Ein Donnerstag

Gestern Vormittag hatte mich mein Chef ausdrücklich zu der Promotionsverteidigung eines Mannes eingeladen, für den er eins der Gutachten geschrieben hatte. Ich wäre wahrscheinlich sowieso hingegangen, denn ich kannte das Arbeitsgebiet des Betreffenden von einer wenige Jahre zurückliegenden Zusammenarbeit. Zwei meiner Kollegen waren ebenfalls anwesend. Einer von ihnen kannte den Kandidaten bereits seit der dritten Klasse ihrer gemeinsamen Schulzeit, der andere war am Thema interessiert.

Es war die beste Verteidigung, die ich jemals erlebt habe. Zu Beginn hatte ich die Befürchtung, dass der Vortragende das Niveau etwas zu niedrig angesetzt hat, aber dieser erste Eindruck war falsch. Der Vortrag ging zwar nur über 25 Minuten, aber die darauf folgende Diskussion dauerte über eine Stunde. Ich habe selten jemanden erlebt, der in einer solchen Prüfungssituation auf schwierige Fragen schnell und ernsthaft nachdenken und angemessene Antworten geben kann. Da alle Gutachten "Magna cum laude" gewesen waren und auch das Rigorosum entsprechend bewertet worden war, bekam der Betreffende das selten vergebene "Summa cum laude". Die Professoren der Prüfungskommission waren erkennbar beeindruckt.

Heute habe ich mich mit meinem Kollegen unterhalten, der denjenigen ein bisschen privat kennt. Er erzählte mir, dass sich der Betreffende war kurzem von seiner langjährigen Freundin getrennt hat. Er hat sie verlassen, als sie von ihm verlangt hat, mehr Zeit mit ihr zu verbringen und weniger zu arbeiten. Oh!

Jeder muss sich selbst die Frage beantworten, welche Ziele er im Leben verfolgen will. Ich hatte Mitte der Neunziger Jahre einen Unfall auf der Autobahn, an einem Freitag Abend, nach einer seinerzeit für mich üblichen, ziemlich harten Arbeitswoche. Es hätte damals alles vorbei sein können. Ich habe begonnen beruflich kürzer zu treten, meine Prioritäten haben sich verschoben.

Seit fast genau einem Jahr gehe ich jeden Donnerstag zur Musikschule und lerne Violine. Bis jetzt komme ich etwas schneller voran als die Sechs- bis Siebenjährigen, die gemeinsam mit mir begonnen haben, aber eines Tages werden sie sicher besser spielen - wenn sie dabei bleiben werden. Erwachsene, die sich für so etwas entscheiden, sind motiviert und hören sicherlich nicht so schnell auf.

Vor zwei Wochen habe ich mir eine eigene Violine gekauft. Da ich noch nicht über die nötige Erfahrung verfüge, bin ich natürlich gemeinsam mit meiner Lehrerin (die über zehn Jahre jünger ist als ich) im Laden gewesen. Die Testreihenfolge hatte ich mir vorher überlegt: Man beginne mit dem teuersten Instrument, gehe dann zu den preiswerteren über und nehme letztlich das Instrument vor dem ersten hörbaren Klangabfall. Unter der Annahme, dass die teueren Instrumente die besseren sind, sollte diese Methode funktionieren. Und in einem üblichen Musikgeschäft hängen ja keine Stradivaris. Meine Lehrerin und ich kamen recht schnell zu einem und sogar übereinstimmenden Urteil.

Die letzten beiden Wochen hatte ich so zu Hause zwei Violinen: Meine neu gekaufte eigene und das Leihinstrument der Musikschule. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, was für gewaltige Klangunterschiede es zwischen zwei (in meinen Augen) vollkommen gleich aussehenden Instrumenten geben kann, die "Neue" hat ja sogar die Farbe der "Alten". Aber das neue Instrument ist geschätzt etwa doppelt so laut, und es scheint mir auch so, als ob man falsche Tonhöhen und die jammervollen Kratzer beim Saitenwechsel jetzt noch deutlicher als mit dem alten Instrument hört. Naja, da muss ich jetzt eben durch - und meine Nachbarn mit mir.

