Richard David Precht: Feigheit vor dem Volk

Diesen Spiegelartikel habe ich erst gestern gelesen, seine Aktualität hat er angesichts der wahrscheinlich über 100 Toten durch deutsche Bomben in Afghanistan erneut gezeigt, und es wird immer so weiter gehen. Verteidigungsminister Jung und viele andere Mitglieder der aktuellen und der vorherigen Regierung werden nicht müde in ihrem Beteuern, Deutschland würde in Afghanistan keinen Krieg führen, und auch nicht in der Wiederholung des Satzes, die Taliban würden sich feige hinter der Zivilbevölkerung verstecken und diese als Schutzschilde missbrauchen.

Sieht man das Ganze mal aus der Perspektive eines Afghanen, sieht die Sache ganz anders aus. Statt hervorzukommen und offen Mann gegen Mann zu kämpfen, bewegen sich die Besatzungstruppen in gepanzerten Konvois durchs Land und werfen mit minimalem eigenen Risiko Bomben aus für die Talibankämpfer nicht zu treffenden Flugzeugen ab.

Anlass für die Alliierten, in Afghanistan einzumarschieren, war der Angriff auf das World-Trade-Center im Jahr 2001. Einige Zeit später wurde der Irak angegriffen. Zieht man eine Bilanz der Opfer, dann stehen 3000 Amerikanern, die im World-Trade-Center starben, inzwischen nach einer regierungsunabhängigen Studie (aus dem Jahr 2006!) über 650.000 Tote, tausende GIs und hunderttausende Iraker und Afghanen gegenüber.

Die offiziellen Begründungen für die beiden Kriege waren der Aufenthalt von maximal ein paar hundert Terroristen in wenigen Ausbildungscamps und im Falle des Irak der Besitz von Massenvernichtungswaffen. Immer öfter wird der Abzug der Truppen gefordert, die Linken verlangen das schon immer und waren von Anbeginn gegen jedwede Kriegführung im Ausland. Volker Rühe schlägt jetzt eine Zweijahresfrist für den Rückzug vor, Gerhard Schröder sechs.

Die Regierung protestiert gegen diese Festlegung, das sei zu wenig, aber es würden sicher keine Jahrzehnte werden. Semantisch gesehen, wären 19 Jahre noch keine "Jahrzehnte". Zusammen mit den 7 Jahren, die man bereits im Land ist, und den 13 Jahren von 1979 bis 1992 unter sowjetischer Besatzung, wären dann insgesamt in 39 von 50 Jahren ausländische Truppen im Land gewesen.

Man muss schon sehr naiv sein, um hier als Begründung an das Bekämpfen von ein paar hundert Terroristen zu glauben. Ist es nicht vielmehr die geostrategische Lage des Landes (und im Irak das Öl)?


Afghanistan ist ein terrestrischer Flugzeugträger, im Norden liegen die ehemaligen Sowjetrepubliken Turkmenistan, Uzbekistan und Tadschikistan, im Westen Iran, im Süden und Osten Pakistan. Es sind keine 200 Meilen bis zur indischen und zur chinesischen Grenze, die drei Letztgenannten sind die drei "offiziellen" Atommächte der Region.

Peter Struck, einer der Vorgänger von Jung im Amt des Verteidigungsministers hat mal gesagt, Deutschland würde am Hindukusch verteidigt. Hierzu schreibt Precht in seinem oben verlinkten Essay:
Mit Deutschland haben all diese Dinge naturgegeben nichts zu tun. Und nur die politischen Kapriolen im Vorfeld des letzten Irak-Krieges erklären, warum heute deutsche Soldaten im Norden Afghanistans eine Eskalation vornehmen sollen. "Deutschlands Sicherheit" werde "am Hindukusch verteidigt", flüchtete sich der damalige Verteidigungsminister Peter Struck in eine Lüge, um sich erfolgreich vor dem Krieg im Irak zu drücken. Gerhard Schröders Wiederwahl heiligte das Mittel. Doch wusste Struck tatsächlich nicht, welch fürchterliche rhetorische Anleihe er da gemacht hatte? Eine Anleihe an die unsägliche Redewendung der sechziger Jahre, in Saigon werde die Freiheit Berlins verteidigt? Bei jenem Satz, der dazu herhielt, die Chemie- und Biowaffeneinsätze, das Brandgas und Dioxin gegen die vietnamesische Zivilbevölkerung zu rechtfertigen? Ein Satz, frei von Logik und Konsequenz überdies, denn wenn er zuträfe: Wer verteidigt dann Deutschlands Sicherheit in Teheran? Wer verteidigt sie in Pjöngjang?
Man könnte die Liste noch fortsetzen, warum marschiert man nicht unter dem Banner der Menschenrechte in Somalia oder in China oder in Saudi-Arabien ein? Warum hat man nicht Stalin angegriffen, der außer seinem mit 26 Millionen Toten Landsleuten teuer bezahlten Sieg gegen Hitlerdeutschland für etwa 20 Millionen ermordete Sowjetbürger verantwortlich war? Und wenn man genauer hinsieht, dann ist sogar die Nichtbeteiligung Deutschlands am Irakkrieg eine Lüge: Deutschland hat durch seine Soldaten in Afghanistan dafür gesorgt, dass amerikanische Kräfte für den Irak frei wurden, deutsche Spezialisten saßen in den AWACS-Flugzeugen, deutsche Agenten in Bagdad lieferten Informationen für amerikanische Bomber.

