Zur Realität mathematischer Objekte II
Ich bin ja bekennender Platoniker, gehe also von der tatsächlichen Existenz mathematischer Objekte unabhängig vom physikalischen Universum aus. Der Standpunkt der Intuitionisten, der die tatsächliche Existenz dieser Objekte mit ihrer potenziellen Anwendung in der Physik verknüpft, ist für mich nicht plausibel. Warum sollte sich der Grad der Realität eines solchen Objektes ändern, das zuvor in einem mathematischen Beweis widerspruchsfrei aus den Axiomen hergeleitet wurde, weil es zufällig eine Anwendung in der Physik erfährt?
Jetzt erhält diese meine Meinung nicht nur Schützenhilfe von Christopher Langan, sondern auch in Spektrum der Wissenschaften 06/09 findet sich ein diesbezüglicher Artikel: "Was ist Mathematik?" Autor ist Bernulf Kanitscheider, emeritierter Professor für Philosophie der Naturwissenschaften. Ausgangspunkt ist der Vergleich zwischen Mathematik und Physik:
Woran ich bei Gödel bis jetzt noch nicht gedacht hatte, das formuliert Kanitscheider so:
Das abschließende Kapitel des Artikels ist dann gleichermaßen faszinierend wie genial:
Kategorie: Mathematik & Logik
Jetzt erhält diese meine Meinung nicht nur Schützenhilfe von Christopher Langan, sondern auch in Spektrum der Wissenschaften 06/09 findet sich ein diesbezüglicher Artikel: "Was ist Mathematik?" Autor ist Bernulf Kanitscheider, emeritierter Professor für Philosophie der Naturwissenschaften. Ausgangspunkt ist der Vergleich zwischen Mathematik und Physik:
Der erkenntnistheoretische Status der Mathematik ist deutlich von dem der Physik abgehoben. Auch diese macht reichlichen Gebrauch von Formalismen; aber ihre theoretischen Terme haben eine faktische Interpretation, und über diese trifft letztlich die Physik ihre Aussagen. Über deren Wahrheit entscheidet nur die Erfahrung (Beobachtung und Experiment). Damit ist die Physik unausweichlich vorläufig und revidierbar; eine apriorische Naturlehre gibt es nicht.So weit, so gut. In dem Artikel wird dann geschildert, wie die Mathematik durch die Cantorsche Mengenlehre allmählich in Schwierigkeiten geriet. Enthält die (unendlich große) Menge aller Mengen sich selbst als Teilmenge? Wie kann etwas sich selbst enthalten? Müsste es dann nicht größer als es selbst sein? Zum Beispiel ist die Menge aller Teilmengen einer endlichen Menge selbst eine endliche Menge. Das Problem entsteht erst, weil unendliche Mengen nicht aus endlichen erzeugt werden können, alle im Endlichen gültigen Methoden und unsere Intuition versagen hier. In der Natur gibt es nichts Unendliches, daraus ergibt sich die grundlegende Frage nach der Realität solcher mathematischer Objekte. Im Artikel werden vier verschiedene Auffassungen dazu genannt, zu denen es noch heute Anhänger unter den Philosophen und Mathematikern gibt:
Dagegen gilt ein gelungener mathematischer Beweis für immer. Dies ist der Grund, warum die Wissenschaftsdynamik der Mathematik wesentlich kumulativ ist. Natürlich kann es über die Zulässigkeit bestimmter Beweismethoden eine metatheoretische Debatte geben, aber wenn man sich auf eine bestimmte Argumentationslogik geeinigt hat, kann die Geltung eines geglückten Beweises nicht mehr rational bestritten werden.
Die historisch älteste Deutung geht auf Pythagoras und Platon zurück. Danach bilden die formalen Gegenstände ein »eigenes Reich«, wie Gottlob Frege (1848-1925) es ausgedrückt hat, das ontologisch autonom, wohlunterschieden von den physikalischen und mentalen Zuständen der Natur für sich existiert. In der Neuzeit hat dieser »Platonismus« die Zustimmung vieler bedeutender kreativer Mathematiker gefunden, unter ihnen besonders Kurt Gödel (1906-1978).Mit diesen vier Auffassungen konnte aber diese grundlegende Frage nicht entschieden werden, es entstand eine weitere Strömung, der Intuitionismus, der zunächst anscheinend das Problem löste:
Andere behaupten mit Aristoteles, dass die abstrakten Objekte keine autonome Existenz besitzen, sondern nur als formale innerliche Strukturen der Natur vorkommen.
