Wir könnten auch anders

Die "Zeit" veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom 20. Mai einen mehrseitigen, großformatigen Artikel "Wir könnten auch anders" von Wolfgang Uchatius, der auch in der Onlineausgabe der "Zeit" zu lesen ist, hier als PDF. In diesem Beitrag sind einige der Mechanismen der heutigen Wirtschaftskrise in eine leicht verständliche Form gebracht, ohne volkswirtschaftliches Neusprech. Zwei Personen(gruppen) stehen im Mittelpunkt, der Durchschnittsdeutsche in Form der Familie Meyer und ein durchschnittlicher Manager:
Heike Meyer ist 35 Jahre alt, ihr Mann Martin ist zwei Jahre älter, sie sind verheiratet und haben einen Sohn, den sechsjährigen Max. Die Meyers leben in einem Vorortreihenhaus auf 130 Quadratmetern, sie besitzen unter anderem: ein Auto, einen Fernseher, einen DVD-Spieler, einen digitalen Fotoapparat, einen PC, eine Geschirrspülmaschine und eine Mikrowelle.

Die Meyers sind ein Produkt des Statistischen Bundesamtes, zusammengesetzt aus Tausenden von Daten. Sie sind die typische deutsche Familie. Ihr Auto ist ein Mittelklassewagen, etwa von der Größe eines Opel Astra. Der Astra hat 100 PS, er beschleunigt in elf Sekunden von null auf hundert, schafft eine Höchstgeschwindigkeit von 190 Kilometern in der Stunde und verfügt über elektrische Fensterheber.
...
In den vergangenen dreißig Jahren hat sich das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland verdreifacht. Das heißt, verkürzt gesagt: Der durchschnittliche Deutsche kann sich heute dreimal so viel leisten wie damals. Die Lebenszufriedenheit aber ist unverändert geblieben. Genau wie in Frankreich, in Großbritannien, in Italien, genau wie in fast allen großen Industrieländern, mit Ausnahme der USA. Dort sind die Menschen heute sogar weniger glücklich als früher.
Obwohl mehr produziert wurde, sind die Meyers nicht glücklicher geworden. In dem Artikel wird als ein Treibender der Wirtschaftsentwicklung der Manager genannt:
Wenn da nicht dieser andere Mann wäre. Er ist kein Durchschnittsdeutscher wie Martin Meyer, obwohl auch er bei Opel arbeitet. Allerdings in einem eigenen, großen Büro. Der Mann ist der Finanzvorstand bei Opel. Er heißt Marco Molinari, er ist 45 Jahre alt. Aber um ihn als Person geht es nicht. Den Privatmann Molinari würde es womöglich nicht stören, wenn die Wirtschaft nicht mehr wüchse. Er hat in den vergangenen Jahren genug Geld verdient, und etwas weniger Arbeit würde ihm vielleicht sogar ganz guttun.

Den Manager Molinari allerdings würde es sehr wohl stören.

Zu den wichtigsten Aufgaben eines Finanzvorstands gehört es, die Schulden seines Unternehmens zu verwalten. Nahezu jedes große Unternehmen muss sich Geld leihen, um Geld zu verdienen. Es braucht den Kredit, um Arbeiter zu bezahlen, Maschinen zu betreiben, Autos zu bauen. Hinterher, wenn die Autos verkauft sind, werden die Schulden beglichen.

Nur leider kann man sich Geld nicht umsonst leihen. Jeder Finanzvorstand wird versuchen, mit Banken und anderen Geldgebern möglichst günstige Konditionen auszuhandeln, aber das ändert nichts am Kern des Problems: Schulden haben die unangenehme Eigenschaft zu wachsen. Und deshalb wird jedes Unternehmen von seinen Schulden erdrückt.

Außer, es wächst ebenfalls.
In dem Artikel wird am Beispiel der Meyers erklärt, dass diese sich durchaus vorstellen könnten, weniger bezahlte Arbeit zu verrichten:
Man könnte auch den Sozialstaat verändern und ein garantiertes Grundeinkommen für alle einführen. Martin Meyer bekäme vom Staat jeden Monat einen bestimmten Geldbetrag überwiesen, pauschal und bedingungslos. Eine Halbierung seiner Arbeitszeit würde dann ihren finanziellen Schrecken verlieren.

Meyer hätte auf einmal Spielraum für nützliche, aber unbezahlte Arbeit. Für die Pflege seines kranken Vaters, für die Fußballmannschaft seines Sohnes, für den Ölwechsel am Auto. Den hat er früher aus Zeitmangel in der Werkstatt machen lassen, jetzt würde er das selbst erledigen und dadurch Geld sparen.
An dieser Stelle lohnt es sich jetzt, von den Beispielen abzuweichen und sich die Vorgänge etwas abstrakter (aber genauer) anzusehen. Es sind zwei Mechanismen, die die Wirtschaft (und jeden einzelnen Marktteilnehmer) zu ihren Verhaltensweisen zwingen:
  • Durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt steigt die Arbeitsproduktivität, dadurch erfordert die Produktion derselben Menge an Gütern von Jahr zu Jahr weniger Arbeitszeit. Will man (bezahlte) Vollbeschäftigung, braucht man Wirtschaftswachstum.
  • Die "Schulden der Unternehmen" sind nichts anderes als die Renditeerwartungen des eingesetzten Kapitals, das im Unternehmen durch Aktionäre, Fonds, Versicherungsgesellschaften und Banken investiert worden ist.
Im Wesentlichen stehen hinter diesen Investoren aber niemand anderes als die Meyers selbst, die für ihr Erspartes bei der Bank, für ihre Lebensversicherungen, etc. eine Verzinsung haben wollen. Dieser Geldzuwachs erfordert als Gegenleistung einen Zuwachs an materiellen Gütern, d.h. ebenfalls ein Wirtschaftswachstum. Es spielt auch keine Rolle, ob Einzelne aus diesem Spiel aussteigen wollen oder nicht, weil das eingesetzte Geld (das Kapital) quasi selbst seine Vermehrung fordert. Wenn einer nicht mitspielt, dann verliert er durch seinen Geldverlust im Vergleich zu seinen Konkurrenten an Macht.

