Pro und Kontra zur Kernenergie

In meiner Jugend stand für mich der Nutzen der Kernkraft außer Frage, sichere und saubere Energie in jeder denkbaren Größenordnung. Dann kam Tschernobyl und ich änderte meine Meinung. So wie bei mir (und vielen Ostdeutschen) war es wohl auch in Westdeutschland.

Heute, mit dem Bewusstwerden der Gefahren der klassischen Energiegewinnung durch Verbrennung fossiler Energieträger für das Klima, kommen die Proponenten der Kernenergie wieder zu Wort. Ich bin unlängst durch ein paar interessante Beiträge in einem Diskussionsforum wieder etwas aufmerksamer auf das Thema geworden, aber zunächst mal ein Zitat aus der "Zeit" vom letzten Wochenende. Christiane Grefe, "Die Havarie in Block 4":
Nach der knappen Radiomeldung blieb' ich zunächst merkwürdig ruhig. Ein möglicher. Super-GAU in der Ukraine? Wohl niemand konnte das ganze Ausmaß der Erschütterungen schon im ersten Moment erahnen, welche die Havarie in Block 4 des Atomkraftwerks W.I. Lenin am 26. April 1986 auslösen würde. Außerhalb jeder Vorstellung die für lange Zeit unbewohnbaren Landschaften und Hunderttausenden von Toten, Kranken, vertriebenen weit über Tschernobyl hinaus, noch kaum auszumalen, dass die Explosion letztlich auch das Fundament einer Supermacht, der Sowjetunion, ins Wanken bringen sollte. Mit dem Inferno am Pripjetfluss war eine jener Katastrophen passiert, vor denen die Kritiker der Atomkraft immer gewarnt hatten.

Wyhl, Brokdorf, Ohu, Wackersdorf: Die Kernenergie spaltete die Gesellschaft seit Langem. Der Unfall im Atomkraftwerk Three Mile Island in Harrisburg, bei dem 1979 ein Drittel des Reaktorkerns geschmolzen war, hatte das Versprechen der Nukleargemeinde Lügen gestraft, dass so etwas bei uns nicht passieren könne. Kritische Experten stellten die völlig überzogenen Stromverbrauchsprognosen, mit denen Industrie und' Regierungen ihre Pläne für weitere Atomkraftwerke begründeten, infrage. Und sie entlarvten die Risikoanalysen der Betreiber: Eine Kernschmelze einmal in 10 000 oder in 100 000 Jahren, beides konnte auch morgen heißen. Oder: vor drei Tagen.
Und etwas weiter im Text schreibt Christiane Grefe:
Damit verursachte Tschernobyl auch eine »Havarie der Expertenkultur«, wie die Zeitschrift Kursbuch schrieb. Nie zuvor war die Politisierbarkeit vermeintlich neutraler Daten derart offen zutage getreten. Eine öko- und friedensbewegte Minderheit hatte die Hybris der Nukleargemeinde entlarvt, die Kritiker gewannen an Ansehen, Vertreter des ÖkoInstituts etwa sind heute Teil der Strahlenschutzkommission.

Diese Demokratisierung wissenschaftlicher Sichtweisen mag mühsam sein, weil sie das eigene Urteil erfordert; dafür ist sie transparenter. Das wird beim Streit um die Langzeitrisiken der Niedrigstrahlung sichtbar, der auch mehr als 20 Jahre danach noch tobt. Zum Jahrestag des Unfalls rechneten die Internationale Atomenergiebehörde und die Weltgesundheitsorganisation vor, als Folge der Reaktorkatastrophe seien 9000 zusätzliche Todesfälle durch Krebs zu erwarten: Dabei unterschlugen sie allerdings jene Hälfte der Strahlenlast, die neben der Ukraine und ihren Nachbarn auch weitere Teile Europas von Österreich bis Finnland traf. So kam eine Gegenstudie im Auftrag der grünen EU-Parlamentarierin Rebecca Harms auf 60.000 Krebstote. Wieder andere Experten vermuten, noch deutlich mehr Menschen hätten ohne den Super-GAU länger leben können.
Wenn es eine menschliche "Hybris" gibt, dann kann diese nicht bloß auf der Seite der "Atomlobby" zu finden sein, sondern betrifft alle Menschen gleichermaßen. Den Splitter im Auge des anderen erkennt man nur leichter als den Balken im eigenen. Die eingangs erwähnte interessante Diskussion in dem Forum wurde von einem Teilnehmer begonnen, dessen außerordentlich genaues Denken und präzises Urteilen ich sehr schätze, und der zugleich der intelligenteste Mensch ist, zu dem ich Kontakt habe. Er antwortete mir:
Bedauerlicherweise ist die Kenntnis über Kernkraft in der Bevölkerung, man verzeihe mir dieses Lehnwort, abyssmal. Es wird dich vielleicht überraschen, aber die Schäden von Tschernobyl sind primär psychosomatisch, insgesamt sind bisher nur rund fünfzig Personen durch dieses (mit keinem auch nur möglichen Szenario der Verstrahlung in einem heutigen westlichen Kraftwerk vergleichbaren) Unglück wirklich direkt verstorben, und zwar primär die Arbeiter die direkt im Kraftwerk gearbeitet haben und einige Kinder aus der näheren Umgebung, welche nicht schnell genug Jodsupplemente erhalten haben. Insgesamt wurden rund 600.000 Personen mit mehr als einer Jahresdosis verstrahlt, auch das primär Arbeiter die an den Aufräumarbeiten beteiligt waren. Insgesamt an den Folgen von Tschernobyl sterben werden, wenn man pessimistisch ist, so sechstausend, realistischer ist es von viertausend Opfern auszugehen. Der Rest der Welt, insbesondere die Menschen die nicht gerade direkt beim Reaktor waren, haben absolut unbedenkliche Dosen abbekommen - außer du hältst es bereits für bedenklich dich röntgen zu lassen. Klar, auch viertausend Oper sind wirklich bedauerlich, aber bedenke dass Tschernobyl keinerlei Schutzsysteme hatte und im Prinzip unter offenem Himmel stand.

