Die Ethik des Klimawandels

Kein ernstzunehmender Wissenschaftler wird heute noch bestreiten, dass ein Klimawandel begonnen hat. Die Erde heizt sich durch menschliches Handeln immer weiter auf. Die Bekämpfung und Milderung der Auswirkungen wird in der Zukunft beträchtliche Ressourcen verschlingen. Entweder direkt durch die Auswirkungen des Klimawandels oder durch den Abzug von sonst an anderer Stelle verwendbarer Ressourcen werden Menschen in der Zukunft zu Schaden kommen. Es ist deshalb sinnvoll, frühzeitig gegen die Ursachen der Veränderungen anzugehen.

Allerdings bedeutet das, dass bereits heute Ressourcen umverteilt werden müssen, wodurch die heute lebenden Menschen benachteiligt werden, durch Wohlstandsverluste oder durch den Abzug von für sie lebensnotwendigen Ressourcen. Es liegt also ein klassisches ethisches Problem vor: Wie balanciert man die Interessen der heute lebenden Menschen mit denen der Menschen der Zukunft aus? In "Spektrum der Wissenschaft" 04/09 findet man von John Broome, einem Professor für Moralphilosophie an der Universität Oxford einen außerordentlich interessanten Artikel:
Wie sollen wir, die wir heute leben, das Wohl künftiger Generationen, die doch wahrscheinlich über mehr materielle Güter verfügen werden, im Vergleich zu unseren eigenen Lebensbedingungen einschätzen? Viele Menschen, einige schon auf der Welt und andere noch ungeboren, werden an den Folgen des Klimawandels sterben. Ist jeder Tod gleich schlecht, oder zählt er weniger, wenn die Person erst in ferner Zukunft stirbt? Viele Menschen werden umkommen, bevor sie Nachwuchs haben. Ist es verantwortbar, diese ungeborenen Kinder um ihre Lebenschance zu bringen? Begehen die reichen Nationen durch die Emission von Treibhausgasen ein Unrecht gegenüber der armen Weltbevölkerung? Wie soll man die geringe, aber doch reelle Gefahr in Ansatz bringen, dass der Klimawandel zu einer globalen Katastrophe führt?
Eine an ökonomischen Kriterien orientierte Abschätzung ist außerordentlich schwierig, allein wenn man sich die wichtigsten zu beachtenden Gesichtspunkte betrachtet:
  • Wir wissen nicht, wie stark die Erderwärmung ausfallen wird. Demzufolge können wir die in der Zukunft zu erwartenden Schäden nicht abschätzen.
  • Wir wissen nicht, welche Maßnahmen zu welchen Ergebnissen führen werden und was sie uns kosten.
  • Wir können den Wohlstandsgewinn für die Menschen der Zukunft nicht abschätzen und wissen auch über den wissenschaftlich-technischen Erkenntnisgewinn bis dahin nichts.
Welcher Streit bei der Diskussion dadurch unter Wirtschaftswissenschaftlern (und Ethikern) vom Zaun gebrochen wird, verdeutlichen die folgenden Zitate:
In dem 2006 vorgelegten »Stern-Report zur Ökonomik des Klimawandels« haben Nicholas Stern und seine Kollegen vom britischen Finanzministerium die ethischen Hintergründe des Problems berücksichtigt. Unter dieser Prämisse kommen sie beim Vergleich von Kosten und Nutzen des Klimawandels zu dem Ergebnis, dass die Vorteile einer Verringerung der Emission von Treibhausgasen die Kosten bei Weitem übersteigen. Ihre Untersuchung hat bei Wirtschaftswissenschaftlern heftige Kritik hervorgerufen. Diese wenden vor allem ein, dass ökonomische Schlussfolgerungen nicht auf ethischen Prämissen beruhen sollten. Außerdem ergaben Studien von anderen Wirtschaftswissenschaftlern wie William Nordhaus von der Yale University in New Haven (Connecticut), dass rasches Handeln keineswegs nötig sei.

