7 Fragen an den Kapitalismus
Als ich in der letzten Woche "Die Zeit" gekauft habe, war das eigentlich nicht wegen dem Atomenergieartikel von Christiane Grefe, sondern wegen den auf der Titelseite angekündigten "7 Fragen an den Kapitalismus". Jede der sieben Fragen wird von einem anderen Autor gestellt (und versucht zu beantworten). Gleich die erste Frage Gibt es den Kapitalismus überhaupt? von Jens Jessen ist interessant.
Er zeichnet darin den Weg nach, den der Begriff "Kapitalismus" in den letzten Jahrzehnten genommen hat. Am Anfang war es ein negativ konnotierter Begriff:
Ein einfaches Beispiel: Wenn Manager A beschließt, etwas "menschlicher" zu handeln und seinen Angestellten kürzere Arbeitszeiten zu gönnen und höhere Löhne zu zahlen, dann fällt seine Firma gegenüber ihren Konkurrenten zurück, denn die erbosten Aktionäre werden ihr Geld aus der Firma abziehen und damit lieber eine andere Firma päppeln, in der Manager B einen harten Spar- und Investitionskurs führt.
In diesem Wettbewerb werden bestimmte Verhaltensweisen der Manager vom System nicht toleriert. Analog der biologischen Evolution erzwingen die Regeln des Systems bestimmte Verhaltensmuster, die von der Stellung der einzelnen Teilnehmer in diesem System abhängen. Wer sich auf Dauer nicht daran hält, darf nicht mehr mitspielen.
Wer andere Spielregeln möchte, wird sie nicht durch altruistisches Verhalten Einzelner erzwingen, sondern indem eine kollektive Übereinkunft einer übergroßen Mehrheit erzielt wird, die alle zu dem Schluss gelangt sind, dass die Regeln geändert werden müssen. Natürlich sieht das aus der Nähe wieder so aus, als ob viele Einzelne gerade den aufrechten Gang geübt haben, aber daraus abzuleiten, den "Kapitalismus" gäbe es eigentlich gar nicht, ist großer Unsinn.
Ein anderer Artikel hat mich dagegen wirklich nachdenklich gemacht. Ich kenne von Harald Martenstein seine Kolumnen in der Geo bzw. ihren Sonderheften. In der "Zeit" hat er zum Thema "Kapitalismus" den Artikel "Was heißt hier sinnhafte Arbeit?" geschrieben. Der Begriff der Entfremdung ist ein klassischer Begriff aus der Kapitalismuskritik. Er bringt zum Ausdruck, dass der Arbeitende etwas nicht tut, weil er Lust dazu hat, sondern weil es bezahlt wird. Noch ein weiteres und davon unabhängiges Kriterium ist, ob eine Tätigkeit einen Sinn hat:
Kategorie: Politik
Er zeichnet darin den Weg nach, den der Begriff "Kapitalismus" in den letzten Jahrzehnten genommen hat. Am Anfang war es ein negativ konnotierter Begriff:
Wer in den sechziger, siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vom Kapitalismus sprach, handelte sich fast automatisch seine Ausdehnung auf alle Lebensbereiche ein. Ein ganzes Rudel von Theorien, das sich im Laufe der Zeit an den Begriff angelagert hatte, war in der Lage, jede beliebige Verbindung herzustellen. Da war zunächst der Faschismus, der als natürliche Konsequenz des Kapitalismus galt.Mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems kippte dieses Verhältnis, weil die Alternativ offenbar keine war. Nun galt:
Dann galt aber auch die parlamentarische Demokratie nur als Maske, die das Herrschen des Kapitals verschleierte. Jede Diktatur in der Dritten Welt, die Unterdrückung der Frau, der schlechte Sex, alles war vom Kapitalismus herbeigeführt.
Und so weiter, bis in jedes Alltagsdetail und individuelle Schicksal hinab. Geschah etwas Unschönes, und sei es ein Verkehrsunfall oder ein Verbrechen, musste es mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht gelang, darin zumindest eine Spätfolge oder Nebenfolge des Kapitalismus zu sehen.
Wer aber wollte die namenlose Überraschung schildern, als dieses in den achtziger Jahren glücklich verblasste Systemdenken nach dem Ende der sozialistischen Staatenwelt noch einmal hervorgeholt und blank geputzt der staunenden Öffentlichkeit präsentiert wurde? Nun freilich mit der entgegengesetzten Pointe. Nicht alles Hässliche und Beklagenswerte, sondern alles Schöne und alle Errungenschaften von Freiheit und Demokratie wurden plötzlich dem Kapitalismus zugeschrieben. Man konnte kaum vor die Haustür treten, ohne dass einem das Glück des freien Heraustretens und unreglementierten Genießens der Morgensonne als Segnung der freien Marktwirtschaft gepriesen wurde.Jetzt, mit der Wirtschafts- und Finanzkrise kippt die Bewertung erneut in die andere Richtung, auch dafür findet Jens Jessen in seinem Artikel schöne Bilder. Dann das Fazit:
Es war das gleiche klaustrophobische System wie bei den Kapitalismuskritikern, in dem alles mit allem zusammenhängt und besonders fest mit der Marktwirtschaft, nur dass es jetzt zu Lob verpflichtete. Lobet den Herren, schrien die Kapitalismusfreunde, wenn man zur Arbeit ging, lobet den Herren, schrien sie, wenn man die Arbeit verlor, weil es nämlich nichts anderes hieß, als dass man sein Schicksal endlich eigenverantwortlich in die Hand nehmen konnte.
