Philip Kitcher: Mit Darwin leben
Das zentrale Thema des Buchs ist die Auseinandersetzung mit dem Kreationismus und dem Intelligent Design (ID) aus dem Blickwinkel der Evolutionstheorie. Besonders das Intelligent Design nimmt Kitcher dabei ziemlich ernst, weil einige der durch diesen Ansatz aufgeworfenen Fragen ja tatsächlich interessante Probleme sind, die auch von Evolutionsbiologen gestellt werden, oder genauer gesagt, gestellt wurden, denn der größte Teil des Intelligent Design ist alte, tote Wissenschaft. Im ersten Teil des Buchs werden die klassischen Beispiele des Kreationismus und des ID der Reihe nach analysiert. Es ist gut und wichtig, diese Beispiele zu verstehen, um daran die allgemeine Argumentationsstruktur der ID-Anhänger zu erkennen: Man sucht sich Beispiele heraus, die mit dem aktuellen Wissensstand nur schlecht oder gar nicht erklärt werden können, und stellt dann die Behauptung auf, dies zeige das Wirken eines intelligenten Prozesses. Nur kann man damit keine Erklärung für die Arbeitsweise des intelligenten Designers liefern, zumal es die ID-Anhänger ja sorgfältig vermeiden, ihren intelligenten Designer "Gott" zu nennen.Da ich in der letzten Zeit an mehreren Stellen in Diskussionen verstrickt war, in denen Gläubige und Atheisten sich gegenseitig von ihren Standpunkten zu überzeugen suchten und sich beide Parteien in diesen Diskussionen augenscheinlich keinen Millimeter bewegt haben, war der letzte Teil des Buchs für mich von besonderem Interesse. Dort erfährt man die Gründe, warum sich Kitcher so stark mit der Widerlegung des Intelligent Designs beschäftigt hat, welche Meinung er selbst zu Religionen hat und wie er das Verhältnis der Religionen und spiritueller Überzeugungen sowohl zur Evolutionstheorie als auch zu Kreationismus und ID sieht. Die folgenden Ausschnitte aus dem Buch sind für mich deshalb so bemerkenswert, weil sie nahezu hundertprozentig meine eigenen Empfindungen wiedergeben - nur hätte ich das niemals so gut formulieren können wie er.
Zur Sichtweise der Theisten zum Naturalismus zitiert er aus William James Buch Die Vielfalt religiöser Erfahrung von 1902:
Für den Naturalismus, der sich von den jüngsten kosmologischen Spekulationen nährt, ist die Menschheit in einer ähnlichen Lage wie eine Handvoll Leute, die auf einem zugefrorenen See leben, umgeben von Felsen, über die man nicht entkommen kann, und die zugleich wissen, dass das Eis nach und nach schmilzt und der Tag unvermeidlich näher rückt, an dem die letzte Eisschicht verschwunden sein und es das Schicksal der menschlichen Kreatur sein wird, schmählich zu ertrinken. Je lustiger das Schlittschuhlaufen, je wärmer und funkelnder die Sonne des Tages und je farbenprächtiger die Feuerwerke in der Nacht, desto schmerzlicher die Traurigkeit, mit der man die Gesamtsituation erfasst.In umgekehrter Richtung blicken Naturalisten bzw. Atheisten mit Unverständnis auf die Probleme des Providentialismus (Providenz = Vorsehung) bzw. der Theodizee (Wieso lässt Gott das Leiden zu?). Das Unverständnis ruht daher, dass Naturalisten keine moralischen Begründungen für das Leid finden müssen, weil Moral an Bewusstsein gekoppelt ist und ohne Gott in der Natur kein Bewusstsein existiert. Für Theisten stellt es aber ein existenzielles Problem dar - für das es offenbar bei Annahme der Existenz eines Gottes mit den ihm zugeschriebenen Eigenschaften keine logisch befriedigenden Antworten gibt.
Betrachtet man die Millionen Jahre, in denen fühlende Lebewesen gelitten haben und viele von ihnen eines langen, qualvollen Todes gestorben sind, klingt es doch recht schal, wenn man behauptet, das alles sei notwendig gewesen, damit ganz am Ende der Geschichte unsere Spezies das angeblich transzendente Gut freien, tugendhaften Handelns zu erwerben vermag. Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass die Geschichte des Lebens sich auf anderen, weniger qualvollen Wegen hätte entfalten und das Ziel auch ohne ein so langes, blutiges Vorspiel hätte erreicht werden können.Und trotzdem bleiben die Gläubigen bei ihrem Glauben und können durch noch so viele und ausgeklügelte Argumentationsketten der Naturalisten nicht "bekehrt" werden. Die letzten vier Abschnitte, in denen ich jedes Wort unterschreiben kann, machen nochmals deutlich, warum er so nachsichtig mit Religionen und insbesonders mit Gläubigen umgeht, warum er seine Kritik an Kreationismus und ID von den Religionen selbst trennt und warum die angestrebte Bekehrung zum Atheismus heute weder möglich und wahrscheinlich nicht einmal wünschenswert ist.
Der zweite Punkt besagt, dass die providentialistische Lehre, wonach das Leid der Menschen und Tiere einem höheren Ziel dient, mit der These von der göttlichen Gerechtigkeit vereinbar sein muss. Man kann die Folterung einiger erwiesenermaßen unschuldiger Menschen nicht damit rechtfertigen, dass diese abschreckenden Beispiele für größere Sicherheit in der Gesellschaft sorgten. Im selben Sinne kann ein gerechter Schöpfer nicht eine Vielzahl seiner Geschöpfe im Dienste eines höheren Gutes gewaltigem Leid aussetzen. Von göttlicher Gerechtigkeit könnte man nur sprechen, wenn die leidenden Tiere selbst einen Lohn erhielten und ihr Leid nicht einfach nur Mittel zum Zweck wäre, auch wenn dieser Zweck in der großartigen Vollendung der Schöpfung bestünde. ... Wozu also dient das Leid und insbesondere das Leid der Unschuldigen?