Die Kantianer wiederum lokalisieren die mathematischen Gegenstände in der reinen Anschauung des transzendentalen, das heißt zu synthetischer Erkenntnis a priori fähigen Subjekts.
Gegenüber diesen verschiedenen Spielarten des »Realismus«, der Vorstellung, dass den mathematischen Gegenständen - außerhalb der uns umgebenden Welt, aber trotzdem - eine Realität zukomme, haben die Positivisten wie Ludwig Wittgenstein (1889-1951) eine skeptische Haltung bezogen. Sie hielten es eher mit dem Logizismus, wonach die Mathematik eigentlich nur verkleidete Logik sei. Aus dieser Reduktion auf die Logik beziehe sie auch ihre Gewissheit.
Eine radikale Reaktion auf die Grundlagenkrise der Mathematik war der Intuitionismus von Luitzen E. J. Brouwer (1881-1966). Dieser lehnte das aktual Unendliche grundsätzlich ab und damit auch alle Konzepte, die darauf aufbauen. Während die klassische Mathematik jede konsistente Struktur akzeptiert, duldet der Intuitionismus nur Gebilde, die ein individuelles Bewusstsein schrittweise in endlicher Zeit konstruieren kann. Die Mathematik steckt nach dieser Auffassung in dieser geistigen Tätigkeit (der »Intuition«), nicht etwa in den fertigen Symbolen. Diese sind nur das Vehikel der Mittteilung.Und Gödel hat mit seinen Unvollständigkeitssätzen noch ein weiteres Problem der Mathematik deutlich gemacht: Die Arithmetik kann nicht vollständig und konsistent axiomatisiert werden und ihre Widerspruchsfreiheit nicht mit ihren eigenen Mitteln gezeigt werden. Das heißt, in jeder axiomatischen Theorie lassen sich Sätze aufstellen, deren Wahrheitswert nicht mit den vorhandenen Axiomen bewiesen werden kann. Erweitert man die Theorie um die zum Beweis notwendigen Axiome, dann lassen sich neue Sätze mit demselben Problem formulieren.
Ein zeitlich endliches Vernunftwesen kann danach nur das potenziell Unendliche erfassen. Also gilt die klassische Logik auch nur für endliche Mengen. Insbesondere darf das »Tertium non datur«, wonach jede Aussage an sich wahr oder falsch ist, nicht auf unendliche Gesamtheiten angewendet werden.
...
Eine Zeit lang sah es so aus, als ob der Intuitionismus der sicherste Ausweg aus der Grundlagenkrise sei. Dann aber bewies Kurt Gödel 1932, dass man die klassische Logik und Arithmetik so in die intuitionistische übersetzen kann, dass sich dort alle gültigen Formeln, aber auch die Widersprüche wiederfinden.
Woran ich bei Gödel bis jetzt noch nicht gedacht hatte, das formuliert Kanitscheider so:
Hier tut sich eine Parallele mit der Atomtheorie auf. Im 19. Jahrhundert dachte man lange Zeit, man dürfe aus empiristischen Gründen über Atome nur als Fiktionen sprechen, weil sich diese nicht direkt beobachten lassen. Dieser Redeweise haftet in der Physik wie in der Mathematik eine Künstlichkeit an. Es wirkt albern, wenn man von den Gegenständen seiner Wissenschaft immer nur so sprechen darf, »als ob« sie existierten.Das klingt furchtbar kompliziert, enthält aber einen einfachen Grundgedanken: Wenn wir über Atome und ihre Eigenschaften sprechen, dann gehen wir davon aus, dass wir sie erkennen können, weil sie tatsächlich existieren. Sie nur als Modelle von etwas prinzipiell Unerkennbarem zu betrachten, fügt unserer Erkenntnis nichts Neues hinzu. Für mathematische Objekte sollte es sich analog verhalten: Wenn wir sie erkennen können, sollten wir sie als tatsächlich existent an-erkennen.
