Klaus-Dieter Sedlacek: Unsterbliches Bewusstsein

Ich war etwas irritiert, als ich dieses Buch auf meinem Bücherstapel entdeckte, hatte ich etwa irrtümlich ein Esoterikbuch gekauft? Normalerweise tue ich das nicht, ich musste also irgendwo und irgendwann eine positive Rezension gelesen haben, an die ich mich jetzt nicht mehr erinnern kann. Die Homepage des Autors verrät sein Interesse an naturwissenschaftlichen Themen und bei Amazon findet man eine Reihe von Science-Fiction-Büchern, die er geschrieben hat.

Im Buch lädt Professor Allman eine ganze Reihe Wissenschaftler, darunter Physiker, Philosophen und Theologen, ein, mit ihm über eine neue Theorie zu diskutieren. Auf der Rückseite des Buchs steht darüber:
Fünfunddreißig hochkarätige Wissenschaftler haben eine Vision. Sie treffen sich in der Abgeschiedenheit und wollen etwas über die Unsterblichkeit des Bewusstseins und den Sinn des Lebens erfahren. Am Ende steht das sensationelle Ergebnis: Es gibt ein Jenseits.
...
Dieses Sachbuch beschreibt konkret und glaubwürdig die Dinge jenseits der Erfahrungswissenschaft und der physischen Welt. Schulkenntnisse reichen aus, um es zu verstehen.
Was den letzten Satz betrifft, stimmt das. Allerdings (dazu später mehr) drängt sich dann die Frage auf, warum die besten Naturwissenschaftler der Welt nicht zu denselben Schlussfolgerungen wie Allman- Sedlacek gekommen sind? Am Beginn des Buchs behauptet Professor Allman, dass Metaphysik eine große Bedeutung für die Physik hat, die anderen Konferenzteilnehmer stimmen ihm entweder gleich zu oder können von ihm überzeugt werden. Ist das wirklich so? Ich denke nicht.

sedlacek

Die Abbildung zeigt, wie sich Allman-Sedlacek das Verhältnis zwischen Physik und Metaphysik vorstellt. Die Physik untersucht durch Beobachtungen und Messungen das Raum-Zeit-Universum. Dieses ist eingebettet in einen größeren Bezugsrahmen, den Allman-Sedlacek "Vakuum" nennt. Auf diesen Begriff kommt er, weil in der Quantenphysik der Begriff des Vakuums eine große Rolle spielt. Das Vakuum ist nämlich nicht leer, ständig tauchen virtuelle Teilchen auf und verschwinden wieder, wie zum Beispiel mit dem Casimir-Effekt gezeigt werden kann. Metaphysisch kann man also die indeterministischen Quanteneffekte in der Physik als einen deterministischen Einfluss des Vakuums auf das Raum-Zeit-Universum betrachten.

Bei der obenstehenden Abbildung und auch wegen der Überschrift "Kontinuum" musste ich sofort an Christopher Langans CTMU denken. Auch dieser stellt die Physik (d.h. alle Naturwissenschaften) in einen größeren Rahmen, den er "Realität" nennt. Dahinter steckt der plausible Gedanke, dass die Physik nur ein Modell der Realität ist, nicht die Realität selbst. Das vergessen viele Physiker bei ihrer Arbeit, aber deshalb ist nicht Metaphysik für die Physik wichtig, es reicht das Bewusstsein der Physiker, dass ihre Modelle nur eine begrenzte Aussagekraft für die Wirklichkeit haben.

sedlacek2

In dieser Abbildung ist das Modell um einige weitere Details erweitert worden, die sich nach Allman-Sedlacek aus Erkenntnissen der Quantenphysik ergeben. Nach der Relativitätstheorie kann ein Informationsaustausch innerhalb des Universums maximal mit Lichtgeschwindigkeit stattfinden. Bestimmte Messergebnisse der Quantenphysik stehen dazu scheinbar im Widerspruch. Hat man zwei verschränkte Teilchen (in der Abbildung sind das die Teilchenpaare A-B bzw. U-V) und führt eine Messung an einem der Teilchen eines Paares durch, dann stellt sich instantan (d.h. ohne jede Zeitverzögerung) der dazu passende Zustand am zweiten Teilchen dieses Paares ein. Der Effekt als solcher ist experimentell gut abgesichert. Man kann zeigen, dass die gemessene Eigenschaft tatsächlich erst zum Zeitpunkt der Messung festgelegt wird (siehe in Silvia Arroyo Camejos Buch Skurrile Quantenwelt den Abschnitt über das EPR-Paradoxon).

