Freier Wille
Ich habe mich in den letzten Jahren wiederholt mit diesem Thema beschäftigt und mir in dieser Zeit eine inzwischen hoffentlich konsistente Meinung gebildet. Der folgende Beitrag entstand anlässlich der Diskussion in einem Forum und stellt eine Zusammenfassung meiner Überlegungen dar:
Die zwei größten Rätsel der Realität sind die nach der Existenz der Welt und der Natur unseres Bewusstseins. (Es gibt einige große Denker, die der Meinung sind, diese beiden Fragen seien nicht voneinander zu trennen (z.B. John Wheeler), aber das führt zu weit weg und zu tief in die Metaphysik und soll deshalb hier nicht weiter thematisiert werden.)
Das Leib-Seele-Problem ist die zentrale Frage der Philosophie des Geistes. Da heutzutage der Begriff der Seele wegen seiner religiösen Konnotation etwas aus der Mode gekommen ist, findet man häufig auch etwas andere Bezeichnungen, aber am Kern des Problem ändert das nichts: Welcher Zusammenhang besteht zwischen unserem phänomenalen Erleben (dem Erleben von Phänomenen) und den auch von Außenstehenden beobachtbaren physikalischen, chemischen und biologischen Vorgängen?
Die modernen Methoden in den Naturwissenschaften, insbesondere in den Neurowissenschaften, haben in den letzten Jahren große Fortschritte in der Analyse der neuronalen Vorgänge gemacht, die mit Bewusstseinsvorgängen einhergehen. Ein Beispiel: Wir spielen mit einem Kind Ball. Es wirft uns den Ball zu. Wir nehmen den Ball wahr, reißen die Arme hoch und fangen ihn auf. Während dieser Zeit laufen in unserem Körper und in unserem Nervensystem sehr komplexe Vorgänge ab. Die Sinneszellen unserer beiden Augen empfangen das vom Ball reflektierte Licht, die Sinneszellen beider Ohren empfangen den vom Ball ausgehenden Schall, der Aufprall des Balls wird von den Sinneszellen der Hände an das Gehirn gemeldet, das zuvor Befehle an die Arme ausgesandt und diese so veranlasst hat, den Ball zu greifen.
Die Verarbeitung der von den Augen wahrgenommen optischen Informationen ist inzwischen sehr gut untersucht. Man weiß, dass die Signale nach Form von Objekten, Farben und Bewegungen in verschiedenen Teilen des Gehirns detektiert werden, zudem für beide Augen getrennt. Wir sehen aber nicht "rund", "rot" und "fliegend" getrennt, sondern erleben in unserem inneren Film einen roten Ball, der, schnell größer werdend, auf uns zufliegt. Die Integration der ursprünglich getrennten Verarbeitung der Sinneseindrücke wird Bindungsproblem genannt. In unserem Beispiel müssen zusätzlich noch die akustischen Informationen zweier Ohren und die haptischen Rückmeldungen der Hände beim Zufassen integriert werden.
Wichtig für das Folgende ist, dass die Informationen der verschiedenen Sinneskanäle zu verschiedenen Zeitpunkten zur Verfügung stehen können, vom Bewusstsein aber zu einem raumzeitlich konsistenten Modell zusammengesetzt werden. Wichtig ist ferner, dass der Ball nicht auf zwei Augen, zwei Ohren und zwei Hände zufliegt, sondern auf die mit dem Kind spielende Person, also auf uns. Der Betreffende empfindet sich als eine Einheit, das "Selbst". Meistens wird dieses Selbst als in der Mitte des Kopfes sitzend gefühlt, wohl vor allem deshalb, weil sich die wesentlichen Sinnesorgane paarig und symmetrisch am Kopf befinden, aber ganz sicher nicht, weil sich im Kopf das Gehirn befindet.