Auf der anderen Seite wurde bis heute die Kritik des Philosophen Paul Benacerraf von der Princeton University nicht entkräftet, wonach der Gödelsche Realismus kausale Rätsel aufwirft. Jede empirische Erfahrung der materialen Objekte in der Physik kann physiologisch-ursächlich rekonstruiert werden. Wir können ein physikalisches Ereignis wahrnehmen, weil wir ebenso wie das Ereignis Teil der materiellen Welt sind und unsere Wahrnehmung mit dem Ereignis kausal verknüpft ist. Niemand hatte aber bisher eine Idee, wie mathematische Gegenstandserkenntnis ablaufen könnte, speziell wenn Gödel betont, »dass die Objekte der transfiniten Mengenlehre natürlich nicht zur physikalischen Welt gehören«. Wenn die formalen Gegenstände akausal und ohne Status in der Raumzeit existieren, wie sollen sie dann unsere mathematische Erfahrung hervorbringen?
Das abschließende Kapitel des Artikels ist dann gleichermaßen faszinierend wie genial:
Schließlich gibt es noch eine völlig andere Strategie, die anscheinend prästabilierte Harmonie von Natur und Zahl zu verstehen. Man macht gleich zu Beginn eine ontologische Kehrtwendung und erklärt die mathematischen Objekte für die primäre Realität. Demgegenüber ist die Realität der uns umgebenden Welt eine abgeleitete Größe. Diesen Weg hat Max Tegmark in jüngerer Zeit vorgeschlagen (Spektrum der Wissenschaft 8/2003, S. 34). Aus seiner Sicht sind alle konsistenten formalen Strukturen der Grundstoff, aus dem die Universen gemacht sind, wobei einige von ihnen die kontingente Eigenschaft besitzen, intelligente Substrukturen hervorzubringen.Also nach Kanitscheider ist es logisch geboten, mathematischen Objekten eine eigenständige Existenz zuzubilligen. Und wenn man es noch spekulativer mag, dann kann man den Begriff des "Multiversums" durch den präziseren des "Mathiversums" ersetzen, von dem unser eigenes Universum genau diejenige Realisierung ist, die bewusste und Mathematik betreibende Beobachter zulässt. ;-)
Die alte philosophische Frage nach der Kontingenz der Welt - also der Frage, warum für dieses Universum gerade der uns bekannte Satz von Gleichungen bestimmend ist - lässt sich dann auflösen. Die ontologische Asymmetrie zwischen den physikalisch realisierten und den nicht verwirklichten Strukturen ist auf einen täuschenden Selektionseffekt zurückzuführen. Dieser kommt dadurch zu Stande, dass nicht in allen konsistenten Strukturen kognitive Systeme existieren können.
Wem allerdings eine solche gigantische Erweiterung der Realität - immerhin ist das Ensemble aller konsistenten mathematischen Strukturen sicher unendlich - zu spekulativ und gespenstisch erscheint, kann es inzwischen bei einem sparsameren Platonismus belassen. Damit kann man zwar nicht verstehen, warum die Natur gerade die heute gültigen Strukturen realisiert, aber doch, warum die Welt sich überhaupt mathematisch begreifen lässt.
Kategorie: Mathematik & Logik
Montag, 08.Juni 2009
Den Weg rückwärts zu gehen, bedeutet dadurch nur wieder bei jeweils einem Axiomensystem zu landen. Wenn dadurch Multiversen aus axiomatischen Systemen entstehen, je nach dem welches Objekt ich gerade gewillt bin zu untersuchen, ist dies doch nur eine Paraphrasierung des alten Problems.
Ich denke eher, dass in der Wahl unseres axiomatischen Systems wieder das kantsche a priori steckt, um ein Band zwischen einer denkbaren und der realen Welt zu binden und ich stecke schon wieder in dem alten Sumpf und ziehe an meinen Haaren und ziehe...
Natürlich haben Axiome etwas Anthropozentrisches, denn sie sind in unserer Sprache formuliert. Ich denke aber nicht, dass sie beliebig sind. Wenn man die Formulierung eines Axioms ändert, dann hat das Auswirkung auf die Formulierung der anderen. Die Analogie hierzu wäre, dass wenn eine Achse eines Koordinatensystems gedreht wird, die anderen orthogonalen Achsen sich ebenfalls ändern müssen.
Welcher Unterschied zwischen mathematischen und physikalischen Objekten besteht, kann man auch an den jeweils verwendeten Konstanten sehen: Physikalische Konstanten werden gemessen und dann in die Gleichungen eingesetzt. Mit anderen Werten würde das Verhalten eines anderen (denkbaren) Universums beschrieben. Andere Werte von Pi oder e sind hingegen nicht möglich, sie behalten in Gleichungen beliebiger anderer Universen ihre Gültigkeit.
