Wir könnten auch anders
Die "Zeit" veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom 20. Mai einen mehrseitigen, großformatigen Artikel "Wir könnten auch anders" von Wolfgang Uchatius, der auch in der Onlineausgabe der "Zeit" zu lesen ist, hier als PDF. In diesem Beitrag sind einige der Mechanismen der heutigen Wirtschaftskrise in eine leicht verständliche Form gebracht, ohne volkswirtschaftliches Neusprech. Zwei Personen(gruppen) stehen im Mittelpunkt, der Durchschnittsdeutsche in Form der Familie Meyer und ein durchschnittlicher Manager:
Es ist wichtig sich klar zumachen, dass die Wirtschaftskrise in Japan Ende der Neunziger Jahre und die jetzige in den USA nach demselben Muster abgelaufen sind: über eine Immobilienkrise. Gibt es ein Missverhältnis zwischen dem Anwachsen der in der Wirtschaft produzierten Werte und dem diesen Werten gegenüber stehenden Geld, dann kann man die notwendige Korrektur dadurch etwas hinausschieben, dass man den Wert bereits bestehender Güter (der Immobilien) erhöht. Scheinbar steht so dem Anwachsen der Geldmenge ein Anwachsen materieller Werte gegenüber. Das ist ein Kettenbriefsystem, das den folgenden Zusammenbruch nur schlimmer macht.
Es ist auch wichtig zu verstehen, dass die jetzigen Korrekturmaßnahmen auf der Welt in die falsche Richtung gehen. Die tiefere Ursache der Krise ist, dass dem Geldmengenwachstum kein gleichwertiges Wachstum tatsächlicher Werte gegenübersteht. Als Hilfsmaßnahmen "zur Ankurbelung der Wirtschaft" werden von den Regierungen weitere Gelder in den Markt gedrückt. Aber das bedeutet: Die Bürger in den USA haben sich privat verschuldet, um damit ihren Konsum (=das Wirtschaftswachstum) aufrechtzuerhalten. Weil sie sich nicht weiter verschulden können (wenn die Bank nicht mehr an die Rückzahlung glaubt), verschuldet sich jetzt der Staat an ihrer Stelle.
Diese Schulden können nur zurückgezahlt werden, wenn die Wirtschaft in der Zukunft stärker wächst als die Geldmenge. Oder anders gesagt: Obwohl das Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren geringer ausgefallen ist als das Konsumwachstum, soll die heutige Krise durch noch stärkeres Wirtschaftswachstum in der Zukunft beseitigt werden.
Es ist vollkommen klar, dass die Hoffnungen auf starkes Wirtschaftswachstum nicht erfüllbar sind, weil verschiedene Systeme, von denen Wirtschaft und Gesellschaft abhängen, nicht mehr so wie bis jetzt exponentiell wachsen können: Rohstoffverbrauch, Klimawandel. Dem Bankrott einzelner Konsumenten und Unternehmen werden durch die "Rettungsmaßnahmen" die Bankrotte ganzer Staaten folgen.
Der erste Aspekt der Lösungen wurde in dem Zeitartikel bereits aufgezeigt und ist inzwischen fast common sense quer durch verschiedene gesellschaftliche Lager: Wenn man ein Wirtschaftswachstum hat, das ständig geringer als die Steigerung der Arbeitsproduktivität ausfällt, dann sinkt der Anteil an bezahlter Arbeit beständig ab. Das hat nichts Beängstigendes, denn der Bedarf an menschlicher Arbeit ist praktisch unbegrenzt, nur eben nicht die der Kapitallogik unterworfene. Und materielle Güter zur Versorgung aller Menschen werden (in den entwickelten Staaten) genügend produziert. Auf lange Sicht führt kein Weg am Grundeinkommen vorbei.
Der zweite Aspekt sollte nach dem oben Geschriebenen ebenfalls einsichtig sein und er betrifft auch die Meyers: Wenn es kein nennenswertes quantitatives Wachstum mehr geben kann, dann funktionieren alle auf Kapitalverzinsung ausgerichteten Methoden nicht mehr. Zum Beispiel ist eine kapitalgedeckte Altersvorsorge (schon immer) Nonsens. Ruheständler leben nicht von ihrem Geld, sondern von der Arbeit der Jüngeren und von den aktuell produzierten Gütern und Dienstleistungen.
