Thomas Metzinger: Postbiotisches Bewusstsein
Gibt man in Google die Stichworte "Thomas Metzinger Postbiotisches Bewusstsein" ein, dann wird man gleich mehrfach zu Seiten verlinkt, auf denen man den Text eines Vortrags findet, den er zum Thema "Postbiotisches Bewusstsein: Wie man ein künstliches Subjekt baut - und warum wir es nicht tun sollten" gehalten hat. Eingangs seines Vortrags sagt er, dass der Turing-Test seiner Meinung nach nicht geeignet ist, ein bewusstes Wesen von einer einfachen, aufs Antworten programmierten Maschine zu unterscheiden. Er schlägt den "Metzinger-Test" vor:
Im Mittelteil seines Vortrags benennt und erläutert er die sechs Kriterien, die seiner Meinung nach essentiell für Bewusstsein sind. Interessant ist, dass man in den verschiedenen Quellen im Internet manchmal eine Nummerierung der Punkte findet, aus denen man auf die sechs Punkte schließen kann, und manchmal nicht. Tatsächlich ist es so, dass die Punkte nacheinander aufeinander aufbauen, d.h. die später hinzukommenden Kriterien bedürfen der zuvor genannten. Interessant ist auch, dass einem viele der Punkte aus dem Blickwinkel der Evolutionsbiologie als absolut selbstverständlich vorkommen, während sie es vom Standpunkt eines Philosophen offenbar nicht sind. Welche sind es nun?
1. Ein Bewusstsein benötigt ein Weltmodell.
3. Transparenz - Naiver Realismus
Zugleich ist dem Bewusstsein aber nicht bewusst, dass es auf einem Modell des Buchs (den neuronalen Korrelaten) arbeitet, weil das Weltmodell vollständig transparent, also unsichtbar ist. Das Bewusstsein schaut gewissermaßen durch das Modell hindurch. Eine der Ursachen für diese Transparenz des Modells wird damit erklärt, dass das Bewusstsein keinen unmittelbaren Zugang auf die Vorgänge hat, die zum Zustandekommen des Modells geführt haben. Im verwendeten Beispiel: Der primäre Sehvorgang verläuft unbewusst, bewussten Zugang gibt es erst auf den höheren Stufen der neuronalen Verarbeitung.
4. Transparentes Selbstmodell
5. Innenperspektive
Es gibt aber doch Unterschiede zwischen den Teilen des Weltmodells, die das Selbst repräsentieren, und denjenigen der äußeren Teile der Welt. Metzinger nennt das "Intentionalitätsrelation". Das Selbst kann Ziele verfolgen, die sich auf die äußere Welt beziehen, es beobachtet Veränderungen der äußeren Welt (des Weltmodells) in Relation zu sich selbst (dem Selbstmodell) und es erlebt Gefühle als seine eigenen. Erst an diesem Punkt wird die Erste-Person-Perspektive eingeführt.
Das Zusatzkriterium postuliert, dass man sich nach Metzingers Meinung Bewusstsein nur als in einem evolutionären Prozess entstanden vorstellen kann. Heutige Maschinen können selbst bei sehr hoher Komplexität noch nicht bewusst sein, weil sie nicht ihre eigenen Ziele verfolgen, sondern unsere, d.h. programmierte.
Nachdem Metzinger vor allem mit dem sechsten Kriterium deutlich gemacht hat, dass er Bewusstsein für "klassische" Maschinen noch in weiter Ferne sieht, äußert er im letzten Teil seines Vortrags aber die Befürchtung, dass mit Hilfe hybrider Techniken (biologisch-technische Zwittersysteme) dieser Zeitpunkt viel früher kommen könnte und warnt vor einer derartigen Evolution zweiter Ordnung (Schaffung bewusster Systeme durch andere bewusste Systeme). Seine Begründung (bei geänderter Reihenfolge im Vergleich zu seinem Vortrag):
Man kann die Frage nach dem Sinn menschlicher Existenz auch aus einer anderen Perspektive betrachten: Welchen Sinn hätte ein Universum, in dem es keine empfindungsfähigen bewussten Wesen gibt, existiert ein solches überhaupt?
