Goldberg und Dresden
Meine Familie mütterlicherseits stammt aus Oberschlesien, genauer gesagt aus Goldberg. Heute heißt Goldberg Zlotoryja und liegt in Polen. Der Tag, an dem meine Großmutter und meine damals sechsjährige Mutter zusammen mit den meisten anderen Verwandten Goldberg verlassen haben, lässt sich genau angeben: Am 13. Februar 1945 erhielt ihr Zug keine Einfahrt in den Dresdner Bahnhof, weil Militärtransporte Vorrang hatten. So sahen sie das nach den Bombenangriffen der Alliierten lichterloh brennende Dresden von einem etwas erhöhten Punkt auf einem Abstellgleis außerhalb der Stadt.
In Goldberg besaßen meine Großeltern ein Mehrfamilienhaus, dass sie kurz vor dem Krieg endlich abgezahlt hatten. Es war schon etwas älter, aber da mein Großvater Maurer war, sollte das für sie kein Problem darstellen. Meine Großmutter arbeitete ab und zu in einer Hutfabrik. Das Grundstück, auf dem das Haus gestanden hat, muss ziemlich groß gewesen sein, jedenfalls sollen dort etwa 1000 Obstbäume gestanden haben, und es wurden auch Ziegen, Hühner und ein Schwein gehalten. Goldberg selbst war eher eine gutbürgerliche Stadt, das Grundstück meiner Großeltern lag fast am Ortsrand. Jeden Tag zog meine Urgroßmutter mit einem Handwägelchen los, um in der Stadt Küchenabfälle zu sammeln, die als Futter für die Tiere benötigt wurden.
Während die Familie vor den Russen floh, war mein Großvater noch in russischer Kriegsgefangenschaft. Als er später nach Goldberg zurückkehrte, war seine Familie schon fort. Entweder die Russen oder die Polen verurteilten ihn zur Zwangsarbeit, nicht weil er schuldig war, sondern weil man Maurer brauchte, erst weitere zwei Jahre später durfte er gehen. Er kam nach Leipzig, wo seine Schwester wohnte, die alle anderen aufgenommen hatte. Etwa zu diesem Zeitpunkt haben die Polen endgültig diejenigen Deutschen ausgesiedelt, die bis dahin noch nicht freiwillig gegangen waren. Meine Großcousine hat mir davon berichtet. Auf dem Bahnhof, wo bereits der Zug für die Aussiedler bereitstand, wartete eine Gruppe Polen, um den Deutschen den größeren Teil ihres Gepäcks abzunehmen.
Hatte man kurz nach dem Krieg noch gedacht, bald zurückkehren zu können, gab man diese Hoffnung in den folgenden Jahren auf. Als man 1972 den visafreien Verkehr zwischen der DDR und Polen vereinbarte, sind bald darauf meine Großeltern das erste Mal nach dem Krieg wieder nach Goldberg gefahren, zusammen mit einem großen Teil der Familie. Auch hier lässt sich der Zeitpunkt ziemlich genau eingrenzen, denn meine Schwester war gerade geboren, und so konnte meine Mutter als Einzige nicht mitfahren. Meine Großeltern sollen ziemlich desillusioniert zurückgekommen sein, ob des desolaten Zustands des Hauses, aber es stand wenigstens noch.
Jetzt leben nicht mehr viele von der Generation, die noch persönliche Erinnerungen an Goldberg haben. Und meine Mutter war die Einzige, die noch niemals wieder dort gewesen ist. Obwohl ich, weil viel später geboren, natürlich nichts mehr mit diesem Ort zu schaffen habe, interessiert mich dieser Teil unserer Familiengeschichte natürlich auch, und so sind wir diese Tage nochmals hin gefahren. Begleitet hat uns die oben bereits erwähnte Großcousine, die bei ihrer Vertreibung aus Schlesien immerhin schon 19 gewesen war und recht gute Erinnerungen, auch an die Zeit vor dem Krieg, hat.