Panikmache und Propaganda ist leider im Falle der Kernenergie siegreich, sogar im Bezug auf die tatsächlichen Opfer in Tschernobyl. Die größten Kosten dort verursacht die psychologische Betreuung der Personen die sich als "Opfer" sehen, nicht als "Überlebende," und die aus völlig irrationaler und übertriebener Angst vor Strahlung wegen jedem irrelevanten Husten zum Arzt gehen. Das mag wirklich krass formuliert sein - und vielen Leuten jetzt gegen den Strich gehen, aber so sehen unsere epidemiologischen Daten aus und das ist das Ergebnis des unabhängigen Chernobyl Forums der Kernenergieaufsicht der UN. Die "Studien" von Greenpeace und anderen Öko-Organisationen sind völlig ohne Grundlage.
Die Diskussion wurde dann sehr technisch, auf meinen Einwand
Meines Wissens nach gibt es keine unbedenklichen Dosen. Die "normalen" Krebsraten sind ja mindestens zu einem Teil auf die natürliche Strahlung der Umwelt zurückzuführen. Wenn ich geröntgt werden soll, kann ich mich dafür oder dagegen entscheiden, es ist meine freie Entscheidung.
gab es die folgende Antwort:
Öh, doch, die Hintergrundstrahlung kriegst du ja auch ab und die ist "unbedenklich." Wenn du jetzt eine Jahresdosis Radioaktivität zusätzlich abbekommst, ist das im Normalfall völlig ungefährlich da die Jahresdosen weit unter den bedenklichen Werten liegen. Schau, ein normales CT setzt dich rund 15 bis 20 MilliSievert aus, schon eine Röntgenaufnahme hat zwischen einem und fünf MilliSievert, die Jahresdosis aus Hintergrundstrahlung beträgt in Deutschland rund 5 mSv. Ich habe jetzt gerade extra mal meine alten Mitschriften rausgesucht:

Zusammensetzung der Hintergrundstrahlung (Daten gemäß einer Vorlesung an der Uni Köln, ~ 2004/2005):

Natürliche Quellen (jeweils in mSv pro Jahr):
Kosmische Strahlung: 0.3 mSv
Terrestrische Strahlung: 0.5 mSv
Inhalation von Radon (u. Zerfallsprodukten): 1.5 mSv
Nahrungsmittel: 0.3 mSv

Zwischensumme: 2.6 mSv

Künstliche Quellen (jeweils in mSv pro Jahr):
Medizin: 2.1 mSv
Berufliche Exposition: 0.3 mSv
Forschung/Industrie: 0,005 mSv
Kerntechnische Anlagen: 0,005 mSv
Reaktorunfall von Tschernobyl: 0,009 mSv
Fallout von Kernwaffentests: 0,007 mSv

Zwischensumme: 2.426 mSv

Gesamtbelastung: 5.026 mSv
... davon aus "bösen Quellen:" 0.021 - ~ 0.3%

Das sind jetzt die Durchschnitte, wenn du nun eine einzelne Flugreise machst, sagen wir von Frankfurt nach Boston, MA, dann kannst du schon direkt das zwanzigfache der Strahlenbelastung die dir jährlich von kerntechnischen Anlagen eingebrockt wird draufschlagen, der Flug wird dich mit ungefähr 0,1 mSv belasten. Ein Vielflieger, der jede Woche einmal fliegt hat nochmal rund 5,2 mSv (Extremvielflieger sogar bis zu 10, 15 mSv) mehr an Strahlung pro Jahr, als jemand der nicht fliegt - ohne, dass das negative Auswirkungen hat.