Vom größten Teil der neuronalen Verarbeitung nehmen wir nichts wahr, erst das Ergebnis der Lösung des Bindungsproblems ist unserem Bewusstsein zugänglich, der überwiegende Teil der neuronalen Vorgänge verläuft unbewusst. Die Antwort auf die spannende Frage, warum nicht alles unbewusst bleibt und wir als die berühmten philosophischen Zombies durch die Welt mäandern, ist nicht klar. Aber an dieser Stelle sei einfach angenommen, dass das Bewusstsein eine Funktion haben muss, denn bewusste Vorgänge gehen physiologisch mit einem erhöhten Ressourcenverbrauch einher, wäre dieser überflüssig, hätte die Evolution einen ressourcensparenden Weg vorgezogen.
Das Bewusstsein repräsentiert also das augenblickliche Wissen der Person über seine Realität. Eines der Objekte der Wahrnehmung ist die Person selbst. Genauso wie die Ball spielende Person Informationen über das Kind, den Ball, die gesamte Szenerie aufnimmt und verarbeitet, genauso nimmt sie Informationen über ihren eigenen Zustand wahr, Position und Lage im Raum, Blutdruck, Blutzucker, etc. Wenn Bewusstsein einen Sinn haben soll, dann kann der zuvörderst nur darin liegen, die Überlebenswahrscheinlichkeit der Person zu verbessern. Im Fokus der Aufmerksamkeit des Bewusstseins stehen also immer die Dinge, die tatsächlich der Aufmerksamkeit bedürfen und nicht unbewusst erledigt werden können.
In dem Ballbeispiel lässt der Erwachsene von Zeit zu Zeit einen Ball durchrutschen, das Kind freut sich, es hat ein Tor geschossen, der Erwachsene freut sich auch, denn er weiß ja, dass er das absichtlich getan hat, er könnte anders, wenn er wollte. Das Ereignis festigt die Bindung zwischen beiden und das Kind hat, ohne es zu wissen, etwas über Sozialverhalten gelernt. Und jetzt die zentrale Frage: War die bewusst getroffene Entscheidung des Erwachsenen, den Ball durchzulassen, seine freie Entscheidung?
Es gibt zwei Erkenntnisse der Neurowissenschaften, die das in Zweifel ziehen, häufig werden beide vermengt, obwohl sie etwas Unterschiedliches bedeuten. Die erste ist mit Experimenten von Benjamin Libet verbunden /1/. Libet hatte die Gehirnströme seiner Probanden aufgezeichnet und sie aufgefordert, zu einem von ihnen frei gewählten Zeitpunkt den Arm zu heben. Gleichzeitig sollten sie eine Uhr im Blick behalten und später aussagen, zu welchem Zeitpunkt sie den Entschluss gefasst haben, den Arm zu heben. Libet konnte Hirnströme messen, die etwa 250 ms vor dem Zeitpunkt lagen, den die Personen als den Zeitpunkt ihrer Willensentscheidung angaben.
Die Schlussfolgerung Libets (und anderer) aus dem Versuch war, dass die als bewusst wahrgenommene Entscheidung in Wirklichkeit eine unbewusste ist. Um zu diesem Schluss zu kommen, muss man eine ganz bestimmte Haltung zum Verhältnis zwischen Bewusstem und Unbewusstem einnehmen, nämlich als wäre das Bewusste irgendetwas Wohlunterscheidbares zum Unbewussten und eine Art Homunkulus im Gehirn. Es gibt zwei einfache Gegenargumente, die Libets Schlussfolgerungen entkräften: Die erste folgt der Linie des Bindungsproblems. Die Aufgabe des Gehirns bzw. des Bewusstseins ist es nicht, objektiv Zeit zu messen, sondern alle inneren und äußeren Ereignisse in die richtige kausale Reihenfolge zu bringen. Dafür ist es im vorliegenden Fall notwendig, dass aus Sicht der Person der Zeitpunkt der Entscheidungsfindung vor dem Zeitpunkt des Armhebens liegt und beiden Ereignissen eine plausible Stellung des zugleich beobachteten Uhrzeigers zugewiesen wird.
