Klaus-Dieter Sedlacek: Unsterbliches Bewusstsein
Ich war etwas irritiert, als ich dieses Buch auf meinem Bücherstapel entdeckte, hatte ich etwa irrtümlich ein Esoterikbuch gekauft? Normalerweise tue ich das nicht, ich musste also irgendwo und irgendwann eine positive Rezension gelesen haben, an die ich mich jetzt nicht mehr erinnern kann. Die Homepage des Autors verrät sein Interesse an naturwissenschaftlichen Themen und bei Amazon findet man eine Reihe von Science-Fiction-Büchern, die er geschrieben hat.Im Buch lädt Professor Allman eine ganze Reihe Wissenschaftler, darunter Physiker, Philosophen und Theologen, ein, mit ihm über eine neue Theorie zu diskutieren. Auf der Rückseite des Buchs steht darüber:
Fünfunddreißig hochkarätige Wissenschaftler haben eine Vision. Sie treffen sich in der Abgeschiedenheit und wollen etwas über die Unsterblichkeit des Bewusstseins und den Sinn des Lebens erfahren. Am Ende steht das sensationelle Ergebnis: Es gibt ein Jenseits.Was den letzten Satz betrifft, stimmt das. Allerdings (dazu später mehr) drängt sich dann die Frage auf, warum die besten Naturwissenschaftler der Welt nicht zu denselben Schlussfolgerungen wie Allman- Sedlacek gekommen sind? Am Beginn des Buchs behauptet Professor Allman, dass Metaphysik eine große Bedeutung für die Physik hat, die anderen Konferenzteilnehmer stimmen ihm entweder gleich zu oder können von ihm überzeugt werden. Ist das wirklich so? Ich denke nicht.
...
Dieses Sachbuch beschreibt konkret und glaubwürdig die Dinge jenseits der Erfahrungswissenschaft und der physischen Welt. Schulkenntnisse reichen aus, um es zu verstehen.

Die Abbildung zeigt, wie sich Allman-Sedlacek das Verhältnis zwischen Physik und Metaphysik vorstellt. Die Physik untersucht durch Beobachtungen und Messungen das Raum-Zeit-Universum. Dieses ist eingebettet in einen größeren Bezugsrahmen, den Allman-Sedlacek "Vakuum" nennt. Auf diesen Begriff kommt er, weil in der Quantenphysik der Begriff des Vakuums eine große Rolle spielt. Das Vakuum ist nämlich nicht leer, ständig tauchen virtuelle Teilchen auf und verschwinden wieder, wie zum Beispiel mit dem Casimir-Effekt gezeigt werden kann. Metaphysisch kann man also die indeterministischen Quanteneffekte in der Physik als einen deterministischen Einfluss des Vakuums auf das Raum-Zeit-Universum betrachten.
Bei der obenstehenden Abbildung und auch wegen der Überschrift "Kontinuum" musste ich sofort an Christopher Langans CTMU denken. Auch dieser stellt die Physik (d.h. alle Naturwissenschaften) in einen größeren Rahmen, den er "Realität" nennt. Dahinter steckt der plausible Gedanke, dass die Physik nur ein Modell der Realität ist, nicht die Realität selbst. Das vergessen viele Physiker bei ihrer Arbeit, aber deshalb ist nicht Metaphysik für die Physik wichtig, es reicht das Bewusstsein der Physiker, dass ihre Modelle nur eine begrenzte Aussagekraft für die Wirklichkeit haben.

In dieser Abbildung ist das Modell um einige weitere Details erweitert worden, die sich nach Allman-Sedlacek aus Erkenntnissen der Quantenphysik ergeben. Nach der Relativitätstheorie kann ein Informationsaustausch innerhalb des Universums maximal mit Lichtgeschwindigkeit stattfinden. Bestimmte Messergebnisse der Quantenphysik stehen dazu scheinbar im Widerspruch. Hat man zwei verschränkte Teilchen (in der Abbildung sind das die Teilchenpaare A-B bzw. U-V) und führt eine Messung an einem der Teilchen eines Paares durch, dann stellt sich instantan (d.h. ohne jede Zeitverzögerung) der dazu passende Zustand am zweiten Teilchen dieses Paares ein. Der Effekt als solcher ist experimentell gut abgesichert. Man kann zeigen, dass die gemessene Eigenschaft tatsächlich erst zum Zeitpunkt der Messung festgelegt wird (siehe in Silvia Arroyo Camejos Buch Skurrile Quantenwelt den Abschnitt über das EPR-Paradoxon).