Die Schwellendosis, damit es anfängt riskant zu werden liegt bei ungefähr 175 mSv (eigentlich sogar erst zwischen 200 und 300 mSv). Unsere rechtlichen Grenzwerte liegen bei einem Hundertstel dessen.
Die öffentliche Meinung wird sehr stark von Krümmel, Asse und Gorleben geprägt, die dortigen Vorfälle sind tatsächlich skandalös. Es ist ein interessantes Phänomen: Auf der einen Seite ist es theoretisch / technisch möglich, komplexe technische Systeme sicher zu gestalten. Auf der anderen Seite gelingt es bei den real existierenden Anlagen nicht.

Die Situation wird zusätzlich dadurch verkompliziert, dass der einen Seite ökonomische, der anderen ideologische Motive unterstellt werden, was nur teilweise stimmt, und weil beide Seiten zum Teil absurde Argumente für ihre eigene und gegen die andere Position auffahren. Insgesamt erklärt das offenbar, warum extrem intelligente Menschen Kernkraft für machbar, Durchschnittsmenschen hingegen eher Angst davor haben.

Ich befürchte, dass uns die Menschen der Zukunft verfluchen werden. Ihr Vorwurf wird wahrscheinlich sein: Warum habt ihr in eurem Egoismus nicht ein paar Tausend Strahlentote mehr hingenommen und uns damit die Millionen Klimatote erspart?

Kategorien: Ethik, Physik, Politik
MMarheinecke - 29. August, 14:28

Sicher ist es auch sicher machbar

In der Sache gebe ich dem mir unbekannten sehr intelligenten Menschen völlig recht:
Bedauerlicherweise ist die Kenntnis über Kernkraft in der Bevölkerung, man verzeihe mir dieses Lehnwort, abyssmal. Es wird dich vielleicht überraschen, aber die Schäden von Tschernobyl sind primär psychosomatisch, insgesamt sind bisher nur rund fünfzig Personen durch dieses (mit keinem auch nur möglichen Szenario der Verstrahlung in einem heutigen westlichen Kraftwerk vergleichbaren) Unglück wirklich direkt verstorben, und zwar primär die Arbeiter die direkt im Kraftwerk gearbeitet haben und einige Kinder aus der näheren Umgebung, welche nicht schnell genug Jodsupplemente erhalten haben.
Dennoch bin ich nach wie vor Gegner der Kernenergienutzung - jedenfalls in ihrer derzeit bekannten Form.
Weil ich der Ansicht bin, dass sie unsere reale Gesellschaft und die realen, fehlerbehafteten, Menschen überfordert. Siehe die Art und Weise, wie nach einem geeigneten Atommüll-Endlager "gesucht" wird. Siehe auch das Problem der Weiterverbreitung von Atomwaffen.

Wie ich überhaupt die realen gesellschaftlichen, politischen und vor allem ökonomischen Strukturen für überfordert halte.
Das Schwierige bei sehr intelligenten und zugleich sehr gebildeten Menschen ist, dass sie dazu neigen, sich die Welt so vorzustellen, als ob sie ausschließlich von ihresgleichen bewohnt wären - obwohl sie z. B. genau wissen, dass die Kenntnisse der meisten Menschen in den Sachfragen (hier Kernenergie) - einschließlich der politischen Entscheider - auf schier unterirdischem Niveau angesiedelt sind. Aus dieser Perspektive erscheinen Probleme, die prinzipiell lösbar sind, als praktisch schon gelöst, und jene, die sie für unlösbar halten, wirken wie unbelehrbare Klotzköpfe.

Noch etwas anderes: Zum 20. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl schrieb ich in meinem Blog, wie sehr es mich anwidert, dass etwa die es sicher gut meinenden Ärzte der IPPNW bestrebt seien, möglichst hohe Zahlen der Tschernobyl-Toten anzugeben - als ob nicht die vermeidbaren 6000 Toten laut WHO-Statistik 6000 Tote zu viel wären.

Köppnick - 29. August, 14:48

Ja, 6000 Tote klingt sehr viel, aber in Relation worauf eigentlich? Es geht um eine Hochrechnung über alle Länder und mehrere Jahrzehnte. Eine normale Grippe verursacht in Deutschland 10-20.000 Tote innerhalb weniger Wochen. Um die Deutschen jetzt zur Impfung zu motivieren, wird eine Zahl von bis zu 90.000 Toten (in den USA) angedroht.