Die Erklärung innerhalb der Quantenphysik ist, dass das verschränkte Teilchenpaar *ein* Teilchen ist, dass sich gleichzeitig an *zwei* verschiedenen Orten aufhält. Die Regeln der klassischen Physik (Relativitätstheorie) wiederum werden nicht verletzt, denn es gibt keinen Ort außerhalb des Teilchenpaares, der die Information über das gemeinsame Ereignis mit Überlichtgeschwindigkeit erhält. (Alle Berichte über eine Informationsübertragung mit Überlichtgeschwindigkeit enthalten übrigens diesen Denkfehler.)

In einem der ersten Abschnitte des Buchs hat Allman-Sedlacek die Anforderungen an eine wissenschaftliche Theorie formuliert:
Sieben Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit es sich um eine wissenschaftliche Theorie handelt. Es muss ...
  1. eine Wirklichkeit logisch widerspruchsfrei beschrieben werden, einschließlich den Voraussetzungen dieser Wirklichkeit
  2. diese Wirklichkeit logisch erklärt werden und ggf. müssen weitere Schlussfolgerungen abgeleitet werden (=Hypothesen)
  3. eine unnötig komplizierte Erklärung vermieden werden, wenn es auch einfacher geht (Ockhams Rasiermesser!)
  4. Die Hypothesen müssen prinzipiell falsifizierbar sein (=Überprüfung auf Falschheit)
  5. empirisch entschieden werden, ob die Wirklichkeit zu den Hypothesen passt (falsifizieren oder verifizieren)
  6. Es müssen Ableitungen solcher Vorhersagen gemacht werden, die praktische Bedeutung haben
  7. Es muss empirisch entschieden werden können, ob die Vorhersagen richtig sind (falsifizieren oder verifizieren)
Nicht alle wissenschaftlichen Theorien erfüllen jeweils alle Bedingungen. Die Quantentheorie zum Beispiel erfüllt das erste Kriterium nicht, obwohl sie äußerst genaue Vorhersagen zu Messergebnissen macht. Es fehlt dort die Beschreibung der Voraussetzungen. Die Allman-Sedlacek-Theorie soll diese Lücke füllen. Weil sich die Quanteneffekte im Raum-Zeit-Universum instantan verbreiten, wird eine Verbindung mit dem Vakuum angenommen, das "metrikfrei" ist, d.h. dort spielen Abstände in Raum und Zeit keine Rolle. Die Eigenschaften des Vakuums sind die Ursache für die indeterminierten Quanteneffekte.

Im Buch wird für die verschiedenen Kriterien gezeigt, inwiefern die "Vakuumtheorie" sie erfüllt bzw. wie man sie verifizieren oder falsifizieren kann. Gegen diesen Teil habe ich keine Einwände. Es ist logisch nichts dagegen zu sagen, dass es eine Theorie über Teile der Wirklichkeit gibt, die von den derzeit vorhandenen physikalischen Theorien nicht erfasst werden (unter anderem die "Metrikfreiheit" von Phänomenen). Es ist auch logisch nichts dagegen einzuwenden, dass es Teile der Wirklichkeit gibt, die niemals von naturwissenschaftlichen Theorien erfasst werden können (denselben Gedanken findet man bei Langan).

