Richard David Precht: Feigheit vor dem Volk
Diesen Spiegelartikel habe ich erst gestern gelesen, seine Aktualität hat er angesichts der wahrscheinlich über 100 Toten durch deutsche Bomben in Afghanistan erneut gezeigt, und es wird immer so weiter gehen. Verteidigungsminister Jung und viele andere Mitglieder der aktuellen und der vorherigen Regierung werden nicht müde in ihrem Beteuern, Deutschland würde in Afghanistan keinen Krieg führen, und auch nicht in der Wiederholung des Satzes, die Taliban würden sich feige hinter der Zivilbevölkerung verstecken und diese als Schutzschilde missbrauchen.
Sieht man das Ganze mal aus der Perspektive eines Afghanen, sieht die Sache ganz anders aus. Statt hervorzukommen und offen Mann gegen Mann zu kämpfen, bewegen sich die Besatzungstruppen in gepanzerten Konvois durchs Land und werfen mit minimalem eigenen Risiko Bomben aus für die Talibankämpfer nicht zu treffenden Flugzeugen ab.
Anlass für die Alliierten, in Afghanistan einzumarschieren, war der Angriff auf das World-Trade-Center im Jahr 2001. Einige Zeit später wurde der Irak angegriffen. Zieht man eine Bilanz der Opfer, dann stehen 3000 Amerikanern, die im World-Trade-Center starben, inzwischen nach einer regierungsunabhängigen Studie (aus dem Jahr 2006!) über 650.000 Tote, tausende GIs und hunderttausende Iraker und Afghanen gegenüber.
Die offiziellen Begründungen für die beiden Kriege waren der Aufenthalt von maximal ein paar hundert Terroristen in wenigen Ausbildungscamps und im Falle des Irak der Besitz von Massenvernichtungswaffen. Immer öfter wird der Abzug der Truppen gefordert, die Linken verlangen das schon immer und waren von Anbeginn gegen jedwede Kriegführung im Ausland. Volker Rühe schlägt jetzt eine Zweijahresfrist für den Rückzug vor, Gerhard Schröder sechs.
Die Regierung protestiert gegen diese Festlegung, das sei zu wenig, aber es würden sicher keine Jahrzehnte werden. Semantisch gesehen, wären 19 Jahre noch keine "Jahrzehnte". Zusammen mit den 7 Jahren, die man bereits im Land ist, und den 13 Jahren von 1979 bis 1992 unter sowjetischer Besatzung, wären dann insgesamt in 39 von 50 Jahren ausländische Truppen im Land gewesen.
Man muss schon sehr naiv sein, um hier als Begründung an das Bekämpfen von ein paar hundert Terroristen zu glauben. Ist es nicht vielmehr die geostrategische Lage des Landes (und im Irak das Öl)?
Afghanistan ist ein terrestrischer Flugzeugträger, im Norden liegen die ehemaligen Sowjetrepubliken Turkmenistan, Uzbekistan und Tadschikistan, im Westen Iran, im Süden und Osten Pakistan. Es sind keine 200 Meilen bis zur indischen und zur chinesischen Grenze, die drei Letztgenannten sind die drei "offiziellen" Atommächte der Region.
Peter Struck, einer der Vorgänger von Jung im Amt des Verteidigungsministers hat mal gesagt, Deutschland würde am Hindukusch verteidigt. Hierzu schreibt Precht in seinem oben verlinkten Essay:
Precht ist Philosoph, der weitaus größte Teil seines Bestsellers "Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?" ist ethischen Problemen gewidmet. Und seinen Ausführungen, warum man nicht die Universalität der Menschenrechte hernehmen und sie als Begründung für Kriege benutzen kann, ist wenig hinzuzufügen:
Kategorie: Politik
Sieht man das Ganze mal aus der Perspektive eines Afghanen, sieht die Sache ganz anders aus. Statt hervorzukommen und offen Mann gegen Mann zu kämpfen, bewegen sich die Besatzungstruppen in gepanzerten Konvois durchs Land und werfen mit minimalem eigenen Risiko Bomben aus für die Talibankämpfer nicht zu treffenden Flugzeugen ab.