Die Erklärung innerhalb der Quantenphysik ist, dass das verschränkte Teilchenpaar *ein* Teilchen ist, dass sich gleichzeitig an *zwei* verschiedenen Orten aufhält. Die Regeln der klassischen Physik (Relativitätstheorie) wiederum werden nicht verletzt, denn es gibt keinen Ort außerhalb des Teilchenpaares, der die Information über das gemeinsame Ereignis mit Überlichtgeschwindigkeit erhält. (Alle Berichte über eine Informationsübertragung mit Überlichtgeschwindigkeit enthalten übrigens diesen Denkfehler.)
In einem der ersten Abschnitte des Buchs hat Allman-Sedlacek die Anforderungen an eine wissenschaftliche Theorie formuliert:
Sieben Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit es sich um eine wissenschaftliche Theorie handelt. Es muss ...Nicht alle wissenschaftlichen Theorien erfüllen jeweils alle Bedingungen. Die Quantentheorie zum Beispiel erfüllt das erste Kriterium nicht, obwohl sie äußerst genaue Vorhersagen zu Messergebnissen macht. Es fehlt dort die Beschreibung der Voraussetzungen. Die Allman-Sedlacek-Theorie soll diese Lücke füllen. Weil sich die Quanteneffekte im Raum-Zeit-Universum instantan verbreiten, wird eine Verbindung mit dem Vakuum angenommen, das "metrikfrei" ist, d.h. dort spielen Abstände in Raum und Zeit keine Rolle. Die Eigenschaften des Vakuums sind die Ursache für die indeterminierten Quanteneffekte.
- eine Wirklichkeit logisch widerspruchsfrei beschrieben werden, einschließlich den Voraussetzungen dieser Wirklichkeit
- diese Wirklichkeit logisch erklärt werden und ggf. müssen weitere Schlussfolgerungen abgeleitet werden (=Hypothesen)
- eine unnötig komplizierte Erklärung vermieden werden, wenn es auch einfacher geht (Ockhams Rasiermesser!)
- Die Hypothesen müssen prinzipiell falsifizierbar sein (=Überprüfung auf Falschheit)
- empirisch entschieden werden, ob die Wirklichkeit zu den Hypothesen passt (falsifizieren oder verifizieren)
- Es müssen Ableitungen solcher Vorhersagen gemacht werden, die praktische Bedeutung haben
- Es muss empirisch entschieden werden können, ob die Vorhersagen richtig sind (falsifizieren oder verifizieren)
Im Buch wird für die verschiedenen Kriterien gezeigt, inwiefern die "Vakuumtheorie" sie erfüllt bzw. wie man sie verifizieren oder falsifizieren kann. Gegen diesen Teil habe ich keine Einwände. Es ist logisch nichts dagegen zu sagen, dass es eine Theorie über Teile der Wirklichkeit gibt, die von den derzeit vorhandenen physikalischen Theorien nicht erfasst werden (unter anderem die "Metrikfreiheit" von Phänomenen). Es ist auch logisch nichts dagegen einzuwenden, dass es Teile der Wirklichkeit gibt, die niemals von naturwissenschaftlichen Theorien erfasst werden können (denselben Gedanken findet man bei Langan).
Echt metaphysisch wird die Argumentation von Allman-Sedlacek, wenn er dem Vakuum Bewusstseinseigenschaften zuweist und daraus seine Schlussfolgerungen zieht. Seine Kernpunkte sind dabei (stark verkürzt): Das Vakuum ist ein Informationsspeicher, weil die sich bei einer Messung für einen Zustand entscheidenden Quanten die dafür notwendige Information von dort erhalten. Aus der Sicht des Raum-Zeit-Universums ist die Entscheidung eines Quants für einen Zustand unvorhersehbar. Da Merkmale eines Bewusstseins sind, dass es a) einen Informationsspeicher besitzt und b) einen freien Willen, der sich durch von außen nicht vorhersehbare Entscheidungen auszeichnet, muss das Vakuum Bewusstsein besitzen. Da auch in unserem Bewusstsein Quanten eine große Rolle spielen und deren Zustände durch die Informationen aus dem Vakuum bestimmt werden, ist c) unser Bewusstsein eine Art Upload aus dem Vakuum, d) existiert ein Jenseits und e) ist Bewusstsein unsterblich - "Unsterbliches Bewusstsein" ist ja der Titel des Buches.