Precht ist Philosoph, der weitaus größte Teil seines Bestsellers "Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?" ist ethischen Problemen gewidmet. Und seinen Ausführungen, warum man nicht die Universalität der Menschenrechte hernehmen und sie als Begründung für Kriege benutzen kann, ist wenig hinzuzufügen:
Der Fehler des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan liegt nicht allein in der praktischen Undurchführbarkeit. Er steckt bereits in der philosophischen Theorie. Seit der griechischen Antike inspiriert der Gedanke, dass es eine richtige Art zu leben gebe, den moralischen Idealismus westlicher Prägung. Die Dummen, die Ungebildeten und die moralisch Verirrten müssen mit allen in der Macht der Durchblicker stehenden gesellschaftlichen Mitteln dazu gebracht werden, auf Linie zu kommen. Dieser Idealismus fordert Unterwerfung unter die Idee des Guten, der Tugend, mithin unter die westliche Wertegemeinschaft.
...
Nach fast acht Jahren Bundeswehreinsatz in Afghanistan sind die Taliban nicht besiegt, die Menschenrechte werden überall missachtet, von Freiheit ist keine Rede mehr. Niemand kann das der Bundeswehr anlasten. Aber auch niemand wird damit ihren Verbleib rechtfertigen können. Immerhin: Die blühenden Landschaften sind Realität geworden. Von Norden bis Süden und von Osten bis Westen leuchten Mohnfelder für den Ertrag von Opium. Die Gegenwart in Afghanistan ist nicht grün, sondern violett.
Bereits vorher hatte er geschrieben:
Deutschland verteidigt am Hindukusch nicht seine Sicherheit, sondern es verstößt gegen das Völkerrecht. Geboten wäre ein Aufstand der Intellektuellen dieses Landes gegen den Dammbruch. Geboten wäre ein Appell, gestützt durch die Mehrheit der Bevölkerung, der unserer Regierung Mut machte, nicht weiterhin sinnlos Milliarden zu verschleudern und Soldaten in den Tod zu schicken.
...
Keine deutsch-amerikanische Freundschaft rechtfertigt dauerhaft einen militärisch perspektivlosen Einsatz. Und nur die mangelnde Courage der Bundesregierung gegenüber den USA erklärt das Fortwursteln. Mag sein, dass die Bundeswehr am Hindukusch einigen Menschen das Leben gerettet, ein paar Straßen friedlich gemacht und ein paar Frauen und Schulkindern das Leben erleichtert hat - aber all diese feinen Dinge könnte man mit gleichem Recht auch in Somalia tun, im Kongo oder in Ruanda. Einsatzorte für gute Taten gibt es überall. Aber nicht die USA gäben dabei die Marschroute vor, sondern Amnesty International.
Das glaube ich nicht, dass es bloß die mangelnde Courage vor den USA ist, das geht viel tiefer.

Kategorie: Politik
Gregor Keuschnig - 8. September, 08:29

Naja, es sind nicht ein "paar hundert" Terroristen; die aufständischen Taliban (Paschtunen) sind schon wesentlich mehr. Sie trachten danach, ihr Regime wieder zu re-implementieren. Wenn man das will, muss man raus.

Die Fehler, die 2001 gemacht wurden, sind zahlreich. Gefragt wurde die Bevölkerung ja nicht, wenngleich das Regime von Mullah Omar grausam war. Es hätte niemanden interessiert, wenn Afghanistan nicht ein Ausbildungslager für Terroristen geworden wäre, das sozusagen weltweit agierte. Dass die sogenannten Taliban-Krieger dann ihre Operationsbasis nach Pakistan verlegt haben, hätte man mindestens erahnen können.

Vieles, was man machte, erinnerte an Kolonialgehabe. Man implementierte einen Staatschef, der keinen Rückhalt in der Bevölkerung hatte und importierte das, was man als universalistische Werte benannte. Für mich war es beispielsweise logisch, dass die Grünen dem Einsatz zustimmten, weil sie ihrem Wesen anch autoritäre Missionare sind.

Heuchlerisch ist der jetzt vorgebrachte Vorwurf, die Bundesregierung habe nicht genug Leute nach Afghanistan geschickt, um diese ihre Aufgabe zu erfüllen. Obama will diesen Weg gehen - Abzug aus Irak bei gleichzeitiger Verstärkung der Truppen in Afghanistan. Deutschland will dabei sein, aber nicht so richtig. Schröders Einsatz für Afghanistan war strategisch, weil er sich damit aus dem Irak heraushalten konnte (obwohl er nicht glauben wollte, was dann zwei Jahre später geschah).

Die Frage, warum man nicht bei Stalin einmarschiert ist, ist natürlich pure Polemik (auch das Aufzählen der Toten gegenüber Hitlerdeutschland; ich verstehe nicht, was Du damit sagen willst - ausser virtuelle Punkte zu erringen). Ein Angriff auf die Sowjetunion in den 50er Jahren hätte einen Atomkrieg bedeutet. In Somalia hat man es versucht (Precht hat das wohl vergessen) - auch dort ist man an den lokalen Gegebenheiten, die sich unserem Verständnis von politischer Organisation entziehen, gescheitert. Ruanda hat man - das ist richtig - 1994 alleine gelassen. Da war man mit Jugoslawien beschäftigt. Im Kongo hatte man Wahlen beaufsichtigt.

Von den Missionierungsprogrammen der Kommunisten und des Westens waren immer nur Zweit- und Drittmächte "betroffen". Das hat sich seit 1989 nicht besonders geändert. Seitdem sind ausnahmslos alle diese Vorgehen gescheitert. Guerillakriege sind nicht mit den gängigen Mitteln zu gewinnen - es sei denn, man "investiert" enorm viel Personal und Material. Das wurde weder im Irak noch in Afghanistan noch in Osttimor oder sonst wo tatsächlich gemacht. Stattdessen vertraute man darauf, dass, einmal den "Funken" der "Freiheit" entfacht, die Bevölkerung mitzieht.

Das zeigt, dass man erschreckend wenig Ahnung davon hatte, welche Wertvorstellungen dort seit Jahrhunderten verankert sind. Einem Mohnbauern ist irgendwie nicht zu erklären, warum er sein Feld nur deshalb aufgeben soll, weil Wohlstandskinder im Westen massenhaft nicht vom Konsum der hieraus produzierten Drogen lassen können und ausgerechnet diese Drogen bei uns (mehr oder weniger zufällig) verboten sind. Diese Ambivalenzen unserer eigenen Wertvorstellungen sind afghanischen Bauern nicht zu erklären. Ich verstehe sie ja nicht einmal selber.

Köppnick - 8. September, 10:29

Precht ist Philosoph, ich glaube seine Kritik gilt außer den aufgelisteten Fällen vor allem dem Anspruch an die Universalität der Menschenrechte zu glauben. Wenn man nämlich mit diesem Anspruch auftritt, dann müssen zwangsläufig einige Aktionen heuchlerisch erscheinen, weil sich aus einer universalen Gültigkeit andere Prioritäten ergeben würden und weil man nicht erklären kann, warum in dem einen Fall auf der Einhaltung der Menschenrechte bestanden wird, in anderen Fällen nicht und wie man die Widersprüche innerhalb der Menschenrechtsdefinitionen selbst auflösen will.