Man kann dramatische Effekte dadurch erzielen, dass man Dinge aus ihrem Zusammenhang reißt, und man kann auch mit der Sprache manipulieren. In einem Zitat im Text schrieb Frau Neffe: "Hunderttausende von Toten, Kranken, Vertriebenen". Mir ist das erst im Nachhinein aufgefallen, aber so wie es geschrieben ist, ist es formal zwar richtig, aber es suggeriert durch den Satzbau Hunderttausende Tote, obwohl es doch unmittelbar nach der Katastrophe etwa 50 waren. Hunderttausende sind umgesiedelt worden. Auch die Impfdrohung oben ist von diesem Sprachtyp: "Bis zu" heißt es da.

Ich bin auch kein Kernkraftfreund, aber ich habe die Befürchtung, dass die Kernfusion und die regenerativen Energien nicht schnell genug kommen werden und die Zahl der Klimatoten höher ausfallen wird, als es die der Strahlentoten je sein könnte. Dann treffen wir heute die falschen Entscheidungen und fühlen uns moralisch gut dabei.

Mit deiner Bemerkung bzgl. der sehr intelligenten Menschen hast du vielleicht recht, vielleicht aber auch nicht, denn es könnte ja auch sein, dass diese die Möglichkeiten der weniger Intelligenten in ihren Überlegungen bereits berücksichtigen - wir können uns da unter Umständen kein Urteil erlauben. Damit du eine Vorstellung von der Größenordnung hast: Der Betreffende hat einen (nachgewiesenen) IQ von 175. Das ist etwa das Ende der validen Skalen (176), noch höhere Werte sind nicht wirklich messbar und unseriös.

Das Hauptproblem der Kernenergie in Deutschland ist nicht die Technik, sondern die Ökonomie. Man hat nicht den Eindruck, hier solle ein ernstes Problem der Menschheit gelöst, sondern es solle viel Geld verdient werden. Der so automatisch erzeugte Kostendruck verhindert die technisch optimalen und menschlich beherrschbaren Lösungen.
ostfriese - 29. August, 15:58

Was soll man glauben?

Mein Problem in solchen Diskussionen ist immer, dass ich die meisten der angebotenen 'Fakten' nur mit einem praktisch nicht leistbaren Aufwand überprüfen kann...

Davon abgesehen stört aber auch mich gewaltig, dass Greenpeace und Grüne sich in der Kernenergie-Frage gar nicht mehr um die ehrliche Vermittlung von Fakten bemühen (dazu zählen die oben gelisteten Strahlenbelastungen sowie z.B. Informationen über nukleartechnische Fortschritte der letzten Jahre), sondern sich ihre Gegnerschaft als quasi-religiöses Bekenntnis auf die Fahnen schreiben.

Damit bringt man immer auch jene in Misskredit, die aus ernst zu nehmenden Gründen gegen die fortgesetzte oder gar verstärkte Nutzung der Kernspaltung votieren.

Es spricht nämlich wenig dafür, diese Technik auszubauen, wenn absehbar ist, dass wir dringend den Einstieg ins Solarzeitalter schaffen sollten (großflächig Kollektoren in Heißwüsten, Wasserstoff als Speichermedium).

Was mich am Rande noch interessieren würde: Seit wann reicht die Validität der IQ-Skala bis 176? Welche revolutionäre statistische Methode soll die Aussagekraft solcher Resultate stützen?? Nach meinem Kenntnisstand wagen sich seriöse psychologische Tests nicht wesentlich über IQ 145 (bei Standardabweichung 15) hinaus.
Köppnick - 30. August, 10:51

Ich habe meine Informationen aus verschiedenen Threads in MPathie, wo unter anderem über solche Tests und die Mitgliedschaft in Triple Nine und Prometheus diskutiert wurde. Die offiziellen Tests in Deutschland deckeln bei 145, aber natürlich kann man auf zwei verschiedene Weisen extrapolieren:
  • Die Kappungsgrenze eines Tests entspricht nicht der maximal im Test erreichbaren Punktzahl, weil man ja eine bestimmte statistische Sicherheit erreichen will. Man kann extrapolieren. Die Genauigkeit wird schlechter, aber man kann sich auch leicht überlegen, dass zumindest bei linearer Regression die so geschätzten Werte eher zu niedrig liegen, weil sich ja einzelne Fehler der Teilnehmer immer stärker auswirken.
  • Man verwendet einen selbst entwickelten Test und kalibriert den an den "offiziellen" Werten der Teilnehmer in anderen Tests. Unter der (natürlichen) Voraussetzung, dass auch in diesem Bereich den Kurvenverlauf der Normalverteilung erhalten bleiben soll und die Kohorte repräsentativ ist, kann man auf höhere Werte schließen, weil sich nun die ursprünglich gedeckelten Werte über einen größeren Bereich verteilen. Natürlich ist auch das ungenau, weil man a) sehr wenige Probanden hat und b) sich die bereits in den mitgebrachten Werten der Teilnehmer vorhandenen Fehler fortpflanzen.
Die meisten US-amerikanischen Tests werden bis zu einem IQ von 150 oder 155 normiert (bei SD 15) und haben dann noch Raum für Extrapolation, da je nach Altersgruppe eine Menge Rohpunkte verloren gehen. Schulleistungstests (Millar Analogies Test, SAT, GRE, GMAT, etc.), stellen praktisch ebenfalls IQ-Tests dar und können bis zu einem Niveau von 1:1.000.000 unterscheiden.

