steppenhund - 27. Juni, 20:28

Also der einzige Superstar, den ich brauche, bin ich selber:)
Aber Spass beiseite: die Menschen brauchen Projektionsflächen, um mit ihren eigenen Lebenslügen zurecht zu kommen.
Es ist wahrscheinlich auch der Grund, der uns Lotto spielen lässt. Wir brauchen die Vorstellungswelt von möglichen Superleistungen.
Geben wir es doch zu: die meisten Menschen sind zutiefst unsicher, daher benötigen sie Identifikationssymbole. Leute wie MJ ermöglichen Träume, sie ermöglichen auch "Gerührt sein", wenn später einmal Filme über sie gedreht werden.
Als Tina Turner in Wien vor wenigen Monaten auftrat, lief im Fernsehen auch ein Film über ihr Leben und ihre Trennung von Ike.
Das sieht dann alles nach Lebensplanung, nach höherem Plan aus - wie im Buch. Das begeistert. Die vielen Zufälligkeiten, die unser Leben bestimmen, integrieren sich weg.
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Es geht um die statistische Verteilung der Menschen hinsichtlich ihrer Lebensplanung. Ich kenne junge Menschen, die eine ganz genaue Vorstellung von dem haben, was sie vom Leben erwarten. Und andere, die sagen, dass das Leben eh nichts für sie hergeben wird, heute unter heutigen Bedingungen.
Aber das Leben gibt etwas her, selbst dann, wenn die Bedingungen schlecht sind. Vielleicht reduziere ich die Gültigkeit dieser Meinung auf Länder mit einem halbwegs demokratischen System. Wenn ein junger Nordkoreaner verzweifelt, kann ich das verstehen.
Aber selbst in der DDR der Achtzigerjahre, die für uns Westler ja das Ungute verkörperte, habe ich optimistische und lebensfrohe Jugendliche erlebt.
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Es ist aber einfacher, den Kopf hängen zu lassen und sich in Tagträumen zu ergehen, was alles hätte sein können.
Dein Satz:
Und wer Superstars braucht, bewundert, beweint, werden will oder zu produzieren versucht, dessen Persönlichkeit ist auf irgendeine Weise selbst defizitär und zu bedauern. ist nach meinem Dafürhalten richtig. Was allerdings noch hinzu zu fügen ist, ist die Prozentzahl, wieviele Menschen betroffen sind.
Und da tippe ich auf mindestens 80%, realistischer eher auf 95%.

Köppnick - 27. Juni, 21:54

Einer dieser optimistischen, lebensfrohen Jugendlichen der 80er Jahre in der DDR war ich. Nachdem ich meinen Wehrdienst überlebt hatte, u.a. mit der Angst 1980/81 wegen Polen und 1983 wegen dem Abschuss der südkoreanischen Passagiermaschine, habe ich 1983 zu studieren begonnen.

Lotto habe ich nie gespielt. Ich glaube aber nicht, dass die oberen Perzentile keine Lebenslügen haben, nur ist die Zahl derjeinigen, die diese Lügen sauber als solche diagnostizieren können, kleiner. Wacko Jacko ist sicherlich kein Problem des letzten Perzentils.
ostfriese - 28. Juni, 13:30

@Köppnick

Kein einziges Werk kann irgendwelche menschlichen Leiden aufwiegen.
Nicht? Dann könnte ich so manchen besonders gründlich durchgrübelten Blogbeitrag nicht vollenden, weil er meine dabei erlittenen Rückenschmerzen sowieso nicht aufwiegt ;-)

Verleugnest Du mit diesem Zitat nicht ein bisschen Deine eigene Schöpferseele? Ist es wirklich so, dass überehrgeizige Eltern ihre Kinder zur Höchstleistung drillen und skrupellose Manager ihre gewinnträchtigsten Pferde zu Tode reiten? Oder sind nicht die Künstler dieser Welt von sich aus Getriebene, besessen von unermüdlichem Selbstentäußerungs- und Schaffensdrang, süchtig nach Applaus?

Sie betreten am Beginn ihrer Karriere ein Drahtseil über eine Schlucht im Nebel, und je weiter sie voran gehen, desto tiefer gähnt der Abgrund des Scheiterns unter ihren Füßen. Die Bewunderer möchten sie da oben schweben sehen, wo sie selbst niemals auch nur einen Schritt wagen würden. Wie breit die Schlucht ist und ob ihr Tänzer je die andere Seite erreicht, darüber möchten sie lieber nicht nachdenken.

Ist dieses unkritische Anhimmeln bereits Ausdruck von persönlichen 'Defiziten' oder 'Lebenslügen' (zwei Begriffe, die ich so gar nicht schätze)?

Ich glaube nicht. Mir ist es jedenfalls lieber, die Menschen bleiben bei ihrer Heiligenverehrung im Bereich des Irdischen und Sterblichen, als dass sie ihr Bedürfnis nach Selbsttranszendenz ins Übernatürliche projizieren.

Zu MJ: Er wird in diesen Tagen vor allem als verirrte Kitsch-Ikone gewürdigt, aber ich möchte für seine tatsächlichen Talente mal eine Lanze brechen. Aus eher dünnem musikalischen Material hat er mit ausgeklügelten Arrangements und hochsensiblem stimmlichen Ausdruck perfekte Popsongs geschaffen. Keine Cover-Version wird dem je etwas hinzufügen können. Die stilbildenden Choreographien seiner Videos und Konzerte hat er kongenial und charismatisch umgesetzt.
creature - 28. Juni, 14:14

@ostfriese

stimme voll zu!
Köppnick - 28. Juni, 18:12

@Ostfriese

Das wir uns hier auf sehr dünnem Eis bewegen, ist dir aber bewusst? Dass MJ zu dem bewunderten Künstler nur geworden ist, weil sein Vater ihn dazu gedrillt hat - etwa so wie Leopold Mozart seinen Sohn Amadeus? Haben wir hier nicht genau dasselbe Dilemma wie zum Beispiel mit dem Leistungsssport in der DDR? Dass für den Erfolg einiger weniger tausende Kinderleichen (im übertragenen Sinne) links und rechts des Weges liegen geblieben sind? Wenn wir das jetzt nachträglich wegen dem Erfolg legitimieren, wieso verbieten wir denn dann heute den Drill von Kindern, so wir ihn bemerken?

Ich persönlich tendiere zu der Auffassung, dass, wenn ohne Leid keine Spitzenleistung möglich ist, eher der Mittelmäßigkeit der Vorzug zu geben ist. Wenn MJ überhaupt jemals glücklich war, dann vielleicht in einigen wenigen Augenblicken seiner Konzerte, vielleicht wollte er ja deshalb nochmals zurück. Aber wiegt das tatsächlich ein ganzes verkorkstes Leben auf und verkleinert die Schuld derjenigen, seines Vaters inklusive, die ihn so instrumentalisiert haben?

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Mail geschickt.)
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steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
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