Die Anhänger des Gedankens einer göttlichen Vorsehung scheinen eine naheliegende Antwort darauf zu haben. Der Lohn ist die Vereinigung mit Gott, vielleicht in einem Leben nach dem Tod. Doch diese Antwort wirft nur weitere Fragen auf. Wenn das Leiden des Kindes oder des Holocaustopfers wirklich nach dem Tod durch ein höheres Gut ausgeglichen wird, stellt sich die Frage, ob dieses Leiden notwendig zur Erlangung dieses höheren Gutes ist. Falls es notwendig ist, sind andere, denen solches Leid vorenthalten wurde, um dieses höhere Gut betrogen worden. Sie haben nicht erlebt, was für die Erlangung des höheren Gutes erforderlich wäre. Da dieses schlimme Leid für die Erlösung nach dem Tod unerlässlich ist, können jene, die nicht gelitten haben, auch nicht erlöst werden.
Wenn Erlösung jedoch auch ohne Leid möglich ist, gibt es für das erlittene Leid keinen Ausgleich. Die Qualen waren für den glorreichen Lohn unnötig. Wenn man nun annähme, es gebe zwei Arten von Menschen, nämlich solche, die Qualen erleiden müssten, um das ewige Seelenheil zu erlangen, und solche, die dies nicht bräuchten, fragt sich, worin denn die Holocaustopfer sich von jenen Menschen unterschieden, die von vergleichbaren Qualen verschont blieben - und warum der göttliche Plan die Existenz einiger Menschen vorsieht, die den Himmel nur durch extremstes Leid zu erlangen vermögen.
Für Akademiker und Wissenschaftler und andere Angehörige hochqualifizierter Berufe ist es leichter, ihrem Leben einen Sinn zu geben, auch wenn der nicht im gläubigen Dienst an Gott besteht. Ihr Leben kreist oft um eine bedeutsame und herausfordernde, aufregende und lohnende Arbeit. In der Regel gehören sie Gemeinschaften an, in denen man offen über ernste Fragen diskutieren kann und ausreichend Gelegenheit hat, Zweifel und Besorgnisse zu äußern. Doch wenn jemand unerwartet in persönliche Schwierigkeiten gerät, dürften solche Mechanismen kaum geeignet sein, Trost zu spenden.Das ist eher ein Programm für Jahrhunderte, denn ein kurzfristiges.
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Dem Darwinismus oder den dahinter lauernden Argumenten der Aufklärung zu widerstehen kann kaum als unvernünftig gelten, wenn dann nur ein trostloses Leben voller Not und Armut bleibt. Für Menschen, die von den Wechselfällen der Wirtschaft herumgestoßen werden, die Opfer von Ungerechtigkeit sind, die von den erfolgreichen Mitgliedern ihrer Gesellschaft verhöhnt und erniedrigt werden, die langweilige, gering entlohnte Arbeit verrichten, denen kaum materielle Belohnungen zuteil werden oder die Spielzeuge der Konsumkultur schal erscheinen, für Menschen, die Erleichterung und mitfühlende Gemeinschaft am ehesten in ihren Kirchen finden, und vor allem für Menschen, die darauf hoffen, dass ihr Leben einen Sinn hat und dass es etwas zählt - für sie alle ist der Anschlag der weltlichen Kräfte eine Bedrohung, die fast alles zerstören könnte. Deshalb klingen die Stimmen der Vernunft so sehr nach Blech und tosenden Pauken.
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Der Ausspruch von Marx, wonach die Religion - oder genauer: eine Religion, die an Übernatürliches und an die göttliche Vorsehung glaubt - das Opium des Volkes sei, hat etwas Wahres, doch die Einnahme dieses Opiums erfolgt zu medizinischen Zwecken und nicht zur bloßen Unterhaltung. Die eifrigsten Apostel der Wissenschaft und der Vernunft empfehlen einen sofortigen Entzug - und übersehen dabei die Schmerzen, die dann ungestillt blieben und so stark wären, dass ihr entschiedener Atheismus keine brauchbare Lösung sein könnte. Es bedarf einer echten Medizin, und die angemessene Behandlung besteht darin, dass man zeigt, inwiefern das Leben auch dann noch seinen Sinn und Wert behält.
Eine wichtige Rolle spielen dabei die sozialen Aspekte, auf die ich hingewiesen habe. Wir sollten sorgfältiger nach den Ursachen der Schmerzen suchen: der harten Konkurrenz im amerikanischen Leben, dem mangelnden Schutz bei ernsthaften Erkrankungen, der Atomisierung der Gesellschaft, der Leere weiter Teile der profanen Kultur und vor allem dem Fehlen echter Gemeinschaft. Wir sollten so klar wie möglich aufzeigen, auf welchen Wegen das Leben einen Sinn finden kann. Wenn wir uns mit diesen Fragen befassen, werden wir vielleicht entdecken, dass wir der Vernunft folgen können, ohne die wichtigsten menschlichen Bedürfnisse zu ignorieren - und dass wir, wenn wir den Glauben an das Übernatürliche überwinden, endlich mit Darwin leben können.
Kategorien: Ethik, Evolution, Bücher
Sonntag, 07.Juni 2009
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