Nach einiger Suche in den Threads habe ich auch die Quelle für meine Aussage "176" gefunden: "Die höchsten heute erreichbaren Werte, wenn man für den Flynn-Effekt korrigiert und von Ratio- auf Abweichungs-IQ umrechnet, ermöglicht die Stanford Binet Long Form aus den frühen 70ern, man kann dort ungefähr 176 erreichen."
Aurisa - 30. August, 11:09

Daß Menschen Risiken einschätzen ist natürlich absolut richtig.
Ich kann auch nur den Kopf schütteln über die derzeitigen mediale Schweinderl-Grippe, die in Deutschland bisher exakt NULL Tote gefordert hat, während die stinknormale Grippe jedes Jahr tausende von Toten allein in Deutschland fordert... und kein Schweinderl regt sich DARÜBER auf!
Wir Menschen sind nun mal so, daß ein einzelnes spektakuläres Unglück uns viel bedrohlicher erscheint als viele kleine Unglücke mit vielen Toten, die unbemerkt von uns dahinsterben...
Ich kenne das Argument, daß bei Tschernobyl ja eigentlich in relation gar nicht so viele Menschen gestorben sind und daß andere Dinge auch Risiken haben...
Und wenn es NUR das wäre... ich würde auch ernsthaft darüber nachdenken, ob die Atomenergie nicht doch eine sinnvolle Übergangstechnologie wäre...
Aber... das ist ja nur EIN Punkt... alles Andere was dabei noch kritisch ist, wird ausgeblendet...
Erstmal: auch unberechtigte Ängste und das daraus folgende Leiden sind für die Betroffenen deswegen nicht weniger REAL und schlimm!
Und auch Stress schadet der Gesundheit und Lebenserwartung...
Das mag irrational sein... aber die Menschen sind nunmal so... und darum muss man auch das berücksichtigen.
Zweitens:
Auch Kernenergie ist eine 'fossilie' sprich nicht erneuerbare Energieform und die Vorräte an spaltbarem Material ist begrenzt.
Selbst wenn wir jetzt überall Atomkraftwerke bauen würden... dann würde das nur dazu führen, daß die Vorräte umso schneller erschöpft wären.
Wir haben nämlich schon heute eine beginnende Uranknappheit!
Drittens:
Der Beitrag der Kernenergie zur Gesamtenergieversorgung und damit auch zur CO2-Vermeidung und zum Klimaschutz ist gering.
Und da wie schon gesagt die Vorräte an Brennstoff begrenzt sind, lässt sich daran auch nicht viel ändern.
Den Klimawandel können wir mit Kernenergie jedenfalls NICHT aufhalten!
Viertens:
Die Endlagerfrage ist völlig ungelöst!
Die Folgen eines Supergaus mögen beherrschbar sein... aber was ist mit den folgenden TAUSENDEN von Generationen, die möglicherweise dann durch den atomaren Abfall aus irgendwann undicht werdenden 'Endlagern' verseucht werden...?
Wie viele unzählige Tote, wie viele Mutationen, wie viel Leid und Elend wird das geben für hunderttausende von Jahren...?
In der Bibel gibt es den Begriff der Erbsünde...
Kinder müssen für die Sünden ihrer Eltern büssen... bis in's siebte Glied...
So ist es mit der Atomenergie... nur noch tausendmal länger...
Den Klimawandel können wir mit der Kernenergie nicht abwenden... dieses Leid für zukünftige Generationen können wir damit nicht verhindern... aber wir können ihnen mit der Kernenergie zusätzliches Leid aufbürden!
Fünftens:
Die Gefahren der Verbreitung atomarer Waffen wurde schon angesprochen...
Die zivile Atomenergienutzung ist von der Militärischen nicht zu trennen!
Wer Uran für Kernkraftwerke anreichern kann hat auch die nötige Technik um Uran für Kernwaffen anzureichern!
Und wenn auch nur EINE Atombombe irgendwo auf der Welt explodiert haben wir mit einem Schlag zehntausende oder gar hunderttausende von Toten... von einem Atomkrieg gar nicht zu reden...
Sechstens:
Kernergie ist KEINE Brückentechnologie, die uns hilft, die Zeit bis alternative Energien ausreichend verfügbar sind zu überbrücken, wie die Atomlobby so gerne verbreitet.
Ganz im Gegenteil!
Atomenergie BLOCKIERT die weitere Einführung erneuerbarer Energien!
Kernenergie ist Grundlaststrom der immer am Netz ist... und das Stromnetz damit für zusätzlichen Strom 'dicht' macht.
Deutschland hat schon heute ZUVIEL Stromerzeugungskapazität!
Jedes Jahr wird hierzulande Strom exportiert... und das selbst dann, wenn etliche Atomkraftwerke abgeschaltet sind!
Schon heute könnte man problemlos die Hälfte der deutschen Atomkraftwerke abschalten, weil sie nicht mehr benötigt werden.
Und wenn sie weiterlaufen, dann wird in einigen Jahren so viel Strom im Netz verfügbar sein, daß z.B. an windreichen Tagen Windkraftwerke abgeschaltet werden müssen... damit die Atomkraftwerke weiterlaufen können!
Und damit werden Windkraftwerke natürlich unwirtschaftlich, wenn sie ständig ausgeschaltet werden müssen...
So, das waren jetzt nur ein paar Argumente GEGEN Atomkraft, die mir auf die Schnelle eingefallen sind...
Aurisa - 30. August, 11:22

