Spiegeleier
Am Wochenende hatte ich Zeit, einige ältere Zeitschriften zu lesen. Zum Beispiel im Spiegel 33/2009 vom 10.8. einen sehr freundlichen Artikel über Dieter Althaus. Das war kurz vor der Landtagswahl und man kann es durchaus als eine Art Wahlhilfe verstehen. Die Bildzeitung, die in dem Artikel erwähnt wird, hat das ja auch gemacht. Spiegel und Bild an einem Strang ziehend. Genützt hat es der CDU wenig.
Ich war erst sehr wütend, aber nüchtern gesehen, kann ich keinen objektiven Vergleich darüber anstellen, ob der Spiegel früher mehr ein Nachrichten- und weniger ein Boulevard- und Meinungsmachermagazin war. Ich weiß auch nicht, welche Vorgaben für die Redakteure gelten, wer über was schreiben darf und wer letztlich die Entscheidung trifft, was ins Heft kommt und was nicht.
Mit der Zeit habe ich mir ein paar Sprachdetektoren zugelegt, um das Verhältnis eines Autors zu seinem Gegenstand bereits bewerten zu können, ohne die Fakten selbst zu analysieren. Heißt es zum Beispiel "Parteichef", dann steht der Autor dem Betreffenden eher kritisch gegenüber, ist es der "Parteivorsitzende", dann ist er vom selben Lager. Naja, wenigstens hat sich der Teaser des Artikels über Althaus als Fehleinschätzung herausgestellt:
Interessanter im selben Heft war da schon ein Artikel über ein Experiment mit dem Grundeinkommen in einem Dorf in Namibia. In dem Artikel kommen auch Gegner des Experiments zu Wort, u.a. deutsch-namibische Farmer. Die beiden Verantwortlichen sind ebenfalls Deutsche, Dirk und Claudia Haarmann, sie haben Wirtschaftswissenschaften und Theologie studiert und werden bei diesem Experiment unter anderem von Aids-Stiftungen, von der Friedrich-Ebert-Stiftung und von den Evangelischen Kirchen in Rheinland und Westfalen unterstützt. Umgerechnet gibt es 9 Euro im Monat für jeden Beteiligten. Zum Vergleich: Der Lohn, den die deutsch-namibischen Farmer ihren Arbeitskräften zahlen, liegt bei etwa 20 Cent je Stunde. Rechnet man das probeweise auf deutsche Verhältnisse um, dann entsprechen die 9 Euro im Verhältnis zu 20 Cent und einem deutschen Mindestlohn von 7,50 Euro einem Monatssatz von 340 Euro.
Natürlich wird ein solches Beispiel die Kritiker in Deutschland nicht überzeugen, der nächste Einwand wird sicher sein, dass Afrika kein Industrieland ist. Und würde es als Nächstes in Rumänien funktionieren, fiele sicherlich Jürgen Rüttgers der dazu passende Spruch ein. Und hätten es alle anderen Länder um uns herum, bliebe immer noch das Argument, dass die Deutschen ganz anders sind als alle anderen Menschen, zum Beispiel sprechen wir Deutsch und kommen auch ohne Tempolimit auf der Autobahn prima klar. Und wäre es dann tatsächlich bei uns eingeführt, würden sicherlich die Kritiker aus lauter Frust früh im Bett liegen bleiben und erst beim Öffnen des nächsten Kiosks dorthin wanken, um sich den Fusel für den neuen Tag zu holen.
Apopos typisch deutsch. Eine Woche nach dem oben erwähnten Spiegel war in der Nummer 34 vom 17.8. die Abwrackprämie das beherrschende Thema. Im Hauptartikel darüber stritten sich zwei Ökonomen über die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme, die sich inzwischen zu einem Exportschlager entwickelt hat: Frankreich, Italien, Holland, Slowakei, Japan, Portugal, Griechenland, Rumänien und die USA. In dem Artikel nichts wesentlich Neues, alles irgendwo schon mal gelesen oder gehört, den einen einzigen wirklich wichtigen Absatz werden die meisten überlesen haben:
Politik
Ich war erst sehr wütend, aber nüchtern gesehen, kann ich keinen objektiven Vergleich darüber anstellen, ob der Spiegel früher mehr ein Nachrichten- und weniger ein Boulevard- und Meinungsmachermagazin war. Ich weiß auch nicht, welche Vorgaben für die Redakteure gelten, wer über was schreiben darf und wer letztlich die Entscheidung trifft, was ins Heft kommt und was nicht.