Man sollte nicht davon ausgehen, dass der eigene Wertekanon besser als der aller anderen ist. Wir nehmen zum Beispiel ganz selbstverständlich an, dass im Islam(ismus) Frauen unterdrückt werden. Im Zweifelsfall ist uns dabei egal, was die betroffenen Frauen selbst für eine Meinung haben, d.h. ob sie sich unterdrückt fühlen. Es geht also in vielen Fällen nicht um Unterstützung und Hilfe für andere, sondern mehr um die Durchsetzung unserer eigenen Interessen. Menschenrechte und andere hehre Ziele sollen diese egoistischen Ziele vor anderen Leuten, vor der eigenen Bevölkerung (und vor sich selbst) kaschieren.
Gregor Keuschnig - 8. September, 10:40

Ja, Precht ist Philosoph. Wie Du vielleicht weisst, stehe ich dem (sogenannten) Universalismus auch mindestens skeptisch gegenüber. Dann sollte man das aber auch explizit sagen und amit eine vielleicht fruchtbare Diskussion anstossen.

Ob es sich immer um egoistische Ziele handelt, ist die Frage. Ich glaube, dass beim Afghanistan Einsatz nach dem 11.9. tatsächlich der Universalimus nur vorgeschoben war. In Wirklichkeit ging es (1.) um die Pipeline (Verhandlungen mit der Taliban-Regierung waren gescheitert), aber vor allem (2.) um die Unterbindung der sogenannten Terrorcamps. Hätte die Taliban-Regierung eine Art Steinzeitregime à la Pol Pot oder Kim Jong Il installiert, würde dies niemanden interessieren. Hierin liegt die Heuchelei. Sobald die Expansion aggressiv daherkommt, geht es weniger um Egoismen, sondern um handfeste sicherheitspolitische Interessen. Die hätte man m. E. besser dadurch vertreten, die Ausbildungslager gezielt aus der Luft anzugreifen, statt das ganze Land zu besetzen und zu "beglücken". Ein Blick in die jüngste Geschichte Afghanistans zeigt, dass da schon ganz andere gescheitert sind.
Metepsilonema - 8. September, 23:30

Man hat m.E. "keine" andere Wahl als durchzuhalten. Sonst begünstigt man genau diejenigen Strömungen, die man eigentlich bekämpfen möchte. Streit zwischen Bündnispartnern, ein teilweiser oder ganzer Rückzug, was für ein Imageverlust, was für eine Niederlage für den Westen! Abgesehen davon, dass die Lage in Pakistan dann auch kippen könnte (wer will schon Atomwaffen in der Hand von Terroristen sehen?).

Im Irak haben Durchhalten und strategische Änderungen letztlich auch (obwohl man das noch nicht sicher sagen kann) zum Erfolg geführt.

Nein, ein baldiger Ausstieg ist illusorisch, und dabei geht es gar nicht um deutsch-amerikanische Beziehungen, sondern um Sicherheits- und Machtinteressen.

Köppnick - 9. September, 07:12

Diese "interessante" Argumentation deckt sich in etwa mit diesem Spiegelartikel: Warum die Nato in Afghanistan bleiben muss. Es ist kein Autor angegeben. Im Artikel werden die ganzen Dinge aufgelistet, die schiefgelaufen sind und trotzdem die Sclussfolgerung gezogen, man hätte keine andere Wahl als zu bleiben. Man kann den Inhalt in dem folgenden Satz wiedergeben:

Eine Mehrheit der Amerikaner, Deutschen und Afghanen ist gegen den Militäreinsatz, aber er muss wegen der Glaubwürdigkeit der Nato fortgesetzt werden.

Bei dir ist es gar "der Imageverlust der westlichen Welt". In unserer Demokratrie zählen also die Interessen einer Institution oder gar eines abstrakten Wertesystems mehr als die Interessen derjenigen, für die diese Konstrukte erschaffen bzw. erdacht wurden? Früher hielt ich die Forderung der Linken nach Auflösung der Nato für übertrieben, aber je mehr "Argumentationen" ich zu Afghanistan und Irak lese, desto mehr tendiere ich auch in diesem bisher dissenten Punkt zu deren Meinung. Es gibt dann noch einen Telepolisartikel: Ein Krieg, der notwendig ist, aber keiner sein soll. Der Artikel ist deswegen so interessant, weil es in ihm um die Frage geht, ob Politiker in dieser Frage eine Wahl haben. Haben sie eine Wahl, könnten sie den Krieg auch beenden. Haben sie sie nicht, stellt sich die Frage, wozu man sie eigentlich braucht.
Gregor Keuschnig - 9. September, 08:24

Der Punkt ist spätestens seit Vietnam virulent: Einsteigen in einen Krieg (= Partei ergreifen) ist einfach - Aussteigen sehr schwierig.

Es geht nicht darum, ob man Politiker braucht oder nicht. Das sind Scheingefechte. Denn wann man sie abschafft, muss man sie wieder erfinden, denn Volksherrschaft wird furchtbar.

Der Imperativ müsste sein: Wenn man in einen Krieg einsteigt, gibt es ein Ziel. Ist dieses Ziel erreicht, muss man aussteigen. Stellt man zwischendurch fest, dass man das Ziel nicht erreicht, ist die Operation bis dahin gescheitert. Es gibt dann zwei Möglichkeiten: Man verkrümelt sich - oder man ändert die Strategie. Die Obama-Administration will die Strategie ändern: mehr Personal, bessere Ausrüstung, weniger militärische Aktionen und das, was man - ungenügend - als Aufbaumassnahmen definieren kann.

Diese Maßnahmen sind richtig, aber an zwei Bedingungen geknüpft: Man muss es machen (und alle Folgen tragen) und, das ist das wichtigste, es muss eine Bereitschaft in der Bevölkerung vorliegen, das westliche Wertesystem zu adaptieren (und ggf. mit seinen Vorstellungen anzugleichen).

Beides ist nicht erfüllt. Deutschlands Beteiligung war immer "soft", s. h. nur so, dass es nicht "weh" tut (im Norden). Die Kampfhandlungen überliess man anderen (was vermutlich aufgrund des Ausrüstungs- und Ausbildunsgsstands auch besser war/ist). Man wollte - Schröder-like - eine militärische Aufbautruppe vorzeigen, die sich zur Not "robust" verteidigen kann. Aus dem "Kann" ist ein "Muss" geworden; es gibt zuverlässige Stimmen, die sagen, dass die Bundeswehr praktisch nur noch damit beschäftigt ist, sich selber zu beschützen.