Stern kommt vor allem deshalb zu anderen Schlussfolgerungen als Nordhaus, weil er aus ethischen Gründen in seiner Studie einen viel niedrigeren Wertminderungs- oder Diskontierungssatz (discount rate) verwendet. Ökonomen billigen Gütern, die erst in der Zukunft zur Verfügung stehen, im Allgemeinen einen geringeren Wert zu als solchen, über die man heute schon verfügen kann: Sie diskontieren sie. Der Abzug fällt dabei umso höher aus, je weiter in der Zukunft ein Gut zu haben ist. Der Diskontierungssatz gibt an, wie schnell sich der Wert eines Gutes mit der Zeit vermindert.
...
Der größte Teil der Kosten von Maßnahmen gegen den Klimawandel fällt in naher Zukunft an, weil die heutige Generation ihren Konsum einschränken muss. Der Nutzen dagegen kommt überwiegend erst in 100 bis 200 Jahren zum Tragen. Weil Stern diesen zukünftigen Nutzen in heutigem Geld höher ansetzt als Nordhaus, kann er höhere gegenwärtige Ausgaben für den Klimaschutz rechtfertigen als dieser.

Warum diskontiert man überhaupt zukünftige Güter - seien es solche materieller Art wie Autos und Nahrungsmittel oder Dienstleistungen wie Haare schneiden und Zähne ziehen? Die meisten Ökonomen gehen von einem kontinuierlichen Wachstum der Weltwirtschaft aus. Zukünftige Generationen sollten demnach im Durchschnitt über mehr Güter verfügen als wir. Je mehr Güter man aber hat, desto geringer ist der relative Wert aller noch hinzukommenden. Deshalb scheint es ökonomisch vernünftig, sie mit einem Abschlag zu versehen.
...
Womöglich gibt es noch einen zweiten, rein ethischen Grund, Güter, die relativ reiche Personen erhalten, zu diskontieren. Gemäß dem so genannten Prioritarismus sollte die Gesellschaft einen bestimmten Nutzenzuwachs - verstanden als Steigerung des individuellen Wohlbefindens - für eine reiche Person geringer veranschlagen als für eine ärmere.
Ohne jetzt weiter ins Detail zu gehen, ergibt sich für den Klimaschutz das folgende Paradoxon:
Die meisten Debatten über Ungleichheit finden in oder zwischen relativ reichen Staaten statt, die sich Gedanken darüber machen, welche Opfer sie für die vergleichsweise armen Nationen bringen sollten. Wenn wir aber künftige Generationen betrachten, dann geht es darum, auf was wir, die relativ Armen, zu Gunsten unserer vergleichsweise reichen Nachfahren verzichten sollten.
...
Es gibt noch eine weitere ethische Überlegung, die sich auf die Wahl des Wertminderungssatzes auswirkt: Manche Philosophen sind der Meinung, dass uns mehr an denen gelegen sein sollte, die uns zeitlich nahe stehen, als an denjenigen in ferner Zukunft. In diesem Fall sollte der künftige Wohlstand allein wegen der großen zeitlichen Distanz diskontiert werden.
...
Daraus folgt beispielsweise, dass der Tod eines zehnjährigen Kindes in 100 Jahren eher in Kauf zu nehmen wäre als der eines zehnjährigen heute. Nach Auffassung anderer Philosophen sollten wir dagegen zeitlich neutral sein, weil der bloße Zeitpunkt, zu dem ein Schaden auftritt, nicht für seine Bewertung von Belang sein kann. Die reine Zeitpräferenz steht für einen relativ hohen, die zeitliche Neutralität für einen niedrigeren Wertminderungssatz.
Mich haben die verschiedenen Sichtweisen in diesem Artikel außerordentlich beschäftigt, am meisten hat mich der folgende ergänzende Block zum Nachdenken gebracht:
Der Klimawandel wirft noch wesentlich schwierigere und wichtigere ethische Fragen auf als die Wahl des richtigen Wertminderungssatzes. Ein Problem ist das mögliche Auftreten einer globalen Katastrophe. ... Eine sehr drastische Erwärmung birgt ein gewisses Risiko - auch wenn sich das nicht genau quantifizieren lässt -, dass ein großer Teil der Menschheit zugrunde geht oder unsere Art sogar völlig ausgelöscht wird.
...
Wenn die Menschheit ausstirbt oder größtenteils zugrunde geht, werden Milliarden Menschen nicht geboren, die anderenfalls das Licht der Welt erblickt hätten. ... Falls allerdings die Nichtexistenz einen Schaden darstellt, ist es einer, den niemand erleidet, da ja diejenigen, die er betrifft, gar nicht erst geboren würden. Kann es einen solchen Schaden überhaupt geben? Einige Philosophen verneinen das. Sie sind der festen Überzeugung, dass das Aussterben oder der Kollaps der Menschheit keinen anderen Schaden verursacht als den des vorzeitigen Todes. Andere Denker sehen im Verlust an zukünftigen Menschen dagegen ein sehr großes Übel.
Beide Positionen sind logisch, aber ins Extrem übersteigert bedeuten sie:
  • Für ein gutes Leben der heute vorhandenen Menschen wird das Auslöschen der menschlichen Existenz in der Zukunft riskiert.
  • Für die unbedingte Weiterexistenz der Menschheit in der Zukunft wird der Tod vieler heute lebender Menschen in Kauf genommen.
Kategorie: Ethik
Talakallea Thymon - 26. Mai, 11:58

