Dirk Müller: C(r)ashkurs

Ein Kollege war recht angetan von dem Buch, ich zeigte mich nur mäßig begeistert von seinen Zitaten, deshalb brachte er mir das Werk mit. Der Autor ist "Mister Dax", in der Frankfurter Börse soll sein Arbeitsplatz so liegen, dass sein Gesicht häufig zusammen mit der Anzeigetafel gezeigt werden kann und so sein Gesichtsausdruck die Stimmung der Börsianer widerspiegeln soll - ob das stimmt, keine Ahnung. Geschrieben wurde das Buch 2008, ein kurzes Kapitel am Ende wurde im November 2008 ergänzt, als die Finanzkrise voll ausgebrochen war.

Viele der Geschichten (und der Verschwörungstheorien) im Buch kannte ich schon, einige Zusammenhänge sind auch offensichtlich, wenn man sich mit bestimmten Ereignissen beschäftigt.
Im sogenannten Bretton-Woods-Abkommen legten die USA fest, dass eine Unze Gold exakt 35 US-Dollar wären. Alle anderen Länder mussten ihre Währungen entsprechend anpassen. So waren also auch die Währungen der anderen Länder quasi goldgedeckt, da sie in einem festen Wechselkurs in US-Dollar getauscht werden konnten und diese wiederum gegen Gold.
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Im Laufe der Zeit brauchte die Supermacht durch ihre weltweiten Aktivitäten aber immer mehr und mehr Geld, beispielsweise für den Vietnamkrieg. ... Als dann Frankreich 1969 seine gesamten Dollarnoten in Amerika einreichte und das Gold dafür ausgeliefert haben wollte, konnte Amerika dieses Gold nicht liefern. Die USA waren de facto zahlungsunfähig. Als Folge kündigte Präsident Nixon das Versprechen, Gold für vorgelegte Dollarnoten auszuliefern, einfach auf. Von diesem Tag an konnten die "Banknoten" gegen nichts mehr eingetauscht werden. Aus der Banknote als Versprechen auf die Aushändigung echten Geldes in Gold oder Silber [so waren die "Banknoten" ja mal entstanden] war ein Zettel mit dem Versprechen auf absolut nichts geworden.
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Das Einzige, was ihrem Besitzer bleibt - das Vertrauen darauf, dass irgendein anderer diesen Geldschein von mir gegen eine Dienstleistung oder eine Ware tauscht oder annimmt. Dies gilt in der logischen Konsequenz für alle gängigen Papierwährungen der heutigen Zeit. Sie können ihre Funktion nur aufrecht erhalten, solange die Masse der Menschen und die Wirtschaft daran glauben, dass ein anderer diese wertlosen Papierfetzen als Zahlungsmittel akzeptiert.
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Dass dieses Gottvertrauen der Märkte in den US-Dollar überhaupt bis heute Bestand hat, hat seinen Ursprung in einem genialen Coup. So gibt es mehrere Analysen, die besagen, dass die USA in den Jahren 1972/1973, also nach Aufgabe des Goldstandards und dem Zusammenbruch des Währungsabkommens von Bretton Woods, in geheimen Verhandlungen mit dem saudiarabischen Königshaus folgende Vereinbarung getroffen haben: "Ihr Saudis liefert Öl weltweit nur noch gegen Zahlung von US-Dollars. Dafür garantieren wir, die USA, dem saudischen Königshaus militärischen Schutz gegen eure äußeren Feinde und sichern euren Machtanspruch innerhalb des Landes gegen die aufmüpfige Bevölkerung."
Das ist eine der Verschwörungstheorien, die Dirk Müller allerdings auch korrekt als solche benennt. Aber auch ohne einen expliziten Vertrag verhielte es sich in Wirklichkeit genau so. Weil der US-Dollar eine solche Bedeutung besitzt, u.a für den Ölhandel, können es sich die USA leisten, ihre monetären Probleme mit der Druckerpresse zu lösen. Und weil sie das können, bleiben sie ökonomisch stark. Und weil sie ökonomisch stark sind, besitzt der Dollar eine solche große Bedeutung.