Ich hatte mit dem Erwartbaren gerechnet, aber meine Mutter und die Großcousine hatten erkennbar schwerer damit zu kämpfen. Das Haus ist weg, und an der Stelle des Grundstücks ist jetzt eine Kleingartenkolonie. Die Häuser und Straßen der Stadt sind alle etwas gammeliger als in Deutschland - nichts Ungewöhnliches, Deutschland ist im Vergleich fast zur gesamten übrigen Welt halt eine geleckte Insel der Seligen, aber die beiden Frauen hatten offenbar in ihrem Heimatort etwas Besseres erwartet. Der Mühlgraben ist zugeschüttet, die Katzbach (wieso eigentlich "die"?) fließt aber noch. Das Postamt gibt es auch noch, aus der einstmals evangelischen Kirche ist jetzt eine katholische geworden. Das Gymnasium ist neu, das vormalige Gebäude wurde zu Kriegsbeginn zusammengeschossen. Und auch die Schule gibt es noch, in die die beiden Frauen vor 65 Jahren gegangen sind.
Meine Mutter bereut es nicht, einmal dorthin gefahren zu sein, nun hat ihre Seele an dieser Stelle endlich Ruhe. Ich bereue es auch nicht, zumal auch der Tag zuvor in Dresden recht interessant gewesen ist. Den Familienzweig der Großcousine hat es nach dem Krieg dorthin verschlagen, bereits ihre beiden Söhne sind echte Dresdner geworden. Das letzte Mal war ich ein paar Tage während meines Studiums in Dresden gewesen, also etwa um 1985. Da war die Frauenkirche noch eine Ruine, die laut DDR-Propaganda nicht aufgebaut werden könne wegen der unbekannten Statik und die so ein Mahnmal für die Verbrechen der Alliierten an der Zivilbevölkerung bleiben müsse.
Letzteres stimmt sicher, militärisch war es vollkommen sinnlos, Dresden zu zerstören und es war auch ein Kriegsverbrechen Zehntausende Zivilisten zu töten. Heute ist bekannt, dass in Dresden sogar hätte die erste Atombombe fallen können, wenn sie zu diesem Zeitpunkt schon fertig gewesen war, und warum eine Stadt verschonen, die sowieso an die Russen fallen würde? Aber der Wiederaufbau nach dem Krieg wurde sicherlich aus ganz anderen Gründen unterlassen: Wozu in der atheistischen DDR mit Staatsgeldern eine Kirche neu aufbauen?
Am Vorabend der Goldbergfahrt haben wir mit dem Sohn meiner Großcousine eine Art Stadtrundfahrt gemacht. Nicht die in die Altstadt, die hatten wir am Tag schon selbstständig erlaufen, nein, in Richtung Waldschlösschenbrücke und ans gegenüberliegende Ufer. Diese Brücke hat es ja zu deutschlandweiter Bekanntheit gebracht, weil Dresden ihretwegen seinen Unesco-Weltkulturerbestatus verloren hat. Aus Dresdner Sicht stellen sich die Verhältnisse aber ganz anders dar, als sie in den Medien kolportiert wurden. Die Fronten verlaufen ziemlich genau halbe halbe quer durch alle Fraktionen der Stadt.
Meine Verwandten waren bei der Abstimmung für die Brücke, und sie haben gute Gründe dafür. Eine Brücke kann im Unterschied zu einem Tunnel auch von Fußgängern und Radfahrern benutzt werden. Die Planungen für die Brücke reichen zurück bis ins Dritte Reich, die Bebauung wurde seit dieser Zeit auf diese weitere Brücke ausgerichtet. Wir waren bei unserer Besichtigungstour im Berufsverkehr unterwegs, die Situation in diesem Teil Dresdens ins absolut unzumutbar. Die daneben liegende Brücke ist als Das Blaue Wunder bekannt. Die Nutzungsdauer dieser Brücke neigt sich ihrem Ende und saniert werden kann sie wahrscheinlich nicht. Die von meinen Verwandten bevorzugte Lösung wäre der Bau eines Tunnels bei gleichzeitigem Erhalt des Blauen Wunders als Fußgänger- und Fahrradbrücke.