Mit kommt bei solchen Debatten immer eines zu kurz: Der Mensch ist nur eine unter Milliarden (die genaue Zahl ist nach wie vor unbekannt) Spezies auf diesem Planeten, von denen jede einzelne direkt oder indirekt von Klimaveränderungen betroffen sein wird oder bereits betroffen ist. Selbst wenn uns unsere eigene Spezies aus naheliegenden Gründen am meisten am Herzen liegt, sollte man die die schweigende Mehrheit der Bewohner der Erde, auch wenn diese sich nicht selbst äußern können, nicht außer betracht lassen. Und nicht nur egoistischerweise deshalb, weil wir ökologisch von diesem Biosystem abhängen, sondern aus ethischen Erwägungen. Des weiteren stört mich bei der Debatte, daß eine geringe Einschränkung (Verzicht auf Mobilität; Verzicht auf Wegwerfkonsum; Einführung nachhaltiger Wirtschaftsweisen) unsererseits gegen eine Katastrophe, die unsere Nachfahren ausbaden müssen, abgewogen wird. Was wir jetzt tun können, wird uns kaum weh tun, wahrscheinlich birgt es eher Chancen -- und bewirkt bereits für unsere Enkel eine bessere Welt (eine Welt ohne automobilen Individualverkehr ist nicht nur nach Klimagesichtspunkten wünschenswert, wie viele meinen). Was würden wir wohl dazu sagen, wenn wir in einer Hölle leben müßten, weil unsere Vorfahren auf Teufel komm raus jedes Jahr auf die Malediven fliegen zu müssen glaubten?
Ich vermute, wir würden unsere Vorfahren verfluchen.

Köppnick - 26. Mai, 20:00

Bei rationalen ethischen Überlegungen kommt man sehr schnell an Punkte, die unserer Intuition zuwiderlaufen. Einer davon ist, ob die Inkaufnahme des Aussterbens anderer Spezies unmoralisch ist. Nun ist es aber erstens so, dass niemals Arten sterben, sondern stets Individuen. Die Einteilung in Arten ist Menschenwerk. Das einzelne Tier oder die einzelne Pflanze stirbt bloß u.U. einen früheren Tod oder hat weniger oder gar keine Nachkommen. Und zweitens ist das Aussterben von Arten ein natürlicher Prozess in der Evolution, 99% aller jemals lebenden Arten sind bereits ausgestorben. Insofern ist es für uns sinnlos, uns der natürlich ablaufenden Anpassung an die Klimaveränderung nur aus dem Grund entgegenzustemmen, eine Verringerung der Artenvielfalt wäre in irgendeiner Weise schädlich. Das kann nicht bewiesen werden. Tatsächlich machen wir die Erhaltung der Lebensräume nur für uns und nehmen auf diese Weise alle übrigen Lebewesen auf der Erde dabei mit in Schutzhaft. Besonders absurd unter diesem Blickwinkel ist unser Fokus auf den Erhalt einiger weniger großer Tierarten (Tiger z.B.), die für das Leben auf der Erde weit weniger Bedeutung haben als z.B. der arktische Krill oder die Korallen (die mit ihrem Kalk CO2 binden).

Auch bei der Beurteilung unserer Lebensweise gibt es massenweise Fehleinschätzungen, die gut gemeint sind (weil sie dem Einzelnen ein gutes Gefühl vermitteln), die aber in Bezug auf den Klimawandel eher von untergeordneter Bedeutung sind. Ein Beispiel ist das schlechte Gewissen beim Benutzen des Autos - um sich dann beim Mittagessen in der Kantine ein Steak zu genehmigen. Tatsächlich ist der ökologische Fußabdruck eines Steaks etwa gleich groß der Fahrt mit dem Auto zur Arbeit. Und eine einzige Urlaubsreise richtet mehr Schaden an als alle Maßnahmen, mit denen man im Laufe des Jahres versucht, ökologisch korrekt zu leben.