Das zweite Gegenargument besteht in der Gegenfrage, wie man es denn wissenschaftlich erklären könnte, wenn die Person angeben würde, sie hätte die Entscheidung zu einem Zeitpunkt getroffen, zu dem in ihr keine signifikanten Hirnströme gemessen worden sind? Bewusstsein ohne materielle Grundlage? Meiner Meinung nach werden Libets Experimente so falsch gedeutet. Die Aussage ist doch lediglich, dass bestimmte Vorstellungen über eine Sonderstellung des Bewusstseins falsch sind.
Die zweite und von Libet unabhängige Erkenntnis der Neurowissenschaften besteht im augenscheinlichen Determinismus der neuronalen Netzwerke. Reizt man eine Nervenzelle auf eine bestimmte Weise, dann wird sie sich, wenn sie sich zuvor in einem gleichen inneren Zustand befand, auch stets mit dem gleichen Ausgangssignal reagieren. Unter anderem Gerhard Roth und Wolf Singer, aber auch andere, zogen daraus weitreichende Schlussfolgerung unter anderem für das Strafrechtssystem. "Verbrecher haben ja gar keinen freien Willen, sich gegen ihre Taten zu entscheiden, ihr determiniert arbeitendes Gehirn würde sie zu ihren Handlungen zwingen".
Um dem stringenten Determinismus zu entgehen, den uns scheinbar das deterministisch arbeitende Gehirn aufzwingt, schlugen Roger Penrose und Stuart Hameroff vor, dass indeterministische Quantenprozesse das Element des Zufalls in die neuronale Verarbeitung einbringen könnten. Als Ort der Wechselwirkung des Gehirns mit einer Art Zufallsgenerator nannten sie die Mikrotubuli, das sind winzig kleine Bestandteile organischer Zellen.
Der Einwand, dass sich Quantenprozesse nicht makrophysikalisch bemerkbar machen können, weil die Heisenbergsche Unschärferelation für makroskopische Objekte wie das Gehirn keine Rolle spielt, gilt hier übrigens (und eigentlich immer) nicht. Denn auch die Messapparaturen, mit denen Quantenprozesse sichtbar gemacht werden, arbeiten nicht anders: Sie verstärken die Signale so weit, dass sie am Computerbildschirm als Zahlen oder Diagramme abgelesen werden können.
Die Neurowissenschaftler hatten jetzt also die Wahl, ob sie die Existenz eines freien Willens aufgrund eines streng deterministischen Hirnmodells ablehnen oder es aufgrund von indeterministischen Quantenprozessen für möglich halten. Susan Blackmore hat dazu Interviews mit vielen führenden Neurowissenschaftlern und Philosophen geführt /2/, ein Auszug der Bandbreite der Antworten:
Es liegt im Wesen emergenter Phänomene, dass man nicht weiß, ob man es mit schwacher oder starker Emergenz zu tun hat, d.h. ob die derzeitige Irreduzibilität ein praktisches oder ein theoretisches Problem ist. Ich tippe auf letzteres, d.h. ich bezweifle, dass es jemals möglich sein wird, Bewusstsein auf neuronaler oder Quantenebene zu erklären. Das spricht natürlich nicht dagegen, künstliche bewusste Wesen zu schaffen, mit natürlichen Wesen gelingt es uns ja schon recht gut. ;-)
Einen weiteren Hinweis, wie mit dem Problem der Willensfreiheit umgegangen werden kann, kann man der Argumentation von Geert Keil /4/ entnehmen:
Und die bereits erwähnte Argumentation von Gerhard Roth und Wolf Singer bezüglich der strafrechtlichen Relevanz der Willensfreiheit wird schon dadurch gegenstandslos, dass man sich klar macht, dass es juristisch nicht auf den Willen sondern auf die Handlungen eines Menschen ankommt. Also ist die Frage nach der Handlungsfreiheit die entscheidende, die sich Richter stellen müssen: Hatte der Angeklagte in der betreffenden Situation mehrere Handlungsmöglichkeiten, hätte er die Straftat auch unterlassen können? Dabei ist die philosophische Frage, ob er sich bei hundertfacher Wiederholung unter identischen Bedingungen manchmal anders entscheiden würde, vollkommen irrelevant, weil es diese Möglichkeit nicht gibt. Nichts auf der Welt kann identisch ein zweites Mal wiederholt werden, auch das ist also ein irrelevantes philosophisches Scheinproblem.