Es ist wichtig sich klar zumachen, dass die Wirtschaftskrise in Japan Ende der Neunziger Jahre und die jetzige in den USA nach demselben Muster abgelaufen sind: über eine Immobilienkrise. Gibt es ein Missverhältnis zwischen dem Anwachsen der in der Wirtschaft produzierten Werte und dem diesen Werten gegenüber stehenden Geld, dann kann man die notwendige Korrektur dadurch etwas hinausschieben, dass man den Wert bereits bestehender Güter (der Immobilien) erhöht. Scheinbar steht so dem Anwachsen der Geldmenge ein Anwachsen materieller Werte gegenüber. Das ist ein Kettenbriefsystem, das den folgenden Zusammenbruch nur schlimmer macht.

Es ist auch wichtig zu verstehen, dass die jetzigen Korrekturmaßnahmen auf der Welt in die falsche Richtung gehen. Die tiefere Ursache der Krise ist, dass dem Geldmengenwachstum kein gleichwertiges Wachstum tatsächlicher Werte gegenübersteht. Als Hilfsmaßnahmen "zur Ankurbelung der Wirtschaft" werden von den Regierungen weitere Gelder in den Markt gedrückt. Aber das bedeutet: Die Bürger in den USA haben sich privat verschuldet, um damit ihren Konsum (=das Wirtschaftswachstum) aufrechtzuerhalten. Weil sie sich nicht weiter verschulden können (wenn die Bank nicht mehr an die Rückzahlung glaubt), verschuldet sich jetzt der Staat an ihrer Stelle.

Diese Schulden können nur zurückgezahlt werden, wenn die Wirtschaft in der Zukunft stärker wächst als die Geldmenge. Oder anders gesagt: Obwohl das Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren geringer ausgefallen ist als das Konsumwachstum, soll die heutige Krise durch noch stärkeres Wirtschaftswachstum in der Zukunft beseitigt werden.

Es ist vollkommen klar, dass die Hoffnungen auf starkes Wirtschaftswachstum nicht erfüllbar sind, weil verschiedene Systeme, von denen Wirtschaft und Gesellschaft abhängen, nicht mehr so wie bis jetzt exponentiell wachsen können: Rohstoffverbrauch, Klimawandel. Dem Bankrott einzelner Konsumenten und Unternehmen werden durch die "Rettungsmaßnahmen" die Bankrotte ganzer Staaten folgen.

Der erste Aspekt der Lösungen wurde in dem Zeitartikel bereits aufgezeigt und ist inzwischen fast common sense quer durch verschiedene gesellschaftliche Lager: Wenn man ein Wirtschaftswachstum hat, das ständig geringer als die Steigerung der Arbeitsproduktivität ausfällt, dann sinkt der Anteil an bezahlter Arbeit beständig ab. Das hat nichts Beängstigendes, denn der Bedarf an menschlicher Arbeit ist praktisch unbegrenzt, nur eben nicht die der Kapitallogik unterworfene. Und materielle Güter zur Versorgung aller Menschen werden (in den entwickelten Staaten) genügend produziert. Auf lange Sicht führt kein Weg am Grundeinkommen vorbei.

Der zweite Aspekt sollte nach dem oben Geschriebenen ebenfalls einsichtig sein und er betrifft auch die Meyers: Wenn es kein nennenswertes quantitatives Wachstum mehr geben kann, dann funktionieren alle auf Kapitalverzinsung ausgerichteten Methoden nicht mehr. Zum Beispiel ist eine kapitalgedeckte Altersvorsorge (schon immer) Nonsens. Ruheständler leben nicht von ihrem Geld, sondern von der Arbeit der Jüngeren und von den aktuell produzierten Gütern und Dienstleistungen.

Der dritte Aspekt betrifft die Realisierbarkeit solcher Vorstellungen. Es ist interessant zu beobachten, dass diejenigen, die zuvor über die Unabhängigkeit der Märkte schwadroniert und sich eine Einmischung der Politik verbeten haben, jetzt gern staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen. Das ruft die Erkenntnis ins Gedächtnis, dass Politik und Wirtschaft heterarchische, d.h. gleichberechtigte Systeme sind, weil jeder Mensch sowohl Bürger einer Gesellschaft als auch Wirtschaftssubjekt ist. Die Bürger müssen klar formulieren, in was für einer Gesellschaft sie leben wollen und sich ihre Interessen von der Politik gegenüber der Wirtschaft durchsetzen lassen. Derzeit dominieren in der Politik noch die Wünsche der Wirtschaft und illusionäre Träume von einer Vollbeschäftigung.

Kategorien: Politik, Visionen
steppenhund - 6. Juni, 12:23

Ich habe mich schon im Jahr 2000 gewundert. Damals begann der Dow Jones-Index in einer Rasanz zu steigen, die weit über die durch Produktionssteigerung oder natürliches Wirtschaftswachstum erklärbare Möglichkeit hinausging.
Selbst nach dem 11.9. setzte sich der Aufstieg fort (über die Gründe brauche ich hier nichts zu sagen).
Ich habe Zeugen, die mir bestätigen werden, dass ich damals meiner Verwunderung Ausdruck verliehen habe, dass man nichts aus der Japan-Blase gelernt habe.
(In Japan waren es die Immobilienbewertungen, in USA und Europa die Derivate. Beide schufen künstliche Blasen, die einmal "plopp" machen müssen, sofern noch irgendwo physische Begrenzungen existieren und so etwas wie Erhaltungsgrundsätze wirksam werden.)
Es verwundert mich daher keineswegs, dass auch jetzt nicht dazu gelernt wurde.
Aus diesem Grund sehe ich die Krise auch als etwas Positives. Besser ein Scheitern auf niedrigem Pege als auf dem Pegel, der sich nach weiteren 20 Jahren eingestellt hätte.

kesalop - 6. Juni, 15:18

Tulpomania

Seit dem Export von Wiener Tulpenknollen in die Niederlande hat sich das Bubble-Phänomen öfters wiederholt.
Bubbles haben die ehrliche Begleiterscheinung der Umverteilung: Hazadeure zahlen drauf, während Solidität belohnt wird.

