Moshe Feldenkrais: Bewusstheit durch Bewegung

Ich habe einen ziemlich ungewöhnlichen Chef. Er bürstet insofern kräftig gegen den Strich, als er als Chef und Besitzer einer 18-Mann-Firma und Hochschullehrer ein bekennender Linker ist (noch linker als ich) und mitten in der Wirtschaftskrise ein neues Gebäude bauen lässt, damit wir gute Ausgangsbedingungen haben, wenn die Konjunktur wieder anspringt. Eine weitere seiner unkonventionellen Ideen besteht darin, seinen Mitarbeitern eine Physiotherapeutin zu bezahlen.

Die Physiotherapeutin ist die Frau eines Kollegen und in vielen Dingen ebenfalls sehr ungewöhnlich. Da mein Chef uns die Auswahl überlassen hat, welche Therapie wir gern in Anspruch nehmen wollen, habe ich mich nicht für Klassiker wie Massage oder Pilates entschieden, sondern für QiGong und Feldenkrais, was ich beides noch nicht kannte. Während QiGong ein uralter Bestandteil östlicher Kultur ist, wurde die Feldenkrais-Methode erst vor wenigen Jahrzehnten von Moshe Feldenkrais entwickelt.

Mich verblüfft, dass man mit Meditationstechniken, die eine Loslösung des Geistes vom Körper bezwecken, und mit der körperorientierten Feldenkrais-Methode ähnliche Effekte hervorrufen können soll. Während meine Physiotherapeutin eher praktisch orientiert ist, haben mich auch die theoretischen Überlegungen von Feldenkrais interessiert und ich habe mir von ihr das Buch "Bewusstheit durch Bewegung", geschrieben von Moshe Feldenkrais selbst, ausgeborgt. Feldenkrais war ein origineller und scharfsinniger Denker, der die aktuellen Erkenntnisse der Hirnforschung seiner Zeit kannte und ein ausgesprochen und angenehm unideologisches Bild auf den Zusammenhang zwischen Körper und Geist entwickelt hat. (Im Gegensatz zum Beispiel zur Theorie des QiGong, die ohne Bramarbasieren mit dem Qi nicht auskommt, obwohl man auch hier den Erfolg ganz profan auf die regelmäßige Wiederholung gymnastischer Übungen zurückführen könnte.)

Der Ausgangspunkt der Überlegungen von Moshe Feldenkrais ist einfach:
Wir handeln dem Bild nach, das wir uns von uns machen. Ich esse, gehe, spreche, denke, beobachte, liebe nach der' Art, wie ich mich empfinde. Dieses Ich-Bild, das einer sich von sich macht, ist teils ererbt, teils anerzogen; zu einem dritten Teil kommt es durch Selbsterziehung zustande.
...
Das Ich-Bild besteht aus vier Teilen, die an jedem Tun beteiligt sind: Bewegung, Sinnesempfindung, Gefühl und Denken. Sie sind die Bestandteile auch jeder Handlung. Jedes dieser Teile quantitativer und qualitativer Anteil an einer bestimmten Handlung ist ebenso verschieden wie die Menschen, welche diese Handlung ausführen mögen, aber jeder dieser Teile wird an jeder Handlung mehr oder weniger beteiligt sein:

Um nachzudenken, muß einer wach sein und wissen, daß er wach ist und nicht träumt; das heißt, er muß seine körperliche Stellung oder Lage im Verhältnis zum Schwerefeld empfinden und erkennen können. Das bedeutet aber, daß am Denken auch Bewegung, Sinnesempfindung und Gefühl beteiligt sind.

Um Ärger oder Freude fühlen zu können, muß einer in einer bestimmten Haltung sein und in irgendeiner Beziehung stehen zu einem anderen Lebewesen oder Gegenstand. Das heißt, zum Gefühl gehört hier auch, daß er sich bewegt, daß seine Sinne empfinden und daß er denkt.

Damit einer sehe, höre, berühre oder Berührung merke, überhaupt mit und durch seine Sinne etwas empfinde und wahrnehme, muß sein Interesse, seine Aufmerksamkeit geweckt werden, muß er bemerken oder erkennen, muß etwas geschehen und an ihn kommen, das ihn angeht und bewegt. Zur Sinnesempfindung gehört hier auch, daß er sich bewegt, daß er f ühlt und denkt.