Es ist also nicht die Willens- sondern die Handlungsfreiheit von Bedeutung. Und dabei ist es auch egal, dass sich ein notorischer Krimineller immer wieder für eine bestimmte Tat entscheiden würde, wichtig ist, dass sich andere Menschen unter ähnlichen Umständen anders verhalten würden und das dem Betreffenden die Unzulässigkeit seines Handelns zumindest vage bewusst sein sollte. Bei einer solchen Abwägung werden ja krankhafte Geisteszustände (dann war er tatsächlich nicht frei in seinen Handlungen) bereits berücksichtigt.
Die logische Schlussfolgerung für die Neurowissenschaften ist also, derart müßige Spekulationen über den (zudem ziemlich unglücklich gewählten) Begriff der Willensfreiheit zu unterlassen und zunächst weiteres Wissen über die neuronalen Korrelate des Bewusstseins zu sammeln. Die Frage, in welchem Verhältnis materielle Prozesse und phänomenales Erleben stehen, kann man dafür getrost offen lassen. Trifft meine These von der Emergenz des Bewusstseins zu, kann diese Frage eh niemals abschließend beantwortet werden.
/1/ Benjamin Libet: "Mind Time"
/2/ Susan Blackmore: "Gespräche über Bewusstsein"
/3/ Michael Pauen: "Illusion Freiheit?"
/4/ Geert Keil: "Willensfreiheit"
Kategorie: Gehirn & Geist
Die zwei größten Rätsel der Realität sind die nach der Existenz der Welt und der Natur unseres Bewusstseins. (Es gibt einige große Denker, die der Meinung sind, diese beiden Fragen seien nicht voneinander zu trennen (z.B. John Wheeler), aber das führt zu weit weg und zu tief in die Metaphysik und soll deshalb hier nicht weiter thematisiert werden.)
Das Leib-Seele-Problem ist die zentrale Frage der Philosophie des Geistes. Da heutzutage der Begriff der Seele wegen seiner religiösen Konnotation etwas aus der Mode gekommen ist, findet man häufig auch etwas andere Bezeichnungen, aber am Kern des Problem ändert das nichts: Welcher Zusammenhang besteht zwischen unserem phänomenalen Erleben (dem Erleben von Phänomenen) und den auch von Außenstehenden beobachtbaren physikalischen, chemischen und biologischen Vorgängen?
Die modernen Methoden in den Naturwissenschaften, insbesondere in den Neurowissenschaften, haben in den letzten Jahren große Fortschritte in der Analyse der neuronalen Vorgänge gemacht, die mit Bewusstseinsvorgängen einhergehen. Ein Beispiel: Wir spielen mit einem Kind Ball. Es wirft uns den Ball zu. Wir nehmen den Ball wahr, reißen die Arme hoch und fangen ihn auf. Während dieser Zeit laufen in unserem Körper und in unserem Nervensystem sehr komplexe Vorgänge ab. Die Sinneszellen unserer beiden Augen empfangen das vom Ball reflektierte Licht, die Sinneszellen beider Ohren empfangen den vom Ball ausgehenden Schall, der Aufprall des Balls wird von den Sinneszellen der Hände an das Gehirn gemeldet, das zuvor Befehle an die Arme ausgesandt und diese so veranlasst hat, den Ball zu greifen.