Solange dies nur Spieler betrifft, ist es ein begrenztes Problem. Der Staat muss nur dann eingreifen, wenn es Dritte betrifft.
Jede Bubble hat ihre eigenen Abläufe und Auswirkungen, die nicht vorhersehbar sind.

Wie immer ist die Krise eine Aufschaukelung kleiner Fehler. Es gibt aus dieser Krise viel zu Lernen, für Doktorate in den nächsten 2o Jahren ist gesorgt.

Derzeit ist es völlig unklar, an welcher Stelle man hätte rechtzeitig einschreiten können.
la-mamma - 6. Juni, 13:50

über ein allgemeines grundeinkommen

hab ich schon oft nachgedacht. ich befürchte, dass sich viele allerdings daneben nicht so nützlich beschäftigen (lassen) wollen, sondern sich stattdessen hauptsächlich als nutzlos und überflüssig empfinden werden.

Köppnick - 6. Juni, 14:12

Vielleicht hilft es ja, sich zunächst klar zumachen, dass sich für die meisten Menschen nichts Grundlegendes ändern würde:
  • Kindergeld -> Grundeinkommen
  • Rente -> Grundeinkommen
  • Krankengeld -> Grundeinkommen
  • Steuerfreibeträge -> Grundeinkommen
Die einzige grundlegende Änderung betrifft Hartz IV. Es gilt zwar auch hier zunächst der Grundsatz
  • Hartz IV -> Grundeinkommen,
aber man müsste nicht vorher sein gesamtes Erspartes aufbrauchen und es gäbe keine entwürdigenden Bedarfsprüfungen mehr. Man hätte einfach ein Recht darauf, weil man ein Mensch ist.

Die mit diesem Ansatz verbundene Hoffnung ist, dass viele Menschen eher die Bereitschaft haben, etwas Neues zu wagen, weil sie wissen, dass sie bei einem Scheitern ihres Versuchs nicht gleich ins Bodenlose fallen. Und auch die u.U. vorhandene Bereitschaft vieler, auch etwas Unentgeltliches zu leisten, z.B. die eigenen Eltern zu pflegen, würde von der Gesellschaft ermöglicht. Paradoxerweise würden auch viele schlechtbezahlte Jobs wieder rentabel, weil die Unternehmer ja nur die Differenz zwischen dem heutigen Lohn und dem Grundeinkommen bezahlen müssten. Auf der anderen Seite könnten Arbeitnehmer auch mal "Nein" zu bestimmten Arbeitsbedingungen sagen, weil sie nicht sofort existenzbedroht wären.

Bezahlbar ist dieser Ansatz natürlich auch, weil es ja überwiegend eine Substitution von heute bereits gezahlten Transferleistungen ist. Nur ein paar Beamte wären überflüssig (auf den Steuer- und Sozialämtern) und ein paar Politiker hätten nichts mehr für ihre spezielle Klientel zu verteilen, weil eine Erhöhung oder Verminderung des Grundeinkommens unterschiedslos alle betreffen würde.
la-mamma - 6. Juni, 14:53

zu den meisten menschen

zähle ich demgemäß natürlich nicht, wenn ich seit mehr als zwanzig jahren fast ununterbrochen erwerbstätig sein durfte. das könnte meinen blick durchaus eingeschränkt haben;-)
aber ernsthaft: es ist sicher richtig, dass die von uns verrichtete arbeit teilweise völlig überflüssig ist. und dass wir uns demgemäß von der idee, dass "subventionierte vollbeschäftigung" als absolut seligmachend gilt, verabschieden werden müssen. andererseits - und das tut mir persönlich leid - ist es heutzutage immer noch sehr karierrehemmend, sich wenigstens ein paar auszeiten zu gönnen. selbst wenn sie "bildungskarenz" betitelt sein mögen ...
Köppnick - 6. Juni, 16:32

Natürlich zählst du "zu den meisten Menschen", weil du als Erwerbstätige einen steuerbefreiten Einkommensanteil hast. Das ist das Grundeinkommen, denn es stellt bereits heute das dir vom Verfassungsgericht zugebilligte Existenzminimum dar.

Das Problem der heutigen Wirtschaft ist, dass sie unterscheidet zwischen der mehr oder weniger gut bezahlten Erwerbsarbeit, in der die Rendite für das Kapital erwirtschaftet wird, und der unbezahlten Arbeit in jedweder Form, vom Kinderspiel über die Hausarbeit, die Pflege von Angehörigen bis zum Ehrenamt. Bei steigender Arbeitsproduktivität nimmt der notwendige Anteil der Erwerbsarbeit ständig ab, wodurch das Ziel der Vollbeschäftigung immer schwerer zu erreichen und zugleich immer absurder wird. Alle anderen Tätigkeiten nehmen aber nicht ab, weil der Dienst an anderen Menschen durch Maschinen zwar erleichtert aber nicht ersetzt werden kann. Und obendrein ist dieser Teil der Arbeit auch noch beliebig skalierbar, denn heute bleiben viele wünschenswerte Dinge ungetan.
Gregor Keuschnig - 6. Juni, 15:52

Naja, der Artikel in der ZEIT ist - freundlich gesagt - auf dem Niveau der "Sendung mit der Maus", weil er alles mögliche aufgreift, aber kein stringentes Konzept entwirft und nur eine Paradiesvorstellung nach der anderen aneinanderreiht. So bleibt das "Wir könnten auch anders" eine leere Floskel - gut gemeint und ganz reinigend, nachdem man mit Tempo 180 kmh über die Autobahn geknattert oder im Zug 1. Klasse mit 250 kmh gebrettert ist, aber mehr auch nicht.