Der dritte Aspekt betrifft die Realisierbarkeit solcher Vorstellungen. Es ist interessant zu beobachten, dass diejenigen, die zuvor über die Unabhängigkeit der Märkte schwadroniert und sich eine Einmischung der Politik verbeten haben, jetzt gern staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen. Das ruft die Erkenntnis ins Gedächtnis, dass Politik und Wirtschaft heterarchische, d.h. gleichberechtigte Systeme sind, weil jeder Mensch sowohl Bürger einer Gesellschaft als auch Wirtschaftssubjekt ist. Die Bürger müssen klar formulieren, in was für einer Gesellschaft sie leben wollen und sich ihre Interessen von der Politik gegenüber der Wirtschaft durchsetzen lassen. Derzeit dominieren in der Politik noch die Wünsche der Wirtschaft und illusionäre Träume von einer Vollbeschäftigung.
Kategorien: Politik, Visionen
Heike Meyer ist 35 Jahre alt, ihr Mann Martin ist zwei Jahre älter, sie sind verheiratet und haben einen Sohn, den sechsjährigen Max. Die Meyers leben in einem Vorortreihenhaus auf 130 Quadratmetern, sie besitzen unter anderem: ein Auto, einen Fernseher, einen DVD-Spieler, einen digitalen Fotoapparat, einen PC, eine Geschirrspülmaschine und eine Mikrowelle.Obwohl mehr produziert wurde, sind die Meyers nicht glücklicher geworden. In dem Artikel wird als ein Treibender der Wirtschaftsentwicklung der Manager genannt:
Die Meyers sind ein Produkt des Statistischen Bundesamtes, zusammengesetzt aus Tausenden von Daten. Sie sind die typische deutsche Familie. Ihr Auto ist ein Mittelklassewagen, etwa von der Größe eines Opel Astra. Der Astra hat 100 PS, er beschleunigt in elf Sekunden von null auf hundert, schafft eine Höchstgeschwindigkeit von 190 Kilometern in der Stunde und verfügt über elektrische Fensterheber.
...
In den vergangenen dreißig Jahren hat sich das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland verdreifacht. Das heißt, verkürzt gesagt: Der durchschnittliche Deutsche kann sich heute dreimal so viel leisten wie damals. Die Lebenszufriedenheit aber ist unverändert geblieben. Genau wie in Frankreich, in Großbritannien, in Italien, genau wie in fast allen großen Industrieländern, mit Ausnahme der USA. Dort sind die Menschen heute sogar weniger glücklich als früher.
Wenn da nicht dieser andere Mann wäre. Er ist kein Durchschnittsdeutscher wie Martin Meyer, obwohl auch er bei Opel arbeitet. Allerdings in einem eigenen, großen Büro. Der Mann ist der Finanzvorstand bei Opel. Er heißt Marco Molinari, er ist 45 Jahre alt. Aber um ihn als Person geht es nicht. Den Privatmann Molinari würde es womöglich nicht stören, wenn die Wirtschaft nicht mehr wüchse. Er hat in den vergangenen Jahren genug Geld verdient, und etwas weniger Arbeit würde ihm vielleicht sogar ganz guttun.In dem Artikel wird am Beispiel der Meyers erklärt, dass diese sich durchaus vorstellen könnten, weniger bezahlte Arbeit zu verrichten:
Den Manager Molinari allerdings würde es sehr wohl stören.
Zu den wichtigsten Aufgaben eines Finanzvorstands gehört es, die Schulden seines Unternehmens zu verwalten. Nahezu jedes große Unternehmen muss sich Geld leihen, um Geld zu verdienen. Es braucht den Kredit, um Arbeiter zu bezahlen, Maschinen zu betreiben, Autos zu bauen. Hinterher, wenn die Autos verkauft sind, werden die Schulden beglichen.
