Wolfgang Prosinger: Tanner geht. Sterbehilfe - ein Mann plant seinen Tod

Bevor ich dieses Buch gelesen habe, wusste ich nicht, dass es im antiken Griechenland und in Rom bereits gesetzliche Regelungen für Sterbehilfe gab. Allerdings waren auch damals die Meinungen nicht einheitlich, Aristoteles lehnte sie ab, Seneca befürwortete sie. Senecas Argumente klingen auch heute noch modern:
»Wenn der eine Tod unter Qualen, der andere einfach und leicht sich vollzieht, warum sollte diesem nicht die Hand nachhelfen dürfen? Wie ich ein Schiff auswählen werde, wenn ich in See gehen, und ein Haus, wenn ich wohnen will, so den Tod, wenn ich aus dem Leben gehen will.« Die Erlaubnis zum Suizid leitet Seneca - ähnlich wie die Stoiker - von der Zerstörungskraft des Schmerzes ab, der ein »sittliches« Leben nicht mehr möglich mache. »Das Leben braucht nicht unter allen Umständen festgehalten zu werden. Nicht nämlich ist zu leben ein Gut, sondern sittlich zu leben.«
Nach dem Siegeszug des Christentums war es mit diesen Gedanken erstmal vorbei, Suizid galt als schwere Sünde. Gottes Willen ist unerforschlich, also muss man Leiden als Bestandteil des Lebens akzeptieren. Letztlich entsteht so das Problem der Theodizee, denn warum lässt Gott Menschen leiden, die er doch angeblich liebt? Wenn Eltern ihre Kinder quälen oder Polizisten ihre Gefangenen, dann gilt das ja auch nicht als besonderer Ausweis ihrer Liebe. Wenn aber Gottes Willen hier falsch interpretiert wird, dann muss der Vorwurf des Sadismus an seine Exegeten weitergeleitet werden. Wenn jedoch Gott nicht existiert, dann liegt es allein in unserer Verantwortung, wie wir leben und wie wir sterben wollen.

Das Buch ist kein Roman, sondern eine Reportage. Der Autor, Wolfgang Prosinger, hat im Onlineforum von Dignitas nach einem Freiwilligen gesucht, der ihm gestattet, ihn in der letzten Zeit seines Lebens zu begleiten. Der Name desjenigen, Ulrich Tanner, und die Namen seiner Freunde und Bekannten sowie die Wohnorte sind geändert, um die Persönlichkeitsrechte der Betreffenden zu schützen.

Tanner ist HIV-positiv, hatte Prostatakrebs, einen Tumor im Brustbereich, vor einiger Zeit bekam er Darmkrebs und wurde operiert. Jetzt ist Parkinson dazugekommen und der Darmkrebs ist auch zurückgekehrt. Tanner ist Architekt, 51 Jahre alt, hat Schmerzen, die sich nur noch mit Morphium dämpfen lassen, und er will nicht mehr leben.

Trotzdem ist Tanner mit seinem Leben zufrieden, er hat auch schöne Momente erlebt. Sicherlich hat zu seinem Entschluss jetzt zu sterben beigetragen, wie er den Tod seiner Eltern erlebt hat. Zuerst wurde der Vater dement und musste ins Heim. Die Mutter hatte sich bis zuletzt gegen einen Umzug ins Heim gewehrt, aber als sie selbst immer stärker dement wurde, war auch das unvermeidlich, denn Tanner wohnte in einem anderen Land. Die beiden Eheleute haben sich im Heim nicht mehr erkannt. In einem klaren Moment hat seine Mutter versucht sich das Leben zu nehmen. Sie wurde von ihren Ärzten zurückgeholt und starb erst vier Tage später an den Folgen des Suizidversuchs.

Im Buch werden verschiedene Aspekte des Themas beleuchtet, unter anderem die Alternativen zur Sterbehilfe: Hospizbewegung und Palliativmedizin. Deutschland hängt in vielem im Vergleich zu anderen Ländern zurück, zum Beispiel ist der Verbrauch an Morphium und die Anzahl der Palliativmediziner je Einwohner im Vergleich zu Österreich etwa fünfzehnmal kleiner. Den "Sterbetourismus" in die Schweiz gibt es also vor allem deshalb, weil die Betroffenen in Deutschland allein gelassen werden.

Tanner hat sich an Dignitas gewandt, eine Schweizer Organisation, die im Unterschied zu Exit auch Ausländer betreut. Im Buch werden die Abläufe genauer geschildert. Es ist auch bei Dignitas so, dass Ärzte die Ausschöpfung der Therapiemöglichkeiten des Patienten und die Tödlichkeit der Erkrankung bestätigen müssen. Im Durchschnitt dauert die Vorbereitung etwa 5 Monate.