Weder dort noch sonstwo wird erläutert, wie das bedingungslose Grundeinkommen finanziert werden soll, wenn nicht abermals über eine irgendwie strukturierte Ökonomie (die man ja eigentlich ablehnt und abschaffen will). Natürlich kann man versuchen, diese Ökonomie sozusagen zu verstaatlichen - dann muss aber dafür gesorgt werden, dass es Effekte für Anreize gibt, ohne die sich irgendwann eine Zwangswirtschaft totläuft.

Natürlich gibt es Grenzen des Wachstums und die Wachstumswarner erklären uns schon seit den 70er Jahren, dass es irgendwann mal zu Ende geht. Ich glaube, wir dürften schon rund zehn Jahre kein Öl mehr haben. In Wirklichkeit erleben wir inzwischen längst Zyklen, die ein ungebremstes und absurdes Wachstum immer wieder aufhalten und zurückschrauben.

Was Du schreibst, hat mehr Substanz als der ZEIT-Artikel. Hintergrund dafür, dass man Schuldenmachen mit Schuldenmachen bekämpft ist der Gedanke, dass man Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre eine ähnliche Entwicklung mit dem Gegenteil bekämpft hat: der Verknappung von Kapital. Die Folgen sind bekannt. Die Folgen dessen, was im Moment geschieht, sind weitgehend vage. Es kann sein, dass es auch auf eine Hyperinflation hinausläuft (wer sammelt irgendwann das Geld ein?). Es kann aber auch sein, dass wir auf dem Niveau von vor fünf, sechs Jahren "zurückfallen" - nur mit noch mehr Arbeitslosen und insolventen Unternehmen. Dieser Prozess ist nicht aufzuhalten und wäre nur demografisch zu lösen. Das passiert ja bei uns, was dazu führt, dass unsere Binnenmärkte schon kollabieren und Abwrackprämien bezahlt werden müssen, damit neue Autos gekauft werden.

Köppnick - 6. Juni, 16:56

Wie das Grundeinkommen finanziert wird, schrieb ich ja bereits an La-Mamma. Es steckt in den verschiedenen Sozialtransfers bereits drin. Dieser Aspekt betrifft also die Organisation der Wirtschaft in keiner Weise und ist deshalb mit jeder beliebigen Ökonomie kombinierbar. Diejenigen, die seine Realisierbarkeit bezweifeln, haben (vielleicht tief in sich verborgen) nur die Befürchtung, es würde dem Wesen des Menschen (genetisch) widersprechen - wir wären von Natur aus gierig und faul.

Nur ist es so, dass wir unseren Genen nicht blind ausgeliefert sind. Im Falle der genetisch in uns allen steckenden Fremdenfeindlichkeit ist es bereits gelungen, unsere Gene zu zähmen. Zwei Affenhorden, die sich im Wald begegnen, führen sofort Krieg gegeneinander. In uns kommen diese alten Instinkte zum Vorschein, wenn wir uns als einzelner Fußgänger einer Gruppe junger Männer nähern, die anders aussehen als wir und offenbar einem anderen Kulturkreis entstammen, dunkelhäutig sind und so weiter. In der überwiegenden Zahl der Fälle passiert aber überhaupt nichts, wenn wir an ihnen vorbei gehen. Mit Gier und Neid wären jetzt die nächsten Charaktereigenschaften kulturell zu überformen, damit wir als Gesellschaft überleben können.

Das Problem der Wirtschaftsform kann man getrennt von der des Grundeinkommens analysieren. Es ist als erstes die Frage zu beantworten, was Kapitalismus eigentlich ist: Privates Eigentum an Produktionsmitteln oder Zinserwirtschaftung ohne eigene Arbeitsleistung. Und die zweite Frage, die steht, ist, ob das Hin- und Herschaufeln von Geld Werte erzeugt, also selbst geldwert ist. Ich habe zu beiden Fragen keine abschließende Meinung. Aber die derzeitige Praxis bei der Beantwortung dieser Fragen ist doch die Ursache unserer Probleme - und es sind systemische Probleme.
Gregor Keuschnig - 6. Juni, 17:31

Klar:

Wir haben ja teilweise schon "Grundeinkommen"; diese werden aber derzeit von Arbeitsleistungen finanziert. Das klappt nicht überragend gut, aber immerhin. Erhöht man die Einkommen, in dem man sie bedingungslos macht (Rente bspw. ist ja nicht "bedingungslos"), kommt man in das Dilemma entweder die Verbrauchssteuern exzessiv zu erhöhen (was dann letztlich ein Nullsummenspiel wäre) oder sich anderweitig Geld zu besorgen. Wenn aber - was garantiert eintreten wird - ein Grossteil der Einkommenempfänger auf zusätzliches Einkommen zu Gunsten der Selbstverwirklichung verzichten würden und somit irgendwann der noch zusätzlich Lohnarbeitende der "Dumme" wäre, fu nktioniert das Modell in dem Moment nicht mehr, wenn das Grundeinkommen zu hoch ist.

De facto haben wir mit Hartz IV ein bedingungsloses Grundeinkommen. Hinzu kommen etliche Möglichkeiten von Sozialleistungen, so dass eine 4köpfige Familie inklusive Kindergeld finanziell so gut versorgt wird, dass viele dies durch ihre Arbeit nicht immer verdienen könnten.

Die Diskussion erinnert mich stark an Mitte/Ende der 80er Jahre, als von linker Seite die Verkürzung der Arbeitszeit als der Königsweg für mehr Beschäftigung galt. Rechnerisch gingen diese Modelle teilweise ja auf (abgesehen davon, dass die Löhne nicht entsprechend der geringenen Arbeitszeit sinken sollten) - tatsächlich führte dies jedoch nicht zur Vollbeschäftigung, weil die Technisierung derart fortschritt, dass man immer weniger Leute brauchte, um eine Arbeit zu erledigen. Erschwerend kam noch hinzu, dass Handarbeit in den 90ern durch den Zeitenwechsel immer mehr nach Osteuropa und Fernost verlagert werden konnte.