Müller findet ein ziemlich instruktives Beispiel dafür, was passiert, wenn der Geldhandel keinen echten Bezug mehr zum Warenhandel hat, wie es zu Zeiten des Goldstandards gewesen ist:
Sie gehen zur Pfefferminzia-Bank und zahlen 10.000 Euro in Scheinen auf ein Girokonto ein. Dann verleiht die Pfefferminzia-Bank diese 10.000 Euro an einen anderen Kunden, nennen wir ihn Hugo, und stellt ihm diese 10.000 Euro auf sein Konto. Jetzt haben Sie 10.000 Euro auf dem Konto, und Hugo verfügt ebenfalls über 10.000 Euro. Also können sie jetzt gemeinsam 20.000 Euro ausgeben.
Natürlich hat diese Sache einen Haken, wenn tatsächlich beide das Geld abheben wollen, ist die Bank pleite. Diese unbegrenzte Möglichkeit, Geld zu erschaffen, wird nur durch die geforderte Eigenkapitalquote der Banken begrenzt. - Aber in den USA beträgt sie (betrug sie bis zum Crash?) null Prozent.

Die Banken befinden sich durch das Zinseszinssystem in einer Zwickmühle. Einerseits wollen sie bei einer Kreditvergabe Sicherheiten haben, um nicht - wie oben geschildert - selbst Pleite zu gehen, andererseits müssen sie Zinsen erwirtschaften. Sicherheiten können nur tatsächlich vorhandene Dinge geben. In den USA wurde dieses Problem durch den scheinbaren Wertzuwachs bei Immobilien gelöst. Eine hohe Nachfrage bei Häusern ergab steigende Hauspreise, der steigende Wert der Häuser diente wiederum als Sicherheit für die Kredite zum Kauf von Häusern. Ein solches Schneeballsystem bricht genau dann zusammen, wenn die Immobilienpreise zu fallen beginnen. (Meines Wissens ist die Wirtschaftskrise in Japan in den 90er Jahren auf denselben Mechanismus zurückzuführen gewesen.)

Für mich waren zwei neue interessante Informationen, dass erstens die amerikanische Fed (Federal Reserve System) eine von einigen der größten US-Banken gegründete und private Organisation ist. Zweitens sind die drei größten in den USA zugelassenen Ratingagenturen Moody's, Standard & Poor's und Fitch private Firmen. Die erste Information ist interessant, weil die Fed in den USA sehr zügig die staatlichen Hilfen für notleidende Banken genehmigt hat (also gewissermaßen die Banken sich selbst Staatsgelder zugeschoben haben). Die zweite Information ist interessant, weil diese Ratingagenturen u.a. auch das Rating für Staaten festlegen und damit die Höhe der Zinsen, die diese zu zahlen haben, wenn sie auf dem internationalen Kapitalmarkt Kredite aufnehmen wollen. Dirk Müller weist an einer Stelle darauf hin, dass die Kreditwürdigkeit der Bundesrepublik als AAA-Schuldner nur ein einziges Mal auf der Kippe stand, zeitlich zusammentreffend mit der bevorstehenden Entscheidung des Bundestages über den Einsatz deutscher Tornados im Afghanistankrieg.

Für einen Banker ist die folgende Aussage sehr ungewöhnlich:
Unser Wirtschaftssystem aber wird kollabieren. So wie alle Systeme, die auf Zins und Zinseszins beruhen, in den vergangenen Jahrtausenden kollabieren mussten. Das ist mathematisch auch gar nicht anders möglich.
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Und das ist die einzige Hoffnung, die ich uns machen kann: dass es nicht jetzt passiert, sondern erst in einigen Jahren.
Müllers Hauptargumentation ist die folgende: Die Bürger der USA haben die Weltkonjunktur am Laufen gehalten, in dem sie sich immer weiter verschuldet und damit konsumiert haben (siehe Immobilienkrise). Der jetzige Versuch der Rettung der Weltwirtschaft besteht darin, dass die Staaten selbst große Geldmengen "in den Markt" pumpen. Technisch gesehen ist das aber die Fortsetzung genau der Politik, die zur Krise geführt hat. Da die Menschen privat keine Schulden mehr bei Privatbanken mehr machen können um zu konsumieren, macht der Staat Schulden. Da aber diese Schulden über Steuern später zurückgezahlt werden müssen, sind es de facto ebenfalls private Schulden, jetzt aber nicht mehr freiwillig durch die Konsumenten, sondern zwangsweise durch den Staat, um das bestehende Wirtschaftssystem eine Weile länger am Laufen zu halten. Wie schon geschrieben, für einen Banker ist der Entwurf eines solchen Szenario sehr ungewöhnlich.