Echt metaphysisch wird die Argumentation von Allman-Sedlacek, wenn er dem Vakuum Bewusstseinseigenschaften zuweist und daraus seine Schlussfolgerungen zieht. Seine Kernpunkte sind dabei (stark verkürzt): Das Vakuum ist ein Informationsspeicher, weil die sich bei einer Messung für einen Zustand entscheidenden Quanten die dafür notwendige Information von dort erhalten. Aus der Sicht des Raum-Zeit-Universums ist die Entscheidung eines Quants für einen Zustand unvorhersehbar. Da Merkmale eines Bewusstseins sind, dass es a) einen Informationsspeicher besitzt und b) einen freien Willen, der sich durch von außen nicht vorhersehbare Entscheidungen auszeichnet, muss das Vakuum Bewusstsein besitzen. Da auch in unserem Bewusstsein Quanten eine große Rolle spielen und deren Zustände durch die Informationen aus dem Vakuum bestimmt werden, ist c) unser Bewusstsein eine Art Upload aus dem Vakuum, d) existiert ein Jenseits und e) ist Bewusstsein unsterblich - "Unsterbliches Bewusstsein" ist ja der Titel des Buches.

Man muss zur Falsifikation einer wissenschaftlichen Theorie nicht jeden einzelnen Teil widerlegen. Wenn die einzelnen Teile aufeinander aufbauen, genügt es einen einzigen Teil zu widerlegen, um die ganze Argumentation zu entkräften. In diesem Fall genügt eine Betrachtung des "freien Willens" der Quanten: Bei einem Quanteneffekt ist der nach der Messung sich einstellende Zustand rein zufällig und unterliegt einer statistischen Verteilung. Welcher Mensch empfindet eine Handlung als von seinem freien Willen getroffen, wenn er sie zufällig getroffen hat, z.B. durch das Werfen einer Münze? Dann ist die freie Entscheidung nämlich nicht das Befolgen der Entscheidung der Münze, sondern die zuvor getroffene Entscheidung, eine Münze zu werfen. In Übertragung auf die Quanten: Den freien Willen findet man also nicht in der Festlegung der Eigenschaft eines Quants, sondern im Experimentator, der dieses Quant einer Beobachtung unterzieht. Der freie Wille ist keine physikalische Eigenschaft, sondern eine Zuschreibung aus Psychologie und Philosophie.

Sowieso scheint die Diskussion um Willensfreiheit eine Scheindiskussion zu sein, hervorgerufen durch fehlerhaften Gebrauch von Begriffen. Die Fragen "Kann man etwas wollen, was man nicht will?" und "Kann man etwas nicht wollen, was man will?" offenbaren das Problem. Die Schwierigkeiten verschwinden, wenn man die Frage nach der Willensfreiheit durch die Frage nach der Handlungsfreiheit ersetzt: "Kann man tun, was man will?" und "Kann man (sollte man, muss man) tun, was man nicht will?"

Von einem psychologischen Standpunkt aus betrachtet, scheint sich Sedlacek selbst seiner Theorie nicht sicher zu sein. Sonst hätte er nicht eine Art Science-Fiction-Roman geschrieben mit einem Professor Allman als Hauptperson, sondern ein Buch, in dem er als Autor seine eigene Theorie vorstellt. Aus dem Beititel "Raumzeit-Phänomene, Beweise und Visionen" wird man auch nicht recht schlau, welchen Standpunkt er selbst einnimt. Auch dieses Rundfunkinterview ist nicht eindeutig. Auffällig hier nur die Vermengung von Psychologie und Physik. Welche fatale Wirkung aber diese Unklarheiten haben, zeigt die Amazon-Kurzbeschreibung zu seinem Buch:
In diesem Buch geht es weder um Glauben noch um Esoterik, sondern um Beweise. Glaubwürdige, wissenschaftliche Beweise, die in eine Form gepackt sind, dass sie für jeden Interessierten verständlich, bzw. nachvollziehbar sind. Als Form der Darstellung dient eine Rahmenhandlung, in welcher der fiktive Professor Allman eine Lehrgangsveranstaltung für seine Kollegen abhält. Nach und nach entwickelt Professor Allman eine belastungsfähige wissenschaftliche Theorie. Es ist ungewöhnlich, wenn eine wissenschaftliche Arbeit aufgebaut ist wie ein Sachbuch und eine Rahmenhandlung benützt. Aber diese Arbeit hat auch einen ungewöhnlichen, uns alle betreffenden Inhalt. Der soll und darf nicht in den Büchereien der Fachwelt verstauben, sondern drängt nach dem Zugang zu einer breiten Öffentlichkeit.