Um sich zu bewegen, braucht er, bewußt oder unbewußt, mindestens einen seiner Sinne, und indem er ihn gebraucht, wird er notwendig auch fühlen und denken.
Die Schlussfolgerung Feldenkrais ist ebenso einfach wie logisch: Wenn Bewegung, Sinnesempfindung, Gefühl und Denken so eng miteinander verbunden sind, dann kann man durch einen Teil - Bewegung - Einfluss nehmen auf die drei anderen. Ausgerechnet bei der Bewegung anzusetzen hat den Vorteil, dass Bewegungen sowohl von anderen als auch von einem selbst wahrgenommen werden können. Folgerichtig besteht eines der vorrangigen Ziele der Feldenkrais-Methode darin, den Kontakt zu seinem eigenen Körper zu verbessern.
Wenn einer sich flach auf den Rücken legt und systematisch versucht, seinen ganzen Körper zu spüren oder gleichsam auf ihn zu hören, d. h. wenn er seine Aufmerksamkeit jedem Teil und Glied seines Körpers einem nach dem andern zuwendet, so wird er feststellen, daß sich die einen leicht erspüren lassen, während andere sozusagen stumm oder dumpf und außerhalb seiner Wahrnehmung bleiben. So ist es z. B. leicht, die Fingerspitzen oder die Lippen zu spüren, aber schon viel schwieriger, sich seines Hinterkopfs - im Nacken, zwischen den Ohren - innezuwerden. Der Grad der Schwierigkeit ist natürlich von Mensch zu Mensch verschieden: er hängt von der Form seines Ich-Bildes ab. Im allgemeinen aber ist der selten, dessen Wahrnehmung jede Stelle seines Körpers gleichermaßen zugänglich ist. Die Körperteile, die er am deutlichsten gewahrt, sind auch die, deren er sich in seinem Alltag am meisten bedient; während die stummen oder dumpfen Teile nur indirekt eine Rolle in seinem Leben spielen und, wenn er handelt, in seinem Ich-Bild kaum vorhanden sind.

Einer, der überhaupt nicht singen kann, wird diese Funktion auch in seinem Ich-Bild nicht fühlen können, außer indem er sie nachdenkt, d. h. denkend rekonstruiert. Er gewahrt keine wesentliche Verbindung seiner Mundhöhle mit seinen Ohren, noch mit seiner Atmung, wie dies der Sänger tut.
...
Wie einer auf seine Weise seine Muttersprache ausspricht, davon wird die Entwicklung der Muskulatur seiner Zunge und seines Mundes, seines Gaumens und seiner Stimme weitgehend bestimmt werden. Seine erste Sprache wird die relative Stärke seiner Mundmuskeln und die Form seiner Mundhöhle so weit beeinflussen, daß man an seinem Sprechen jeder Sprache, die er später dazulernen mag, die frühere wird erkennen können, denn seine Sprechorgane stellen sich nur mit Mühe für die neuen Lautbildungen um. Hier also geschieht es, daß die eigene Erfahrung, die einer macht, seine strukturelle Entwicklung tatsächlich nicht weniger mitbestimmt als die ererbten Faktoren. Diese Eigentümlichkeit ist einzigartig.
Das Wort "Ganzheitlichkeit" ist ein Modewort geworden. Meiner Meinung nach kommt Feldenkrais diesem Ideal mit seinen Überlegungen und seiner Methode ziemlich nahe.
Die esoterischen Schulen kennen ein Gleichnis, das aus Tibet stammt. Es sagt, daß ein Mensch, der sich seiner nicht bewußt ist, einem Wagen gleiche, dessen Fahrgäste die Begierden, dessen Pferde die Muskeln sind, und der Wagen selbst ist das Skelett. Die Bewußtheit ist der schlafende Kutscher. Solange er schläft, wird der Wagen ziellos bald hierhin, bald dorthin gezerrt. Jeder Fahrgast will an ein anderes Ziel, jedes der Pferde zieht in eine andere Richtung. Ist der Kutscher wach und hält die Zügel, so wird er Pferde und Wagen so lenken, daß jeder Fahrgast sein Ziel erreicht.

In den Augenblicken, da es der Bewußtheit gelingt, mit Gefühl, Sinnesempfindung, Bewegung und Denken gemeinsame Sache zu machen, wird der Wagen seine Straße halten und auf ihr leicht und schnell vorankommen. Das sind die Augenblicke, in denen Entdeckungen gemacht werden, in denen einer erfindet, schöpft, Neues schafft, erkennt. In ihnen begreift er: seine kleine Welt und die große um ihn sind eins, und in dieser Einheit ist er nicht mehr allein.
Die ersten ca. 80 Seiten im Buch sind diesen Überlegungen gewidmet. Der zweite Teil, etwa 200 Seiten, sind Moshe Feldenkrais' Vorschläge für praktische Übungen. Er betrachtet sie aber nur als Beispiele und Vorschläge und rät jedem, seinen eigenen Weg zu finde. Feldenkrais war Physiker und Judolehrer und ist durch eine eigene Sportverletzung dazu veranlasst worden, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Was mich an dem Buch beeindruckt hat, ist die Einfachheit der Sprache und die Klarheit der Gedanken. Feldenkrais hatte das Potenzial zu einem echten Guru.

Kategorien: Alltag, Gehirn & Geist, Bücher

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Bitte mehr davon? Aus...
Bitte mehr davon? Aus meiner Sicht auf keinen Fall,...
Köppnick - 25. Dezember, 16:53
bitte mehr davon
Nimmersatt (Gast) - 25. Dezember, 15:33
lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
la-mamma - 30. November, 19:43
Ich möchte Ihnen...
Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02