Wenn ein solcher Punkt erreicht ist, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Man setzt in absehbarer Zeit (ein Jahr) einen Ausstiegstermin fest. Oder man verstärkt die Präsenz. Ersteres spielt den Guerillas in die Hände; zweites hat Konsequenzen (vor allem die, dass man im Guerilla-Krieg ist).

Es ist schon ein Unterschied zu sagen, die NATO darf ihr Gesicht nicht verlieren oder man stellt die These auf, dass man macht- und sicherheitspolitischen Erwägungen zufolge bleiben sollte. Eine Verquickung beider Aussagen (und das noch gleich mit der Abschaffung der NATO - als nächstes dann vielleicht noch die Abschaffung von Waffen) ist m. E. unsinnig.

Erfahrungen mit Guerillakämpfern zeigen: Sie sind nur mit bestimmten Maßnahmen zu besiegen; rein militärisch funktioniert das nicht. Diese Erfahrungen waren schon 2001 bekannt; sie sind nicht neu. Wenn man diese Maßnahmen nicht bereit ist zu leisten, so darf man sich zukünftig nicht an solchen Aktionen beteiligen. Die Politkiker haben den Fehler gemacht, den Diskurs dazu nicht zu suchen, sondern ein Bild zu befördern, dass spätestens seit dem Einsatz der AWACS-Flugzeuge nicht mehr zutrifft.
Köppnick - 9. September, 10:22

Auf die Nato kann man dieselbe Logik wie auf Kriege anwenden. Zum Zeitpunkt ihrer Gründung hatte sie ein klares Ziel und sie war sicher richtig und notwendig. Mit dem Ende des Ostblocks ist dieses Ziel nicht mehr vorhanden. Die Begründung, dass Instutionen der UN ihre Aufgaben nicht übernehmen können, ist zirkeelschlüssig - weil man ihr genau die militärischen Ressourcen vorenthält, die die Nato verbraucht. Der Grund ist ein anderer: Auf eine Militärorganisation unter UN-Herrschaft hätte die USA einen geringeren Einfluss, hier hätten auch andere Staaten ein Mitspracherecht - auch diejenigen, gegen die die Nato jetzt vorgehalten wird. Schaut man sich die Kräfteverhältnisse innerhalb der Nato an, dann dienen die anderen Staaten als Feigenblättchen, um das Hegemonialstreben der Amerikaner zu kaschieren. Beim Euro haben es die Europäer doch schon geschafft, sich vom Dollar zu emanzipieren, man sollte den nächsten Schritt auch gehen und sich militärisch absetzen.

Auch das Argument, dass die Bundeswehr vor allem mit ihrem eigenen Schutz beschäftigt ist, ist ein wenig zirkulär. Militäroperationen sind immer im Wesentlichen mit sich selbst beschäftigt, vor allem finanziell. Nichtmilitärische Hilfe ist mit einem Bruchteil des Aufwandes zu leisten. Und sind es nicht gerade die Hilfsorganisationen, die möglichst nichts mit dem Militär zu tun haben? - Weil sie sich so einer größeren Gefahr aussetzen, als wenn sie allein agierenund weil sie mit Militär in einem besetzten Land eher als Teil des Problems als der Lösung angesehen werden. Das gilt überall auf der Welt, auch in Afghanistan und im Irak.
Gregor Keuschnig - 9. September, 10:42

Die Ziele der NATO sind allerdings längst schon neu definiert (bspw. Rohstoffsicherung und Terrorabwehr, usw). Interessant ist ja, dass die NATO nach wie vor eine grosse Sogwirkung hat - speziell für die von Dir angesprochenen kleineren Staaten. Die Erfahrung hat gezeigt, dass man den hegemonialanspruch der USA jeden anderen Hegemonialanspruch noch vorzieht.

Die Bemühungen, eine autarke europäische Verteidungsunion zu implementieren (wenigstens als NATO-Appendix) sind entweder gescheitert oder auf einem sehr niedrigen Niveau "eingeschlafen".

Mindestens drei Gründe sprechen dagegen:

1. Es gäbe kein genügendes Atomwaffenpotential - ohne das ist ein neuer militärischer Mitspieler nur unzureichend als solcher akzeptiert.
2. Russland (und vielleicht auch China) würden dies u. U. als aggressiven Akt verstehen.
3. Ein europäisches militärisches Bündnis hat primär kein Ziel (ausser das, was die NATO als Ziel hat). Auch hier gibt es grundsätzlich andere Auffassungen innerhalb führender Staaten, was/wie sicherheitsrelevante Aspekte zu bewerten und zu beantworten wären (man denke an Großbritannien und Frankreich).

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Nichtmilitärische Aufgaben sind natürlich mit einem Bruchteil zu leisten. Das impliziert jedoch das, was ich schon oben ansprach: befriedete Gebiete und AKzeptanz innerhalb der Bevölkerung.
Köppnick - 9. September, 14:16

Ich bestreite nicht, dass die Befürworter der Fortsetzung der Nato sich neue Gründe ausgedacht haben, jedes System ist schließlich bestrebt, sich selbst zu erhalten. Bei meinem Vorschlag der Emanzipation von den USA hatte ich weniger ein europäisches Verteidungssystem im Auge (was folgerichtig von außenliegenden Staaten falsch interpretiert werden könnte), sondern an die Unterordnung der Streitkräfte unter die UNO. Da wären dann Russland und China (und Kuba und Israel und...) nicht draußen, sondern drin.

Ich sehe auch keinen besonderen Nutzen darin, zur Rohstoffsicherung (wieso militärisch und nicht durch gute Bezahlung?) und zur Terrorabwehr über Atomwaffen verfügen zu müssen. Weiterhin sehe ich keinen Nutzen darin, zum Beispiel Großbritannien und Frankreich mit Deutschland in einem Militär(!)bündnis zu vereinen, wenn man sich gegenseitig nicht mehr bedroht (einer der ursprünglichen Gründe für Allianzen) und nach außen unterschiedliche Interessen hat. Die beste Friedensversicherungen sind - das hat mich vor allem die Wende gelehrt - sind Wirtschaftsbeziehungen, ein reger Tourismus und offene Grenzen.