Das Spielen in der Musikschule ist so deutlich anders als mein sonstiger Alltag, dass ich hinterher immer sehr zufrieden mit mir bin und genügend motiviert, fast jeden Tag zu Hause zu üben. Gestern musste ich mich aber ganz gegen meine normalen Gewohnheiten nach dem Unterricht sehr beeilen, denn es wartete noch ein weiteres Highlight auf mich. Ich wollte danach zu einer Lesung mit Wladimir Kaminer.

Die Lesung fand in der Stadtbibliothek statt, wo man aus diesem Anlass die Bücherregale zur Seite geschoben hatte, um mehr Platz zu schaffen. Trotzdem war es brechend voll. Am Beginn der Lesung erwähnte er, dass er vor drei Jahren schon einmal bei uns zu Besuch war. Ich war etwas irritiert, denn es kann unmöglich schon wieder drei Jahre her sein. Die vorherige Lesung, an die ich micht erinnern konnte, fand im größten Hörsaal der Uni statt, auch damals gut besucht.

Kaminer ist ein Phänomen. Er schreibt Alltagsgeschichten aus der Sicht eines Exilrussen, in deutscher Sprache, die er nicht perfekt beherrscht. Wer redigiert eigentlich seine Texte? Es ist ein Blickwinkel, der teilweise meinem eigenen recht ähnlich ist, die Welt nicht völlig (oder überhaupt nicht) ernst nehmend. Und offenbar empfinden es auch andere so, deshalb der Zulauf, aber nur er kann es eben so unnachahmlich in Worte fassen.

Wer Kaminer noch nicht kennt, kann ihn zum Beispiel in der Russendisko besuchen, das war zugleich der Titel seines ersten Erfolgsbuches. Unter dem Link findet man auch seinen Weblog. Eine Leseprobe aus dem Eintrag vom 1.9. Unter einem Dach:
Die Nachbarn sind die größte Herausforderung, eine weit größere als die eigene Familie. Wenn Du es mit den Nachbarn kannst, dann schaffst Du es auch mit dem Rest der Welt" sagte mein Opa gerne. Er selbst war in seinem Leben mindestens ein Dutzend Mal umgezogen und wusste, wovon er sprach. Die Kinder werden groß und ziehen weg, die Eltern und die Großeltern sterben, die Nachbarn sind dagegen immer da - überall und allgegenwärtig. Wenn die einen wegziehen, sterben, heiraten oder auswandern, ziehen sofort irgendwelche anderen nach. Sie stellen unsere Flexibilität, unsere Kommunikationsfähigkeit, unsere humanistische Weltsicht täglich in Frage. Sie sind die größte Prüfung unsres Lebens.
Sehr nett auch die von ihm selbst bei Youtube eingestellten Filmschnipselchen. Zum Beispiel die folgende Sicht auf uns Deutsche. Zu Beginn hält man ihn, wenn man ihn noch nicht kennt, für - äh - merkwürdig. Aber irgendwie hat er ja doch recht.


Alltag
chSchlesinger - 27. September, 13:09

Doktor Faustus.

Merkwürdig, auf welche Wege uns das Bewusstsein unserer Sterblichkeit bringt.
Die Violine ist mir vertraut als eine Möglichkeit zum Ursprung allen Lebens, auf welche Weise ein Klang traurig oder heiter macht. Was wir als freien Raum erkennen, ist vielleicht "in echt" ein Werk feinster Schwingungen, die, gleich einem Puppenspieler, mal hier mal dort zupfen.
Auch erkenne ich eine Violine als jenen Sirup, der meine eher bittere Sicht der Welt genießbar machen kann. Gerade junge Menschen begeistern sich sehr für Musik. Was während eines Gottesdienstes zum Schnarchen ist, wird auf einem Konzert schnell "cool": Hands up in the Air!
Auf die Idee, Violine zu spielen, um Violine zu spielen, hat mich das Bewusstsein meiner Sterblichkeit aber noch nicht gebracht. Ein Lebenswerk, welches zusammenhangslos Handlung neben Handlung setzt, empfinde ich als gewöhnungsbedürftig.

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Kommentare hier ...

Bitte mehr davon? Aus...
Bitte mehr davon? Aus meiner Sicht auf keinen Fall,...
Köppnick - 25. Dezember, 16:53
bitte mehr davon
Nimmersatt (Gast) - 25. Dezember, 15:33
lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
la-mamma - 30. November, 19:43
Ich möchte Ihnen...
Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02