Der Artikel hat mir deshalb so gut gefallen, weil er das Problem des Klimawandels und der Generationengerechtigkeit rational und nicht gefühlsmäßig anzugehen versucht hat. Der Prioritarismus bewertet eine leichte Verbesserung der Lebensverhältnisse des Ärmeren stärker als eine gleiche Verbesserung bei einem Reichen. Damit steht er im Gegensatz zum Utilitarismus, der beide Verbesserungen gleich gewichtet. In Bezug auf die zur gleichen Zeit lebenden Menschen führt das dazu, dass ersterer eine Umverteilung von Reichen zu Armen für gerecht und geboten hält. Dem werden sicher viele ökologisch und sozial Bewegte zustimmen, viele Konservative und Liberale nicht. Im Vergleich zu den Menschen der Zukunft sind aber wir die Ärmeren und deshalb müssten nach den Maßstäben der Prioritaristen (also der ökologisch-sozial Denkenden) die Interessen der heute lebenden Menschen Vorrang haben.

Und genau das ist der ethische Konflikt: Wenn wir Mittel umverteilen in Richtung der Sicherung der Zukunft, dann hat das nur messbare Auswirkungen, wenn wir die Mittel für heute Bedürftige (Stichwort Entwicklungshilfe) kürzen. Ob der Einzelne bei uns mit dem Auto oder mit dem Fahrrad auf Arbeit fährt und statt einer Glühlampe eine Leuchtstoffröhre verwendet, ist gut für's persönliche Gewissen, aber für die ökologische Gesamtbilanz der Menschen eher marginal. Wir kommen nicht umhin anzuerkennen, dass Afrikaner, Inder und Chinesen dieselben Ansprüche an den Lebensstandard stellen dürfen wie wir. Wir paar hundert Millionen Europäer und Nordamerikaner können gar nicht so viel einsparen, wie fast 3 Milliarden Inder und Chinesen zusätzlich verbrauchen werden. Und ethisch gesehen haben wir keinen plausiblen Grund, sie davon abzuhalten.
Talakallea Thymon - 26. Mai, 20:35

Vielfalt ist, unabhängig davon, ob es uns gelingt, die Vorstellung der Art zu definieren (schwierig; aber vielleicht nicht unmöglich. Und nicht nur intuitiv ein äußerst brauchbares Konzept), eine Tatsache. Und es gibt Menschen, die eine derart komplexe Vielfalt, wie sie auf der Erde herrscht, zu bewahren wünschen, ganz gleich, ob das praktisch oder gar nützlich für uns ist. Zu denen rechne ich mich selbst. Wenn man Kinder in eine Tropfsteinhöhle führt, sagt man ihnen, sie sollen bitte die Tropfsteine nicht abhauen, denn es bräuchte nur einen Tritt, sie zu zerstören, jene jedoch Jahrtausende, um zu diesen herrlichen Gebilden anzuwachsen. Ich finde dieses Argument sofort einleuchtend, obwohl die Tropfsteine niemandem etwas bringen, einfach so, nenn es ästhetische Gründe. In der belebten Welt kommt aber etwas dazu, das ich Verantwortung nennen möchte. Für, jawohl, den Erhalt von Arten, auch wenn es den Individuen, die sie bilden, egal sein kann. Aber auch, wenn man dieses Argument mit dem Verweis auf die vermeintliche Künstlichkeit des Artbegriffs abtut, bleibt die Gefahr, die von jedem Eingriff in ein empfindliches System ausgeht. Es ist vernünftig anzunehmen, daß man nicht einfach ein Viertel oder die Hälfte der Arten wegnehmen kann und dann glauben, die übrigen machten einfach weiter wie zuvor. Zuletzt hängen wir selbst noch mit dran.

Aber dieses Argument mag ich gar nicht, weil ich nicht finde, daß man sich beim Artenschutz auf Nützlichkeitserwägungen einlassen sollte.

