Die Ethik des Klimawandels
Kein ernstzunehmender Wissenschaftler wird heute noch bestreiten, dass ein Klimawandel begonnen hat. Die Erde heizt sich durch menschliches Handeln immer weiter auf. Die Bekämpfung und Milderung der Auswirkungen wird in der Zukunft beträchtliche Ressourcen verschlingen. Entweder direkt durch die Auswirkungen des Klimawandels oder durch den Abzug von sonst an anderer Stelle verwendbarer Ressourcen werden Menschen in der Zukunft zu Schaden kommen. Es ist deshalb sinnvoll, frühzeitig gegen die Ursachen der Veränderungen anzugehen.
Allerdings bedeutet das, dass bereits heute Ressourcen umverteilt werden müssen, wodurch die heute lebenden Menschen benachteiligt werden, durch Wohlstandsverluste oder durch den Abzug von für sie lebensnotwendigen Ressourcen. Es liegt also ein klassisches ethisches Problem vor: Wie balanciert man die Interessen der heute lebenden Menschen mit denen der Menschen der Zukunft aus? In "Spektrum der Wissenschaft" 04/09 findet man von John Broome, einem Professor für Moralphilosophie an der Universität Oxford einen außerordentlich interessanten Artikel:
Allerdings bedeutet das, dass bereits heute Ressourcen umverteilt werden müssen, wodurch die heute lebenden Menschen benachteiligt werden, durch Wohlstandsverluste oder durch den Abzug von für sie lebensnotwendigen Ressourcen. Es liegt also ein klassisches ethisches Problem vor: Wie balanciert man die Interessen der heute lebenden Menschen mit denen der Menschen der Zukunft aus? In "Spektrum der Wissenschaft" 04/09 findet man von John Broome, einem Professor für Moralphilosophie an der Universität Oxford einen außerordentlich interessanten Artikel:
Wie sollen wir, die wir heute leben, das Wohl künftiger Generationen, die doch wahrscheinlich über mehr materielle Güter verfügen werden, im Vergleich zu unseren eigenen Lebensbedingungen einschätzen? Viele Menschen, einige schon auf der Welt und andere noch ungeboren, werden an den Folgen des Klimawandels sterben. Ist jeder Tod gleich schlecht, oder zählt er weniger, wenn die Person erst in ferner Zukunft stirbt? Viele Menschen werden umkommen, bevor sie Nachwuchs haben. Ist es verantwortbar, diese ungeborenen Kinder um ihre Lebenschance zu bringen? Begehen die reichen Nationen durch die Emission von Treibhausgasen ein Unrecht gegenüber der armen Weltbevölkerung? Wie soll man die geringe, aber doch reelle Gefahr in Ansatz bringen, dass der Klimawandel zu einer globalen Katastrophe führt?Eine an ökonomischen Kriterien orientierte Abschätzung ist außerordentlich schwierig, allein wenn man sich die wichtigsten zu beachtenden Gesichtspunkte betrachtet:
- Wir wissen nicht, wie stark die Erderwärmung ausfallen wird. Demzufolge können wir die in der Zukunft zu erwartenden Schäden nicht abschätzen.
- Wir wissen nicht, welche Maßnahmen zu welchen Ergebnissen führen werden und was sie uns kosten.
- Wir können den Wohlstandsgewinn für die Menschen der Zukunft nicht abschätzen und wissen auch über den wissenschaftlich-technischen Erkenntnisgewinn bis dahin nichts.