Der Autor, Wolfgang Prosinger, ist in die Schweiz gefahren und hat mit Mitarbeitern von Dignitas in deren Firmenzentrale gesprochen. Petra Keller und Eveline Bhatt sind zwei der Mitarbeiterinnen. Sie betreuen die Sterbewilligen am Telefon und arbeiten auch als Sterbebegleiterinnen:
Petra Keller
Mit dem Sterben hat sie eigentlich schon immer zu tun gehabt, ganz am Anfang bereits, als Schwesternschülerin. Es war am ersten Tag ihrer Ausbildung zur Krankenschwester, da fand sie ein Bett in einer Abstellkammer der Klinik. In diesem Bett lag eine Sterbende. So etwas war damals keine Ausnahme in Krankenhäusern. Wenn sich der Tod ankündigte, wurden die Betten oft aus den Mehrbettzimmern geschoben und einfach dort abgestellt, wo gerade Platz war, in irgendwelchen Kammern, in Badezimmern, manchmal auch einfach auf dem Flur. Petra Keller wusste das damals nicht und war schockiert, als sie die Sterbende fand. Und womöglich noch schockierter darüber, dass die Kranke ganz allein sich selbst überlassen war. Also blieb sie bei ihr und wich ihr nicht mehr von der Seite, sie hielt ihre Hand, bis sie gestorben war. »Da wusste ich, dass ich stark genug bin, den Tod auszuhalten.«

Eveline Bhatt
Auch sie ist über persönliche Erfahrungen zur Sterbehilfeorganisation gekommen. Ihr Großvater starb einen harten und jämmerlichen Tod, ganz nah und intensiv hat Eveline Bhatt das mitbekommen und sich gefragt: Muss das so sein? Kurz danach erlebte sie zwei Suizide im engeren Bekanntenkreis. Einer davon hat sie besonders aufgewühlt: ein schwerkranker Mann, er hatte sich im eigenen Haus erhängt, seine Kinder fanden ihn. Wieder fragte sich Eveline Bhatt: Muss das so sein?
Wolfgang Prosinger hat in der Schweiz mit Ludwig Minelli gesprochen, dem Leiter von Dignitas, auch über einen Fall, der es in Deutschland bis in die Schlagzeilen geschafft hat: Ende 2007 starben mit Unterstützung von Dignitas zwei Deutsche in ihrem Auto auf einem Parkplatz. Kennt man die Umstände näher, wirkt dieser Fall nicht mehr so gruselig. Auch auf politischen Druck wurden Dignitas auch in der Schweiz häufiger die angemieteten Sterbezimmer gekündigt - von Seiten der Vermieter durchaus verständlich.

Die beiden Deutschen hätten dennoch in einem solchen Zimmer sterben können, sie wollten es aber in ihrem eigenen Auto und fuhren zu diesem Zweck gemeinsam mit ihren Sterbebegleitern auf eine ruhige Waldlichtung. Es war ihre eigene Entscheidung und das verbleibende "Menschenunwürdige" müssen doch wohl eher die Gegner der Sterbehilfe verantworten, wenn sie die Betreffenden in die Halblegalität drängen. Nach Auskunft von Minelli macht Dignitas keinen Profit, im Gegenteil, der sehr vermögende Minelli schießt Gelder zu. (- Sagte Minelli zu Prosinger. Dieser Punkt ist allerdings laut Prosinger umstritten, weil Dignitas hier noch immer keine klärenden Dokumente vorgelegt hat.)

Dignitas ist international tätig, viele der Mitarbeiter sprechen mehrere Sprachen. Deutsche Politiker wettern zwar gegen den Sterbetourismus, aber noch kein deutscher Politiker hat sich vor Ort ein Bild von der Lage gemacht und mit den Mitarbeitern oder Sterbewilligen gesprochen. - Im Unterschied zum Beispiel zu britischen oder skandinavischen Parlamentariern.

Dass das Problem der Sterbehilfe heute so virulent ist, liegt paradoxerweise an den großen Erfolgen der Medizin. Früher war es kein Unterschied, ob man als Ziel ärztlicher Kunst den Kampf um das Leben oder den Dienst am Menschen sah. Nimmt man letzeres an, dann gehört heute auch die Hilfe beim Sterben in den ärztlichen Kanon, denn der Tod ist Bestandteil der menschlichen Existenz.

Es gab in den letzten Jahren sehr ausgiebige Diskussionen um Patientenverfügungen. Viele Ärzte haben hier mit Recht darauf hingewiesen, dass man unmöglich alle möglichen medizinischen Fälle juristisch wasserdicht im Voraus regeln kann. Wenn der Patient jedoch Mitglied in einer Sterbehilfeorganisation ist, könnte sich die Situation für den Arzt klarer darstellen. Er wüsste dann genau, was der Patient nicht will: Eine Verlängerung eines Leben um jeden Preis, dass nicht mehr seines ist.

Medizin, Ethik, Bücher
chSchlesinger - 29. September, 20:38

Bemerkenswert fand ich den Frieden, den das "grüne Licht" aus der Schweiz schenkt. Andererseits Tanners Paradies in Italien, dass es auf Dauer nicht zu ertragen war.

Köppnick - 29. September, 21:32

Da es eine Reportage ist, nehme ich an, dass das "grüne Licht" im Buch wörtlich zu nehmen und nicht Tanners Erfindung ist. Das hat mich beim Lesen etwas irritiert. Aber eine solche Verwirrung entsteht wohl immer, wenn Alltagssprache für sehr Unalltägliches verwendet wird. Vielleicht ist es auch ein Ergebnis der Verdrängung aller Beteiligten, sowohl der Mitarbeiter von Dignitas als auch der Patienten / Klienten. Ebenso irritierend die Italienausflüge, im Prinzip sind Tanner und sein Freund damit bereits aus dem normalen Leben herausgefallen, es ist eine Art Lebensüberdruss, der eigentlich nur durch ein noch einschneidenderes Erlebnis egalisiert werden könnte.

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Kommentare hier ...

lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
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Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
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Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
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Count Lecrin - 30. November, 19:34
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steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
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Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02
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Mit dem Schreibfehler hast Du vollkommen recht. Vor...
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Ich nehme an, dass in deinen beiden Listen die ersten...
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