Das heutige Talibanproblem ist doch genau durch diese Art der postkolonialen Hegemonialpolitik entstanden - man (vor allem die USA!) hat seine Interessen mit Methoden durchsetzen wollen, die bei den Betroffenen Abwehrmechanismen erzeugen müssen - und das auf allen Ebenen: Durch den propagierten Universalismus der Menschenrechte, durch Militär, durch Wirtschaft, durch Kultur und durch Geld. Wie man am besten am Beispiel Israels sieht, kann man diese Art der Auseinandersetzung niemals für sich entscheiden.
Gregor Keuschnig - 9. September, 14:31

Gegen eine Art europäische Armee spricht m. E. nichts (sie wird alleine aufgrund der Sprachbarrieren nie zustande kommen). Sie dürfte sich nur nicht als aussenpolitisches Instrument verstehen.

Die Bezahlung der Rohstoffe ist sicherlich eine gute Idee, aber darum geht es nicht. Es geht um Kontrolle der Anbieter (auch, aber nicht nur um den preis im Rahmen zu halten). Viele rohstoffreiche Lände haben aussergewöhnlich labile politische Verhältnisse (bis hin zu Sezessionen).

Afghanistan ist kaum ein Produkt postkolonialer Hegemonialpolitik. De facto ist es seit 1919 unabhängig. Das Problem war die Intervention der Sowjetunion, die ein kommunistisches Regime dort implementierte und 1979 dann einmarschierte (Breschnew-Doktrin). In der Logik des Kalten Krieges hatten die Amerikaner mit dem "Feind meines Feindes" Kräfte bewaffnet unterstützt, die sie normalerwise nicht einmal mit der Kneifzange angefasst hätten. DAS kann man den Amerikanern vorwerfen. Aber man darf Ursache und Wirkung nicht ganz aus dem Auge verlieren.

("Taliban" hat es übrigens immer schon gegeben; der Begriff ist sehr ungenau. Es sind Paschtunen, die ein Drittel der Bevölkerung ausmachen (im Süden sind sie dominierend). Wenn jetzt in Anbetracht des Angriffs von "Taliban" und "Zivilisten" gesprochen wird, zeigt das die Ignoranz und Unkenntnis der Medien.)
Peter42 - 9. September, 21:11

DAS kann man den Amerikanern vorwerfen. Aber man darf Ursache und Wirkung nicht ganz aus dem Auge verlieren.
Das muss man den Amerikanern vorwerfen. Und zwar als Ursache vieler Entwicklungen, nicht als Wirkung. Wer erinnert sich denn heute noch daran, dass selbst Ho Chi Minh mal auf der Payroll der Amerikaner stand als es ihnen passte. Und ein kurzer Rückblick auf die entsprechenden amerikanischen Interventionen in Mittel- und Südamerika reichen leicht das Land in die Reihe der Schurkenstaaten einzureihen.

Unsere (westliche) Generation sollte nie vergessen, dass wir ebenso unter dem Diktum der Propaganda standen (und stehen) wie der vermeintliche Gegner. So wie der Krieg in Afghanistan durch mehrere Interessensebenen nicht gradlinig zu erklären ist, war dies mit allen Konflikten vorher auch. Eigentlich ist es zu trivial, um es endlos zu wiederholen, aber leider nötig, da der Verstand in der öffentlichen Meinung versagt. Zuerst kommt der strategische/imperiale Anspruch (du hast Menschenrauch gelesen), dann kommt die dahergeheuchelte Begründung für die sonntäglichen Kirchgänger. Jede andere Begründung halte ich für groben Unfug, wenn man nur daran denkt, dass auf der Entscheidungsebene ein Dick Cheney und ein Richard Perle saßen. Und die (Entschuldigung) scheißen auf den Universalismus der Menschenrechte.
Gregor Keuschnig - 9. September, 21:42

@Peter42

Vielleicht sch**** Perle und Cheney auf den Universalismus; ich habe da aber Zweifel und glaube, dass diese neokonservative "Vision" von Überzeugungstätern begangen wurde. Dabei verknüpfen sich eben ökonomische, geostrategische und universalistische Interessen - darin liegt m. E. der Grund, warum man nicht in bestimmten anderen Ländern "eingreift" (es fehlt meist eines der beiden Komponenten).

Die USA als Schurkenstaat zu bezeichnen, mag gerechtfertigt sein oder nicht. Es gibt dafür sicherlich zahlreiche Belege. Alleine: Es bringt uns nicht weiter. Denn auch die Interventionen der USA in Mittel- und Südamerika sind ohne den sogenannten "Kalten Krieg" nicht zu denken. Die Sowjetunion ist allerdings seit 1989 als "Schurkenstaat" nicht mehr da; China wird immer noch weitgehend verklärt.
Köppnick - 9. September, 23:00

In der Tat bringt uns das immer weiter in die Vergangenheit gehen und die Suche nach Ursachen nicht weiter. Denn zum Beispiel hatten auch die Bolschewiki für ihr Handeln gute Gründe. Trotzdem tragen sie die Verantwortung für viele Millionen Tote. Wenn man heutiges Handeln also bewerten will, dann darf man nicht nur nach Entschuldigungen in der Vergangenheit suchen, sondern man muss schauen, ob es zum gegenwärtigen Krieg Alternativen gibt. Und man kann weder beim Krieg in Afghanistan mit direkter deutscher Beteilung noch beim Krieg im Irak mit indirekter Beteilungen sagen, dass es keine anderen Möglichkeiten gab und gibt. Man kann Krieg als Fortsetzung von Politik ansehen oder man kann Krieg als Ende von Politik und Kapitulationserklärung betrachten. Man muss auch nicht mit Krieg antworten, wenn die andere Seite militärisch (Terror) "argumentiert".
Metepsilonema - 9. September, 23:55

In unserer Demokratrie zählen also die Interessen einer Institution oder gar eines abstrakten Wertesystems mehr als die Interessen derjenigen, für die diese Konstrukte erschaffen bzw. erdacht wurden?

Langsam, langsam. Vielleicht war ich auch undeutlich: Ich versuchte mir nur zu überlegen was es aus der Sicht der agierenden Mächte sicherheitspolitisch bedeuten könnte, wenn man aus Afghanistan abzieht. Und es ist nun einmal so, dass ein vorzeitiger Abzug bei deren Gegnern als eine Niederlage des Westen gefeiert werden wird.