Was in dem Wikipediaartikel zum Dresdner Brückenstreit nicht steht, sind die tatsächlichen Hintergründe der UNESCO-Entscheidung. Amerikanische Sponsoren des Aufbaus der Dresdner Frauenkirche wurden offenbar von den Dresdnern nicht ausreichend gebauchpinselt und haben die UNESCO erst richtig auf die Brückenpläne aufmerksam gemacht und deren Entscheidung gegen Dresden erzwungen.
Ich habe von der gegenüberliegenden Seite auf Dresden hinab geschaut, die neue Brücke wird sich harmonisch in das Stadtbild einfügen. Es ist ein neues Phänomen der Menschheitsgeschichte, dass man die Interessen am Erhalt historischer Substanz gegen die Interessen der heute lebenden Menschen wichtet. Wenn zum Beispiel im Rom des Mittelalters Steine zum Bauen benötigt wurden, ist man ganz selbstverständlich zur Ruine des Kolosseum gegangen und hat sie sich dort heraus gebrochen. Heute völlig undenkbar, obwohl nochmals mehrere hundert Jahre vergangen sind.
Ein anderer Fall eines solchen Interessenkonflikts ist zum Beispiel das Hotel am Terrassenufer, in dem wir übernachtet haben. Ein hässlicher Betonklotz, aber in unmittelbarer Nähe der Altstadt, und mit 100 Euro pro Nacht und Person eine für diese Lage sehr preiswerte Unterkunft. Für die unmittelbar neben der Frauenkirche liegenden Hilton- und Steigenberger-Hotels wird man ein Vielfaches davon berappen müssen. Der Betonklotz versperrt aber den malerischen Blick von der Altstadt (u.a. vom architektonischen Ensemble um die Frauenkirche) auf die Elbe und soll weg, auch seit über zehn Jahren.
In den Hotelzimmern lagen zu meiner Überraschung nicht bloß die Insignien der beiden größten Weltreligionen (Bibel und TV-Fernbedienung), sondern zusätzlich die einer dritten: "Die Lehre Buddhas". Nach einer Rückfrage an der Rezeption habe ich mir mein Exemplar mitgenommen. Der Buddhismus steht meiner Weltanschauung am nächsten: Leiden dadurch vermeiden, dass man sich die Sinnlosigkeit vieler menschlicher Wünsche klar macht.
Abends, kurz vor dem Einschlafen, beim Zappen durch die Fernsehkanäle bin ich bei "Geschichten aus der Anstalt" hängen geblieben, einer ziemlich bissigen Satiresendung. Mit Hinblick auf Afghanistaneinsatz der Bundeswehr und die Bundestagswahlen am nächsten Sonntag gab es einige interessante Fakten aus dem Grundgesetz: In Friedenszeiten ist der Verteidigungsminister der Oberbefehlshaber, in Kriegszeiten der Bundeskanzler (oder halt die Kanzlerin). Nun hat letztens aber Angela Merkel die ersten neuen Eisernen Kreuze an unsere tapferen Landser im Felde verliehen (den euphemistischen Neusprech dieses Blechs will ich mir nicht merken).
Also sind wir wohl doch im Kriegszustand? Dann allerdings müssen laut Grundgesetz die Bundestagswahlen ausfallen (Art. GG. 115h) - bis zum Abzug der deutschen Soldaten - nach meiner Schätzung also die nächsten 20 Jahre. Die Kabarettisten hatten in der Sendung eine weitere Vermutung, warum wir uns laut Bundesregierung nicht im Krieg befinden dürfen: Im Kriegsfall müssen die Soldaten bzw. ihre Hinterbliebenen besser bezahlt und versorgt werden, als wenn sie im Frieden zu Schaden kommen. Toll.