Anlass für die Alliierten, in Afghanistan einzumarschieren, war der Angriff auf das World-Trade-Center im Jahr 2001. Einige Zeit später wurde der Irak angegriffen. Zieht man eine Bilanz der Opfer, dann stehen 3000 Amerikanern, die im World-Trade-Center starben, inzwischen nach einer regierungsunabhängigen Studie (aus dem Jahr 2006!) über 650.000 Tote, tausende GIs und hunderttausende Iraker und Afghanen gegenüber.
Die offiziellen Begründungen für die beiden Kriege waren der Aufenthalt von maximal ein paar hundert Terroristen in wenigen Ausbildungscamps und im Falle des Irak der Besitz von Massenvernichtungswaffen. Immer öfter wird der Abzug der Truppen gefordert, die Linken verlangen das schon immer und waren von Anbeginn gegen jedwede Kriegführung im Ausland. Volker Rühe schlägt jetzt eine Zweijahresfrist für den Rückzug vor, Gerhard Schröder sechs.
Die Regierung protestiert gegen diese Festlegung, das sei zu wenig, aber es würden sicher keine Jahrzehnte werden. Semantisch gesehen, wären 19 Jahre noch keine "Jahrzehnte". Zusammen mit den 7 Jahren, die man bereits im Land ist, und den 13 Jahren von 1979 bis 1992 unter sowjetischer Besatzung, wären dann insgesamt in 39 von 50 Jahren ausländische Truppen im Land gewesen.
Man muss schon sehr naiv sein, um hier als Begründung an das Bekämpfen von ein paar hundert Terroristen zu glauben. Ist es nicht vielmehr die geostrategische Lage des Landes (und im Irak das Öl)?
Afghanistan ist ein terrestrischer Flugzeugträger, im Norden liegen die ehemaligen Sowjetrepubliken Turkmenistan, Uzbekistan und Tadschikistan, im Westen Iran, im Süden und Osten Pakistan. Es sind keine 200 Meilen bis zur indischen und zur chinesischen Grenze, die drei Letztgenannten sind die drei "offiziellen" Atommächte der Region.
Peter Struck, einer der Vorgänger von Jung im Amt des Verteidigungsministers hat mal gesagt, Deutschland würde am Hindukusch verteidigt. Hierzu schreibt Precht in seinem oben verlinkten Essay:
Mit Deutschland haben all diese Dinge naturgegeben nichts zu tun. Und nur die politischen Kapriolen im Vorfeld des letzten Irak-Krieges erklären, warum heute deutsche Soldaten im Norden Afghanistans eine Eskalation vornehmen sollen. "Deutschlands Sicherheit" werde "am Hindukusch verteidigt", flüchtete sich der damalige Verteidigungsminister Peter Struck in eine Lüge, um sich erfolgreich vor dem Krieg im Irak zu drücken. Gerhard Schröders Wiederwahl heiligte das Mittel. Doch wusste Struck tatsächlich nicht, welch fürchterliche rhetorische Anleihe er da gemacht hatte? Eine Anleihe an die unsägliche Redewendung der sechziger Jahre, in Saigon werde die Freiheit Berlins verteidigt? Bei jenem Satz, der dazu herhielt, die Chemie- und Biowaffeneinsätze, das Brandgas und Dioxin gegen die vietnamesische Zivilbevölkerung zu rechtfertigen? Ein Satz, frei von Logik und Konsequenz überdies, denn wenn er zuträfe: Wer verteidigt dann Deutschlands Sicherheit in Teheran? Wer verteidigt sie in Pjöngjang?Man könnte die Liste noch fortsetzen, warum marschiert man nicht unter dem Banner der Menschenrechte in Somalia oder in China oder in Saudi-Arabien ein? Warum hat man nicht Stalin angegriffen, der außer seinem mit 26 Millionen Toten Landsleuten teuer bezahlten Sieg gegen Hitlerdeutschland für etwa 20 Millionen ermordete Sowjetbürger verantwortlich war? Und wenn man genauer hinsieht, dann ist sogar die Nichtbeteiligung Deutschlands am Irakkrieg eine Lüge: Deutschland hat durch seine Soldaten in Afghanistan dafür gesorgt, dass amerikanische Kräfte für den Irak frei wurden, deutsche Spezialisten saßen in den AWACS-Flugzeugen, deutsche Agenten in Bagdad lieferten Informationen für amerikanische Bomber.