P.S:

Auch Terrorismus basiert übrigens weniger auf der realen Gefahr... sondern auf der Angst, die er verbreitet...

Wie viele Tote durch islamistischen Terror gab es bisher in den USA und in Deutschland und anderen Ländern...?

Wie groß ist die Gefahr Opfer eines Anschlags zu werden...?

Wenige... und gering... in Relation zu anderen Gefahren des Lebens...

Und trotzdem werden deswegen sogar Kriege geführt... mit viel mehr Toten...

Atomenergie dagegen wurde sogar staatlich gefördert...

Und wird es immer noch... indirekt... indem man den großen Konzernen in Deutschland ihre Gebiets-Quasimonopole belässt... und ihnen auf diese Weise ermöglicht die Preise künstlich hoch zu halten... immerhin etwa 30 % überhöht sind die Strompreise in Deutschland deswegen!

Was ist das Anderes als eine staatlich gebilligte Quersubventionierung von Atom- und Kohleenergie...?

Nebenbei... die vier großen Stromkonzerne in Deutschland die fast alle Atom- und Kohlekraftwerke hierzulande betreiben... sind auch diejenigen, die am WENIGSTEN Geld in den Ausbau erneuerbarer Energien investieren...

Billiger Atomstrom?

Selbst, wenn man die Endlager- und sonstige nicht eingepreiste sondern auf die Allgemeinheit verschobene Kosten nicht berücksichtigt, ist das in Deutschland nur ein schlechter Propaganda-Witz der Atomlobby!
Köppnick - 30. August, 12:48

@Aurisa
Im Wesentlichen gibt es vier Hauptargumente gegen die Atomenergie:
  • Endlagerung
  • Rohstoffgewinnung
  • Militärische Nutzung
  • Unsichtbarkeit der Strahlung
Auf dem Gebiet der Endlagerung werden in der Diskussion zwei Dinge vermengt: Die Stärke der Strahlung und die Dauer der Lagerung. Man kann sich leicht überlegen, dass ein Stoff, der stark strahlt, nicht lange strahlen kann, weil er ja bei der Abgabe der Strahlung zerfällt. Es wäre sicher möglich, technisch sowohl für schwach als auch stark strahlende Stoffe eine Endlagerung zu realisieren, die für unsere Nachfahren akzeptabel ist - und für sie sicher besser beherrschbar als der Klimawandel.

Das Argument mit den Rohstoffen ist wahrscheinlich falsch. Es gilt für die heutigen Rohstoffpreise. Wenn der Preis für das Uran aber auf den doppelten oder dreifachen Wert steigt, dann wird auf einmal seine Gewinnung aus Meerwasser wirtschaftlich, und die dort zur Verfügung stehenden Mengen sind nach unseren Maßstäben praktisch unbegrenzt. Für Fusionskraftwerke wird das mit dem Deuterium bereits heute in die Überlegungen einbezogen. Verdoppelte oder verdreifachte Rohstoffpreise führen nicht zu entsprechenden Erhöhungen der Energiepreise, da die Uranpreise in den Kosten fast untergehen.

Der Einwand mit der militärischen Nutzung ist weniger ein technischer als ein politischer. Interessanterweise wird er für verschiedene Techniken unterschiedlich gesehen - die Terrorgefahr, die sich durch das Internet vergrößert hat, wird akzeptiert, hier werden Einschränkungen der Freiheit durch die Bevölkerung mehrheitlich abgelehnt, während das Argument gegen die Atomkraft sticht. Es gilt aber die Regel, dass technische Probleme technisch, politische politisch gelöst werden müssen.