Es sei denn… Es sei denn, es würde in Zukunft darauf verzichtet, für jede Entscheidung einen Systemzwang zu behaupten. Denn wunderbarerweise enthält die Wissenschaft gar keinen Hinweis darauf, dass es sich bei dem Kapitalismus wirklich um ein System handelt. Das System ist, wissenschaftlich gesehen, nur ein Denkmodell, das dazu dient, bestimmte Abhängigkeiten und Wechselwirkungen vor Augen zu führen. Und nicht einmal von dem Kapitalismus als Begriff kann man sagen, ob ihm ein Wesen in der Wirklichkeit entspricht.Na ganz so einfach ist das wohl auch nicht. Ganz sicher ist jeder Einzelne vor sich selbst und vor allen anderen Menschen für seine Entscheidungen verantwortlich. Und ganz sicher beeinflussen die getroffenen Entscheidungen die Entwicklung der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Aber vollkommen frei ist keiner in seinem Handeln, denn das "Denkmodell Kapitalismus" ist ja keine Konstruktion aus dem Elfenbeinturm, sondern es bildet Gesetzmäßigkeiten ab, die objektiv wirken und sich - und das ist das Entscheidende - unabhängig vom Willen Einzelner durchsetzen.
...
Freilich träte ohne den Kapitalismus als Ausrede die individuelle Verantwortlichkeit der Manager oder Politiker mit einem Male krass hervor. Es gäbe den abstrakten Popanz nicht mehr, der die Menschen wie Marionetten führt, die für ihre Teilnahme am Spiel den freien Willen an der Garderobe abgeben müssen. Die Strippen wären gekappt, der aufrechte Gang könnte beginnen. Das müsste kein Fehler sein.
Ein einfaches Beispiel: Wenn Manager A beschließt, etwas "menschlicher" zu handeln und seinen Angestellten kürzere Arbeitszeiten zu gönnen und höhere Löhne zu zahlen, dann fällt seine Firma gegenüber ihren Konkurrenten zurück, denn die erbosten Aktionäre werden ihr Geld aus der Firma abziehen und damit lieber eine andere Firma päppeln, in der Manager B einen harten Spar- und Investitionskurs führt.
In diesem Wettbewerb werden bestimmte Verhaltensweisen der Manager vom System nicht toleriert. Analog der biologischen Evolution erzwingen die Regeln des Systems bestimmte Verhaltensmuster, die von der Stellung der einzelnen Teilnehmer in diesem System abhängen. Wer sich auf Dauer nicht daran hält, darf nicht mehr mitspielen.
Wer andere Spielregeln möchte, wird sie nicht durch altruistisches Verhalten Einzelner erzwingen, sondern indem eine kollektive Übereinkunft einer übergroßen Mehrheit erzielt wird, die alle zu dem Schluss gelangt sind, dass die Regeln geändert werden müssen. Natürlich sieht das aus der Nähe wieder so aus, als ob viele Einzelne gerade den aufrechten Gang geübt haben, aber daraus abzuleiten, den "Kapitalismus" gäbe es eigentlich gar nicht, ist großer Unsinn.
