Reinhard Brandt: Können Tiere denken?

Das Buch beginnt mit den folgenden beiden Absätzen:
Wir Menschen leben in zwei Welten, die paradoxerweise zugleich eine sind. Das Tageslicht, die Gerüche aus dem Bäckerladen, die Hauswand, an der wir entlanggehen und die wir nicht durchschreiten können - diese unsere Lebenswelt unterscheidet sich zunächst nicht von der Umwelt des Hundes, der uns begleitet. Er nimmt sinnlich wahr wie wir; er erschrickt bei einem lauten Geräusch wie wir, beim Gang am Fluß wissen wir beide, daß das Wasser nicht begehbar ist, es sei denn im Winter, in dem wir gemeinsam frieren und uns nur zögernd aufs Eis wagen. Uns bewegt dieselbe freudige Erregung, wenn uns das Kind des Hauses entgegenkommt.

Zugleich gibt es für uns Menschen eine andere, dennoch identische Welt, von der die Tiere offenbar nichts wissen. Wir Menschen machen die Dinge zu Objekten der Erkenntnis; dieselbe Sonne, die sich im Tageslauf langsam von Osten nach Westen bewegt, steht, so erkennen wir, im Zentrum des Planetensystems, und unsere Erde dreht sich als Kugel um sich selbst. Wir spüren die Kälte, aber wir erkennen in ihr zugleich die Ursache der Vereisung des Flusses; kein Tier weiß, was eine Ursache ist, kein Tier kann sich wundern.
Nach dieser Einleitung ist bereits klar, wie die Antwort von Reinhard Brandt, emeritierter Professor für Philosophie aus Marburg, ausfallen wird. Seiner Meinung nach können Tiere nicht denken. Unbestritten sind die zum Teil erstaunlichen kognitiven Fähigkeiten von Tieren, ihre Kommunikation mit anderen Lebewesen und ihr Sozialverhalten. Brandt gesteht ihnen sogar ohne Probleme ein Bewusstsein zu:
Wir plädieren dagegen für einen Seelenbegriff, der den Tieren seelische Fähigkeiten zugesteht sowie ein Bewußtsein und Selbstbewußtsein, das ihren seelischen Dispositionen und Fähigkeiten entspricht.
...
Wenn Tiere Lust und Schmerz empfinden, dann selbstverständlich nicht im Zustand der Narkose und der Ohnmacht, sondern des Bewußtseins. Bewußtsein in diesem Wortgebrauch ist nichts anderes als eine nicht weiter erklärbare psychische Präsenz mit bestimmten Inhalten. Das Beutetier ist dem Jagdtier präsent wie dem verwundeten Tier der Schmerz. Diese seelische Präsenz ist eine Naturtatsache bei Tieren und Menschen, ohne die das lebenserhaltende Empfinden von Lust und Schmerz nicht möglich wäre. (Was sagt eigentlich das Gehirn zu dem Unterschied zwischen einer schmerzenden und einer nicht schmerzenden Wunde, weil sie in der Bewußtlosigkeit außerhalb der Empfindung bleibt?)

Während bei lädierten Pflanzen ein Heilprozeß in Gang gesetzt wird, kann das Tier mit eigenen Maßnahmen auf die Wunde reagieren und ihr eine quasimedizinische Sorge zukommen lassen. Es handelt sich dabei um selbstbezügliche, im Wachzustand, d. h. bewußt, gesteuerte Handlungen der Tiere. Das gleiche gilt für die Akte der Reinigung - kein Kristall ist dagegen um den eigenen Erhalt besorgt, er heilt keine Verletzungen und reinigt sich nicht selbst, falls man den Berichten der Juweliere trauen darf.
Implizit schimmert hier auch durch, dass Brandt Emergentist ist, an anderer Stelle schreibt er:
Das Subjekt des Psychischen ist der ganze Mensch und das ganze Tier. Nicht das Bein verspürt den Schmerz der Verletzung und nicht der Kopf die Migräne, sondern das Tier und der Mensch: Ich spüre Schmerzen im Fuß und im Kopf, ich habe Heimweh, nicht mein Gehirn, ich höre das Geräusch, nicht die Ohren, die Nerven und die Neurone, die dieses Hören ermöglichen. Der Schimpanse ist zornig über seinen Rivalen, nicht sein bebender Körper. Das Subjekt des Psychischen ist die komplexe Einheit, die wir sind und die uns bei beseelten Tieren und Menschen entgegentritt.
Aber was ist nun mit dem Denken? Genauso wie beim Bewusstsein lässt sich die Frage nach dem Denken bei Tieren erst beantworten, wenn man definiert, was man unter Denken versteht. Für Brandt ist der Kern des Denkens das Urteilen, also das Formulieren von Aussagen der Form "S ist/ist nicht P". Solche Aussagen können dann von anderen denkenden Individuen auf ihre Wahrheit oder Falschheit geprüft werden und führen damit zu neuen Aussagen, die ebenfalls die Form von Urteilen annehmen. Während beim Menschen diese Form des Denkens problemlos an ihrer Sprache verifiziert werden kann, muss bei Tieren, die nicht sprechen, nach anderen Indizien geforscht und ihr Verhalten daraufhin untersucht werden, ob es nicht einfacher durch instinktives und programmiertes Verhalten erklärt werden kann.