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Gelegentlich wird diskutiert, ob der Zins auf reine Geldverleihung gemäss dem islamischen Finanzsystem (hier eine kursorische Betrachtung) nicht verboten werden soll. Meines Wissens ist der Zins an sich bei islamischen Banken nicht verboten. Bei der Vergabe eines Kredits für eine konkrete Anschaffung wie bspw. ein Haus oder ein Auto darf die Bank Zinsen verlangen; Geld an sich darf sie aber nicht bezinsen, weder Geldverleihung noch Geldguthaben.
Köppnick - 7. Juni, 08:58

Hartz IV ist kein bedingungsloses Grundeinkommen, es ist an Bedingungen geknüpft: Kein Vermögen, Annahme jedweder Arbeit, die der zuständige Sachbearbeiter für zumutbar hält. Aber zweifellos würde das Grundeinkommen die Rechte der Arbeitnehmer stärken. Tendenziell würden miese Arbeiten besser bezahlt und interessante Arbeiten schlechter.

Hinter der Zinszahlung versteckt sich eine der Hauptsäulen der Volkswirtschaftslehre:
  • Kapital ist ein Produktionsfaktor, der selbstständig Werte schafft. (Neben der Arbeit und dem Boden. Im Marxismus ist es nur die Arbeit.)
  • Derjenige, der das Kapital (das Geld) zur Verfügung stellt, verzichtet auf eigenen Konsum. Das muss ihm honoriert werden.
Ich tendiere derzeit zu einer Mischform aus VWL und Marxismus. Einerseits widerspricht der Marxismus der Intuition, wenn er keinerlei Wertschöpfung in automatisierten Fabriken mehr annimmt. Hier fände dann nur noch eine Wertübertragung von den Rohstoffen und Maschinen auf die geschaffenen Produkte statt. Andererseits nimmt (auch hier wieder rein intuitiv) die Größe des Konsumverzichts bei steigenden Vermögen ab, logisch (oder ethisch?) wäre also ein immer geringerer Zinssatz bei immer größeren Geldanlagen. Im Ansatz wird das über das Steuersystem versucht (progressive Einkommenssteuern und Vermögenssteuern), aber es funktioniert nicht richtig und wird durch die stärkere Lobby der "Besserverdienenden" unterminiert.
Metepsilonema - 10. Juni, 01:05

Zunächst mal hat Gregor vollkommen recht: Was Du schreibst, hat mehr Substanz als der ZEIT-Artikel. Ich habe mich auf den Artikel gefreut, und war nach dem Lesen ziemlich enttäuscht (daher danke für den "Nachtrag").

Interessant ist, dass Entscheidungsträger wie Alan Greenspan diese Zusammenhänge sehr wohl kannten, aber trotzdem eine Politik des billigen Geldes unterstützten.

Abschließend: Könnte nicht eine Rückkehr zum Goldstandard auch einen Lösungsweg bieten?

Köppnick - 10. Juni, 16:52

Der Goldstandard wurde nicht ohne Grund aufgegeben. Theoretisch sollte er eine Begrenzung der Geldmenge bewirken. Da sich die Menge Goldes kaum vergrößert, bedeutet ein fester Wechselkurs zum Gold eine nicht vergrößerbare Menge Geld. Das hat nur nicht funktioniert. Ein interessanter Artikel: http://www.zeit.de/1966/36/Besiegt-de-Gaulle-den-Dollar De Gaulle *hat* den Dollar besiegt. Als Frankreich seine Goldreserven aus den USA abgezogen hat, waren die USA praktisch zahlungsunfähig, da sie nicht genug Gold liefern konnten, obwohl sie es versprochen hatten.

Grundlage der Funktionsweise von Geld ist aufgrund seiner Immaterialität Vertrauen. Vertrauen darauf, dass man in der Zukunft bei anderen Menschen Waren oder Dienstleistungen kaufen kann. Als die Banken sich gegenseitig kein Geld mehr borgen wollten, war die Ursache nicht Geld- sondern Vertrauensmangel. Wenn Banken einer Firma oder einer Privatperson kein Geld geben, dann weil sie demjenigen die Rückzahlung nicht zutrauen.

Man muss sich also fragen, wie man Vertrauen herstellen kann. Grundlage von Vertrauen ist nicht Konkurrenz und Gier, sondern Transparenz. Der einfachste Weg: Jeder Mensch, jede Firma und jeder Staat legt alle Einnahmen und Ausgaben offen. Haupteffekt ist nicht die Vergrößerung von Neid, sondern die Vergrößerung von Gerechtigkeit, weil einige Geschäftspraktiken dann nicht mehr geduldet werden, wenn sie ruchbar werden. Bestimmte Geld"produkte" funktionieren nicht mehr, bestimmte Bereicherungsmethoden werden geächtet, zu große Vermögens- und Einkommensunterschiede können aufgrund des größeren moralischen Drucks der Öffentlichkeit leichter eingeebnet werden.
Metepsilonema - 13. Juni, 22:40

Die Frage ist ob die sich im Umlauf befindliche Geldmenge gezwungenermaßen erhöhen muss. Ist das der Fall werden wir das Problem des mangelnden Vertrauen nicht los werden: Wo es von einer Sache stetig mehr gibt, sinkt das Vertrauen dieselbe Menge zum selben Gegenwert auch in Zukunft eintauschen zu können.

Dein letzter Absatz bezieht sich vor allem auf den Finanzmarkt, richtig? Gut, es verschwinden bestimmte Handlungsweisen, bestimmte Finanzprodukte und es steigert sich die Transparenz, aber Krisen d.h. Vertrauenseinbrüche, und damit Schwankungen des Geldwertes wird es weiter geben, weil sie eine Frage von Angebot und Nachfrage sind, d.h. nicht gleich bleiben sondern sich verändern, und durch die Vorhaben und Interessen von Konsumenten bzw. Wirtschaftssubjekten bestimmt werden.