Mit der Zeit habe ich mir ein paar Sprachdetektoren zugelegt, um das Verhältnis eines Autors zu seinem Gegenstand bereits bewerten zu können, ohne die Fakten selbst zu analysieren. Heißt es zum Beispiel "Parteichef", dann steht der Autor dem Betreffenden eher kritisch gegenüber, ist es der "Parteivorsitzende", dann ist er vom selben Lager. Naja, wenigstens hat sich der Teaser des Artikels über Althaus als Fehleinschätzung herausgestellt:
Sieben Monate nach seinem schweren Skiunfall in Österreich steht Dieter Althaus politisch deutlich besser da als vor dem Unglück. Von seiner Schuld am Tod einer Frau ist im thüringischen Landtagswahlkampf kaum noch die Rede. Von Wiebke HollersenIn einem der gelesenen Spiegel auch ein Interview mit dem aussichtsreichsten Aspiranten auf den Titel "Pinocchio des Jahres 2009". Sinngemäß hatte der gesagt: "In den Koalitionsverhandlungen werde ich durchsetzen, dass das Schonvermögen eines HarztIV-Empfängers verdreifacht wird." Pinoccio wird der Betreffende so oder so, entweder gibt es keine Schwarz-gelbe Koalition oder er wird in den Verhandlungen das nicht durchsetzen. Eher wird man nach der Wahl entsetzt feststellen, wie leer die Staatskassen sind - nein, dass es soo schlimm ist, konnte ja wirklich keiner ahnen! Bald wird man wie versprochen die Steuern senken, aber vorher muss man sie, leider, leider, erstmal erhöhen. Und weil das Erhöhen der Steuern so anstrengend ist, sich selbst erstmal die Diäten erhöhen. Leistung muss sich wieder lohnen!
Interessanter im selben Heft war da schon ein Artikel über ein Experiment mit dem Grundeinkommen in einem Dorf in Namibia. In dem Artikel kommen auch Gegner des Experiments zu Wort, u.a. deutsch-namibische Farmer. Die beiden Verantwortlichen sind ebenfalls Deutsche, Dirk und Claudia Haarmann, sie haben Wirtschaftswissenschaften und Theologie studiert und werden bei diesem Experiment unter anderem von Aids-Stiftungen, von der Friedrich-Ebert-Stiftung und von den Evangelischen Kirchen in Rheinland und Westfalen unterstützt. Umgerechnet gibt es 9 Euro im Monat für jeden Beteiligten. Zum Vergleich: Der Lohn, den die deutsch-namibischen Farmer ihren Arbeitskräften zahlen, liegt bei etwa 20 Cent je Stunde. Rechnet man das probeweise auf deutsche Verhältnisse um, dann entsprechen die 9 Euro im Verhältnis zu 20 Cent und einem deutschen Mindestlohn von 7,50 Euro einem Monatssatz von 340 Euro.
Der Versuch findet statt in Otjivero, einer 1000-Einwohner-Siedlung in einer wüsten Gegend, 100 Kilometer östlich von Windhuk. Staub -und Hitze hängen hier fest, eine Schule gibt es, eine Klinik, mageres Vieh und magere Menschen. Bis vor kurzem lag die Arbeitslosenquote bei über 70 Prozent, die Unterernährungsrate der Kinder bei 42 Prozent, Schulbildung hatten wenige. Alkoholismus, Kriminalität, Aids: Dafür ist der Ort bekannt. Von vier Seiten ist Otjivero eingekesselt zwischen den Elektrozäunen reicher, weißer Farmer wie Lüttwitz. Die Siedlung bildet den Querschnitt einer Gesellschaft ab, in der es ein Unten gibt und ein Oben und wenig dazwischen, ein Mikro-Namibia, ein MikroAfrika, eine Mikro-Welt.Zunächst ein Beispiel, was das Grundeinkommen bewirkt hat:
Der perfekte Ort also, um zu testen, wie man die Welt gerechter machen kann. Anfang 2008, erzählt Haarmann, war es so weit: Gemeinsam mit der Koalition der Hilfsorganisationen, angeführt vom Bischof, führte er das Grundeinkommen versuchsweise in Otjivero ein. Bis Dezember bekommt nun jeder der knapp tausend Einwohner unter 6o Jahren das „Basic Income Grand", kurz BIG genannt, umgerechnet neun Euro im Monat, zunächst spendenfinanziert. Für eine Frau mit sieben Kindern bedeutet das: 800 Namibia-Dollar monatlich, ein mittleres Einkommen.
Sarah Katangolo zählt ihre Vorräte: Zehn Tage nach dem letzten Zahltag hat sie noch zwei Säcke Mehl, vom Öl - sie schüttelt die Flasche - ist auch noch genug da. Außerdem sammle sie Trockenspinat im Busch, den sie, seitdem die Leute hier etwas Geld haben, manchmal sogar verkaufen könne. „Und wenn,es doch nicht reicht, sagt sie, „verkaufe ich einfach ein Huhn" - von ihrem ersten Grundeinkommen hatte sich Sarah Katangolo zwei Hühner gekauft, zu je 25 Namibia-Dollar.Das Beispiel macht deutlich, was das Grundeinkommen sofort und überall bewirken würde: Es verbessert die Situation von Frauen und Kindern in der Gesellschaft. Natürlich beweist ein Einzelbeispiel nicht viel, aber auch die Statistik spricht für sich:
Innerhalb eines Jahres hat sie daraus 40 Tiere gezüchtet. Ein Huhn verkauft sie heute für 3o Dollar, erzählt sie, würde sie alle verkaufen, hätte sie abzüglich der Kosten für Futter rund tausend Dollar Gewinn gemacht. Kapital, Investition, Wachstum, Profit und Reinvestition: Sarah Katangolo ist jetzt eine Geschäftsfrau.