Und, nein, es geht mir nicht um Tiger oder Wale (natürlich auch um diese). Naturschutz, der ohne süße Schnäuzchen und mitleiderregende Walleiber nicht auszukommen glaubt (reden wir nicht von Eisbären), ist zum Kotzen, entschuldige die Ausdrucksweise. Das würde ich nicht einmal gelten lassen, um die Massen zu mobilisieren. Nein, jede Archaea, jede Braunalge und von mir aus auch die Eisbären haben natürlich denselben Wert. Kritisch wird es meines Erachtens erst bei Arten wie Plasmodium oder den Chlamydien. Da kommt man in ein echtes Dilemma.

Was du über Autos und Steaks schreibst, ist vollkommen richtig; da ich hier keine komplette Aufzählung machen konnte, mußte ich ein, zwei illustre Beispiele wählen. Das Fliegen hab ich übrigens erwähnt, glaube ich.

Wir haben kein Recht, unsere eigene Lebensweise den Chinesen oder wem auch immer vorzuenthalten. Aber darum geht es nicht, und kann keine Rede davon sein, daß der Westen so weitermacht wie bisher, nur, bittschön, die übrigen 5 Milliarden dürften weiter nur Wasser trinken. Weit gefehlt. Wir können aber mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn wir selbst auf das Steak verzichten, setzen wir uns in eine Position, in der wir auch die Chinesen dazu auffordern dürfen. Und auch das ist nur paradigmatisch gemeint und verschweigt tausenderlei andere Dinge, die ebenso schädlich wie entbehrlich sind.

Daß das Argument mit dem Artensterben in der Vergangenheit hier kommen mußte, war auch wieder klar. Dem kann man nur entgegnen: Der Asteroid hatte keine Verantwortung. Wir haben eine. Und wir sind auch keine Cyanobakterien, die im Archaikum nicht wußten, was sie taten, als sie die Atmosphäre mit Sauerstoff vergifteten.

Andererseits, manchmal scheint mir, wir sind nicht viel klüger.

Köppnick - 26. Mai, 20:46

Andererseits, manchmal scheint mir, wir sind nicht viel klüger.
Sind wir sicher auch nicht, weil sich die Intentionen jedes Einzelnen aufgrund divergierender Interessen größerer Gruppen gegenseitig weitgehend egalisieren. Wir besetzen eine ökologische Nische (die der Intelligenz) und werden aussterben, wenn diese Nische nicht mehr existiert. Biologisch würde ich uns mit den Blaualgen vergleichen. Das waren die ersten Lebensformen, die in großem Umfang Sauerstoff freigesetzt haben und so die gesamte damalige Lebenswelt vergiftet haben. Die Blaualgen selbst haben überlebt, aber außer in wenigen unterseeischen und unterirdischen Oasen keine einzige vorher lebende Art. Bei uns ist es das Kohlendioxid. Fragt sich nur, ob wir so zäh wie die Blaualgen sein werden. Uns unterscheidet von allen Lebensformen, die ihre eigenen Grundlagen vernichtet haben, nur das schlechte Gewissen dabei - dafür ist unsere Intelligenz ausreichend.

Wir können nur das für uns Machbare tun und hoffen, dass es die Menschen der Zukunft packen - so wie wir die Pest, die Entwaldung Englands, die spanische Grippe und (bis jetzt) die Atombomben überlebt haben. Schaffen sie das nicht, hat die Menschheit eben Pech gehabt - so wie viele Millionen Arten vor ihr auch. Nach den größten Katastrophen (Dinosaurier) begann jedesmal ein neues und besonders produktives Kapitel auf der Erde - so what?
Talakallea Thymon - 26. Mai, 21:57

Selbst wenn wir überleben werden, dann wird das in einer Welt sein, von der wir heutigen uns möglicherweise mit Grauen abwenden würden. Was uns von den Cyanobakterien unterscheidet, ist nicht nur das schlechte Gewissen (die Verantwortung, wie ich es lieber nenne), sondern auch, daß wir die Fähigkeit (oder den Fluch?) haben, traurig sein zu können -- und eine Trauer zu empfinden imstande sind nicht nur über die zahlreichen Verluste unserer Zeit (wie schön muß England im Paläolithikum gewesen sein, oder Manhattan, als es noch eine sumpfige Insel war), sondern sogar über einen Verlust, den wir selbst gar nicht mehr erleben werden.

Biomio (Gast) - 30. Mai, 09:10

Ich finde Sümpfe gehören trocken gelegt

Ist nun ein Gewissen für die Evolution förderlich oder hinderlich?

Hätten alle Lebewesen ein Gewissen, gäbe es schneller eine Überbevölkerung?
Hätten alle Lebewesen kein Gewissen, gäbe es mehr Artenvielfalt?