Kategorie: Gehirn & Geist
Ein wesentlich stärkerer und deshalb vielleicht besserer Test für phänomenales Bewusstsein ist der Metzinger-Test: Wir sollten ein System spätestens dann als bewusstes Objekt behandeln, wenn es uns gegenüber auf überzeugende Weise demonstriert, dass die philosophische Frage nach dem Bewusstsein für es selbst ein Problem geworden ist, zum Beispiel wenn es eine eigene Theorie des Bewusstseins vertritt, d.h., wenn es mit eigenen Argumenten in die Diskussion um künstliches Bewusstsein einzugreifen beginnt.Bei diesem Test fallen 99.99% aller Menschen durch. 99% haben sich noch nie mit Fragen des Bewusstseins beschäftigt, und vom verbleibenden Prozent haben (mindestens) 99% keine eigene Theorie über das Bewusstsein aufgestellt, die sie gegenüber einem Theoretischen Philosophen wie Metzinger glaubwürdig vertreten könnten.
Im Mittelteil seines Vortrags benennt und erläutert er die sechs Kriterien, die seiner Meinung nach essentiell für Bewusstsein sind. Interessant ist, dass man in den verschiedenen Quellen im Internet manchmal eine Nummerierung der Punkte findet, aus denen man auf die sechs Punkte schließen kann, und manchmal nicht. Tatsächlich ist es so, dass die Punkte nacheinander aufeinander aufbauen, d.h. die später hinzukommenden Kriterien bedürfen der zuvor genannten. Interessant ist auch, dass einem viele der Punkte aus dem Blickwinkel der Evolutionsbiologie als absolut selbstverständlich vorkommen, während sie es vom Standpunkt eines Philosophen offenbar nicht sind. Welche sind es nun?
1. Ein Bewusstsein benötigt ein Weltmodell.
Sie [=die Maschine] muss eine einheitliche innere Darstellung der Welt als Ganzer besitzen und die in dieser Darstellung integrierte Information muss global verfügbar sein. Bewusste Information ist nämlich genau die Information im System, die gerade global - also für eine Vielzahl von Verarbeitungsmechanismen gleichzeitig - verfügbar ist.2. Bewusstsein erlebt die Gegenwart.
Ausnahmslos alle unserer Bewusstseinszustände sind dadurch gekennzeichnet, dass alles was wir erleben - unabhängig von dem konkreten Inhalt den wir erleben - immer als *jetzt* erlebt wird. Dass eine Maschine oder ein Mensch Bewusstsein hat, wird immer bedeuten, dass es für sie eine Gegenwart gibt: Gegenwärtigkeit bedeutet, dass einem System ein bestimmter geistiger Inhalt als aktuell gegeben erscheint.Aus evolutionärer Sicht sind beide Bedingungen selbstverständlich, denn wenn Bewusstsein einen Sinn besitzen soll, dann den, dass das Individuum mit seinem Weltwissen und seinen Erinnerungen an früher Entscheidungen jetzt treffen kann, die seine Zukunft betreffen. Und zusätzlich ist der Zeitaspekt noch äußerst wichtig, um auf Veränderungen der Welt mit einer entsprechenden Änderung des Weltmodells zu reagieren.