Es verbleibt die Unsichtbarkeit der Strahlung und die dadurch hervorgerufenen psychologischen Ängste. Man sieht die Gefahr nicht und bewertet sie deshalb nach anderen Krierien. In den 50er Jahren sehr gering, heute sehr hoch. Jede Technik kostet Menschenleben, nur auf unterschiedliche Weise. Es wäre eine Illusion anzunehmen, die alternativen Energien wären in dieser Hinsicht folgenlos. Ich habe einen Kollegen, der aus einem Solarzellen produzierenden Betrieb weggegangen ist und wahre Horrorgeschichten über den Umgang mit den Chemikalien dort erzählt hat.

Ich weiß schlicht nicht, wie die Rechnung "Tote je Megawattstunde" für die einzelnen Energieformen ausfällt. Ich vermute aber, dass die Zahl der Toten bei den regenerativen Energien sogar höher ist. Der Grund für meine Vermutung ist sehr simpel: Je mehr Menschen an einer Sache beteiligt sind, desto weniger sind sie darauf spezialisiert, desto mehr pfuschen sie herum. Das klassische Beispiel ist der Verkehr: Im Flugverkehr gibt es mit Abstand die wenigsten Toten, aber über Flugzeugabstürze wird am meisten berichtet. Im Straßenverkehr gibt es mit Abstand die meisten Toten, aber die Berichterstattung erfolgt, wenn überhaupt, im Lokalteil der Zeitungen. Uns fehlt als Menschen ein angeborener Sinn für Statistik.

Und dann solltest du dir bei deinen Argumenten über eins im Klaren sein: Ein großer Teil beruht darauf, dass du den Stromkonzernen bei ihrem Handeln Profitstreben vorwirfst. Dieser Vorwurf trifft aber jegliche wirtschaftliche Tätigkeit in unserer Gesellschaft. Es kann deshalb auch eher nicht als Argument für oder gegen eine bestimmte Form der Energiegewinnung verwandt werden, sondern eher als Argument für eine Änderung der Wirtschaftsform selbst. Die wird sich aber durch den Übergang zu regenerativen Energien nicht verändern.

Jede Wette: Am Ende der Einführung der regenerativen Energien wird es einige wenige geben, die sehr gut daran verdient haben. Und ebenfalls jede Wette: Die heutigen Energiekonzerne werden so oder so zu diesen Topverdienern dazugehören. Weil sie das Geldverdienen mit dem Verkaufen von Energie am besten können.
Metepsilonema - 5. September, 23:11

@Ostfriese

Davon abgesehen stört aber auch mich gewaltig, dass Greenpeace und Grüne sich in der Kernenergie-Frage gar nicht mehr um die ehrliche Vermittlung von Fakten bemühen (dazu zählen die oben gelisteten Strahlenbelastungen sowie z.B. Informationen über nukleartechnische Fortschritte der letzten Jahre), sondern sich ihre Gegnerschaft als quasi-religiöses Bekenntnis auf die Fahnen schreiben.

Wenn man sich überlegt, dass Greenpeace, wie alle NGOs (und ähnliche Organisationen), keine demokratische Legitimation besitzt, und Interessen vertritt bzw. Lobbying betreibt (und Spendengelder einwerben muss), also ganz ähnlich wie ein Unternehmen agiert, wundert mich das gar nicht (stören darf es natürlich schon). Man macht leicht den Fehler, dass man von den durchaus wohlwollenden Zielen ausgehend, auf ebensolche Mittel schließt - die müssen aber nicht zum Einsatz kommen (was nicht heißen soll, dass das immer der Fall ist, viele NGOs leisten mit Sicherheit gute Arbeit - Kritik ist aber auch hier erwünscht) .
Talakallea Thymon - 29. August, 22:42

Nach allem, was man so hört, ist die schlüssigkeit eines arguments nicht unbedingt vom iq dessen abhängig, der es formuliert.

ostfriese - 30. August, 01:03

Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Autor sowohl auf schlüssige Argumentationen als auch auf solides Faktenwissen zu stoßen, korreliert allerdings sehr stark positiv mit seinem IQ. Wenn Du was anderes gehört hast, dann hat man Dich falsch informiert.
Talakallea Thymon - 30. August, 09:12

Ich habe es ungenau, bzw. ambig formuliert. was ich meinte, war folgendes: ein (bereits formuliertes) argument wird nicht dadurch besser (oder schlechter), indem man auf den iq dessen verweist, der es vorgebracht hat.