Versuchen wir uns zu überlegen, was ein schneller Ausstieg für Konsequenzen haben wird (euch fallen sicher noch einige Punkte ein):
  • Verstärkung derjenigen Kräfte, die zurückgedrängt werden sollen.
  • Weitere Destabilisierung der Region.
  • Enttäuschung (und vermutlich Schlimmeres) für diejenigen, die mit den fremden Mächte kooperierten oder Verbesserungen erhielten (etwa Frauen).
  • Vermutlich weniger Tote (Soldaten, Zivilisten, Guerillakämpfer)
  • Handeln gemäß der eigenen Überzeugungen.
  • Aufgabe der Rohstoffsicherung.
Die Frage ist, ob das gesteigerte Leid der einen, durch das verringerte der anderen aufgehoben wird. Was ich allerdings nicht sehe, ist was ein sofortiger Abzug bringen soll, und selbstverständlich sind nicht alle Punkte relevant, wenn man die Angelegenheit ausschließlich vom Standpunkt der Macht- und Interessenspolitik sehen will. Zum Argument, dass man auch anderswo einschreiten hätte können, wenn es um (ausschließlich) Menschenrechte ginge, gebe ich zu bedenken, dass Staaten vermutlich eher dort einschreiten werden wo sie zumindest auch profitieren werden (es ist nicht ausgeschlossen, dass der Universalismus zumindest eine Rolle gespielt hat).

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Ein Problem mit der NATO ist in der Tat, dass sie fähig ist die UN zu unterlaufen, wie es sich ja im Irakkrieg auch gezeigt hat.
Peter42 - 9. September, 23:58

@Köppnik

Ich bezweifele, dass die Entscheidung über den Krieg in Deutschland je zur Debatte stand. Wie schon zu früheren Zeiten, und da lohnt ein Blick zurück doch manchmal, kann der Eintritt in einen Krieg das Ergebnis von Abhängigkeiten sein, die in einem dynamischen Prozess plötzlich nur noch eine Tür offen lassen. Dies war 2001 sicherlich der Fall.

Die NATO hing seit einiger Zeit im luftleeren Raum und suchte eine Existenzberechtigung und die Euopäer monierten zunehmend die amerikanische Umdeutung des Verteidigungsbündnisses. Der Ausruf des Verteidigungsfalls nahm da schon fast epische Dimensionen an, konnte an die alte Legende anknüpfen. Nach außen konnte man zumindest kurzfristig Hickhack durch Entschlossenheit und nach innen Zaudern durch Aufgabe tauschen. Hätten die europäischen NATO-Partner in dieser Situation den Schwanz eingezogen, hätte das ganze Bündnis zur Disposition gestanden.

Heute ist das heillose Gewirr von unterschiedlichen Interessen kaum noch zu lösen. Ich befürchte, dass man so lange rumwurschtelt, bis eine halbwegs ruhige Zeit erlaubt die militärische Präsenz zu beenden. Ganz den Fuß aus der Tür nehmen, werden die Amerikaner bestimmt nicht, da die strategische Bedeutung viel zu groß ist. Für Deutschland stellt sich die Situation sehr hässlich dar. Man hat zwar eigentlich keinen Grund da zu sein, aber auch keine Möglichkeit zu gehen ohne die eigene Rolle in der Welt so zu schwächen, dass in der Zukunft keine Handlungsoptionen in anderen Fragen mehr offen stehen. Daher sehe ich weder den Eintritt noch das Ende des Krieges als eine Entscheidung deutscher Politiker an.

Wäre ich Bundeswehrsoldat in Afghanistan, käme ich mir ziemlich verheizt vor.
Zivi (Gast) - 10. September, 01:07

Fussnoten

-Die Römer hatten auch eine multi-kulti Armee.
-Stammesfehden und Warlords dominieren noch lange in Afg.
-Fundamentalisten dominieren das Land.
-Nach Abzug des Westens übernimmt Al Kaida grose Teile .
Köppnick - 10. September, 07:57

@Metepsilonema, @Peter42
Ich denke, wir haben jetzt alle Argumente pro und kontra durch, bis auf eines: Im Spiegel (ich finde den Link jetzt nicht) gabe es einen Bericht über eine Militärärztin, die in Afghanistan war. Natürlich war und ist sie für den Einsatz, was aus ihrer Perspektive und für ihre psychologische Legitimation natürlich notwendig ist und für mir (ebenfalls natürlich) als Bias abgerechnet wird.

Ich fand aber etwas anderes wichtig: Sie hat berichtet, dass irgendwann die Stimmung im Land gekippt ist und die fremden Soldaten nicht mehr als Helfer, sondern als Besatzer empfunden wurden. Man kann dafür sicher eine ganze Reihe an Besonderheiten finden und das damit erklären. Ich glaube aber, dass man damit am Kern des Problems vorbeidenkt.

Meiner Meinung nach ist das ein generelles Merkmal jeglichen Kriegseinsatzes in einem fremden Land: Nach einer vergleichsweise kurzen Zeit sind fremde Soldaten immer Besatzer, wenn es große kulturelle Unterschiede gibt. Daraus leitet sich für mich die Schlussfolgerung ab, dass Kriege kein Mittel zur Erreichung irgendwelcher Ziele sind, dieser Ansatz wird immer scheitern. Dazu kommen die beiden Punkte, dass Kriege mehr Geld kosten als friedliche Missionen und in Kriegen mehr Menschen sterben. Das gilt unabhängig von den konkreten Besonderheiten.

Krieg kann man einzig und allein rechtfertigen, wenn er auf eigenem Territorium stattfindet, also wenn die anderen die Besatzer sind. Das ist für die Amerikaner und Europäer weder in Afghanistan noch im Irak der Fall, trotz 9/11. Letztlich bestätigen beide Kriege mir, dass der Ansatz der Linken richtig ist, die jeglichen Krieg ablehnen. Im Einzelfall mögen die sich dann auftuenden Widersprüche unerträglich sein, aber es ist der einzige Weg, wenigstens sehe ich das so.
Gregor Keuschnig - 10. September, 08:36

@Köppnick (Ich hör' auch gleich auf)

Das mit den Besatzern ist ja das, was ich meinte, als ich von der Akzeptanz in der Bevölkerung sprach. Die war insbesondere bei den Nicht-Paschtunen 2002f sicherlich vorhanden, weil man dem Mullah-Omar-Regime nichts abgewinnen konnte. Dann kommt jedoch irgendwann der "roll-back"; der immer zu beobachten ist, wenn es gegen einen gemeinsamen Feind geht, aber die Perspektive danach nicht ausgeleuchtet wird.