In dem 2006 vorgelegten »Stern-Report zur Ökonomik des Klimawandels« haben Nicholas Stern und seine Kollegen vom britischen Finanzministerium die ethischen Hintergründe des Problems berücksichtigt. Unter dieser Prämisse kommen sie beim Vergleich von Kosten und Nutzen des Klimawandels zu dem Ergebnis, dass die Vorteile einer Verringerung der Emission von Treibhausgasen die Kosten bei Weitem übersteigen. Ihre Untersuchung hat bei Wirtschaftswissenschaftlern heftige Kritik hervorgerufen. Diese wenden vor allem ein, dass ökonomische Schlussfolgerungen nicht auf ethischen Prämissen beruhen sollten. Außerdem ergaben Studien von anderen Wirtschaftswissenschaftlern wie William Nordhaus von der Yale University in New Haven (Connecticut), dass rasches Handeln keineswegs nötig sei.Ohne jetzt weiter ins Detail zu gehen, ergibt sich für den Klimaschutz das folgende Paradoxon:
Stern kommt vor allem deshalb zu anderen Schlussfolgerungen als Nordhaus, weil er aus ethischen Gründen in seiner Studie einen viel niedrigeren Wertminderungs- oder Diskontierungssatz (discount rate) verwendet. Ökonomen billigen Gütern, die erst in der Zukunft zur Verfügung stehen, im Allgemeinen einen geringeren Wert zu als solchen, über die man heute schon verfügen kann: Sie diskontieren sie. Der Abzug fällt dabei umso höher aus, je weiter in der Zukunft ein Gut zu haben ist. Der Diskontierungssatz gibt an, wie schnell sich der Wert eines Gutes mit der Zeit vermindert.
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Der größte Teil der Kosten von Maßnahmen gegen den Klimawandel fällt in naher Zukunft an, weil die heutige Generation ihren Konsum einschränken muss. Der Nutzen dagegen kommt überwiegend erst in 100 bis 200 Jahren zum Tragen. Weil Stern diesen zukünftigen Nutzen in heutigem Geld höher ansetzt als Nordhaus, kann er höhere gegenwärtige Ausgaben für den Klimaschutz rechtfertigen als dieser.
Warum diskontiert man überhaupt zukünftige Güter - seien es solche materieller Art wie Autos und Nahrungsmittel oder Dienstleistungen wie Haare schneiden und Zähne ziehen? Die meisten Ökonomen gehen von einem kontinuierlichen Wachstum der Weltwirtschaft aus. Zukünftige Generationen sollten demnach im Durchschnitt über mehr Güter verfügen als wir. Je mehr Güter man aber hat, desto geringer ist der relative Wert aller noch hinzukommenden. Deshalb scheint es ökonomisch vernünftig, sie mit einem Abschlag zu versehen.
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Womöglich gibt es noch einen zweiten, rein ethischen Grund, Güter, die relativ reiche Personen erhalten, zu diskontieren. Gemäß dem so genannten Prioritarismus sollte die Gesellschaft einen bestimmten Nutzenzuwachs - verstanden als Steigerung des individuellen Wohlbefindens - für eine reiche Person geringer veranschlagen als für eine ärmere.
Die meisten Debatten über Ungleichheit finden in oder zwischen relativ reichen Staaten statt, die sich Gedanken darüber machen, welche Opfer sie für die vergleichsweise armen Nationen bringen sollten. Wenn wir aber künftige Generationen betrachten, dann geht es darum, auf was wir, die relativ Armen, zu Gunsten unserer vergleichsweise reichen Nachfahren verzichten sollten.Mich haben die verschiedenen Sichtweisen in diesem Artikel außerordentlich beschäftigt, am meisten hat mich der folgende ergänzende Block zum Nachdenken gebracht:
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Es gibt noch eine weitere ethische Überlegung, die sich auf die Wahl des Wertminderungssatzes auswirkt: Manche Philosophen sind der Meinung, dass uns mehr an denen gelegen sein sollte, die uns zeitlich nahe stehen, als an denjenigen in ferner Zukunft. In diesem Fall sollte der künftige Wohlstand allein wegen der großen zeitlichen Distanz diskontiert werden.
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Daraus folgt beispielsweise, dass der Tod eines zehnjährigen Kindes in 100 Jahren eher in Kauf zu nehmen wäre als der eines zehnjährigen heute. Nach Auffassung anderer Philosophen sollten wir dagegen zeitlich neutral sein, weil der bloße Zeitpunkt, zu dem ein Schaden auftritt, nicht für seine Bewertung von Belang sein kann. Die reine Zeitpräferenz steht für einen relativ hohen, die zeitliche Neutralität für einen niedrigeren Wertminderungssatz.