Precht ist Philosoph, der weitaus größte Teil seines Bestsellers "Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?" ist ethischen Problemen gewidmet. Und seinen Ausführungen, warum man nicht die Universalität der Menschenrechte hernehmen und sie als Begründung für Kriege benutzen kann, ist wenig hinzuzufügen:
Der Fehler des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan liegt nicht allein in der praktischen Undurchführbarkeit. Er steckt bereits in der philosophischen Theorie. Seit der griechischen Antike inspiriert der Gedanke, dass es eine richtige Art zu leben gebe, den moralischen Idealismus westlicher Prägung. Die Dummen, die Ungebildeten und die moralisch Verirrten müssen mit allen in der Macht der Durchblicker stehenden gesellschaftlichen Mitteln dazu gebracht werden, auf Linie zu kommen. Dieser Idealismus fordert Unterwerfung unter die Idee des Guten, der Tugend, mithin unter die westliche Wertegemeinschaft.Bereits vorher hatte er geschrieben:
...
Nach fast acht Jahren Bundeswehreinsatz in Afghanistan sind die Taliban nicht besiegt, die Menschenrechte werden überall missachtet, von Freiheit ist keine Rede mehr. Niemand kann das der Bundeswehr anlasten. Aber auch niemand wird damit ihren Verbleib rechtfertigen können. Immerhin: Die blühenden Landschaften sind Realität geworden. Von Norden bis Süden und von Osten bis Westen leuchten Mohnfelder für den Ertrag von Opium. Die Gegenwart in Afghanistan ist nicht grün, sondern violett.
Deutschland verteidigt am Hindukusch nicht seine Sicherheit, sondern es verstößt gegen das Völkerrecht. Geboten wäre ein Aufstand der Intellektuellen dieses Landes gegen den Dammbruch. Geboten wäre ein Appell, gestützt durch die Mehrheit der Bevölkerung, der unserer Regierung Mut machte, nicht weiterhin sinnlos Milliarden zu verschleudern und Soldaten in den Tod zu schicken.Das glaube ich nicht, dass es bloß die mangelnde Courage vor den USA ist, das geht viel tiefer.
...
Keine deutsch-amerikanische Freundschaft rechtfertigt dauerhaft einen militärisch perspektivlosen Einsatz. Und nur die mangelnde Courage der Bundesregierung gegenüber den USA erklärt das Fortwursteln. Mag sein, dass die Bundeswehr am Hindukusch einigen Menschen das Leben gerettet, ein paar Straßen friedlich gemacht und ein paar Frauen und Schulkindern das Leben erleichtert hat - aber all diese feinen Dinge könnte man mit gleichem Recht auch in Somalia tun, im Kongo oder in Ruanda. Einsatzorte für gute Taten gibt es überall. Aber nicht die USA gäben dabei die Marschroute vor, sondern Amnesty International.
Kategorie: Politik
Montag, 07.September 2009
Die Fehler, die 2001 gemacht wurden, sind zahlreich. Gefragt wurde die Bevölkerung ja nicht, wenngleich das Regime von Mullah Omar grausam war. Es hätte niemanden interessiert, wenn Afghanistan nicht ein Ausbildungslager für Terroristen geworden wäre, das sozusagen weltweit agierte. Dass die sogenannten Taliban-Krieger dann ihre Operationsbasis nach Pakistan verlegt haben, hätte man mindestens erahnen können.
Vieles, was man machte, erinnerte an Kolonialgehabe. Man implementierte einen Staatschef, der keinen Rückhalt in der Bevölkerung hatte und importierte das, was man als universalistische Werte benannte. Für mich war es beispielsweise logisch, dass die Grünen dem Einsatz zustimmten, weil sie ihrem Wesen anch autoritäre Missionare sind.