Dass Kriege nur auf dem eigenen Gebiet stattzufinden haben, könnte ein möglicher Imperativ sein. Er würde jedoch einen (evtl.von aussen geschürten) Bürgerkrieg nicht berücksichtigen. Weiterhin berücksichtigt er nicht eine Aggression, die mit Guerillamitteln in fremde Länder agiert (wie bspw. der islamistische Terrorismus). Hier besteht sehr wohl die Möglichkeit, sich wehren zu dürfen. Ob man dafür gleich das ganze Land besetzen muss, zweifle ich allerdings auch an.

Der Imperativ der Kriegsbeschränkung auf das eigene Land (der, würde er von allen befolgt, ja gar keinen Krieg mehr bedeuten würde) gilt sicherlich nicht für die sogenannten Großmächte. Nicht, weil es für sie moralisch nicht gelte, sondern weil ihre Interessen einfach andere sind. Das van-Creveld-Buch zeigt (auch wenn man ihm in seinem Schwarz-Weiss-Denken nicht immer zustimmt), wie das funktioniert und wie zuviele "Großmächte" jahrhundertelang zu dauerhaften Kriegen zwischen diesen führte.

Eine Partei, die jeglichen Einsatz der Bundeswehr kategorisch ausschließt, macht es sich natürlich sehr einfach. Den Blödsinn von Struck kontert man von der anderen Seite; nicht besonders originell. Man genießt gerne die Früchte, die andere ernten sollen. Mit ähnlichem Unsinn spielten die Grünen anfangs auch herum. Deren Kehrtwendung 1998, aktiv in einem Krieg mitzumachen, empfand ich dann allerdings als vollkommen unglaubwürdig. Die Partei ist seitdem für mich im Bund unwählbar geworden.

(PS: Die Forderung, die NATO aufzulösen, ist ebenfalls vollkommen blödsinnig. Das kann Deutschland und erst recht keine 10%-Partei "beschliessen". Typische Hybris. Die Forderung könnte nur lauten, dass Deutschland aus der NATO austritt, womit wir dann mitten im Geschichtsunterricht [deutscher Sonderweg] wären. Aber das möchte ich Dir ersparen.)
Metepsilonema - 10. September, 23:08

Sie hat berichtet, dass irgendwann die Stimmung im Land gekippt ist und die fremden Soldaten nicht mehr als Helfer, sondern als Besatzer empfunden wurden.

Mich verwundert diese Feststellung und ich frage mich, ob das nicht durch die Ausgangssituation in dem betreffenden Land mit verursacht wird, also ob man das generell so deuten, und ob es nicht genau entgegengesetzt verlaufen kann. Warum sollte man den Fremden (eben weil sie fremd sind) zunächst nicht mit Misstrauen begegnen, und sie erst nach und nach (durch ihre Verdienste) als Helfer anerkennen?

Gewaltanwendung im Verteidigungsfall wird oft (auch im Kriegsfall) als die einzige zu rechtfertigende empfunden, aber würdest Du - als Metapher verstanden - zusehen wie eine Frau vergewaltigt wird? Mache ich mich nicht mitschuldig, wenn ich sehenden Auges einem Völkermord nicht Einhalt gebiete?
Köppnick - 11. September, 08:21

Sicher wird ein konkretes Ereignis immer durch konkrete Ursachen verursacht. Es ist nur die Frage, ob es ein allgemeines Muster gibt, dass man bei sehr vielen derartigen Vorgängen beobachten kann. Wenn dem so ist, dann sollte man vielleicht bei den Ursachen beginnen. Zu den konkreten Vorgängen: Wir sind uns sicher einig, dass eine wesentliche Ursache des islamistischen Terrors der Nahostkonflikt ist. Dieser muss gelöst werden, dann verringert sich wahrscheinlich automatisch (innerhalb von ein bis zwei Generationen) die Terrorgefahr aus dieser Richtung.

Dein Vergewaltigungsbeispiel ist insofern schlecht gewählt, weil es eine vollkommen andere Situation konstruiert. Man überträgt nur sehr wenige Merkmale aus dem Original in die Analogie, aber die so erzeugte Emotionalität ist die der Vergewaltigung, nicht die des "Völkermordes". Im Falle der beobachteten Vergewaltigung haben wir Handlungsmöglichkeiten, die zudem in unserem Instinkt fest verankert sind. Bei einem von den Medien berichteten Völkermord gilt das nicht.

Meine prinzipielle Ablehnung von Kriegen im Ausland speist sich u.a. aus der Überlegung, dass man mit dem Geld für einen Soldaten zehn THW-Leute oder hundert Entwicklungshelfer ausrüsten kann. Natürlich ist das eine typisch utilitaristische Argumentation, die im Einzelfall zu hinterfragen ist, aber als grobe Orientierung ist sie recht nützlich.

Und wenn wir Soldaten losschicken,werden wir direkt für Tote verantwortlich sein. Das ist das einzige Ergebnis, das unabhängig von der konkreten Situation immer gültig sein wird. Das wird natürlich verdrängt, aber genauso wie in deinem Vergewaltigungsbeispiel könnte man im Bundestag dann abstimmen lassen: "Wer ist dafür, dass wir unsere Truppen in Afghanistan Zivilisten töten und Hochzeitsgesellschaften bombardieren lassen?" Das ist zwar nicht das Ziel der Mission, aber es wird immer und mit Sicherheit passieren. Man muss sich fragen, ob man bereit ist, diese moralische Schuld für die sogenannten Kollateralschäden auch zu tragen.
Metepsilonema - 11. September, 10:15

Ich glaube eben, dass das allgemeine Muster so nicht zutrifft. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs hat sich (vermute ich) eher das Gegenteil gezeigt: Viele Menschen standen den Alliierten zu Beginn der Besatzungszeit skeptischer gegenüber, als zu deren Ende (wenn man diejenigen außen vor lässt die aus Konzentrationslagern, Gefangenschaft etc. befreit wurden, sondern an den "Durchschnittsbürger" denkt, der den Bombenkrieg erlebt hat und dessen Bekannte und Verwandte an der Front standen).

Mit dem Vergewaltigungsbeispiel wollte ich darauf verweisen, dass es Situationen gibt, in denen man völligen Gewaltverzicht überdenken sollte (weil er eventuell das Schlimmste verhindern hilft). In beiden Situationen gibt es jemanden der eingreifen könnte, und nur einen, denn - obwohl Deine THW-Überlegung richtig ist -, wie sollten sie dem Mord an Zivilisten Einhalt gebieten können (Du hast recht, man erlebt die Vergewaltigung direkt, aber ich denke es geht eher darum ob Du den Einsatz von Gewalt in diesem Fall für gerechtfertigt hältst, Instinkte entbinden uns nicht von dieser Frage)?