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In eigener Sache: Vielleicht interessiert Dich dies (Ich habe übrigens mein Layout umgestellt - schwarze Schrift auf weißem Grund!).
Köppnick - 14. Juni, 13:01

Ich denke nicht, dass Geldmenge und Vertrauen miteinander korrelieren, weil man ja auch die Wahl der richtigen Geldmenge transparent machen kann. Transparenz bedeutet das Offenlegen der Gründe. Transparenz halte ich generell für sinnvoll, allerdings beißt es sich natürlich mit dem Datenschutz, und außerdem kann eine einseitige Veröffentlichung für einseitige Nachteile sorgen. Ich meinte nicht nur die Finanzmärkte, sondern hatte auch die Einkünfte der Menschen im Auge, die im Licht der Öffentlichkeit stehen, also Manager und Politiker.

Dein Layout gefällt mir jetzt natürlich viel besser. Aber einige Verbesserungsvorschläge habe ich noch. Ich habe auf meinem Desktop ein Hintergrundbild, das aus nichts anderem als aus zwei Rechtecken besteht. Eines der Rechtecke hat eine Größe von 1200x1024, das zweite 1024x768. Mein Bildschirm hat nämlich eine Auflösung von 1600x1200, sodass ich beim Vollbildschirmmodus nicht weiß, wie die Anzeige auf einem kleineren Bildschirm aussieht. Ich habe aber bei mir in den Statistiken gesehen (Browsernutzung u.ä.), dass die Anzahl der Leser, die nur einen 1024er Bildschirm haben, noch ziemlich groß ist, und probiere es deshalb durch Verkleinerung des Browserfensters aus.

Unser beider Layout ist so, dass die Mittelspalte den Raum ausfüllt, den die linke und rechte Randspalte freilassen. Dein Layout funktioniert bei einer Breite von 1024 nicht mehr. Die rechte Spalte verschwindet teilweise und die Grafiken in der Mitte werden zum Teil abgeschnitten. Vielleicht wählst du eine kleinere Schriftart und schmalere Seitenleisten und verkleinerst deine Grafiken ein wenig? Bei mir gehen bei einer 1024er Breite des Browserfensters Grafiken mit einer Größe bis etwa 430 Pixel gerade so noch in die Mittelspalte.
Metepsilonema - 16. Juni, 23:05

Vielen Dank für die Anmerkungen zum Layout.

Es ist jetzt noch nicht endgültig. Man kann (gegen geringes Endgeld) bei wordpress den CSS-Code editieren, und so alle möglichen Veränderungen durchführen, allerdings brauche ich dazu etwas Zeit um mich einzuarbeiten.

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Ganz sehe ich den "Transparenzeffekt" nicht, aber vielleicht kommt das noch.
poly (Gast) - 10. Juni, 18:09

Gold, Grund und Geld

Grundeinkommen: Funktioniert auf lange Sicht nicht, weil es kein Anreizsystem für erfolgsabhängige Entlohnung schafft. (Stichwort: gerechter Lohn, Arbeitsteilung).

Woher kommt der Lohn der verteilt wird. Aus der Notenpresse?
Wir schaffen damit den permanenten Beamten- und Rentnerstaat. Wer würde noch Risiken eingehen? Weniger Risiko, weniger Wohlstandsvermehrung.
Aber Ausgleichseinkommen ist sinnvoll: Garantiere Existenzminimum denjenigen, die temporär oder permanent benachteiligt sind

Papier-Geld: Eine der besten Erfindungen Europas zur Wohlstandsvermehrung. Wie jedes Erfolgsrezept verleitet es zum Missbrauch.

Goldstandard: Hat funktioniert, bis die USA begannen, den Vietnamkrieg über die Notenpresse zu finanzieren. DeGaulle wollte es sich die Befreiung durch die USA noch mit Gold aufwiegen lassen, finanziert durch billige Dollars.
Billig zu Gold zu kommen, ist auch wohlstandsvermehrend. Aber nicht nachhaltig. Billig Kriege zu finanzieren auch nicht.

Uncle Sam war sauer. Und mussten den $ abwerten.

Köppnick - 10. Juni, 19:04

Grundeinkommen: Funktioniert auf lange Sicht nicht, weil es kein Anreizsystem für erfolgsabhängige Entlohnung schafft.
Auch mit einem Grundeinkommen verdient der mehr, der mehr leistet. Auch ohne Grundeinkommen erhalten jetzt bereits viele Einkommensbestandteile, die nicht oder kaum von ihrer Leistung abhängen: Bafög, Kindergeld, steuerfreies Existenzminimum. Ich wiederhole mich an dieser Stelle: Die Einzigen, für die sich etwas ändert, sind die Hartz IV-Empfänger und diejenigen unter uns, die sich knapp oberhalb dieser Grenze bewegen. Das sind im Wesentlichen aber nicht Sozialschmarotzer, die nicht arbeiten wollen, sondern Alleinerziehende, die wegen fehlender Kinderbetreuungsmöglichkeiten gar nicht arbeiten können.
Arbeitsteilung
Arbeitsteilung steht in keinem Zusammenhang zum Grundeinkommen.
Woher kommt der Lohn der verteilt wird. Aus der Notenpresse? Wir schaffen damit den permanenten Beamten- und Rentnerstaat. Wer würde noch Risiken eingehen? Weniger Risiko, weniger Wohlstandsvermehrung.
Die ersten drei Sätze sind Polemik, die keine Argumente für oder gegen das Grundeinkommen enthalten. Zu den Risiken hat Götz Werner, immerhin Besitzer der Drogeriekette DM und Milliardär, in Einkommen für alle genau die entgegengesetzte Meinung. Er ist der Ansicht, dass die größere Sicherheit, die der Einzelne hat, dazu führt, dass sich mehr getrauen, eine Firma oder ein eigenes Gewerbe zu gründen. Risiko steht ebenfalls in keinem Zusammenhang zur Wohlstandsvermehrung, sonst hätten die hochriskanten Spekulationen zum Beispiel mit Immobilien in den USA besonders viel Wohlstand schaffen müssen.
Papier-Geld: Eine der besten Erfindungen Europas zur Wohlstandsvermehrung.
Das Papiergeld wurde etwa um die erste Jahrtausendwende in China erfunden, um Kriege zu finanzieren. Das erinnert doch fatal an unsere Zeit, gelle? Anstelle von tatsächlichen Werten werden die Menschen mit bedrucktem Papier, das lediglich ein Versprechen, aber keine Garantie mehr enthält, abgespeist.
Goldstandard
De Gaulles Vorgehen war nur noch das I-Tüpfelchen für den Zusammenbruch des Goldstandards. Die tiefere Ursache war eine ganz andere: In einer zunehmend stärker verflochtenen Welt, in der sich die einzelnen Wirtschaften verschieden entwickeln, müssen über wechselnde Geldmengen und sich ändernde Wechselkurse Dysbalancen ausgeglichen werden. Wenn es mehr Welthandel gibt, gibt es mehr Zwischenstufen für Geldbewegungen. Das führt automatisch zu einem Anwachsen der Geldmenge, ohne dass das Inflation bedeutet. Aber der Kurs zum Gold müsste ständig korrigiert und kontrolliert werden. Das schafft kein größeres Vertrauen in die Währungen, sondern verringert sie.
poly (Gast) - 10. Juni, 22:56