Ein anderer Artikel hat mich dagegen wirklich nachdenklich gemacht. Ich kenne von Harald Martenstein seine Kolumnen in der Geo bzw. ihren Sonderheften. In der "Zeit" hat er zum Thema "Kapitalismus" den Artikel "Was heißt hier sinnhafte Arbeit?" geschrieben. Der Begriff der Entfremdung ist ein klassischer Begriff aus der Kapitalismuskritik. Er bringt zum Ausdruck, dass der Arbeitende etwas nicht tut, weil er Lust dazu hat, sondern weil es bezahlt wird. Noch ein weiteres und davon unabhängiges Kriterium ist, ob eine Tätigkeit einen Sinn hat:
Während ich dies schreibe, sehe ich, wenn ich den Kopf hebe und auf, die Straße schaue, einen Arbeiter. Er pflastert die Straße, da wird ein Radweg hergestellt. Das ist, ohne jeden Zweifel, eine sinnvolle Tätigkeit. Trotzdem glaube ich nicht, dass er seine Arbeit liebt. Wenn er die Chance dazu hätte, würde er wohl etwas anderes machen. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass es möglich ist, eine monotone Arbeit zu lieben. Er darf außerdem nichts entscheiden, er setzt die Steine an eine bestimmte Stelle, er folgt einer bestimmten Strecke, das alles haben Vorgesetzte entschieden, anders geht es wohl nicht.Aber noch interessanter sind im Folgenden seine einfachen Überlegungen, ob die Entfremdung im Kapitalismus eher zu- oder abnimmt:
Es gibt sinnhafte Arbeit, die für den, der sie tut, nicht angenehm ist. Der »Sinn«, den eine Arbeit hat, und der Lustgewinn, den sie dem Arbeiter bereitet, sind zwei völlig verschiedene Dinge. Und über die Frage, welche Arbeit überhaupt sinnhaft ist und welche nicht, lässt sich wahrscheinlich keine Einigkeit herstellen. Tut der Croupier im Spielcasino etwas Sinnhaftes? Eine Gesellschaft funktioniert auch ohne Spielcasinos. Manchen Leuten macht es Spaß zu spielen, reicht das als Legitimation? Der durchschnittliche Croupier ist, vermute ich, mit seiner Tätigkeit zufriedener als der durchschnittliche Straßenarbeiter, nicht nur wegen der Bezahlung, die Schlüsselwörter heißen »Abwechslung« und »Autonomie«. Der gesellschaftliche Nutzen des Spielcasinos liegt darin, dass es Geld verdient und Arbeitsplätze schafft, diese Arbeit produziert ihren Sinn also zum größten Teil selber.
War die Arbeit eines mittelalterlichen Stallknechts erfüllender oder sinnhafter als die Arbeit einer Supermarktkassiererin? Wer hat am Arbeitsplatz mehr Freiheit, wer hat während der Arbeit mehr Abwechslung, falls diese Kriterien die richtigen sind? Vielleicht sogar der Stallknecht, dessen Bauer ihn nicht ununterbrochen beaufsichtigen konnte und der sehr unterschiedliche Arbeiten erledigen musste.Martenstein ist gut zu lesen und angenehm ideologiefrei. Es ist verblüffend, mit welcher einfachen Überlegung er herausarbeiten kann, dass "der Kapitalismus" als Wirtschaftsform nicht bloß zu der eher abstrakten "Entfremdung von der Arbeit" führt, sondern zu einem Zuwachs an persönlicher Freiheit. Was man mit dieser zusätzlichen Freiheit anstellt und welchen Sinn man daraus destilliert, ist dann tatsächlich Sache jedes Einzelnen.
Das Leben des Stallknechts war allerdings kurz, es bestand fast nur aus Arbeit. Die Kassiererin arbeitet 38 oder 40 Stunden, sie bekommt Urlaub, lebt länger, sie ist gesünder, ihr Risiko, einem Arbeitsunfall oder einem Krieg zum Opfer zu fallen, ist geringer. Der Abschnitt ihres relativ langen Lebens, den sie für bezahlte oder unbezahlte Arbeit aufbringen muss, ist kürzer als bei jeder anderen Generation von Arbeitern, die jemals auf diesem Planeten gelebt hat.
Natürlich ist sie, sobald sie ihren Arbeitsplatz verlässt, in jeder Hinsicht freier als der Knecht. Ob diese Freiheit sie glücklicher macht, als der Knecht es war, weiß ich nicht, das ist ein anderes Thema: Fest steht, dass der Kapitalismus, mithilfe seiner Maschinen, den Anteil der Arbeit am Leben dramatisch gesenkt hat. Sport, Hobbys, Partys, Ehrenämter, Vereine,
Besuche beim Psychotherapeuten, all das ist überhaupt erst dadurch möglich geworden, dass die Arbeit im entwickelten, heutigen Kapitalismus nicht mehr so viel Zeit frisst (es sei denn, man will es).
Das heißt aber auch, dass die Frage, ob Arbeit »sinnhaft« ist, tendenziell an Bedeutung verloren hat. Sie ist immer noch legitim und wichtig, aber nicht mehr so wichtig wie früher, als es außer der Arbeit im Leben fast nichts gab. Millionen von Menschen arbeiten überhaupt nicht mehr. Seit einigen Jahren gibt es die Idee, jedem Bürger ein Grundeinkommen zu zahlen, unabhängig davon, ob er oder sie arbeitet.
Kategorie: Politik
Sonntag, 30.August 2009
Es gibt einen Wikipediaartikel über Josef Joffe, vermutlich ist das der von dir Gemeinte.
Ja, meinte ich.
"Das Sein bestimmt das Bewusstsein" ist eine These eines anderen "Autors", die dadurch ergänzt werden müsste, dass man mit seinem Bewusstsein sein eigenes Sein und das der anderen analysieren und in Grenzen ändern kann.
Genau. Allerdings erfordert das (schon bei einem selbst) große Anstrengungen.