Während meines Dresden- bzw. Goldbergbesuchs habe ich zeitgleich den Spiegel 35/2009 vom 24.8. gelesen, u.a. mit Artikeln zum Beginn des Zweiten Weltkriegs und einem Interview mit Richard von Weizsäcker. Der innere Zusammenhang zwischen Dresden, Goldberg und Afghanistan ist mir erst jetzt aufgegangen. Weizsäcker schrieb:
Politik, Alltag
In Goldberg besaßen meine Großeltern ein Mehrfamilienhaus, dass sie kurz vor dem Krieg endlich abgezahlt hatten. Es war schon etwas älter, aber da mein Großvater Maurer war, sollte das für sie kein Problem darstellen. Meine Großmutter arbeitete ab und zu in einer Hutfabrik. Das Grundstück, auf dem das Haus gestanden hat, muss ziemlich groß gewesen sein, jedenfalls sollen dort etwa 1000 Obstbäume gestanden haben, und es wurden auch Ziegen, Hühner und ein Schwein gehalten. Goldberg selbst war eher eine gutbürgerliche Stadt, das Grundstück meiner Großeltern lag fast am Ortsrand. Jeden Tag zog meine Urgroßmutter mit einem Handwägelchen los, um in der Stadt Küchenabfälle zu sammeln, die als Futter für die Tiere benötigt wurden.
Während die Familie vor den Russen floh, war mein Großvater noch in russischer Kriegsgefangenschaft. Als er später nach Goldberg zurückkehrte, war seine Familie schon fort. Entweder die Russen oder die Polen verurteilten ihn zur Zwangsarbeit, nicht weil er schuldig war, sondern weil man Maurer brauchte, erst weitere zwei Jahre später durfte er gehen. Er kam nach Leipzig, wo seine Schwester wohnte, die alle anderen aufgenommen hatte. Etwa zu diesem Zeitpunkt haben die Polen endgültig diejenigen Deutschen ausgesiedelt, die bis dahin noch nicht freiwillig gegangen waren. Meine Großcousine hat mir davon berichtet. Auf dem Bahnhof, wo bereits der Zug für die Aussiedler bereitstand, wartete eine Gruppe Polen, um den Deutschen den größeren Teil ihres Gepäcks abzunehmen.
Hatte man kurz nach dem Krieg noch gedacht, bald zurückkehren zu können, gab man diese Hoffnung in den folgenden Jahren auf. Als man 1972 den visafreien Verkehr zwischen der DDR und Polen vereinbarte, sind bald darauf meine Großeltern das erste Mal nach dem Krieg wieder nach Goldberg gefahren, zusammen mit einem großen Teil der Familie. Auch hier lässt sich der Zeitpunkt ziemlich genau eingrenzen, denn meine Schwester war gerade geboren, und so konnte meine Mutter als Einzige nicht mitfahren. Meine Großeltern sollen ziemlich desillusioniert zurückgekommen sein, ob des desolaten Zustands des Hauses, aber es stand wenigstens noch.
Jetzt leben nicht mehr viele von der Generation, die noch persönliche Erinnerungen an Goldberg haben. Und meine Mutter war die Einzige, die noch niemals wieder dort gewesen ist. Obwohl ich, weil viel später geboren, natürlich nichts mehr mit diesem Ort zu schaffen habe, interessiert mich dieser Teil unserer Familiengeschichte natürlich auch, und so sind wir diese Tage nochmals hin gefahren. Begleitet hat uns die oben bereits erwähnte Großcousine, die bei ihrer Vertreibung aus Schlesien immerhin schon 19 gewesen war und recht gute Erinnerungen, auch an die Zeit vor dem Krieg, hat.
Ich hatte mit dem Erwartbaren gerechnet, aber meine Mutter und die Großcousine hatten erkennbar schwerer damit zu kämpfen. Das Haus ist weg, und an der Stelle des Grundstücks ist jetzt eine Kleingartenkolonie. Die Häuser und Straßen der Stadt sind alle etwas gammeliger als in Deutschland - nichts Ungewöhnliches, Deutschland ist im Vergleich fast zur gesamten übrigen Welt halt eine geleckte Insel der Seligen, aber die beiden Frauen hatten offenbar in ihrem Heimatort etwas Besseres erwartet. Der Mühlgraben ist zugeschüttet, die Katzbach (wieso eigentlich "die"?) fließt aber noch. Das Postamt gibt es auch noch, aus der einstmals evangelischen Kirche ist jetzt eine katholische geworden. Das Gymnasium ist neu, das vormalige Gebäude wurde zu Kriegsbeginn zusammengeschossen. Und auch die Schule gibt es noch, in die die beiden Frauen vor 65 Jahren gegangen sind.