Der Klimawandel wirft noch wesentlich schwierigere und wichtigere ethische Fragen auf als die Wahl des richtigen Wertminderungssatzes. Ein Problem ist das mögliche Auftreten einer globalen Katastrophe. ... Eine sehr drastische Erwärmung birgt ein gewisses Risiko - auch wenn sich das nicht genau quantifizieren lässt -, dass ein großer Teil der Menschheit zugrunde geht oder unsere Art sogar völlig ausgelöscht wird.Beide Positionen sind logisch, aber ins Extrem übersteigert bedeuten sie:
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Wenn die Menschheit ausstirbt oder größtenteils zugrunde geht, werden Milliarden Menschen nicht geboren, die anderenfalls das Licht der Welt erblickt hätten. ... Falls allerdings die Nichtexistenz einen Schaden darstellt, ist es einer, den niemand erleidet, da ja diejenigen, die er betrifft, gar nicht erst geboren würden. Kann es einen solchen Schaden überhaupt geben? Einige Philosophen verneinen das. Sie sind der festen Überzeugung, dass das Aussterben oder der Kollaps der Menschheit keinen anderen Schaden verursacht als den des vorzeitigen Todes. Andere Denker sehen im Verlust an zukünftigen Menschen dagegen ein sehr großes Übel.
- Für ein gutes Leben der heute vorhandenen Menschen wird das Auslöschen der menschlichen Existenz in der Zukunft riskiert.
- Für die unbedingte Weiterexistenz der Menschheit in der Zukunft wird der Tod vieler heute lebender Menschen in Kauf genommen.
Montag, 25.Mai 2009
Ich vermute, wir würden unsere Vorfahren verfluchen.
Auch bei der Beurteilung unserer Lebensweise gibt es massenweise Fehleinschätzungen, die gut gemeint sind (weil sie dem Einzelnen ein gutes Gefühl vermitteln), die aber in Bezug auf den Klimawandel eher von untergeordneter Bedeutung sind. Ein Beispiel ist das schlechte Gewissen beim Benutzen des Autos - um sich dann beim Mittagessen in der Kantine ein Steak zu genehmigen. Tatsächlich ist der ökologische Fußabdruck eines Steaks etwa gleich groß der Fahrt mit dem Auto zur Arbeit. Und eine einzige Urlaubsreise richtet mehr Schaden an als alle Maßnahmen, mit denen man im Laufe des Jahres versucht, ökologisch korrekt zu leben.
Der Artikel hat mir deshalb so gut gefallen, weil er das Problem des Klimawandels und der Generationengerechtigkeit rational und nicht gefühlsmäßig anzugehen versucht hat. Der Prioritarismus bewertet eine leichte Verbesserung der Lebensverhältnisse des Ärmeren stärker als eine gleiche Verbesserung bei einem Reichen. Damit steht er im Gegensatz zum Utilitarismus, der beide Verbesserungen gleich gewichtet. In Bezug auf die zur gleichen Zeit lebenden Menschen führt das dazu, dass ersterer eine Umverteilung von Reichen zu Armen für gerecht und geboten hält. Dem werden sicher viele ökologisch und sozial Bewegte zustimmen, viele Konservative und Liberale nicht. Im Vergleich zu den Menschen der Zukunft sind aber wir die Ärmeren und deshalb müssten nach den Maßstäben der Prioritaristen (also der ökologisch-sozial Denkenden) die Interessen der heute lebenden Menschen Vorrang haben.
Und genau das ist der ethische Konflikt: Wenn wir Mittel umverteilen in Richtung der Sicherung der Zukunft, dann hat das nur messbare Auswirkungen, wenn wir die Mittel für heute Bedürftige (Stichwort Entwicklungshilfe) kürzen. Ob der Einzelne bei uns mit dem Auto oder mit dem Fahrrad auf Arbeit fährt und statt einer Glühlampe eine Leuchtstoffröhre verwendet, ist gut für's persönliche Gewissen, aber für die ökologische Gesamtbilanz der Menschen eher marginal. Wir kommen nicht umhin anzuerkennen, dass Afrikaner, Inder und Chinesen dieselben Ansprüche an den Lebensstandard stellen dürfen wie wir. Wir paar hundert Millionen Europäer und Nordamerikaner können gar nicht so viel einsparen, wie fast 3 Milliarden Inder und Chinesen zusätzlich verbrauchen werden. Und ethisch gesehen haben wir keinen plausiblen Grund, sie davon abzuhalten.