Ist es aber der Zinseszins (des Geldes), der für die heutigen Probleme verantwortlich ist? Ich glaube das nicht, er ist nicht Ursache, sondern Conditio sine qua non unseres Wirtschaftssystems. Wenn Dirk Müller also den Zins als Problemursache sieht, dann glaubt er damit automatisch, dass der Kapitalismus als Wirtschaftssystem entweder nicht zukunftsfähig ist oder dass er zyklische Zusammenbrüche für seine Funktionsweise benötigt. Was Lösungsmöglichkeiten betrifft, wird Dirk Müller sehr wage, man findet nur einen kurzen Hinweis auf die Freigeldtheorie von Silvio Gesell, stattdessen aber ausführliche Anlagetipps für Krisenzeiten.

Wenn man also eine Zusammenfassung aller Fakten lesen möchte, die zur heutigen Weltwirtschaftskrise geführt haben (einschließlich der zugehörigen Verschwörungstheorien), dann ist das Buch gut geeignet, konzeptionell findet man aber nichts Neues.

Kategorien: Politik, Bücher
steppenhund - 24. Mai, 15:46

Was Du in der Zusammenfassung schreibst und zitierst, ist mir nicht neu. Die Erklärungen und die Schlussfolgerungen erscheinen mir vollkommen logisch.
So logisch, dass ich mittlerweile alle für vertrottelt halte, die die Zusammenhänge nicht sehen können. Allerdings ist der letzte Satz von auch nicht zielführend;)

Köppnick - 24. Mai, 15:52

Ich schreibe in den nächsten Tagen noch einen zweiten Artikel, darum habe ich den obigen Beitrag ziemlich abrupt beendet. Er lag halbfertig schon eine knappe Woche auf meiner Festplatte und inzwischen ich habe schon die nächsten zwei Bücher gelesen.
Metepsilonema - 27. Mai, 22:39

Aber solange Geld tatsächlich Werte repräsentiert, sollte es eigentlich keine Probleme geben. Werden Zinsen bezahlt, muss ihnen ein Mehrwert entsprechen (oder die Geldmenge anderswo abgezogen werden). Für den Goldstandard bedeutet das, dass es eine Geldmengenvergrößerung nur geben kann, wenn entsprechend mehr Gold eingelagert wird. Natürlich spielt auch hier Vertrauen eine Rolle: Zweifel an der Deckung der ausgegebenen Geldmenge würden die Wirtschaft ebenfalls ins Trudeln bringen. Es ist wohl tatsächlich so: Der Kapitalismus ist ohne Krise nicht zu haben. Andererseits beinhaltet das die prinzipielle Möglichkeit von Änderung und Entwicklung (und damit Dynamik), denn die Krise ist nichts anderes, nur mit negativem Vorzeichen.

aurora (Gast) - 30. Mai, 06:28

Trotz Prophet Marx

hat sich de Kapitalismus als krisenfester als die Tauschwirtschaft erwiesen. Nach formel (=logik?)-feindlichen Marx wären wir alle schon jämmerlich verelendet.

Ohne protestantisches Finanzsystem hätte Malthus recht gehabt. Nie hätten sonst 6-9 Mia. Menschen eine Lebenschance

Der Lohn des wahren Glauben zeigt sich schon im Irdischen. Gottseidank.
Alioli (Gast) - 30. Mai, 06:10

Darum gibt es ein Zinsverbot

im Islam, und dieser wird gestärkt aus der Krise hervorgehen. Allāh abhā.

Saudi haben sich verpflichtet, den Ölpreis über die Produktion zu regeln. Schliesslich ist das ihr einziges Einkommen. Insch'allāh.


Ob es einen Unterschied macht, ob der Staat oder Private Schulden machen, wird seit Ricardo diskutiert.

Die beste Ratingagentur ist immer noch der Markt. Siehe Österreich mit 2/3 Bank-Schulden in Osteuropa.
BankseiDank

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Kommentare hier ...

lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
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Count Lecrin - 30. November, 19:53
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Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02
Mit dem Schreibfehler...
Mit dem Schreibfehler hast Du vollkommen recht. Vor...
steppenhund - 28. November, 14:56
Ich nehme an, dass in...
Ich nehme an, dass in deinen beiden Listen die ersten...
Köppnick - 23. November, 10:57