Wohl zum ersten Mal gelingt der Beweis, dass Bewusstsein außerhalb des Gehirns existiert.

Das hat kaum absehbare Folgen für unser Weltbild. Einige dieser Folgen werden dargestellt. Die Rahmenhandlung und die Namen der Lehrgangsteilnehmer sind fiktiv, aber der zur Diskussion gestellte Inhalt ist real. Die vorgestellten unerklärlichen Phänomene, die einer Erklärung zugeführt werden, sind der Fachwelt meist schon seit Jahrzehnten bekannt. Weil die Phänomene sich aber bisher jedweder tieferen Erklärung widersetzten, gelang es den Wissenschaftlern nicht, sie einem breiteren Publikum verständlich zu präsentieren. Die Wissenschaft nahm sie als unerklärlich hin, ging mit ihnen um und gewöhnte sich an sie, bis sie ganz gewöhnlich und selbstverständlich schienen. Der größere hinter den Phänomenen liegende Zusammenhang blieb verborgen.

Das Buch deckt nun den Zusammenhang auf. Es gibt naturwissenschaftliche Antworten auf die Grundfragen unseres Seins. Neben der physikalischen Theorie vom Jenseits einschließlich den Beweisen wird das wahre Gesicht der Wirklichkeit beschrieben. Es gipfelt in der glaubwürdigen Aussage, dass Bewusstsein unsterblich ist und unser physisches Ende überdauert.
Auch die Kundenrezensionen bei Amazon sprechen Bände, wie das Buch von den Lesern verstanden wird, nämlich als bare Münze.

Kategorien: Physik, Visionen, Bücher
ostfriese - 12. Mai, 12:56

Ich bewundere ja, mit welcher Gründlichkeit Du Dich durch ein solches Werk arbeitest, das ich schon nach einem flüchtigen Blick auf den Titel verworfen hätte.

Deine Argumentation zum vermeintlichen Bewusstseinsakt hinter den Quantenereignissen werde ich mir jedenfalls merken für die nächste Diskussion mit Leuten, die ihren Freien Willen im Zufall verorten möchten.

Wissenschaftstheoretisch ist der Autor leider nicht auf der Höhe. Man entkommt dem Münchhausen-Trilemma ja nicht durch den Sprung von der Physik zur Metaphysik. Bereits Sedlaceks Falsifizierbarkeits-Forderung (4.) an eine Theorie widerspricht dieser Einsicht.

"Beweise" für die Wahrheit synthetischer Urteile werden wir aus prinzipiellen Gründen niemals haben, und wer bereits im Buchtitel damit antritt, an den verschwende ich ungern meine Zeit.

Köppnick - 12. Mai, 19:35

So schwer ist mir das Lesen gar nicht gefallen, zumal das Buch ja mit ein paar interessanten Parallelen zu Langans CTMU begonnen hat. Für den umfasst die Realität auch mehr, als die Naturwissenschaften (prinzipiell) erforschen können und er stellt auch die Frage, wie denn quantisierte Vorgänge erfasst werden können, wenn sie nicht vor dem Hintergrund eines Kontinuums ablaufen. Und mit der Idee eines bewussten Universums bezieht sich Langan auf Wheeler. Außerdem ist das Buch nicht allzu dick und wer sich einigermaßen in den grundlegenden Experimenten auskennt (z.B. Doppelspalt, Bellsche Ungleichung), der kann im Buch die Physik überspringen und sich auf die Gespräche der Konferenzteilnehmer konzentrieren. Da reicht dann ein Abend locker für die ca. 130 Seiten.