Nur leider kann man sich Geld nicht umsonst leihen. Jeder Finanzvorstand wird versuchen, mit Banken und anderen Geldgebern möglichst günstige Konditionen auszuhandeln, aber das ändert nichts am Kern des Problems: Schulden haben die unangenehme Eigenschaft zu wachsen. Und deshalb wird jedes Unternehmen von seinen Schulden erdrückt.
Außer, es wächst ebenfalls.
Man könnte auch den Sozialstaat verändern und ein garantiertes Grundeinkommen für alle einführen. Martin Meyer bekäme vom Staat jeden Monat einen bestimmten Geldbetrag überwiesen, pauschal und bedingungslos. Eine Halbierung seiner Arbeitszeit würde dann ihren finanziellen Schrecken verlieren.An dieser Stelle lohnt es sich jetzt, von den Beispielen abzuweichen und sich die Vorgänge etwas abstrakter (aber genauer) anzusehen. Es sind zwei Mechanismen, die die Wirtschaft (und jeden einzelnen Marktteilnehmer) zu ihren Verhaltensweisen zwingen:
Meyer hätte auf einmal Spielraum für nützliche, aber unbezahlte Arbeit. Für die Pflege seines kranken Vaters, für die Fußballmannschaft seines Sohnes, für den Ölwechsel am Auto. Den hat er früher aus Zeitmangel in der Werkstatt machen lassen, jetzt würde er das selbst erledigen und dadurch Geld sparen.
- Durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt steigt die Arbeitsproduktivität, dadurch erfordert die Produktion derselben Menge an Gütern von Jahr zu Jahr weniger Arbeitszeit. Will man (bezahlte) Vollbeschäftigung, braucht man Wirtschaftswachstum.
- Die "Schulden der Unternehmen" sind nichts anderes als die Renditeerwartungen des eingesetzten Kapitals, das im Unternehmen durch Aktionäre, Fonds, Versicherungsgesellschaften und Banken investiert worden ist.
Es ist wichtig sich klar zumachen, dass die Wirtschaftskrise in Japan Ende der Neunziger Jahre und die jetzige in den USA nach demselben Muster abgelaufen sind: über eine Immobilienkrise. Gibt es ein Missverhältnis zwischen dem Anwachsen der in der Wirtschaft produzierten Werte und dem diesen Werten gegenüber stehenden Geld, dann kann man die notwendige Korrektur dadurch etwas hinausschieben, dass man den Wert bereits bestehender Güter (der Immobilien) erhöht. Scheinbar steht so dem Anwachsen der Geldmenge ein Anwachsen materieller Werte gegenüber. Das ist ein Kettenbriefsystem, das den folgenden Zusammenbruch nur schlimmer macht.
Es ist auch wichtig zu verstehen, dass die jetzigen Korrekturmaßnahmen auf der Welt in die falsche Richtung gehen. Die tiefere Ursache der Krise ist, dass dem Geldmengenwachstum kein gleichwertiges Wachstum tatsächlicher Werte gegenübersteht. Als Hilfsmaßnahmen "zur Ankurbelung der Wirtschaft" werden von den Regierungen weitere Gelder in den Markt gedrückt. Aber das bedeutet: Die Bürger in den USA haben sich privat verschuldet, um damit ihren Konsum (=das Wirtschaftswachstum) aufrechtzuerhalten. Weil sie sich nicht weiter verschulden können (wenn die Bank nicht mehr an die Rückzahlung glaubt), verschuldet sich jetzt der Staat an ihrer Stelle.
Diese Schulden können nur zurückgezahlt werden, wenn die Wirtschaft in der Zukunft stärker wächst als die Geldmenge. Oder anders gesagt: Obwohl das Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren geringer ausgefallen ist als das Konsumwachstum, soll die heutige Krise durch noch stärkeres Wirtschaftswachstum in der Zukunft beseitigt werden.
Es ist vollkommen klar, dass die Hoffnungen auf starkes Wirtschaftswachstum nicht erfüllbar sind, weil verschiedene Systeme, von denen Wirtschaft und Gesellschaft abhängen, nicht mehr so wie bis jetzt exponentiell wachsen können: Rohstoffverbrauch, Klimawandel. Dem Bankrott einzelner Konsumenten und Unternehmen werden durch die "Rettungsmaßnahmen" die Bankrotte ganzer Staaten folgen.