Man muss zur Falsifikation einer wissenschaftlichen Theorie nicht jeden einzelnen Teil widerlegen. Wenn die einzelnen Teile aufeinander aufbauen, genügt es einen einzigen Teil zu widerlegen, um die ganze Argumentation zu entkräften. In diesem Fall genügt eine Betrachtung des "freien Willens" der Quanten: Bei einem Quanteneffekt ist der nach der Messung sich einstellende Zustand rein zufällig und unterliegt einer statistischen Verteilung. Welcher Mensch empfindet eine Handlung als von seinem freien Willen getroffen, wenn er sie zufällig getroffen hat, z.B. durch das Werfen einer Münze? Dann ist die freie Entscheidung nämlich nicht das Befolgen der Entscheidung der Münze, sondern die zuvor getroffene Entscheidung, eine Münze zu werfen. In Übertragung auf die Quanten: Den freien Willen findet man also nicht in der Festlegung der Eigenschaft eines Quants, sondern im Experimentator, der dieses Quant einer Beobachtung unterzieht. Der freie Wille ist keine physikalische Eigenschaft, sondern eine Zuschreibung aus Psychologie und Philosophie.
Sowieso scheint die Diskussion um Willensfreiheit eine Scheindiskussion zu sein, hervorgerufen durch fehlerhaften Gebrauch von Begriffen. Die Fragen "Kann man etwas wollen, was man nicht will?" und "Kann man etwas nicht wollen, was man will?" offenbaren das Problem. Die Schwierigkeiten verschwinden, wenn man die Frage nach der Willensfreiheit durch die Frage nach der Handlungsfreiheit ersetzt: "Kann man tun, was man will?" und "Kann man (sollte man, muss man) tun, was man nicht will?"
Von einem psychologischen Standpunkt aus betrachtet, scheint sich Sedlacek selbst seiner Theorie nicht sicher zu sein. Sonst hätte er nicht eine Art Science-Fiction-Roman geschrieben mit einem Professor Allman als Hauptperson, sondern ein Buch, in dem er als Autor seine eigene Theorie vorstellt. Aus dem Beititel "Raumzeit-Phänomene, Beweise und Visionen" wird man auch nicht recht schlau, welchen Standpunkt er selbst einnimt. Auch dieses Rundfunkinterview ist nicht eindeutig. Auffällig hier nur die Vermengung von Psychologie und Physik. Welche fatale Wirkung aber diese Unklarheiten haben, zeigt die Amazon-Kurzbeschreibung zu seinem Buch:
In diesem Buch geht es weder um Glauben noch um Esoterik, sondern um Beweise. Glaubwürdige, wissenschaftliche Beweise, die in eine Form gepackt sind, dass sie für jeden Interessierten verständlich, bzw. nachvollziehbar sind. Als Form der Darstellung dient eine Rahmenhandlung, in welcher der fiktive Professor Allman eine Lehrgangsveranstaltung für seine Kollegen abhält. Nach und nach entwickelt Professor Allman eine belastungsfähige wissenschaftliche Theorie. Es ist ungewöhnlich, wenn eine wissenschaftliche Arbeit aufgebaut ist wie ein Sachbuch und eine Rahmenhandlung benützt. Aber diese Arbeit hat auch einen ungewöhnlichen, uns alle betreffenden Inhalt. Der soll und darf nicht in den Büchereien der Fachwelt verstauben, sondern drängt nach dem Zugang zu einer breiten Öffentlichkeit.Auch die Kundenrezensionen bei Amazon sprechen Bände, wie das Buch von den Lesern verstanden wird, nämlich als bare Münze.
Wohl zum ersten Mal gelingt der Beweis, dass Bewusstsein außerhalb des Gehirns existiert.