Als Emergentist würde ich die Argumentation zum freien Willen lieber auf die zwischenliegende (determinierte) Schicht des neuronalen Netzwerks fokussieren. Bei dem Quantenargument musst du mit dem Gegenargument rechnen, dass auch unser Gehirn praktisch aus Quanten aufgebaut ist, die wiederum zufällig "schalten" könnten. Die entscheidenden Argumente in der ganzen Willensdiskussion kommen sowieso aus der Philosophie. Nachträglich muten mir die Einlassungen der Neurowissenschaftler (und der Physiker) ziemlich primitiv an, emergentistisch ist es ein Kategorienfehler. Freier Willen kann weder mit Zufall noch mit Determinismus vernünftig erklärt werden. Aber die trockene Feststellung, dass es wohl eher ein begriffliches Problem ist, löst es mMn. Handlungs- und nicht Willensfreiheit ist das Wesentliche. Genau das kann bei anderen Menschen beobachtet werden - wie ein großer Teil der Handlungen eines Menschen aus der Kenntnis seines Charakters und seiner Erfahrungen vorhergesagt werden können, aber eben nicht alle, weil man nicht alle Einflüsse kennen kann, die ihn geprägt haben. Und wie derjenige mit allen seinen Erfahrungen vor dem Vollzug einer Handlung die verschiedenen Alternativen im Geist durchspielt.

Ich glaube nicht, dass eine reine und schematische Falsifikation, wie sie Popper vorschwebte, immer funktioniert. In der aktuellen Ausgabe (5/09) von Spektrum der Wissenschaft findet man den Artikel "Ist die Stringtheorie noch eine Wissenschaft?". Bei den verschiedenen Stringtheorien passiert genau das, dass aus Beobachtungen und Messungen mathematische Modelle abgeleitet werden, die in ihrer Interpretation ins Unbeobachtbare hinein reichen. Die Grenze zwischen Physik und Metaphysik ist eh nicht scharf, weil Vorhersagen einer Theorie ja per Definition im noch nicht Beobachteten liegen. Und Bedarf an Metaphysik ist sowieso da, auch bei Nichtreligiösen. Ich halte es mit Langan, der mMn zu Recht angemerkt hat, dass es Dinge gibt, die aufgrund ihres Charakters real sind (=Bestandteile der Realität), sich aber der Untersuchung durch die Naturwissenschaften entziehen.
Manfred Sommerfeld - 26. Mai, 15:48

Eine Erklärung die mehr Fragen aufwirft als sie erklärt, ist nicht wissenschaftlich (Ockhams Rasiermesser!)

Ich bin zufällig auf diese Seite gestossen. Dabei ist mir aufgefallen, wie die Quantenphysik das Phänomen der Quantenverschränkung erklärt. Zitat:

Die Erklärung innerhalb der Quantenphysik ist, dass das verschränkte Teilchenpaar *ein* Teilchen ist, dass sich gleichzeitig an *zwei* verschiedenen Orten aufhält

Meine Fragen: Wie kann sich ein Teilchen gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten aufhalten? Wie kann das, was sich an zwei verschiedenen Orten aufhält *ein* Teilchen sein, wenn keine Verbindung innerhalb der Raumzeit existiert? ...

Die Quantenphysik erklärt hier etwas Unerklärliches mit einer Erklärung die mehr Fragen aufwirft als sie erklärt. Das ist nicht Wissenschaft, sondern das bewegt sich auf einem Erklärungsniveau wie: "Zeus ist der Schöpfer der Welt und er hat alle diese Dinge so geschaffen wie sie sind". Ich würde diese Erklärung mit Ockhams Rasiermesser wegschneiden!

Zum Thema "freier Wille" hätte ich auch noch etwas anzumerken. Für mich ist "freier Wille" ein Phänomen, das zu einer nicht determinierten Entscheidung führt. Ich weiß, dass über den freien Willen schon Bücher geschrieben wurden, die ganze Bibliotheken füllen. Aber ich bin der Meinung: Keinesfalls kann freier Wille als etwas definiert werden, was determiniert ist. "Nicht Determiniertes" gibt es nur in den Beschreibungen der Quantenphysik, nicht aber in denen der klassischen Physik. Wenn man sich also auf die obige Definition des "freien Willens" einläßt, kommt man nicht umhin, die Quantenphysik einzubeziehen.