Vielleicht macht die richtige G-Balance diesen Planeten erst interessant. Ein Leben von Intelligenzbestien (sic!) wäre unerträglich.
Wie sieht eine intelligente oder gewissenslose Nahrungskette aus?
Darf die UNO darüber abstimmen?
Köppnick - 1. Juni, 09:40

Falsche Methode

In der folgenden Ausgabe von "Spektrum der Wissenschaften" gab es eine Reihe von Leserzuschriften. Unter anderem die folgende, die ich (allerdings ohne den Autor zu nennen) hier hinzufügen möchte:
Anders als der Titel behauptet, geht es hier nicht um die »Ethik des Klimawandels«, sondern um die Ethik von Kosten-Nutzen-Analysen. Diese sind eine etablierte Methode, die indes auf globale ökologische Probleme wie den Klimawandel oder den Biodiversitätsverlust kaum sinnvoll anwendbar ist:

Kosten-Nutzen-Analysen rechnen einen Verlust hier gegen einen Gewinn dort auf. Die Natur funktioniert aber nicht nach dieser Logik der Substituierbarkeit. Kosten-Nutzen-Analysen nehmen an, dass mehr materieller Wohlstand zu mehr Wohlergehen der Menschen führt. Bis zu einem gewissen Wohl-standsniveau ist das richtig; darüber hinaus aber geht es den Menschen nicht besser, wenn sie mehr besitzen (Easterlin-Paradox).

Kosten-Nutzen-Analytiker gehen davon aus, dass die Weltwirtschaft wächst, weshalb sie die Zukunft diskontieren. William Nordhaus etwa rechnet in seinen Szenarien bis ins Jahr 2200 mit einem durchschnittlichen Wachstum von vier Prozent. Das ist eine abenteuerliche, spekulative Annahme, gibt es doch überhaupt erst seit etwa 100 Jahren ein globales Wirtschaftswachstum von mehr als einem Prozent.

Die Notwendigkeit, den Wert eines Menschenlebens zu schätzen, führt zu ethisch nicht haltbaren Resultaten: Man misst diesen Wert beispielsweise, indem man betrachtet, für wie viel mehr Lohn jemand bereit ist, eine Arbeit anzunehmen, die seine statistische Lebenserwartung um ein Jahr senkt. Das hat 1995 zum bisher heftigsten Streit im Intergovernmental Panel for Climate Change (IPCC) geführt, weil die Autoren im Entwurf zum IPCC-Bericht vorgeschlagen hatten, ein Menschenleben in einem Industrieland mit 1,5 Millionen Dollar, eines in einem Entwicklungsland mit 150000 Dollar zu bewerten.

Als Alternative zu den Kosten-Nutzen-Analysen geht das Vorsorgeprinzip davon aus, dass gewisse Risiken unbedingt zu vermeiden sind. Das Vorsorgeprinzip ist im Zusammenhang mit dem Klimawandel umso mehr angebracht, als viele Risiken gar nicht abschätzbar und die Prozesse des Klimasystems irreversibel sind.

Biomio (Gast) - 1. Juni, 12:51

Alles im Leben hat seinen Preis

Gedankenexperiment:
Wenn ich zu wenig oder zuviel esse, dann reduziert dies meine Lebenserwartung. Als gibt es irgendwo (bei einer bestimmten Menge oder Preis) ein Optimum. Jede Abweichung davon sind Kosten in Form von Lebenserwartung= persönlicher Nutzen.
Jede Abweichung davon betrifft auch gesellschaftlichen Nutzen und ev. den Nutzen der Erde, so es diesen gibt.

Welchen Nutzen hat die Erde vom gegenwärtigen Klima? Welchen Nutzen hat sie von alternativen Klimazuständen?
Wenn die geklärt ist, dann können wir über den Kosten-Nutzen (KNu) des Klimas sprechen.

KNu macht nur Sinn, wenn wir eine Wahl haben. Haben wir eine? Hatten die Dinosaurier eine?

Nachdem die Bio-Saurier zuviel Pflanzen frassen, beschloss DAMMIT (Dinos against more Methan in Tropics) die Förderung von Raptoren, damit die Methanverseuchung durch die Biosaurier gestoppt würde. Das führte schliesslich zur einem nachhaltigen Dinowachstum für mehrere Mio. Jahren und brachte DAMMIT den begehrten Jurapreis ein.
Biomio (Gast) - 1. Juni, 14:09

Schweizer Käse

Leider wird die Diskussion über Kosten-Nutzen nicht durch missverständliche Leserbriefe besser.