Die Verarbeitung der von den Augen wahrgenommen optischen Informationen ist inzwischen sehr gut untersucht. Man weiß, dass die Signale nach Form von Objekten, Farben und Bewegungen in verschiedenen Teilen des Gehirns detektiert werden, zudem für beide Augen getrennt. Wir sehen aber nicht "rund", "rot" und "fliegend" getrennt, sondern erleben in unserem inneren Film einen roten Ball, der, schnell größer werdend, auf uns zufliegt. Die Integration der ursprünglich getrennten Verarbeitung der Sinneseindrücke wird Bindungsproblem genannt. In unserem Beispiel müssen zusätzlich noch die akustischen Informationen zweier Ohren und die haptischen Rückmeldungen der Hände beim Zufassen integriert werden.
Wichtig für das Folgende ist, dass die Informationen der verschiedenen Sinneskanäle zu verschiedenen Zeitpunkten zur Verfügung stehen können, vom Bewusstsein aber zu einem raumzeitlich konsistenten Modell zusammengesetzt werden. Wichtig ist ferner, dass der Ball nicht auf zwei Augen, zwei Ohren und zwei Hände zufliegt, sondern auf die mit dem Kind spielende Person, also auf uns. Der Betreffende empfindet sich als eine Einheit, das "Selbst". Meistens wird dieses Selbst als in der Mitte des Kopfes sitzend gefühlt, wohl vor allem deshalb, weil sich die wesentlichen Sinnesorgane paarig und symmetrisch am Kopf befinden, aber ganz sicher nicht, weil sich im Kopf das Gehirn befindet.
Vom größten Teil der neuronalen Verarbeitung nehmen wir nichts wahr, erst das Ergebnis der Lösung des Bindungsproblems ist unserem Bewusstsein zugänglich, der überwiegende Teil der neuronalen Vorgänge verläuft unbewusst. Die Antwort auf die spannende Frage, warum nicht alles unbewusst bleibt und wir als die berühmten philosophischen Zombies durch die Welt mäandern, ist nicht klar. Aber an dieser Stelle sei einfach angenommen, dass das Bewusstsein eine Funktion haben muss, denn bewusste Vorgänge gehen physiologisch mit einem erhöhten Ressourcenverbrauch einher, wäre dieser überflüssig, hätte die Evolution einen ressourcensparenden Weg vorgezogen.
Das Bewusstsein repräsentiert also das augenblickliche Wissen der Person über seine Realität. Eines der Objekte der Wahrnehmung ist die Person selbst. Genauso wie die Ball spielende Person Informationen über das Kind, den Ball, die gesamte Szenerie aufnimmt und verarbeitet, genauso nimmt sie Informationen über ihren eigenen Zustand wahr, Position und Lage im Raum, Blutdruck, Blutzucker, etc. Wenn Bewusstsein einen Sinn haben soll, dann kann der zuvörderst nur darin liegen, die Überlebenswahrscheinlichkeit der Person zu verbessern. Im Fokus der Aufmerksamkeit des Bewusstseins stehen also immer die Dinge, die tatsächlich der Aufmerksamkeit bedürfen und nicht unbewusst erledigt werden können.
In dem Ballbeispiel lässt der Erwachsene von Zeit zu Zeit einen Ball durchrutschen, das Kind freut sich, es hat ein Tor geschossen, der Erwachsene freut sich auch, denn er weiß ja, dass er das absichtlich getan hat, er könnte anders, wenn er wollte. Das Ereignis festigt die Bindung zwischen beiden und das Kind hat, ohne es zu wissen, etwas über Sozialverhalten gelernt. Und jetzt die zentrale Frage: War die bewusst getroffene Entscheidung des Erwachsenen, den Ball durchzulassen, seine freie Entscheidung?