Der erste Aspekt der Lösungen wurde in dem Zeitartikel bereits aufgezeigt und ist inzwischen fast common sense quer durch verschiedene gesellschaftliche Lager: Wenn man ein Wirtschaftswachstum hat, das ständig geringer als die Steigerung der Arbeitsproduktivität ausfällt, dann sinkt der Anteil an bezahlter Arbeit beständig ab. Das hat nichts Beängstigendes, denn der Bedarf an menschlicher Arbeit ist praktisch unbegrenzt, nur eben nicht die der Kapitallogik unterworfene. Und materielle Güter zur Versorgung aller Menschen werden (in den entwickelten Staaten) genügend produziert. Auf lange Sicht führt kein Weg am Grundeinkommen vorbei.
Der zweite Aspekt sollte nach dem oben Geschriebenen ebenfalls einsichtig sein und er betrifft auch die Meyers: Wenn es kein nennenswertes quantitatives Wachstum mehr geben kann, dann funktionieren alle auf Kapitalverzinsung ausgerichteten Methoden nicht mehr. Zum Beispiel ist eine kapitalgedeckte Altersvorsorge (schon immer) Nonsens. Ruheständler leben nicht von ihrem Geld, sondern von der Arbeit der Jüngeren und von den aktuell produzierten Gütern und Dienstleistungen.
Der dritte Aspekt betrifft die Realisierbarkeit solcher Vorstellungen. Es ist interessant zu beobachten, dass diejenigen, die zuvor über die Unabhängigkeit der Märkte schwadroniert und sich eine Einmischung der Politik verbeten haben, jetzt gern staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen. Das ruft die Erkenntnis ins Gedächtnis, dass Politik und Wirtschaft heterarchische, d.h. gleichberechtigte Systeme sind, weil jeder Mensch sowohl Bürger einer Gesellschaft als auch Wirtschaftssubjekt ist. Die Bürger müssen klar formulieren, in was für einer Gesellschaft sie leben wollen und sich ihre Interessen von der Politik gegenüber der Wirtschaft durchsetzen lassen. Derzeit dominieren in der Politik noch die Wünsche der Wirtschaft und illusionäre Träume von einer Vollbeschäftigung.
Kategorien: Politik, Visionen
Freitag, 05.Juni 2009
Selbst nach dem 11.9. setzte sich der Aufstieg fort (über die Gründe brauche ich hier nichts zu sagen).
Ich habe Zeugen, die mir bestätigen werden, dass ich damals meiner Verwunderung Ausdruck verliehen habe, dass man nichts aus der Japan-Blase gelernt habe.
(In Japan waren es die Immobilienbewertungen, in USA und Europa die Derivate. Beide schufen künstliche Blasen, die einmal "plopp" machen müssen, sofern noch irgendwo physische Begrenzungen existieren und so etwas wie Erhaltungsgrundsätze wirksam werden.)
Es verwundert mich daher keineswegs, dass auch jetzt nicht dazu gelernt wurde.
Aus diesem Grund sehe ich die Krise auch als etwas Positives. Besser ein Scheitern auf niedrigem Pege als auf dem Pegel, der sich nach weiteren 20 Jahren eingestellt hätte.
Tulpomania
Bubbles haben die ehrliche Begleiterscheinung der Umverteilung: Hazadeure zahlen drauf, während Solidität belohnt wird.
Solange dies nur Spieler betrifft, ist es ein begrenztes Problem. Der Staat muss nur dann eingreifen, wenn es Dritte betrifft.
Jede Bubble hat ihre eigenen Abläufe und Auswirkungen, die nicht vorhersehbar sind.
Wie immer ist die Krise eine Aufschaukelung kleiner Fehler. Es gibt aus dieser Krise viel zu Lernen, für Doktorate in den nächsten 2o Jahren ist gesorgt.
Derzeit ist es völlig unklar, an welcher Stelle man hätte rechtzeitig einschreiten können.