Zitat:
Dann ist die freie Entscheidung nämlich nicht das Befolgen der Entscheidung der Münze, sondern die zuvor getroffene Entscheidung, eine Münze zu werfen. In Übertragung auf die Quanten: Den freien Willen findet man also nicht in der Festlegung der Eigenschaft eines Quants, sondern im Experimentator, der dieses Quant einer Beobachtung unterzieht.

Der Wurf einer Münze ist etwas, was sich durch die klassische Physik ausreichend genau beschreiben läßt. In der klassischen Physik gibt es aber keinen 'reinen Zufall' sondern nur Zufall aus Unkenntnis der Anfangsbedingungen. Wären die Wurfhöhe, Geschwindigkeit, Richtung usw. genau bekannt, ließe sich der Fall der Münze genau berechnen. Von Zufall keine Spur, sondern alles ist determiniert durch den Experimentator.
Ganz anders sehen die Verhältnisse bei einer quantenphysikalischen Beschreibung der Experimente mit Quanten aus. Hier hat der Experimentator keinerlei Möglichkeit, den realen Zustand von Quanten zu determinieren. Er kann beispielsweise nicht determinieren, ob ein Quant durch den linken oder den rechten Spalt bei einem Doppelspaltexperiment geht. Er kann nicht determinieren welchen Weg ein Photon am Strahlteiler nimmt oder welche Polarisation es annimmt bei einer Polarisationsmessung. Deswegen kann man auch nicht den freien Willen im Experimentator finden, der Quanten einer Beobachtung unterzieht.

Köppnick - 26. Mai, 20:25

Wie kann sich ein Teilchen gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten aufhalten? Wie kann das, was sich an zwei verschiedenen Orten aufhält *ein* Teilchen sein, wenn keine Verbindung innerhalb der Raumzeit existiert?
"Teilchen" sind keine Dinge, die in der Wirklichkeit existieren, sondern es sind Modellvorstellungen, die wir aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen gebildet haben. Ein Ball hat eine Masse und kann z.B. rot sein und rund, und wenn er mit dem Fuß getreten wird, dann bewegen sich Masse, Farbe und Form gemeinsam "durch die Raumzeit". Wenn sich jetzt ein "Teilchen" in der Quantenphysik gleichzeitig an mehreren Orten aufhalten kann, dann zeigt uns das, dass wir unsere Modellvorstellungen in Bezug auf die Mikrowelt überarbeiten müssen. "Raumzeit" ist ein Terminus der Relativitätstheorie (= der klassischen Physik) und bestimmte Messergebnisse der Quantenphysik passen damit halt nicht zusammen. Nicht das Teilchen verhält sich anormal, sondern das Teilchen ist keins.
Ich würde diese Erklärung mit Ockhams Rasiermesser wegschneiden!
Das Rasiermesser ist sehr zweischneidig (schönes Wortspiel). Viele glauben, man müsste sich für die einfachere Erklärung entscheiden, weil die Wirklichkeit immer die einfachere Lösung bevorzugt. Das können wir aber gar nicht wissen. Wir wählen die einfachere Theorie, weil sie sich leichter falsifizieren und bei Bedarf erweitern lässt. Die Wirklichkeit ist beliebig (und wahrscheinlich unendlich) komplexer als die komplizierteste unserer Theorien.
Für mich ist "freier Wille" ein Phänomen, das zu einer nicht determinierten Entscheidung führt. Ich weiß, dass über den freien Willen schon Bücher geschrieben wurden, die ganze Bibliotheken füllen. Aber ich bin der Meinung: Keinesfalls kann freier Wille als etwas definiert werden, was determiniert ist.
Meiner Meinung nach gibt es zwei Grundfehler bei allen derartigen Überlegungen zum freien Willen. Der erste ist ein Kategorienfehler. Freier Wille ist ein Begriff, der in der Psychologie und Soziologie seine Bedeutung hat. Seine Begründung aufgrund der klassischen oder Quantenphysik ist nicht möglich. Der zweite Fehler liegt in den Beschränktheiten unserer Sprache verborgen. Kann man etwas wollen, was man nicht will? Kann man nicht wollen, was man will? Dieses Paradoxon ist ein rein sprachliches. Tatsächlich ist es besser, von Handlungsfreiheit anstelle von Willensfreiheit zu sprechen. Wir können bei anderen Menschen (und bei uns selbst) immer nur Handlungen beurteilen und beobachten. Man merkt den Unterschied sehr schön, wenn Gerhard Roth über die Auswirkungen des fehlenden freien Willens auf das Strafrecht schwadroniert. Das ist Unfug! Wir bestrafen nicht jemanden, weil er etwas gewollt, sondern weil er etwas getan hat. Und dass Menschen vor ihren Handlungen Alternativen im Geist durchspielen und gegeneinander abwägen können, ist vollkommen unbezweifelbar.
papalagi (Gast) - 30. Mai, 01:30