Es gibt zwei Erkenntnisse der Neurowissenschaften, die das in Zweifel ziehen, häufig werden beide vermengt, obwohl sie etwas Unterschiedliches bedeuten. Die erste ist mit Experimenten von Benjamin Libet verbunden /1/. Libet hatte die Gehirnströme seiner Probanden aufgezeichnet und sie aufgefordert, zu einem von ihnen frei gewählten Zeitpunkt den Arm zu heben. Gleichzeitig sollten sie eine Uhr im Blick behalten und später aussagen, zu welchem Zeitpunkt sie den Entschluss gefasst haben, den Arm zu heben. Libet konnte Hirnströme messen, die etwa 250 ms vor dem Zeitpunkt lagen, den die Personen als den Zeitpunkt ihrer Willensentscheidung angaben.
Die Schlussfolgerung Libets (und anderer) aus dem Versuch war, dass die als bewusst wahrgenommene Entscheidung in Wirklichkeit eine unbewusste ist. Um zu diesem Schluss zu kommen, muss man eine ganz bestimmte Haltung zum Verhältnis zwischen Bewusstem und Unbewusstem einnehmen, nämlich als wäre das Bewusste irgendetwas Wohlunterscheidbares zum Unbewussten und eine Art Homunkulus im Gehirn. Es gibt zwei einfache Gegenargumente, die Libets Schlussfolgerungen entkräften: Die erste folgt der Linie des Bindungsproblems. Die Aufgabe des Gehirns bzw. des Bewusstseins ist es nicht, objektiv Zeit zu messen, sondern alle inneren und äußeren Ereignisse in die richtige kausale Reihenfolge zu bringen. Dafür ist es im vorliegenden Fall notwendig, dass aus Sicht der Person der Zeitpunkt der Entscheidungsfindung vor dem Zeitpunkt des Armhebens liegt und beiden Ereignissen eine plausible Stellung des zugleich beobachteten Uhrzeigers zugewiesen wird.
Das zweite Gegenargument besteht in der Gegenfrage, wie man es denn wissenschaftlich erklären könnte, wenn die Person angeben würde, sie hätte die Entscheidung zu einem Zeitpunkt getroffen, zu dem in ihr keine signifikanten Hirnströme gemessen worden sind? Bewusstsein ohne materielle Grundlage? Meiner Meinung nach werden Libets Experimente so falsch gedeutet. Die Aussage ist doch lediglich, dass bestimmte Vorstellungen über eine Sonderstellung des Bewusstseins falsch sind.
Die zweite und von Libet unabhängige Erkenntnis der Neurowissenschaften besteht im augenscheinlichen Determinismus der neuronalen Netzwerke. Reizt man eine Nervenzelle auf eine bestimmte Weise, dann wird sie sich, wenn sie sich zuvor in einem gleichen inneren Zustand befand, auch stets mit dem gleichen Ausgangssignal reagieren. Unter anderem Gerhard Roth und Wolf Singer, aber auch andere, zogen daraus weitreichende Schlussfolgerung unter anderem für das Strafrechtssystem. "Verbrecher haben ja gar keinen freien Willen, sich gegen ihre Taten zu entscheiden, ihr determiniert arbeitendes Gehirn würde sie zu ihren Handlungen zwingen".
Um dem stringenten Determinismus zu entgehen, den uns scheinbar das deterministisch arbeitende Gehirn aufzwingt, schlugen Roger Penrose und Stuart Hameroff vor, dass indeterministische Quantenprozesse das Element des Zufalls in die neuronale Verarbeitung einbringen könnten. Als Ort der Wechselwirkung des Gehirns mit einer Art Zufallsgenerator nannten sie die Mikrotubuli, das sind winzig kleine Bestandteile organischer Zellen.
Der Einwand, dass sich Quantenprozesse nicht makrophysikalisch bemerkbar machen können, weil die Heisenbergsche Unschärferelation für makroskopische Objekte wie das Gehirn keine Rolle spielt, gilt hier übrigens (und eigentlich immer) nicht. Denn auch die Messapparaturen, mit denen Quantenprozesse sichtbar gemacht werden, arbeiten nicht anders: Sie verstärken die Signale so weit, dass sie am Computerbildschirm als Zahlen oder Diagramme abgelesen werden können.