Man muss sich fragen, ob man bereit ist, diese moralische Schuld für die sogenannten Kollateralschäden auch zu tragen.

Selbstverständlich. Und man muss sie in Relation zu dem tatsächlichen Geschehen setzen, auch wenn das den Eindruck kalter Bürokratie und Kalkulation hat.

Mein Fazit ist, dass diese Frage immer situationsbezogen entschieden werden muss, und dass die generelle Ablehnung oder Befürwortung wenig hilfreich ist - oder nicht mehr als eine allgemeine Richtlinie.
Gregor Keuschnig - 11. September, 10:41

@Köppnick

Meine prinzipielle Ablehnung von Kriegen im Ausland speist sich u.a. aus der Überlegung, dass man mit dem Geld für einen Soldaten zehn THW-Leute oder hundert Entwicklungshelfer ausrüsten kann.
In Afghanistan sind ja beide im Einsatz - der THW-Helfer (oder von einer anderen Organisation) und der Soldat, der im Zweifel diese(n) Helfer "beschützen" soll.

Meine These geht dahin, dass, wenn der THW- oder andere Helfer nicht gewollt ist, dann auch keine Hilfe zu erfolgen hat. Das ist relativ einfach: Wenn keine Hilfe erwünscht ist, leiste ich keine. Dass es den Konflikt Machthaber/Hilfebedürftige gibt, nehme ich dabei bewusst in Kauf. Nur so kann man - das ist verknappt formuliert und auch ein bisschen naiv - den Aufstand der eigenen Bevölkerung gegen die Machtverhältnisse erzeugen. Dieser hätte dann eine andere Legitimation als eine Fremdbesatzung.

In Afghanistan lag ein virulent aggressives Potential bei der Regierung, die Terrorismus aktiv beförderte. Hier besetzte man das ganze Land und vergass, dass Pakistan nicht gleich mit besetzt werden kann. Die USA haben den Angriff auf das WTC durchaus als Kriegserklärung genommen; es war vermutlich auch entsprechend gemeint. Bedauerlicherweise hat man jedoch so reagiert, wie dies von den Drahtziehern erwartet wurde bzw. man hat so reagiert, dass die Residuen der "Taliban"-Macht nicht entscheidend geschlagen wurden (Mullah Omar lebt heute noch; viele seiner "Minister" auch; von Bin Laden gar nicht zu reden.)

Der Afghanistan-Einsatz krankt im übrigen auch daran, dass die eigenen Verpflichtungen nicht ausgeführt wurden. Auf der Petersberg-Konferenz 2002 verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland 2.500 Ausbilder für die Polizei von Afghanistan zur Verfügung zu stellen. Derzeit sind 50 vor Ort. Polemisch formuliert könnte man sagen, dass man den eigenen Einsatz desavouiert, in dem man ihm zugesagte Ressourcen (das ist nicht immer nur Geld) verweigert. Dazu gibt es noch mehr Beispiele. Das wird leider in den Medien nicht thematisiert, da die Komplexitätsreduzierer in ihren warmen Stuben behaglich Weltpolitik betreiben wollen.
Köppnick - 11. September, 11:13

Zum Zusamenhang zwischen 9/11 und Afghanistan ist dieser Telepolisartikel sehr erhellend: Warum Afghanistan?. Zitat:
Die Skepsis könnte bei der einfachen Tatsache beginnen, dass keiner der vier mutmaßlichen Terrorpiloten oder ihrer 15 Helfer Afghane war. Die Piloten stammten aus Saudi-Arabien, Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem Libanon. Drei von ihnen wohnten lange in Hamburg, bevor sie mehr als ein Jahr vor dem Anschlag in die USA zogen. Der vierte lebte schon länger in den Vereinigten Staaten. Dort fand die eigentliche Planung und Vorbereitung der Flugzeugentführungen statt. Zu mindestens sechs finalen Absprachen [extern] trafen sich die Piloten allein in Las Vegas. Zwei der Planer wohnten sogar bei einem Spitzel des FBI (der vom Justizministerium anschließend vor der parlamentarischen Untersuchungskommission [extern] versteckt wurde). All dies geschah in Kalifornien, das, wie man weiß, nicht am Hindukusch liegt.

Anführer Mohammed Atta schließlich erlernte in Florida und nicht etwa Kandahar das Fliegen. Bereits zwei Monate nach Attas Einreise in die USA waren er und seine Komplizen zudem übrigens durch ein geheimes US-Militär-Sonderprogramm namens "Able Danger" als Terrorzelle erkannt worden, ohne dass diese Information an Ermittlungsbehörden weitergeleitet wurde. Die New York Times machte den skandalösen Vorgang im Jahr 2005 einer breiteren Öffentlichkeit [extern] bekannt.

9/11 hatte seine Wurzeln also mithin in den USA sowie in Deutschland. Mohammed Haydar Zammar, der Rekrutierer von drei der späteren Piloten (Mohammed Atta, Marwan Al-Shehhi, Ziad Jarrah) lebte in Hamburg und wurde auch vom deutschen Geheimdienst observiert; es gab sogar einen Anwerbeversuch. Weiterhin [extern] operierte die CIA im Umfeld der Hamburger Terroristen. Nach den Anschlägen wurde die Schlüsselfigur Zammar schließlich mit Wissen der USA verschleppt und wird bis heute in Syrien unter Verschluss gehalten. Ein öffentlicher und transparenter Prozess gegen ihn war bisher anscheinend unerwünscht.

Soviel zur Verbindung zwischen Afghanistan und dem 11. September. Sie ist de facto eher schwach. Sicher, es gab und gibt dort terroristische Trainingscamps, und auch Osama Bin Laden hatte bei den Taliban Unterschlupf gefunden. Jedoch ist gerade Bin Laden skandalöserweise bis heute keinerlei Verbindung zu 9/11 gerichtsverwertbar nachgewiesen worden. Selbst das FBI [extern] sucht ihn offiziell weiterhin lediglich wegen der Anschläge in Ostafrika von 1998. Die hauptsächliche Planung des 11. Septembers fand so nach allen vorliegenden Indizien in zwei Mitgliedsländern der NATO statt. Eben jenen Ländern, die nun für das Massaker nahe Kunduz verantwortlich sind.
Schließt man sich dieser Argumentation an, dann fehlt auch für den Krieg in Afghanistan genauso wie für den im Irak jegliche völkerrechtliche Legitimation.

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