3. Transparenz - Naiver Realismus
Wie kommt man von einer komplexen 4D-Repräsentation im Gehirn zu einer bewusst erlebten Wirklichkeit? Die Lösung liegt in dem, was Philosophen manchmal "semantische Transparenz" nennen. Die vom System eingesetzten repräsentationalen Vehikel sind semantisch transparent, d.h. sie stellen die Tatsache, dass sie Modelle sind, nicht mehr auf der Ebene ihres Gehalts dar (... ich selbst bevorzuge den Begriff "phänomenale Transparenz" ...) . Deshalb schaut das System durch seine eigenen repräsentationalen Strukturen "hindurch", als ob es sich in direktem und unmittelbarem Kontakt mit ihrem Gehalt befände.Für mich ist das der mit Abstand interessanteste Aspekt der Theorie. Vielleicht zur Erläuterung ein Beispiel, dass von Metzinger selbst an anderer Stelle verwendet wird: Wenn man ein Buch in der Hand hält und dessen Inhalt zur Kenntnis nimmt, dann wird dieser durch Neuronenaktivität im Gehirn repräsentiert. Im Gehirn existiert ein Modell des Buches und von dessen Inhalt, was damit Teil des Weltmodells ist. Für das Bewusstsein besteht die erlebte Wirklichkeit aus diesen neuronalen Korrelaten, über die tatsächliche Realität eines Buches "da draußen" ist streng genommen keine Aussage möglich - das erklärt den Begriff "naiver Realismus".
Zugleich ist dem Bewusstsein aber nicht bewusst, dass es auf einem Modell des Buchs (den neuronalen Korrelaten) arbeitet, weil das Weltmodell vollständig transparent, also unsichtbar ist. Das Bewusstsein schaut gewissermaßen durch das Modell hindurch. Eine der Ursachen für diese Transparenz des Modells wird damit erklärt, dass das Bewusstsein keinen unmittelbaren Zugang auf die Vorgänge hat, die zum Zustandekommen des Modells geführt haben. Im verwendeten Beispiel: Der primäre Sehvorgang verläuft unbewusst, bewussten Zugang gibt es erst auf den höheren Stufen der neuronalen Verarbeitung.
4. Transparentes Selbstmodell
Diesen Gedanken muss man nun im nächsten Schritt wieder auf das Selbstmodell anwenden. Ein künstliches Subjekt bräuchte natürlich nicht nur ein Weltmodell, sondern auch ein sehr spezielles Selbstmodell. Ich behaupte, dass wir Menschen Systeme sind, die nicht in der Lage sind, ihr eigenes subsymbolisches Selbstmodell als Selbstmodell zu erkennen. Deshalb operieren wir unter den Bedingungen eines "naivrealistischen Selbstmissverständnisses": Wir erleben uns selbst als wären wir in direktem und unmittelbarem epistemischen Kontakt mit uns selbst. Auf dieser elementaren Stufe des Selbstbewusstseins ist Selbstwissen phänomenologisch dasselbe wie Selbstgewissheit. Weil wir ein transparentes Selbstmodell besitzen, sind wir uns selbst sozusagen unendlich nahe. Und auf diese Weise entsteht erstmals ein basales "Ichgefühl", ein für das betreffende System unhintergehbares phänomenales Selbst.Das Selbstmodell muss natürlich Teil des Weltmodells sein, weil es für im Gehirn verarbeitete Informationen kein Unterschied besteht, ob sie von äußeren oder inneren Sensoren des Körpers stammen. Und wegen der Transparenz des Weltmodells muss auch das Selbstmodell selbst transparent, d.h. unhintergehbar sein.
5. Innenperspektive
Es gibt aber doch Unterschiede zwischen den Teilen des Weltmodells, die das Selbst repräsentieren, und denjenigen der äußeren Teile der Welt. Metzinger nennt das "Intentionalitätsrelation". Das Selbst kann Ziele verfolgen, die sich auf die äußere Welt beziehen, es beobachtet Veränderungen der äußeren Welt (des Weltmodells) in Relation zu sich selbst (dem Selbstmodell) und es erlebt Gefühle als seine eigenen. Erst an diesem Punkt wird die Erste-Person-Perspektive eingeführt.