Die Neurowissenschaftler hatten jetzt also die Wahl, ob sie die Existenz eines freien Willens aufgrund eines streng deterministischen Hirnmodells ablehnen oder es aufgrund von indeterministischen Quantenprozessen für möglich halten. Susan Blackmore hat dazu Interviews mit vielen führenden Neurowissenschaftlern und Philosophen geführt /2/, ein Auszug der Bandbreite der Antworten:
Susan Blackmore „Glauben Sie, einen freien Willen zu haben?“Wir können also das Problem des freien Willens jetzt auf drei Ebenen zu lösen versuchen:
Patricia Churchland „Sicher nicht, wenn Sie damit meinen, dass meine Entscheidungen nicht verursacht sind.“
John Searle „Tja, in diesem Punkt habe ich gar keine Wahl!“
Roger Penrose „Ich weiß es nicht.“
Daniel Dennet „Ja.“
- Auf der Ebene des Bewusstseins durch Introspektion,
- auf der Ebene neuronaler Vorgänge, wo strenge Kausalität herrscht,
- auf der Quantenebene mit seinem "echten" Zufall.
- Wenn es keine Handlungsalternativen gibt, d.h. wenn eine Handlung erzwungen ist bzw. sich determiniert aus Ursachen ergibt.
- Wenn die Auswahl zwischen verschiedenen Alternativen absolut zufällig erfolgt. Auch das entspricht nicht unserem Empfinden für eine frei getroffene Entscheidung.
- Wir müssen eine Handlung zweifelsfrei einer Person zuschreiben können (Urheberschaft).
- Die Person muss die Wahl zwischen verschiedenen Alternativen gehabt haben (Autonomie).
Es liegt im Wesen emergenter Phänomene, dass man nicht weiß, ob man es mit schwacher oder starker Emergenz zu tun hat, d.h. ob die derzeitige Irreduzibilität ein praktisches oder ein theoretisches Problem ist. Ich tippe auf letzteres, d.h. ich bezweifle, dass es jemals möglich sein wird, Bewusstsein auf neuronaler oder Quantenebene zu erklären. Das spricht natürlich nicht dagegen, künstliche bewusste Wesen zu schaffen, mit natürlichen Wesen gelingt es uns ja schon recht gut. ;-)
Einen weiteren Hinweis, wie mit dem Problem der Willensfreiheit umgegangen werden kann, kann man der Argumentation von Geert Keil /4/ entnehmen:
Aber was genau ist Willensfreiheit? Der Sinn der Frage, ob der Wille selbst frei sei, versteht sich nicht von selbst. Wenn Handlungsfreiheit die Freiheit ist, zu tun, was man will, könnte Willensfreiheit analog die Freiheit sein, zu wollen, was man will. Willensfreiheit zu besitzen müsste dann die Fähigkeit einschließen, etwas anderes zu wollen, als man tatsächlich will.Hier hat man einen skurrilen Selbstbezug, aber der allein macht die Sache noch nicht falsch, denn die Regression muss nicht unendlich sein:
Der Regressionseinwand allein ist allerdings nicht stichhaltig, denn das Phänomen des höherstufigen Wollens existiert durchaus und zieht nicht zwangsläufig einen Regress nach sich. Ein Drogensüchtiger kann wollen, das Verlangen nach Drogen, das er tatsächlich hat, nicht zu haben. Daraus folgt nicht schon, dass er auch einen Willen dritter, vierter und fünfter Stufe haben können muss.Aber auf jeden Fall sollten die vorangegangenen Aussagen verdeutlichen, dass es sich beim Problem der Willensfreiheit frei nach Wittgenstein vermutlich um ein Scheinproblem handelt, das erst dadurch entstanden ist, dass man einen Begriff, der auf der Analyseebene des Bewusstseins einen Sinn hat, auf der neuronalen oder der Quantenebene anzuwenden versucht.