Das hat kaum absehbare Folgen für unser Weltbild. Einige dieser Folgen werden dargestellt. Die Rahmenhandlung und die Namen der Lehrgangsteilnehmer sind fiktiv, aber der zur Diskussion gestellte Inhalt ist real. Die vorgestellten unerklärlichen Phänomene, die einer Erklärung zugeführt werden, sind der Fachwelt meist schon seit Jahrzehnten bekannt. Weil die Phänomene sich aber bisher jedweder tieferen Erklärung widersetzten, gelang es den Wissenschaftlern nicht, sie einem breiteren Publikum verständlich zu präsentieren. Die Wissenschaft nahm sie als unerklärlich hin, ging mit ihnen um und gewöhnte sich an sie, bis sie ganz gewöhnlich und selbstverständlich schienen. Der größere hinter den Phänomenen liegende Zusammenhang blieb verborgen.
Das Buch deckt nun den Zusammenhang auf. Es gibt naturwissenschaftliche Antworten auf die Grundfragen unseres Seins. Neben der physikalischen Theorie vom Jenseits einschließlich den Beweisen wird das wahre Gesicht der Wirklichkeit beschrieben. Es gipfelt in der glaubwürdigen Aussage, dass Bewusstsein unsterblich ist und unser physisches Ende überdauert.
Kategorien: Physik, Visionen, Bücher
Sonntag, 10.Mai 2009
Deine Argumentation zum vermeintlichen Bewusstseinsakt hinter den Quantenereignissen werde ich mir jedenfalls merken für die nächste Diskussion mit Leuten, die ihren Freien Willen im Zufall verorten möchten.
Wissenschaftstheoretisch ist der Autor leider nicht auf der Höhe. Man entkommt dem Münchhausen-Trilemma ja nicht durch den Sprung von der Physik zur Metaphysik. Bereits Sedlaceks Falsifizierbarkeits-Forderung (4.) an eine Theorie widerspricht dieser Einsicht.
"Beweise" für die Wahrheit synthetischer Urteile werden wir aus prinzipiellen Gründen niemals haben, und wer bereits im Buchtitel damit antritt, an den verschwende ich ungern meine Zeit.
Als Emergentist würde ich die Argumentation zum freien Willen lieber auf die zwischenliegende (determinierte) Schicht des neuronalen Netzwerks fokussieren. Bei dem Quantenargument musst du mit dem Gegenargument rechnen, dass auch unser Gehirn praktisch aus Quanten aufgebaut ist, die wiederum zufällig "schalten" könnten. Die entscheidenden Argumente in der ganzen Willensdiskussion kommen sowieso aus der Philosophie. Nachträglich muten mir die Einlassungen der Neurowissenschaftler (und der Physiker) ziemlich primitiv an, emergentistisch ist es ein Kategorienfehler. Freier Willen kann weder mit Zufall noch mit Determinismus vernünftig erklärt werden. Aber die trockene Feststellung, dass es wohl eher ein begriffliches Problem ist, löst es mMn. Handlungs- und nicht Willensfreiheit ist das Wesentliche. Genau das kann bei anderen Menschen beobachtet werden - wie ein großer Teil der Handlungen eines Menschen aus der Kenntnis seines Charakters und seiner Erfahrungen vorhergesagt werden können, aber eben nicht alle, weil man nicht alle Einflüsse kennen kann, die ihn geprägt haben. Und wie derjenige mit allen seinen Erfahrungen vor dem Vollzug einer Handlung die verschiedenen Alternativen im Geist durchspielt.
Ich glaube nicht, dass eine reine und schematische Falsifikation, wie sie Popper vorschwebte, immer funktioniert. In der aktuellen Ausgabe (5/09) von Spektrum der Wissenschaft findet man den Artikel "Ist die Stringtheorie noch eine Wissenschaft?". Bei den verschiedenen Stringtheorien passiert genau das, dass aus Beobachtungen und Messungen mathematische Modelle abgeleitet werden, die in ihrer Interpretation ins Unbeobachtbare hinein reichen. Die Grenze zwischen Physik und Metaphysik ist eh nicht scharf, weil Vorhersagen einer Theorie ja per Definition im noch nicht Beobachteten liegen. Und Bedarf an Metaphysik ist sowieso da, auch bei Nichtreligiösen. Ich halte es mit Langan, der mMn zu Recht angemerkt hat, dass es Dinge gibt, die aufgrund ihres Charakters real sind (=Bestandteile der Realität), sich aber der Untersuchung durch die Naturwissenschaften entziehen.