Meine Mutter bereut es nicht, einmal dorthin gefahren zu sein, nun hat ihre Seele an dieser Stelle endlich Ruhe. Ich bereue es auch nicht, zumal auch der Tag zuvor in Dresden recht interessant gewesen ist. Den Familienzweig der Großcousine hat es nach dem Krieg dorthin verschlagen, bereits ihre beiden Söhne sind echte Dresdner geworden. Das letzte Mal war ich ein paar Tage während meines Studiums in Dresden gewesen, also etwa um 1985. Da war die Frauenkirche noch eine Ruine, die laut DDR-Propaganda nicht aufgebaut werden könne wegen der unbekannten Statik und die so ein Mahnmal für die Verbrechen der Alliierten an der Zivilbevölkerung bleiben müsse.
Letzteres stimmt sicher, militärisch war es vollkommen sinnlos, Dresden zu zerstören und es war auch ein Kriegsverbrechen Zehntausende Zivilisten zu töten. Heute ist bekannt, dass in Dresden sogar hätte die erste Atombombe fallen können, wenn sie zu diesem Zeitpunkt schon fertig gewesen war, und warum eine Stadt verschonen, die sowieso an die Russen fallen würde? Aber der Wiederaufbau nach dem Krieg wurde sicherlich aus ganz anderen Gründen unterlassen: Wozu in der atheistischen DDR mit Staatsgeldern eine Kirche neu aufbauen?
Am Vorabend der Goldbergfahrt haben wir mit dem Sohn meiner Großcousine eine Art Stadtrundfahrt gemacht. Nicht die in die Altstadt, die hatten wir am Tag schon selbstständig erlaufen, nein, in Richtung Waldschlösschenbrücke und ans gegenüberliegende Ufer. Diese Brücke hat es ja zu deutschlandweiter Bekanntheit gebracht, weil Dresden ihretwegen seinen Unesco-Weltkulturerbestatus verloren hat. Aus Dresdner Sicht stellen sich die Verhältnisse aber ganz anders dar, als sie in den Medien kolportiert wurden. Die Fronten verlaufen ziemlich genau halbe halbe quer durch alle Fraktionen der Stadt.
Meine Verwandten waren bei der Abstimmung für die Brücke, und sie haben gute Gründe dafür. Eine Brücke kann im Unterschied zu einem Tunnel auch von Fußgängern und Radfahrern benutzt werden. Die Planungen für die Brücke reichen zurück bis ins Dritte Reich, die Bebauung wurde seit dieser Zeit auf diese weitere Brücke ausgerichtet. Wir waren bei unserer Besichtigungstour im Berufsverkehr unterwegs, die Situation in diesem Teil Dresdens ins absolut unzumutbar. Die daneben liegende Brücke ist als Das Blaue Wunder bekannt. Die Nutzungsdauer dieser Brücke neigt sich ihrem Ende und saniert werden kann sie wahrscheinlich nicht. Die von meinen Verwandten bevorzugte Lösung wäre der Bau eines Tunnels bei gleichzeitigem Erhalt des Blauen Wunders als Fußgänger- und Fahrradbrücke.
Was in dem Wikipediaartikel zum Dresdner Brückenstreit nicht steht, sind die tatsächlichen Hintergründe der UNESCO-Entscheidung. Amerikanische Sponsoren des Aufbaus der Dresdner Frauenkirche wurden offenbar von den Dresdnern nicht ausreichend gebauchpinselt und haben die UNESCO erst richtig auf die Brückenpläne aufmerksam gemacht und deren Entscheidung gegen Dresden erzwungen.
Ich habe von der gegenüberliegenden Seite auf Dresden hinab geschaut, die neue Brücke wird sich harmonisch in das Stadtbild einfügen. Es ist ein neues Phänomen der Menschheitsgeschichte, dass man die Interessen am Erhalt historischer Substanz gegen die Interessen der heute lebenden Menschen wichtet. Wenn zum Beispiel im Rom des Mittelalters Steine zum Bauen benötigt wurden, ist man ganz selbstverständlich zur Ruine des Kolosseum gegangen und hat sie sich dort heraus gebrochen. Heute völlig undenkbar, obwohl nochmals mehrere hundert Jahre vergangen sind.