Gegenbeispiele

Ich anerkenne das Bemühen, neue Ideen mit allen Mitteln zu verteidigen.
ABER:
1.Ein Land mit 10 Einwohner produzierte nur 8000 € Volkseinkommen statt erwarteter 10000€, es wurde aber 1000 € Grundeinkommen (GE) pro Kopf ausgegeben. Wer finanziert die Differenz von 2000?

2. Die 1o Einwohner sind Einzelproduzenten. Wenn sie gemeinsam produzierten unter 1 Boss könnten sie doppelt soviel verdienen. Einige legen sich quer: Das ist mir es nicht wert, von 1 Boss schikaniert zu werden. Mir genügen die 1000, ich habe doch alles.

3. 5 Einwohner beschliessen sich weiterzubilden. Müssen nun die 5 anderen doppelt soviel arbeiten um die 1000 GE zu erhalten oder sinkt das GE sobald einer die Arbeit verweigert?

4. Einwohner erkranken an einer Seuche. Fällt das GE und wer zahlt die Behandlung?
Ein Zwangsversicherungssystem =Steuer)
könnte dies beheben. Ich befürchte, dass all diese Probleme demokratisch nicht zu bewältigen ist.

Fazit: GE pflastert den Weg in die Knechtschaft.
poly (Gast) - 11. Juni, 00:40

Gesund Schrumpfen: Negative Spirale beginnt

Es gibt also ein Paar produktive Blöde, die für alle das Volkseinkommen erwirtschaften. Der Rest geht müssig.

Wenn die (müßigen) Leute nun Zeit haben, die Arbeit zu machen, für die wir sonst bezahlen würden (beste hehre Annahme): Altenpflege, Wohnung renovieren, Kinderbetreuung, etc. dann sinkt das Volkseinkommen. Dies bewirkt ein Rückgang des Grundeinkommen GE, Rückgang der Investitionen etc. "Sustained negative growth": Vielleicht gibt es noch einen Nobelpreis dafür.

Wenn der Staat dies ausgleichen will, muss er Geld drucken. Das beschleunigt die Inflation. Damit wird das GE real weniger wert. Gürtel enger schnallen. Mehr Eigenleistungen, warum nicht?
Hauptsache GE.

Hurrah es geht bergab, die Leute werden sich freuen. War auch wirklich langweilig, das dauernde Wachstum in 20. Jh. So kann sich die gestresste Erde wieder erholen. Der Staat löst sich auf, neue Ordnungen entstehen. Neue Erfahrungen, wie z.B. die des Irans nach dem Schah sind gefragt.

Gesund Schrumpfen: das war auch die Erfahrung des Ende des römischen Reiches. Endlich haben die Barbaren (von damals, heute: Boat people) auch wieder eine Chance.

Europe, we are coming!

Köppnick - 11. Juni, 12:24

Ich antworte der Einfachheit halber mal auf deine beiden Kommentare nur an einer Stelle. Nach Streichung aller keine Argumente enthaltenden Polemik bleibt als Gedankenkette:
  1. Das Grundeinkommen wird höher als die heutigen Sozialleistungen.
  2. Deshalb werden die Leute weniger arbeiten.
  3. Deshalb ist weniger zu verteilen.
  4. Weniger zu verteilen ist schlechter als viel zu verteilen.
  5. Deshalb ist das Grundeinkommen falsch.
Zunächst mal ist jetzt sofort ersichtlich, dass die gesamte Argumentation zusammenbricht, wenn Punkt 1 nicht zutrifft. Tatsächlich ist aber nicht anzunehmen, dass die Linke Kipping, der Milliardär Werner und der CDU-Ministerpräsident Althaus über die Höhe des Grundeinkommens dieselben Vorstellungen haben. Werner zum Beispiel verbindet seine Vorschläge mit der Notwendigkeit einer grundlegenden Steuerreform, nach der Unternehmen überhaupt keine Steuern mehr bezahlen müssen.

In jedem Fall ist aber sicher, dass sich die Höhe des Grundeinkommens an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Landes bemisst, deshalb sind alle Argumente, die Inflation o.ä. anführen, gegenstandslos.

Was sicher zutrifft, ist, dass es bei einem gleichbleibenden durchschnittlichen Niveau der Sozialleistungen es zu Umverteilungen innerhalb der verschiedenen Sparten kommt. Das Kindergeld ist heute niedriger als der Sozialhilfesatz, dieser wiederum ist niedriger als das steuerfreie Existenzminimum. Der Sozialhilfesatz wiederum wird ergänzt um zusätzliche materielle Leistungen im Bedarfsfall. An dieser Stelle kann man das Konzept des Grundeinkommens tatsächlich kritisieren, denn es setzt für alle Bürger einen gleichen Betrag an, obwohl ihre Lebenssituation unterschiedlich ist.