Wer an die Möglichkeit der Kommunikation mit Außerirdischen glaubt, muss zumindest ein wenig Platoniker sein. Denn die Kommunikationsaufnahme verläuft immer von der Übermittlung von Zahlen, dann der Geometrie. Erst danach kann man Informationen über den Aufbau des Sonnensystems, des Menschen und der Atome austauschen. Das setzt voraus, dass die Anderen bei der Beobachtung der Welt und bei der Introspektion ihrer selbst auf dieselben Gesetzmäßigkeiten gestoßen sind. Wenn sie sie entdeckt haben (physikalische Atome, mathematische Kreise), dann ist das wenig verwunderlich, wenn sie sie erfunden hätten, dann schon. Ihre Formulierung der Atomtheorie wird anders sein als unsere, genau wie die Formulierung der Axiome, aber die entdeckten Zusammenhänge müssen weitgehend übereinstimmen.
Einsteins lachende Zunge: relativ ist alles
2-dimensionale Wesen haben sicher eine andere Vorstellung vom Atom als wir. Genauso 4-dimensionale. Was ist also Realität?
Jede Intelligenz hat nur einen beschränkten Erkenntnishorizont.
Die Bindung zwischen der mathematischen Welt und der durch unsere Sinne erfahrbaren ist genau einer der Diskussionspunkte des Artikels, ich wiederhole nochmal ein Zitat:
Wenn ich mathematisch einen n-dimensionalen Raum beschreiben kann, der weit jenseits meiner Vorstellungskraft liegt, warum dann nicht auch eine alternative Geometrie, die auf einem widerspruchsfreien und vollständigen Axiomensystem aufbaut, aber nichts mit der von mir wahrgenommenen Vorstellung von Raum zu tun hat. Nehmen wir an ich beschreibe in diesem System ein Objekt, dass ich mal Kügel nenne. Wenn ich jetzt diese Kügel und z.B. mal eine Kugel als primäre Realität annehme, kann ich nur für die Kugel einen Bezug zu meiner Vorstellungswelt Raum herstellen. Ich muss daher durch Vorwissen ein spezielles axiomatisches System als herausgehoben oder naiv als wahr bezeichnen. Daher stellt sich mir die Frage, warum der Ansatz die Mathematik als wahr vorauszusetzen, Erkenntnisgewinn bringt, außer der Tatsache, dass wir eine zum Überleben ausreichende Vorstellung des Raumes haben.
Und ich möchte den seltsamen Fragen noch eine weitere hinzufügen (die ich von Langan geklaut habe): Die Quantentheorie, als die derzeit bestmögliche Beschreibung des physikalischen Universums, geht davon aus, dass letztlich alle Größen gequantelt sein müssen, nicht nur die Materie, sondern auch Raum und Zeit - der berühmte Quantenschaum, wenn man sich in Raumzeitdimensionen der Plancklänge und der Planckzeit begibt. Gequantelte Vorgänge können aber nur vor dem Hintergrund eines Kontinuums beschrieben und beobachtet werden. Wenn die bestmögliche physikalische Beschreibung gequantelt ist, was stellt dann das Kontinuum dar? Für Langan ist es die "Realität", also letztlich auch die Leinwand, auf der die Mathematik gezeigt wird.
Müssen Raum und Zeit eigentlich gequantelt sein? Unter der Annahme einer gequantelten Materie und damit Energie wird diese Eigenschaft von Raum und Zeit nicht unter dem Nebel eines Messvorgangs bleiben, da Messen nur durch Austausch von Energie funktioniert und damit jede Messgröße immanent gequantelt ist? Aber wahrscheinlich ist diese Vorstellung zu naiv.
Zum anderen würde die Unterscheidung zweier Messgrößen, die beliebig nahe beieinander liegen, eine immer größere Informationsmenge bedeuten (=Anzahl der Bits zur Kodierung). Nach derzeitigem Kenntnisstand ist aber Information immer an materielle Träger gebunden. Für mich sieht das so aus, als ob hier die Heisenbergsche Unschärferelation aus einem ganz anderen Blickwinkel wieder ins Spiel kommt: Je feiner Unterschiede zwischen zwei Materieteilchen gemessen werden sollen, desto mehr Materie wird benötigt, um diese Information zu erfassen. Das beißt sich irgendwann.