Ein anderer Fall eines solchen Interessenkonflikts ist zum Beispiel das Hotel am Terrassenufer, in dem wir übernachtet haben. Ein hässlicher Betonklotz, aber in unmittelbarer Nähe der Altstadt, und mit 100 Euro pro Nacht und Person eine für diese Lage sehr preiswerte Unterkunft. Für die unmittelbar neben der Frauenkirche liegenden Hilton- und Steigenberger-Hotels wird man ein Vielfaches davon berappen müssen. Der Betonklotz versperrt aber den malerischen Blick von der Altstadt (u.a. vom architektonischen Ensemble um die Frauenkirche) auf die Elbe und soll weg, auch seit über zehn Jahren.
In den Hotelzimmern lagen zu meiner Überraschung nicht bloß die Insignien der beiden größten Weltreligionen (Bibel und TV-Fernbedienung), sondern zusätzlich die einer dritten: "Die Lehre Buddhas". Nach einer Rückfrage an der Rezeption habe ich mir mein Exemplar mitgenommen. Der Buddhismus steht meiner Weltanschauung am nächsten: Leiden dadurch vermeiden, dass man sich die Sinnlosigkeit vieler menschlicher Wünsche klar macht.
Abends, kurz vor dem Einschlafen, beim Zappen durch die Fernsehkanäle bin ich bei "Geschichten aus der Anstalt" hängen geblieben, einer ziemlich bissigen Satiresendung. Mit Hinblick auf Afghanistaneinsatz der Bundeswehr und die Bundestagswahlen am nächsten Sonntag gab es einige interessante Fakten aus dem Grundgesetz: In Friedenszeiten ist der Verteidigungsminister der Oberbefehlshaber, in Kriegszeiten der Bundeskanzler (oder halt die Kanzlerin). Nun hat letztens aber Angela Merkel die ersten neuen Eisernen Kreuze an unsere tapferen Landser im Felde verliehen (den euphemistischen Neusprech dieses Blechs will ich mir nicht merken).
Also sind wir wohl doch im Kriegszustand? Dann allerdings müssen laut Grundgesetz die Bundestagswahlen ausfallen (Art. GG. 115h) - bis zum Abzug der deutschen Soldaten - nach meiner Schätzung also die nächsten 20 Jahre. Die Kabarettisten hatten in der Sendung eine weitere Vermutung, warum wir uns laut Bundesregierung nicht im Krieg befinden dürfen: Im Kriegsfall müssen die Soldaten bzw. ihre Hinterbliebenen besser bezahlt und versorgt werden, als wenn sie im Frieden zu Schaden kommen. Toll.
Während meines Dresden- bzw. Goldbergbesuchs habe ich zeitgleich den Spiegel 35/2009 vom 24.8. gelesen, u.a. mit Artikeln zum Beginn des Zweiten Weltkriegs und einem Interview mit Richard von Weizsäcker. Der innere Zusammenhang zwischen Dresden, Goldberg und Afghanistan ist mir erst jetzt aufgegangen. Weizsäcker schrieb:
Kein Mensch, der in den Krieg zieht, kann sich vorstellen, was er mit sich bringt. Dass der Krieg auch mein eigenes Erlebnisbewusstsein tief verändert hat, bis auf den heutigen Tag. Das ist die Wahrheit.Allmählich sterben mit der Generation R.v.Weizsäckers und der meiner Eltern diejenigen Deutschen, die den Krieg noch aus eigener Anschauung kennen gelernt und ihn deshalb als Mittel der Wahl kategorisch abgelehnt haben. Und das bemerken wir in der deutschen Politik. Wir müssen jetzt unbedingt wieder mitmachen.
...
Weil der Krieg menschliche Nachbarschaft zerstört. Weil er niemals ein Mittel der Politik sein darf, weil die Politik der Kultur zu dienen hat. Kultur dient dem humanen Zusammenleben, und der Krieg ist das Gegenteil.
Politik, Alltag
Sonntag, 20.September 2009
bei mir ist es immerhin