Heuchlerisch ist der jetzt vorgebrachte Vorwurf, die Bundesregierung habe nicht genug Leute nach Afghanistan geschickt, um diese ihre Aufgabe zu erfüllen. Obama will diesen Weg gehen - Abzug aus Irak bei gleichzeitiger Verstärkung der Truppen in Afghanistan. Deutschland will dabei sein, aber nicht so richtig. Schröders Einsatz für Afghanistan war strategisch, weil er sich damit aus dem Irak heraushalten konnte (obwohl er nicht glauben wollte, was dann zwei Jahre später geschah).
Die Frage, warum man nicht bei Stalin einmarschiert ist, ist natürlich pure Polemik (auch das Aufzählen der Toten gegenüber Hitlerdeutschland; ich verstehe nicht, was Du damit sagen willst - ausser virtuelle Punkte zu erringen). Ein Angriff auf die Sowjetunion in den 50er Jahren hätte einen Atomkrieg bedeutet. In Somalia hat man es versucht (Precht hat das wohl vergessen) - auch dort ist man an den lokalen Gegebenheiten, die sich unserem Verständnis von politischer Organisation entziehen, gescheitert. Ruanda hat man - das ist richtig - 1994 alleine gelassen. Da war man mit Jugoslawien beschäftigt. Im Kongo hatte man Wahlen beaufsichtigt.
Von den Missionierungsprogrammen der Kommunisten und des Westens waren immer nur Zweit- und Drittmächte "betroffen". Das hat sich seit 1989 nicht besonders geändert. Seitdem sind ausnahmslos alle diese Vorgehen gescheitert. Guerillakriege sind nicht mit den gängigen Mitteln zu gewinnen - es sei denn, man "investiert" enorm viel Personal und Material. Das wurde weder im Irak noch in Afghanistan noch in Osttimor oder sonst wo tatsächlich gemacht. Stattdessen vertraute man darauf, dass, einmal den "Funken" der "Freiheit" entfacht, die Bevölkerung mitzieht.
Das zeigt, dass man erschreckend wenig Ahnung davon hatte, welche Wertvorstellungen dort seit Jahrhunderten verankert sind. Einem Mohnbauern ist irgendwie nicht zu erklären, warum er sein Feld nur deshalb aufgeben soll, weil Wohlstandskinder im Westen massenhaft nicht vom Konsum der hieraus produzierten Drogen lassen können und ausgerechnet diese Drogen bei uns (mehr oder weniger zufällig) verboten sind. Diese Ambivalenzen unserer eigenen Wertvorstellungen sind afghanischen Bauern nicht zu erklären. Ich verstehe sie ja nicht einmal selber.
Man sollte nicht davon ausgehen, dass der eigene Wertekanon besser als der aller anderen ist. Wir nehmen zum Beispiel ganz selbstverständlich an, dass im Islam(ismus) Frauen unterdrückt werden. Im Zweifelsfall ist uns dabei egal, was die betroffenen Frauen selbst für eine Meinung haben, d.h. ob sie sich unterdrückt fühlen. Es geht also in vielen Fällen nicht um Unterstützung und Hilfe für andere, sondern mehr um die Durchsetzung unserer eigenen Interessen. Menschenrechte und andere hehre Ziele sollen diese egoistischen Ziele vor anderen Leuten, vor der eigenen Bevölkerung (und vor sich selbst) kaschieren.
Ob es sich immer um egoistische Ziele handelt, ist die Frage. Ich glaube, dass beim Afghanistan Einsatz nach dem 11.9. tatsächlich der Universalimus nur vorgeschoben war. In Wirklichkeit ging es (1.) um die Pipeline (Verhandlungen mit der Taliban-Regierung waren gescheitert), aber vor allem (2.) um die Unterbindung der sogenannten Terrorcamps. Hätte die Taliban-Regierung eine Art Steinzeitregime à la Pol Pot oder Kim Jong Il installiert, würde dies niemanden interessieren. Hierin liegt die Heuchelei. Sobald die Expansion aggressiv daherkommt, geht es weniger um Egoismen, sondern um handfeste sicherheitspolitische Interessen. Die hätte man m. E. besser dadurch vertreten, die Ausbildungslager gezielt aus der Luft anzugreifen, statt das ganze Land zu besetzen und zu "beglücken". Ein Blick in die jüngste Geschichte Afghanistans zeigt, dass da schon ganz andere gescheitert sind.