Von ihren ersten Umsätzen hat sie Maissamen gekauft, vor ihrer Hütte wachsen jetzt ein paar ordentliche Pflanzen. Sie konnte sich neues Wellblech zulegen, mit dem sie den Verschlag erweitern will, regelmäßig bezahlt sie das Schulgeld für ihre Kinder, hin und wieder leistet sie sich Makkaroni statt Maisbrei oder eine Fahrkarte in den Norden, um die Verwandten zu besuchen. „Hätte ich mir nie erträumt', sagt sie und kichert ein wenig, dann setzt sie sich auf eine Plastikkiste und erzählt, wie eines Tages das Geld nach Otjivero kam.
Die Eltern zahlen nun Schulgeld, der Anteil der Kinder, die den Unterricht besuchen, stieg im vergangenen Jahr auf 92 Prozent. Mit den Einnahmen konnte die Schule Papier kaufen, Stifte und Tinte für den Drucker. Die Unterernährungsrate der Kinder sank von 42 auf 10 Prozent. Die Kriminalstatistik der Polizei zeigt einen Rückgang von Diebstahl, Wilderei. Aidskranke reagieren besser auf ihre Behandlung, seit sie sich ausgewogener ernähren können. „Auf einmal hatten die Kinder Schuhe an", sagt die Lehrerin. Ein Mann kam zu Dirk und Claudia Haarmann, strahlte und sagte: „Seht ihr nicht?" Sie fragten ihn, was er meine. „Seht ihr nicht, ich habe jetzt eine Hose und ein T-Shirt. Ich bin jetzt ein Mensch."Natürlich wird ein solches Beispiel die Kritiker in Deutschland nicht überzeugen, aber ein Argument fällt jetzt weg: Ob die Natur des Menschen für den Umgang mit einem Grundeinkommen geeignet ist. Das ist nämlich ein biologistisches Argument, das vergisst, dass die menschliche Gesellschaft eben nicht die Natur ist, sondern a priori un-natürlich, d.h. in weiten Grenzen von uns selbst bestimmbar. Und der letzte Satz markiert den großen Unterschied zum Beispiel zu HartzIV: Niemand muss vor dem Amt seine Bedürftigkeit beweisen und als Bittsteller auftreten.
Auch Würde, so scheint es, kann man mit 100 Dollar kaufen.
Natürlich wird ein solches Beispiel die Kritiker in Deutschland nicht überzeugen, der nächste Einwand wird sicher sein, dass Afrika kein Industrieland ist. Und würde es als Nächstes in Rumänien funktionieren, fiele sicherlich Jürgen Rüttgers der dazu passende Spruch ein. Und hätten es alle anderen Länder um uns herum, bliebe immer noch das Argument, dass die Deutschen ganz anders sind als alle anderen Menschen, zum Beispiel sprechen wir Deutsch und kommen auch ohne Tempolimit auf der Autobahn prima klar. Und wäre es dann tatsächlich bei uns eingeführt, würden sicherlich die Kritiker aus lauter Frust früh im Bett liegen bleiben und erst beim Öffnen des nächsten Kiosks dorthin wanken, um sich den Fusel für den neuen Tag zu holen.
Apopos typisch deutsch. Eine Woche nach dem oben erwähnten Spiegel war in der Nummer 34 vom 17.8. die Abwrackprämie das beherrschende Thema. Im Hauptartikel darüber stritten sich zwei Ökonomen über die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme, die sich inzwischen zu einem Exportschlager entwickelt hat: Frankreich, Italien, Holland, Slowakei, Japan, Portugal, Griechenland, Rumänien und die USA. In dem Artikel nichts wesentlich Neues, alles irgendwo schon mal gelesen oder gehört, den einen einzigen wirklich wichtigen Absatz werden die meisten überlesen haben:
Warum sich die Menschen verschulden, um diese Prämie zu kassieren; nach Auskunft der Schufa hat sich in Deutschland, mit Ankunft der Abwrackprämie, das Geschäft der Banken mit Konsumentenkrediten um ein Drittel erhöht - eine seltsame Pointe in dieser Geschichte der Finanzkrise, die mit privater Überschuldung von Konsumenten in den USA begann.Die ganze Welt glaubt, jetzt, da die Wirtschaft wieder zu wachsen beginnt, wäre die Krise zu Ende. Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre.
Politik
Montag, 14.September 2009
Weil Wrcaks ;)