Gibt es schon die gesammelten

Werke des Kwaku A.?
Kwant (Gast) - 30. Mai, 01:51

Libertee, Activee, Difusee

Klassische Physik: Anfangsbedingungen sind beliebig genau messbar, Gesetzesformeln erlauben jede Berechnung in Raum und Zeit.

Quant Welt: Ausgangssituation ist diffus, Gesetze beschreiben eine Verteilung der Zustände in Raum und Zeit.
Nur: wenn man messen will, ensteht ein Paradoxon. Drum erst gar nicht versuchen
Köppnick - 30. Mai, 09:08

Gibt es schon die gesammelten Werke des Kwaku A.?
Da hast du doch gerade drin gelesen. Lang lebe TwoDay, denn es gibt (noch) kein Backup.
Nur: wenn man messen will, ensteht ein Paradoxon. Drum erst gar nicht versuchen
Jede Aktivität in der Welt, selbst die Wechselwirkung der Teilchen untereinander, ist eine "Messung" im Sinne der Quantenphysik. Philosophisch-physikalisch gesehen bedeutet jede Wechselwirkung, dass ab diesem Zeitpunkt ein System vorhanden ist, in dem die Partner voneinander wissen und dieses Wissen ihre eigenen Möglichkeiten einschränkt.
Kwant (Gast) - 30. Mai, 09:20

Messen = voneinader Wissen?

Zählt unbewusstes Wissen auch?
Köppnick - 30. Mai, 09:39

Messen = voneinader Wissen? Zählt unbewusstes Wissen auch?
Sicher ist "Wissen" der falsche Begriff, weil er Bewusstsein impliziert. Aber eine Messung bedeutet doch immer eine Wechselwirkung. Entweder wird aktiv ein weiteres Teilchen zu dem zu untersuchenden hingeschickt, das dann das zu messende Teilchen ändert - und mit der Änderung seiner eigenen Eigenschaften die Information über die stattgefundene Wechselwirkung (im einfachsten Fall über die Existenz des zu messenden Teilchens) mitbringt. Ein Beispiel ist die Streuung am Doppelspalt. Das Interferenzmuster besteht aus einer Änderung der Atome des Detektors und enthält die Information über die Geometrie des Doppelspalts (über die Atome, die den Spalt definieren) und über das interferierende Teilchen (seine Energie).

Oder das zu messende Teilchen sendet selbst diese Information aus - und ändert sich dadurch natürlich auch. Hier ist ein gutes Beispiel der radioaktive Zerfall. Durch das Aussenden eines Zerfallsprodukts ändert sich das zerfallende Teilchen. Die Registrierung des Zerfalls erfolgt durch eine Veränderung in der Messapparatur, die dazu ja das ausgesendete Teilchen einfangen muss.