Köppnick - 30. August, 10:20

Das stimmt, aber bei mir ist es zumindest so, dass ich bei Menschen, die eine von meiner abweichende Meinung vertreten, eher bereit bin nachzudenken, wenn ich weiß, dass der Betreffende überdurchschnittlich intelligent ist. Im statistischen Mittel ist es ja tatsächlich so wie Ostfriese schrieb, dass aus den besseren Möglichkeiten, Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten, im Mittel ein höheres Wissen und eine deshalb besser begründete Meinung resultieren. Es ist aber natürlich ein Fehler, wenn ich so von mir auf andere schließe.
Gregor Keuschnig - 30. August, 14:11

Der Beitrag ist interessant, weil er neue Aspekte aufwirft. Ich glaube auch, dass uns nachfolgende Generationen verfluchen werden und die Kulturepoche des 20./beginnenden 21. Jahrhunderts als eher statisch betrachtet werden wird (etwa, wie man heute das Mittelalter als Übergangszeit mit nur wenigen "Highlights" betrachtet).

Die Arroganz der technik- und fortschrittsaffinen Wissenschaft, gepaart mit entsprechender politischer Unterstützung hat das Projekt Kernenergie bis weit in die 80er Jahre hinein geprägt. Man glaubte gegen den Widerstand grosser Teile der Bevölkerung eine Technik implementieren zu können und argumentierte mit dem Gesamtwohl. Das die Atomtechnik erheblich subventioniert wurde, diskreditiert sie nicht per se, da auch heute regenerative Energien stark bezuschusst werden (teilweise obwohl man längst deren Fehlerhaftigkeiten schon eingesehen hat).

Vollends unglaubwürdig wird die politische Unterstützung durch die ungelöste Entsorgungsfrage. Hier tut sich seit Jahrzehnten praktisch nichts. Teils auch deswegen, weil die Kernenergiebefürworter nach dem St. Florians-Prinzip verfahren: Entsorgungsstätten ja – aber bitte weit weg von meinem Haus.

Dass der ideologische Kernenergieprotest zu absonderlichen Blüten führte, ist längst klar. Man importierte kernenergieproduzierten Strom aus Frankreich oder Osteuropa und verscheuchte durch das Ausstiegsszenario wissenschaftliche Forschung. Aber solange jede Imbißbude in Deutschland im Verhältnis fast höhere Auflagen für die Entsorgung ihres Bratfetts hat als Kernenergiebetreiber für ihren radioaktiven Müll, solange ist Kernenergie nicht konsensfähig und für mich abzulehnen.

Dieses Thema zeigt aber deutlich, wie fatal eine Entwicklung ist, die solch grundlegende Entscheidungen versucht ohne breiten Konsens zu oktroyieren. Ähnliches (mit anderen Folgen) steht uns noch mit der bisher fast vollkommen ausgebliebenen Diskussion um die Europäische Union bevor.

Köppnick - 30. August, 22:36

Naja, es ist ja erst knapp 100 Jahre her, seit wir keinen Kaiser mehr haben, allzu viel kann man da noch nicht verlangen. Und zur Europäischen Union habe ich noch ein feines Fundstück für dich, mal unabhängig von der etwas merkwürdigen Quelle: EU-Todesstrafe. Siehe dazu auch hier: Todesstrafe in der Grundrechtecharta. Wir können ja mal eine Wette abschließen, wie viele unserer Volksvertreter die entsprechenden Vertragstexte gelesen haben, bevor sie ihre Hand bei der Abstimmung gehoben haben.
Gregor Keuschnig - 31. August, 08:35

Naja, diese "EU-Todesstrafe" ist eine Phantomdiskussion, wie man hier ein bisschen aufgedröselt feststellen kann.

Natürlich ist diese bürokratische Sprache und die Ignoranz der politischen Klasse, auf solche Unterstellungen aktiv zu reagieren ein Teil des Problems der Akzeptanz der EU. (Aber das ist ja nicht das Thema hier.)
Köppnick - 31. August, 10:21

Eine Unterstellung wäre es in meinen Augen, wenn man behaupten würde, diese Paragraphen gäbe es, wenn es sie nicht gäbe. So bleibt die Frage, warum es einen solchen Passus überhaupt gibt. Und die prinzipielle Frage, warum hier ein Vertrag vorliegt, den selbst ein interessierter und durchschnittlich intelligenter EU-Bürger in vertretbarer Zeit nicht mehr lesen, geschweige denn verstehen kann. Die mangelnde Akzeptanz der EU rührt daher, dass man nicht nachvollziehen kann, wer in welchem Auftrag und durch wen legitimiert welche Entscheidungen trifft. Schachtschneider hingegen ist eine Person, die mir auch vorher bekannt war. Er hat ein Gesicht, einige seiner Kritikpunkte sind bekannt und er hat die Verträge im Gegensatz zu vielen Politikern offenbar von Anfang bis Ende sehr gründlich gelesen und daraus seine Schlüsse gezogen.

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steppenhund - 28. November, 15:02
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