1. Kosten für wen und Nutzen für wen?
Nutzen ist ein sehr subjektives Konzept, daher kommt er in der Physik nicht vor.
Genauso wie Unsicherheit fürchtet der Teufel das Weihwasser.
2. Bitte: Persönlichen Nutzen nicht mit gesellschaftlichen verwechseln. Letzterer ist nur im einfachsten Fall durch Kumulieren bestimmbar.
3. Ein freiwilliger persönlicher Nutzen ist sicher besser als ein oktroyierter. Nur wie messen? Zahlungsbereitschaft ist ein Weg zur Messung subjektiver Nutzen; ex post "revealed preferences" sind ehrlicher.
4. Nutzen für zukünftige zukünftiger Generationen: Ein metaphysischer Wunsch? Religionen leben davon.
5. Arm und Reich, wer hat mehr vom Leben? Grenznutzen lehrt uns, dass Arme mehr vom ökonomischen Zuwachs profitieren. Und der wird in Geld gemessen. Einkommen pro Kopf ist der einfachste Maßstab.
6. Ethik und monetäre Bewertung des Lebens, Klima, Vielfalt etc . Das mag ethisch nicht richtig sein, wie schon in der Bibel steht, aber ist nicht falsch, wie uns die Calvinisten gelehrt haben.
Fazit: Es kommt nur auf die Sichtweise an.
Nostraterra (Gast) - 1. Juni, 15:07

Darwin würde sich freuen

Die Evolution des homo sapiens mit anderen Mitteln, Männern und Bildern der Wissenschaft geht weiter:
Endlich Victory: Wir haben es geschafft! Erstmals seit den Dinos regiert wieder eine Art den Planeten. Dank Religionen, die uns gottgleich machen, uns erlauben die Erde untertan zu machen. Der Stärkste, Fitteste hat gesiegt.

Also könnten wir uns zurück lehnen und den Sieg geniessen? ... Was aber, wenn es ein Pyrrhus Sieg ist? Besteht nicht die Gefahr, dass wir an unserem eigenen Sieg zugrunde gehen?
Nur ein nachhaltiger Sieg ist ein richtiger Sieg. Und nachhaltig ist ein Sieg nur dann, wenn auch zukünftige Generationen siegreich sind. Totaler Sieg, wer kann ihn aber gefährden?
Natürlich, nur wir selber.

Daher baut der kluge Mann vor. Was braucht es heute, um den Sieg auch morgen zu garantieren?
Zukunftsforscher ihr seid gefordert! Welche Bedingungen braucht es, um dies zu ermöglichen?
Klar, zunächst ein sauberes Klima. Allen Nestbeschmutzer wird nun der Kopf gewaschen. Reiche, ihr müsst nun den Obulus entrichten. Denkt daran, Arme vermehren sich rascher. Geld allein garantiert nicht den totalen Sieg. Da braucht es mehr, und sicher auch: die rechte Gesinnung. Also darf Ethik nicht zu kurz kommen. Die zukünftigen Menschen sind damit genauso wichtig wie die heutigen.
Aber, wenn die nun ärmer wären?

Denk dran, der Erfolg heiligt alle Mittel.
Das Glück liegt bei den Tüchtigen. Bis jetzt sind wir mehr und reicher geworden, warum sollte dies nun anders werden?
Mehr Leute, mehr Fortschritt, mehr Dominanz. Denk daran, wie gross das Universum ist. Da wollen wir die Hand nicht in den Schoss legen.
Das ist so wie bei einem Sparbuch: Wenn wir jetzt regelmässig ein bisschen sparen, dann können wir in Zukunft noch viel grössere Sachen leisten. Die Welt wird reicher und wir auch, dank Evolution und voraussichtiger Intelligenz.

Und Darwin bauen wir auf den Galapagos den einzig würdigen Tempel.

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Kommentare hier ...

Bitte mehr davon? Aus...
Bitte mehr davon? Aus meiner Sicht auf keinen Fall,...
Köppnick - 25. Dezember, 16:53
bitte mehr davon
Nimmersatt (Gast) - 25. Dezember, 15:33
lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
la-mamma - 30. November, 19:43
Ich möchte Ihnen...
Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02