Der tiefere Grund besteht darin, dass Information immer an einen Träger gebunden ist, es gibt keine masse- bzw. energielose Information.
Kwant (Gast) - 30. Mai, 09:50

Dan funktioniert der Quantencomputer nie

Ich dachte das Split-Experiment ist masselos und überlicht schnell.
Köppnick - 30. Mai, 15:17

In der Tat können bei der Verschränkung zweier Teilchen, die sich an zwei verschienden Orten befinden und dort "gemessen" werden, keine Informationen übertragen werden. Man weiß ja bei der Messung an einem der Teilchen vorher nicht, welchen Wert man erhalten wird. Man weiß nur, dass eine Messung an dem zweiten Teilchen (vorher oder hinterher) denselben Wert (oder eben den komplementären, je nach Versuch) erhalten wird.

Ein Anwendungsfall kann die Kryptografie sein. Dazu benötigt man aber noch einen zweiten maximal lichtschnellen Kanal, mit dem das zufällige Ergebnis des verschränkten Pärchens verknüpft wird. Beispiel: Wenn man eine 1 übertragen will und die Messung des verschränkten Teilchens eine 1 ergeben hat, sendet man eine 0. Wenn die Messung 0 ergeben hat, dann eine 1. Ob also eine 1 oder 0 gesendet hat, hängt vom Messergebnis der beiden verschränkten Teilchen ab, und zu denen haben nur der Sender und der Empfänger Zugang und sonst keiner. Das Abhören des lichtschnellen Kanals nützt nichts, weil eine zu übertragene 1 einmal zufällig als 0 und einmal als 1 kodiert wird.

Mit Quantencomputerprinzipien kenne ich mich nicht aus, aber hier spielen überlichtschnelle Vorgänge sicher keine Rolle. Von Bedeutung ist lediglich, dass vor der Messung das Quantensystem jeden beliebigen Zustand einnehmen kann (und das auch tut) und deshalb auch alle Lösungen gleichzeitig darstellt. Aber wie man bei mehreren Lösungen alle auslesen kann, weiß ich nicht, da das Auslesen als Messung ja nur genau einen Zustand bekannt gibt. Aber, wie schon gesagt, darüber weiß ich eigentlich nichts.
Kwant (Gast) - 1. Juni, 12:19

Die Logik der Widersprüche

"Die Regeln der klassischen Physik (Relativitätstheorie) wiederum werden nicht verletzt, denn es gibt keinen Ort außerhalb des Teilchenpaares, der die Information über das gemeinsame Ereignis mit Überlichtgeschwindigkeit erhält. "

In der geschilderten Form halte ich die Quantentheorie in vielen Punkten ungenügend.
Wenn ein Teilchen kein Teilchen im RZU ist, dann ist es ein Teilchen des Paralleluniversums (PU). Das ist Metaphysik, denn mMn ist ein PU nicht nachweisbar.
Wenn ein/zwei Teilchen dasselbe im PU ist, dann ist Verschränkung nur die 2 Seiten einer Münze. Zugegeben, aber das ist Metaphysik.
Gelten die Widersprüchlichkeitskriterien nur für RZU oder auch für ein PU?

Kann nun ein PU seine eigenen Logikkriterien aufstellen? Wahrscheinlich schon, sonst wäre es kein PU. Aber was ist dann die Aussage? Dass man beliebige richtig der falsch gemessene Teilchen mit irgendeiner PU Logik erklären kann?
Jede Generation von Physiker braucht halt eine eigene Metaphysik und erhöht den Unterhaltungwert, wie man an diesem Blog sieht.
Es lebe die PU Vielfalt!
Spock (Gast) - 1. Juni, 13:22

Psycho-Physik für spaceship Earth

Messungen, die den Messgegenstand irreversibel verändern, sollten alsl unethisch verboten werden. Das führt nur zur genetischen Inzucht von Physikern und Physiokraten.

Oder sollte man evolutionary physics und Kosmos-engineering für eine bessere Welt mehr fördern?

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Kommentare hier ...

lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
la-mamma - 30. November, 19:43
Ich möchte Ihnen...
Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02
Mit dem Schreibfehler...
Mit dem Schreibfehler hast Du vollkommen recht. Vor...
steppenhund - 28. November, 14:56
Ich nehme an, dass in...
Ich nehme an, dass in deinen beiden Listen die ersten...
Köppnick - 23. November, 10:57