Und die bereits erwähnte Argumentation von Gerhard Roth und Wolf Singer bezüglich der strafrechtlichen Relevanz der Willensfreiheit wird schon dadurch gegenstandslos, dass man sich klar macht, dass es juristisch nicht auf den Willen sondern auf die Handlungen eines Menschen ankommt. Also ist die Frage nach der Handlungsfreiheit die entscheidende, die sich Richter stellen müssen: Hatte der Angeklagte in der betreffenden Situation mehrere Handlungsmöglichkeiten, hätte er die Straftat auch unterlassen können? Dabei ist die philosophische Frage, ob er sich bei hundertfacher Wiederholung unter identischen Bedingungen manchmal anders entscheiden würde, vollkommen irrelevant, weil es diese Möglichkeit nicht gibt. Nichts auf der Welt kann identisch ein zweites Mal wiederholt werden, auch das ist also ein irrelevantes philosophisches Scheinproblem.
Es ist also nicht die Willens- sondern die Handlungsfreiheit von Bedeutung. Und dabei ist es auch egal, dass sich ein notorischer Krimineller immer wieder für eine bestimmte Tat entscheiden würde, wichtig ist, dass sich andere Menschen unter ähnlichen Umständen anders verhalten würden und das dem Betreffenden die Unzulässigkeit seines Handelns zumindest vage bewusst sein sollte. Bei einer solchen Abwägung werden ja krankhafte Geisteszustände (dann war er tatsächlich nicht frei in seinen Handlungen) bereits berücksichtigt.
Die logische Schlussfolgerung für die Neurowissenschaften ist also, derart müßige Spekulationen über den (zudem ziemlich unglücklich gewählten) Begriff der Willensfreiheit zu unterlassen und zunächst weiteres Wissen über die neuronalen Korrelate des Bewusstseins zu sammeln. Die Frage, in welchem Verhältnis materielle Prozesse und phänomenales Erleben stehen, kann man dafür getrost offen lassen. Trifft meine These von der Emergenz des Bewusstseins zu, kann diese Frage eh niemals abschließend beantwortet werden.
/1/ Benjamin Libet: "Mind Time"
/2/ Susan Blackmore: "Gespräche über Bewusstsein"
/3/ Michael Pauen: "Illusion Freiheit?"
/4/ Geert Keil: "Willensfreiheit"
Kategorie: Gehirn & Geist
Samstag, 22.August 2009
Durch Introspektion kann man ja zum Ergebnis gelangen, dass alle Willensäusserungen letztlich von Vorbedingungen abhängen und somit in einem radikalen Sinne gar nie frei sein können.
Auch die Evolutionstherorie setzt der Willensfreiheit grenzen. Individuen die so frei sind, sich nicht optimal anpassen zu wollen, haben Fitnessnachteile. Individuen, welche Entscheidungen zu treffen haben, tun dies also mit Vorteil "angepasst" an die Umwelt.
Die Fortschritte der Neurowissenschaften sind allerdings enorm. Doch das Leib-Seele-Problem scheint dadurch kaum lösbar. Die beschriebenen Hirnfunktionen beim Ballspiel sind – semiotisch betrachtet nur auf Syntax-Ebene beschreibbar. Die Verwandlung von syntaktischer Information in Semantik (bzw. in Bedeutung: also nicht messbare rote Lichtpunkte, sondern roter Ball) bzw. in bewusstes Erleben bleibt wohl ein Rätsel. Bewusstsein und Informationsverarbeitung im Hirn sind letztlich wie zwei Welten, die aber effektiv nur eine sein können... Insofern eine unlösbare Frage?
Es ist doch exakt die Situation des Chinesischen Zimmers. Im Innern werkeln völlig determiniert die Nervenzellen, von außen betrachtet hat man den (durchaus richtigen) Eindruck von Willensfreiheit. Für mich ist das Bewusstseinsproblem (und damit auch das der Willensfreiheit) gelöst: Emergente Phänomene unglaublich komplexer Naturvorgänge.