Beauty-Contest

Ich habe gerade hier von einem interessanten Experiment gelesen. Dabei ist nicht das Ziel des Experiments von Interesse, sondern die zu Grunde liegende Idee:
wurde das Experiment angekündigt, bei dem die Teilnehmer aufgefordert wurden, eine Zahl zwischen 0 und 100 zu tippen und dabei möglichst nahe an 2/3 des Durchschnitts zu liegen.
Ich erkannte nach wenigen Sekunden, dass diese Aufgabe einen Pferdefuß hat, denn sie ist rekursiv. Sie basiert auf Annahmen über das Verhalten anderer, die ihrerseits Annahmen treffen über das Verhalten anderer. Die Idee findet man in der Realität in vielerlei Gestalt, die ursprüngliche Formulierung stammt laut verlinktem Artikel von John Maynard Keynes, dem genialen Ökonomen:
Zeitungsleser sollen sechs von 100 Fotos auswählen, und es gewinnt, wer dem allgemeinen Urteil am nächsten kommt. Die eigene Einschätzung der Fotos spielt dann aber keine Rolle, sondern nur die Vermutung darüber, welche Fotos von den anderen Lesern ausgewählt werden. Nun machen sich die anderen aber dieselben Gedanken, das heißt, man muss erahnen, was die anderen darüber denken, was die anderen denken. Und so weiter - dieses Spiel hat keine eindeutige Lösung, sondern fast beliebig viele. Und so ist es auch mit dem Wert von Aktien, der ja nicht nur davon abhängt, was die Aktienbesitzer und -käufer von dem Unternehmen halten. Entscheidend ist, was ihrer Meinung nach die anderen Markteilnehmer von der Aktie halten, was aber wiederum davon abhängt ... etc.
Ich denke, dass er denkt, dass ich denke...

Die nach dem zutreffenden mathematischen Modell richtige Lösung ist die Wahl der Null, wie man leicht erkennt, aber Menschen denken eben nicht so und deshalb sind der Modellierung menschlichen Verhaltens Grenzen gesetzt, auch und gerade in der Ökonomie (Angst und Gier).
Ist es nun eine gute Idee, sich für die 0 zu entscheiden? Eher nicht. Nach Reinhard Selten, gemeinsam mit [John] Nash mit dem Ökonomie-Nobelpreis geehrt, hilft die Spieltheorie nicht beim Spielen, sondern bei der Entwicklung von Theorien. Seit den bahnbrechenden Experimenten von Rosemarie Nagel (1995, pdf hier), die bei Selten promovierte, weiß man, dass dies auch für den "Beauty Contest" gilt, bei dem ein Anteil p (häufig 2/3) des Durchschnitts zu erraten ist. Selbst wer erkennt, dass 0 das einzige Nash-Gleichgewicht ist, könnte denken, dass der durchschnittliche Teilnehmer zwei Drittel des Durchschnitts wählt, der sich bei zufälliger Entscheidung ergäbe, d.h. 50×2/3 = 33. Man sollte dann 33×2/3 = 22 wählen. Mit Zahlen in dieser Größenordnung konnte man verschiedene Beauty Contest-Experimente gewinnen, die über das Internet oder im Hörsaal gespielt wurden. Wurde in Zeitungen zur Teilnahme aufgerufen, war die siegreiche Zahl niedriger, zwischen 10 und 20, denn die Teilnehmer hatten mehr Zeit zu überlegen.
Für mich verblüffend, mit welch einfachen Mitteln man die Begrenzungen der Spieltheorie zeigen kann (allerdings ist das Gefangenendilemma von derselben Kategorie). Dass Paul Samuelson wenig von dem Buch von John Maynard Keynes gehalten hat, verwundert mich dagegen nicht, denn Samuelson ist als Mitglied der Chicagoer Schule entschiedener Gegner des Keynesianismus.

Kategorien: Mathematik & Logik, Politik
steppenhund - 12. August, 22:09

Ich muss gestehen, dass mir weder die Anordnung des Experiments noch die darauffolgenden Schlussfolgerungen verständlich erscheinen. Auch der Name Beauty-Contest, der im Kontext verständlich ist, irritiert mich in der Analyse des Problems.
Nehmen wir an, ein Bild zeigt eine Schönheit, alle anderen einen maximal Pigmentierten im Tunnel. Es gibt nur ein Bild, das wirklich als schön angesehen werden kann. Das werden die anderen wohl auch wählen. Daher gibt es entweder 99% oder 0% "Nähe". Jeder der ein anders Bild wählt, muss davon ausgehen, dass er sich ganz definitiv aus der Nähe der Massenauswahl bewegt.
Nehmen wir einmal an, dass das "schöne" Bild einmal das 2 und einmal das 76 ist, so ist ziemlich leicht einzusehen, dass eine Konvergenz zu 0 nicht gegeben ist. Aber wie gesagt, ich verstehe weder die Argumentation im Artikel noch deine Ausführung, obwohl ich bei dir wenigstens die Raison erkennen kann.
Naja, ich muss ja nicht alles verstehen:)