Eine sehr einfache Möglichkeit ist die Suche nach negativen Urteilen (=Negationen). Ein Beispiel ist der Schwänzeltanz der Bienen. Bienen, die eine Nektarquelle gefunden haben, kehren in den Stock zurück, um ihre Schwestern über den Fund zu informieren. Aus der Art ihres Tanzes erfahren die anderen Bienen etwas über die Richtung und die Entfernung der Quelle und können sich selbst auf den Weg machen. Aber keine zurückkehrende Biene übermittelt den anderen Informationen, wo sie nichts gefunden hat und wohin die anderen folglich nicht zu fliegen brauchen. Ein zweites Beispiel aus dem Buch:
Wenn von Tieren wie dem klugen Hans und anderen Wunderpferden oder -affen behauptet wird, sie hätten einen Zugang zur Mathematik, dann stelle man ihnen einige Subtraktionsaufgaben. "Basic Math in Monkeys and College Students" - aber in dem so betitelten Forschungsbericht ist nur von Additionsaufgaben die Rede, »add numerical values«, »non verbal addition« -, darauf reduziert sich die Arithmetik und Mathematik der Monkeys und der ihnen unterlegenen Exzellenz-Studenten.
In diesem Beispiel übernimmt die Subtraktion logisch die Aufgabe der Negation. An einigen Stellen hat mich im Buch die komplizierte philosophische Ausdrucksweise von Brandt gestört, weil sie häufig nicht notwendig wäre. So hätte ich fast den folgenden Absatz überlesen, der einen für mich neuen Gedanken enthält:
Im Bericht über eine für die Sprachforschung neu entdeckte taubstumme Beduinengruppe Al-Sayyid heißt es: »Dieser Bericht enthält eine linguistische Beschreibung einer neuen und isolierten Sprache, einer Zeichensprache [sign language], die spontan ohne jeden externen Einfluß in einer stabilen existierenden Gesellschaft geschaffen wurde. Wir haben herausgefunden, daß eines der wichtigsten organisierenden Prinzipien der Sprache, die grammatische Beziehung zwischen Subjekt (S), Objekt (0) und Verb (V), in einer Äußerung in einer sehr frühen Phase der Sprachentwicklung fixiert wurde... Die Al-Sayyid-Beduinensprache ist in den letzten 70 Jahren in einer isolierten endogamen Gesellschaft entstanden... Im Zeitraum von einer Generation nach ihrem Beginn hat sich eine systematische grammatische Struktur in der Zeichensprache entwickelt... Die sich herausbildende grammatische Struktur muß als unabhängige Sprachentwicklung und als Reflex einer Basis-Anlage zur Sprache im allgemeinen angesehen werden.« Hier haben also Taubstumme eine eigene mimische und gestische Sprache entwickelt, die über die basale logische und grammatische Struktur menschlicher Sprachen verfügt.
Vielleicht muss also über den Zusammenhang zwischen Denken, Gehirn und Sprache neu nachgedacht werden. Die Sprachwerkzeuge, die Sprechen ermöglichen, haben solche Änderungen in unserem Gehirn ermöglicht, die uns zum Denken befähigen, aber unter Umständen wären heute die Sprachwerkzeuge für das Denken gar nicht mehr notwendig? Das könnte unter anderem bedeuten, dass Chomskys Idee einer "Universalgrammatik" sich nicht auf gesprochene Sprache bezieht, sondern auf die logische Sprache der Objekte des Denkens?

Eine Frage zum Schluss: Wenn Brandts Antwort auf die Frage "Können Tiere denken?" "Nein" lautet, dann würde mich seine Antwort auf die Frage "Sind Menschen Tiere?" interessieren. Denn wenn er der These zustimmt, dass sich denkende Menschen über einen evolutionären Prozess aus nichtdenkenden Tieren entwickelt haben, dann bleiben die Fragen offen, wann und wie sich menschliches Denken entwickelt haben soll und warum es keine Vorformen und Zwischenstufen im Tierreich geben soll. Vielleicht haben wir einfach noch nicht tief genug nachgedacht oder nicht genau genug beobachtet, um diese Formen zu finden. Was ist zum Beispiel von dem Gespräch zwischen der Pflegerin Patterson und der Gorilladame Koko in Zeichensprache zu halten, als Koko ein Gorillaskelett gezeigt wurde:
Patterson: Lebt der Gorilla oder ist er tot?
Koko: tot, wiedersehen.
Patterson: Wie fühlt sich ein Gorilla, wenn er stirbt: glücklich, traurig, ängstlich?
Koko: schlafen.
Patterson: Wohin gehen Gorillas, wenn sie sterben?
Koko: gemütliches Loch, wiedersehen.
Für mich erfüllt das die Kriterien an urteilendes Denken bei einem "Tier".

Kategorien: Gehirn & Geist, Bücher

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Kommentare hier ...

lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
la-mamma - 30. November, 19:43
Ich möchte Ihnen...
Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
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Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02
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Mit dem Schreibfehler hast Du vollkommen recht. Vor...
steppenhund - 28. November, 14:56
Ich nehme an, dass in...
Ich nehme an, dass in deinen beiden Listen die ersten...
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