Auf alle übrigen Punkte muss ich hier nicht eingehen, weil sie ja nach dem Nichtzutreffen von Punkt 1 bereits obsolet geworden sind. Nur noch soviel: Punkt 2 und 4 enthalten ethische Wertungen, die sehr viel über die Meinung über sich selbst, über das Verhältnis zur eigenen Arbeit, aber vor allem über das Denken über andere Menschen und deren Verhältnis zur Arbeit aussagen. Nur sieht die Realität heute leider so aus, dass der überwiegende Teil der Hartz IV-Empfänger keine Sozialschmarotzer sind, die nicht arbeiten wollen, sondern Alleinerziehende und Menschen, die etwa ab 50 bis 55 aus den Firmen entlassen wurden und keinen neuen Job mehr finden.
poly (Gast) - 11. Juni, 13:40

Gut gemeint, falsch getroffen

Ich kann der 5 Punkte Kette nicht zustimmen. Die Höhe des GE ist ein Problem, aber nicht das entscheidende.

Wie ich in einer Reihe von Beispielen darstellte, funktioniert das GE im Modell schon nicht. Wie soll man es dann in der Wirklichkeit umsetzen?

Das Argument: "Verteilen wir doch das Geld aller Sozialausgaben mit der Giesskanne, das spart Ausgaben in der Verwaltung" bringt das heutige Sozialsystem und die wirtschaftlichen Anreizsysteme zum Kollaps. Unlösbare GE Probleme führen zu einer Depression, wie ausgeführt.

Die Sozial-Subventionsfalle wurde in Sakndinavien schon vor 20 Jahren beschrieben. Gut gemeint, aber es verstärkt die Probleme. Sorry.
Köppnick - 11. Juni, 14:32

Ich verstehe die Argumente nicht (bzw. ich habe keine gefunden). Ich habe ja geschrieben:
An dieser Stelle kann man das Konzept des Grundeinkommens tatsächlich kritisieren, denn es setzt für alle Bürger einen gleichen Betrag an, obwohl ihre Lebenssituation unterschiedlich ist.
Das ist ein ernstes Problem, von dem nur nicht klar ist, ob es praktisch relevant ist oder nicht, weil es davon abhängt, wie ein Grundeinkommen praktisch realisiert wird, und das war bisher nicht Gegenstand der Diskussion.

Vielleicht ist das ja auch nur ein Problem der sprachlichen Formulierung: "funktioniert das GE im Modell schon nicht". Das Grundeinkommen ist kein Flugzeugmodell, das entweder fliegt oder nicht, also funktioniert oder nicht, sondern es ist ein theoretisches Modell, von dem man nicht weiß, ob es den abgebildeten Vorgang oder Zustand so wiedergibt, dass richtige Schlussfolgerungen abgeleitet werden können.

Jedes theoretische Modell geht von Prämissen aus, die nicht Bestandteil des Modells sind. Im Fall des Grundeinkommens sind das Vorstellungen über die Natur des Menschen. Diejenigen, die glauben, dass es funktioniert, haben ein anderes Menschenbild als ihre Opponenten.

Ich würde niemals behaupten, die eine Seite hätte Recht und die andere Unrecht, aber ich bin der Meinung, dass zukünftige Änderungen im Sozialsystem in diese Richtung gehen werden. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass bezahlte Tätigkeiten tendenziell weniger werden. Letztlich bedeuten zum Beispiel Schritte in Richtung einer negativen Einkommenssteuer eine Bewegung in Richtung Grundeinkommen, weil sie niedriger bezahlte Tätigkeiten wieder attraktiver machen.

Ursprünglich war das Grundeinkommen ein linkes Konzept, das ist es aber schon lange nicht mehr, sondern es ist inzwischen auch im Bürgertum angekommen. Nur die FDP (natürlich!) hat den Schuss noch nicht gehört.
poly (Gast) - 11. Juni, 18:21

GE ist ein Sozial-(Utopie) Modell

Das Modell der GE besteht aus einer Theorie, wie es funktionieren sollte und der Umsetzung. Wie GE funktioniert, wollte ich aus den angeführten Beispielen sehen.

Jedes Modell kann doch heute Gedankenexperimenten unterzogen werden. Popper meinte, man soll nur Theorien sterben lassen und nicht gleich deren Vertreter. :-)
Das gilt auch für die derzeitige Finanzkrise.


PS: es gibt sicher schon ganze Dissertationen zu diesem Thema.
Köppnick - 11. Juni, 20:10

Jedes Modell kann doch heute Gedankenexperimenten unterzogen werden. Popper meinte, man soll nur Theorien sterben lassen und nicht gleich deren Vertreter. :-) Das gilt auch für die derzeitige Finanzkrise.
Darin besteht sicherlich Konsens: Keine Gewalt gegen Andersdenkende zur Durchsetzung politischer Ziele.
PS: es gibt sicher schon ganze Dissertationen zu diesem Thema.
Das kann sein, allerdings habe ich eine recht geringe Meinung von Dissertationen (außer natürlich zu meiner eigenen und der aller meiner Freunde und Bekannten). Eine durchschnittliche Dissertation kann von jedem geschrieben werden, der sich lange genug an einer Uni aufhält. Gerade volkswirtschaftliche oder betriebswirtschaftliche Arbeiten gehen immer von Prämissen aus, die nicht in Frage gestellt werden. Da steht das Ergebnis bereits vorher fest.

Viel interessanter finde ich, dass das Thema Grundeinkommen quer zu den politischen Strömungen diskutiert wird. Während sich die Linken und die Grünen mit knapper Mehrheit dagegen ausgesprochen haben, werkelt in der CDU nach wie vor eine Programmkommission daran. Das bedeutet natürlich nicht, dass eine Mehrheit in der CDU dafür wäre, aber immerhin denkt man über entsprechende Konzepte nach und lehnt sie nicht a priori ab.

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