Köppnick - 13. August, 07:58

Der Knackpunkt ist, dass die eigene Meinung (egal ob bei der Auswahl des schönsten Bildes, der Wahl der richtigen Zahl oder des Tor des Monats) egal ist, wenn man gewinnen will, weil sie nur zu 1 aus N zum Ergebnis beiträgt. Man muss seine Wahl so treffen, wie man denkt, dass die meisten anderen sich entscheiden. Nun ist man aber aus der Sicht der anderen, die sich ebenfalls entscheiden müssen und die dieselben Überlegungen anstellen, ebenfalls ein "anderer". Das ergibt die Rekursivität und erklärt, dass bei dem Zahlenbeispiel die "Gewinner"lösung immer kleiner wird, je länger man alle Beteiligten nachdenken lässt.

Der Beauty-Contest fällt tatsächlich etwas aus dem Rahmen der anderen Beispiele, weil man ja hier mit der Wahl des richtigen Bildes den Mittelwert treffen kann, während bei dem Zahlenbeispiel 2/3 des Mittelwertes gefragt ist.
steppenhund - 13. August, 08:09

Aber bei 2/3 des Mittelwerts hat man eindeutig eine konvergente Funktion. Das ist mir ein bisschen zu trivial. Denn 2/3 ist kleiner als 1 und damit ist die gefundenen Zahl nur mehr eine Funktion der Zeit oder Wiederholungen. Ich glaube allerdings, dass 1 der Konvergenzwert und nicht 0 ist.
-
Ich nehme auch an, dass die Berechnungsmethode des Elowerts am ständigen Wachstum der Werte in den einzelnen Bereichsstufen ist.
Köppnick - 13. August, 09:12

2/3 von 0 ist 0, der Abstand ist 0. 2/3 von 1 ist 2/3, der Abstand ist 1/3.

Das ist nicht der Punkt bei der Aufgabe. Die hat zwei Gesichtspunkte:
- Wenn ich selbst dämlich bin, nehme ich einen Wert größer 0.
- Wenn ich andere für dämlich halte, muss ich auch einen Wert größer 0 wählen.

Daraus folgt, dass es bei diesem Typ Aufgabe weniger darauf ankommt, ob ich selbst klüger oder dümmer bin als alle anderen, sondern dass "das System" ein Verhalten zeigt, dass weder von einem Einzelnen genau vorhergesagt, noch überhaupt in einem Prognosetool korrekt berechnet werden kann. - Und dass weder mathematische Fähigkeiten noch Intelligenz viel nützen. Genau das war wahrscheinlich die Intention von Keynes - zu zeigen, dass man, wenn man rationales Verhalten in der Wirtschaft annimmt, falsch liegt.
chSchlesinger - 13. August, 21:40

A.I.

Beim Pokern empört sich nach dem Showdown häufig der Verlierer über den Gewinner: wegen mieser Odds and Outs hätte der Gewinner spätestens bei der hohen Bet des Verlierers auf dem Turn folden müssen...

Selbst fühle ich mich der Mathematik verbunden, seit ich als Kind erlebte, wie der "Mad Thinker" versuchte mit dem Computer die Verhaltensweisen der Fantastic Four vorherzusagen. "Für Dich sind wir ja Sims!" meinte neulich jemand zu mir. Mehr als Pokerbots faszinieren mich die Bots, die im Chat ein menschliches Gegenüber simulieren.
Und seit ich Tom Hanks in "Cast away" um den Basketball "Wilson" trauern sah, sind Gefühle für mich kein Hinderungsgrund mehr. Der Internationale Schachmeister David Levy hat sich zum Zwecke der Forschung ja bereits mit einer Frauenpuppe aus Silikon vertraut gemacht. Womit wir dann letztendlich auch bei den Androiden des "Mad Thinkers" sind.

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Kommentare hier ...

lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
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Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
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la-mamma - 30. November, 19:43
Ich möchte Ihnen...
Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02
Mit dem Schreibfehler...
Mit dem Schreibfehler hast Du vollkommen recht. Vor...
steppenhund - 28. November, 14:56
Ich nehme an, dass in...
Ich nehme an, dass in deinen beiden Listen die ersten...
Köppnick - 23. November, 10:57