren alles Nichtraucher. Das Notieren der Personalausweisnummern und die auffällige Zurückhaltung der Menschen mit uns zu reden, machte die Allgegenwart der Securitate offensichtlich, wir fühlten uns beobachtet, ganz im Gegensatz zur DDR, wo zumindest ich dieses Gefühl nie hatte.
In einem kleinen Dorf besichtigten wir eine Kirche, an deren Außenwand sich der laut Reiseführer älteste Blitzableiter Europas befand, ein krummes Stück handgeschmiedetes Eisen, das sich quer von oben nach unten über die Wand zog. Dort wurden wir vom deutschen Pfarrer angesprochen, der offensichtlich keine Scheu hatte, mit uns ins Gespräch zu kommen. Er erzählte uns, dass bereits etwa die Hälfte seiner Gemeindemitglieder nach Westdeutschland ausgereist seien, und er hier ausharren würde, bis auch der letzte gegangen oder gestorben ist. Ceausescu würde eine systematische Vertreibung der Deutschen organisieren und für jeden Ausgereisten Geld von Westdeutschland kassieren.
An unserem letzten Tag am Fuße des Fogaraz wurde ich, im Zelt liegend, im Morgengrauen durch ein leises Geräusch geweckt. Als ich die Augen öffnete, erkannte ich einen Schlitz im Zelt. Mit einem lauten Schrei sprang ich auf und weckte dadurch auch meine neben mir liegende Begleiterin. Die beiden Rumänen, die durch die mit einer Rasierklinge ins Zelt geschnittene Öffnung unsere Rucksäcke klauen wollten, flohen.
Einer unserer Rucksäcke lag vor dem Zelt, den anderen ließen sie bei ihrer Flucht fallen. Hinterher war ich wie betäubt, aber wir hatten doch Glück gehabt: Zum einen hätte uns ein kaputtes Zelt am Beginn des Urlaubs die geplante Bergtour vermasselt, zum anderen hätten uns die Diebe ja auch einfach ermorden können, als sie erwischt wurden.
Von Rumänien sind wir mit dem Zug zurückgefahren und haben ein paar Tage in Ungarn Halt gemacht. Deshalb lässt sich der Urlaub auch genau datieren, denn wir waren um den 20. August herum, einem Nationalfeiertag, in Budapest. Wir hatten vorher gehört, dass es in Budapest ein kostenloses Zeltlager für DDR-Bürger geben soll und erkundigten uns danach. Irgendwie muss einer von uns dabei die Worte "Lager" und "Stacheldraht" benutzt haben, jedenfalls reagierte der von uns angesprochene Einheimische empört: "In Ungarn gibt es keine Lager mit Stacheldraht."
Wir fanden das gesuchte Zeltlager. Abends gab man seinen Personalausweis ab, am Morgen erhielt man ihn wieder zurück. Nach knapp drei Wochen unterwegs waren die heißen Duschen ein Genuss. Bei früheren Budapesturlauben hatten wir entweder auf den Gängen im Bahnhof oder in irgendeinem Stadtpark geschlafen. Damals war es mir nicht klar, aber die Mehrheit der dort kampierenden DDR-Bürger ist sicherlich nicht zurück in die DDR gefahren, sondern weiter über die Grenze nach Österreich, denn die symbolische Grenzöffnung durch Gyula Horn hatte ja schon Ende Juni stattgefunden.
Als ich zu Hause in der DDR zum ersten Mal wieder Nachrichten hörte, war das ein Schock. Hunderte DDR-Bürger saßen in der Botschaft in Prag, um ihre Ausreise zu erzwingen. Es begann die Zeit, in der ich jeden Abend die Nachrichten sah, zuerst 19:30 die "Aktuelle Kamera", dann 20:00 die "Tagesschau". Am Sonntagabend des 8. Oktober fuhr ich aus Leipzig wieder zur Arbeit an meine Uni, voller Sorge, denn am Sonnabend hatte ich in der Leipziger Volkszeitung den Brief eines Kampfgruppenkommandeurs gelesen. Am 9. Oktober in der "Aktuellen Kamera" kam nichts über Leipzig, in der Tagesschau dann die Bilder aus der Stadt. Und am Ende des Jahres 1989, am 25. Dezember, wurde der Diktator Ceausescu in Rumänien erschossen.
In meinem nächsten großen Urlaub bin ich über die Alpen gewandert, von Konstanz am Bodensee nach Bozen in Südtirol. Es war überwältigend, ein so großes und deutschprachiges Gebiet zu durchqueren. Und statt einer Passkontrolle informierten lediglich zwei kleine Schilder darüber, dass man jetzt nicht mehr in Deutschland, sondern in Österreich, und ein paar Tage später, dass man nicht mehr in Österreich, sondern in Italien ist.
Acht Monate nach dem Rumänienurlaub bekam das zweite Pärchen, das mit in Rumänien im Urlaub war, ein Mädchen. Dieses Mädchen ist jetzt erwachsen - und nächste Woche fliegt es zur Arbeit nach Rumänien, allerdings nicht ins Banat oder nach Siebenbürgen, sondern in einen mehr ungarischsprachigen Teil des Landes. Es sind nicht nur Nobelpreise, die davon zeugen, dass sich ganz schön was verändert hat in den letzten zwanzig Jahren.
Alltag, Reiseberichte
Freitag, 09.Oktober 2009