Die Evolution hat auch in diesem Fall wieder eine einfache, eine elegante Lösung favorisiert. Das virtuelle Selbst, das sich in der phänomenalen Welt bewegt, besitzt kein Gehirn, kein Motorsystem und keine Sinnesorgane: Teile der Umgebung erscheinen direkt in seinem Geist, der Wahrnehmungsprozess ist dem Erleben nach anstrengungslos und unmittelbar. Auch Körperbewegungen werden scheinbar "direkt" ausgelöst. Solche Effekte sind typisch für unsere Form des subjektiven Erlebens und sie sind - als neurokomputationale Strategie betrachtet - die Vorteile einer benutzerfreundlichen Oberfläche. Das was wir eben als "Transparenz" kennen gelernt haben, ist eine Art, die Geschlossenheit dieser multimodalen, hochdimensionalen Oberfläche zu beschreiben. Das phänomenale Selbst ist der Teil dieser Oberfläche, den das System benutzt, um sich selbst zu fühlen, um sich für sich selbst als erkennendes Ich darzustellen und um sich selbst als Agenten zu begreifen. Dieser virtuelle Agent "sieht mit den Augen" und "handelt mit den Händen".6. Teleofunktionalistisches Zusatzkriterium
Das Zusatzkriterium postuliert, dass man sich nach Metzingers Meinung Bewusstsein nur als in einem evolutionären Prozess entstanden vorstellen kann. Heutige Maschinen können selbst bei sehr hoher Komplexität noch nicht bewusst sein, weil sie nicht ihre eigenen Ziele verfolgen, sondern unsere, d.h. programmierte.
Der philosophische Teleofunktionalismus ist die These, dass mentale Zustände nicht nur eine kausale Rolle im System spielen müssen, sondern dass sie diese Rolle für das System spielen müssen: Mentale Zustände sind erst dann wirklich geistige Zustände, sie haben erst dann wirklich einen Inhalt, wenn sie von dem System als Ganzem dazu benutzt werden, seine Ziele zu verfolgen.An Metzingers Theorie gefällt mir besonders gut der Gedanke der Transparenz der Modelle, weil er philosophisch und neurophysiologisch den Unterschied zwischen der objektiven Realität und der erlebten Wirklichkeit erklärt. Ansonsten scheitert er an derselben Stelle wie alle anderen Theorien auch: Letztlich kann er das Auftreten phänomenalen Erlebens nur beschreiben und als eine Eigenschaft in seine Theorie einbauen, aber nicht erklären. (Vielleicht gibt es da auch gar nichts zu erklären, sondern Bewusstsein in dem uns bekannten Sinn entsteht bei Vorliegen der Bedingungen und ausreichender Komplexität von selbst.)
Für bewusste Zustände heißt dies, dass sie in einen evolutionären Kontext eingebettet sein müssen. Sie müssen dem System dabei helfen, seine Bedürfnisse zu befriedigen oder langfristige Ziele zu verfolgen und auch zu erreichen.
Nachdem Metzinger vor allem mit dem sechsten Kriterium deutlich gemacht hat, dass er Bewusstsein für "klassische" Maschinen noch in weiter Ferne sieht, äußert er im letzten Teil seines Vortrags aber die Befürchtung, dass mit Hilfe hybrider Techniken (biologisch-technische Zwittersysteme) dieser Zeitpunkt viel früher kommen könnte und warnt vor einer derartigen Evolution zweiter Ordnung (Schaffung bewusster Systeme durch andere bewusste Systeme). Seine Begründung (bei geänderter Reihenfolge im Vergleich zu seinem Vortrag):
Wenn sie ein transparentes Weltmodell innerhalb eines virtuellen Gegenwartsfensters besäßen, dann würde ihnen eine Wirklichkeit erscheinen. Wenn sie zusätzlich ein stabiles körperliches Selbstmodell besäßen, dann wären sie in der Lage sensorischen Schmerz als ihren eigenen zu fühlen, inklusive aller anderen Konsequenzen, welche sich aus ingenieurstechnischen Fehlleistungen ergeben könnten. Wenn ihr postbiotisches Selbstmodell allerdings tatsächlich in einer biologischen Art von Hardware verankert wäre, dann könnte alles noch viel schlimmer sein: Wenn sie ein emotionales Selbstmodell besäßen, dann könnten sie leiden, unter Umständen sogar in Intensitätsgraden oder Formen des qualitativen Reichtums die wir selbst als ihre Erzeuger uns noch nicht einmal vorstellen könnten, weil sie uns vollständig fremd wären. Wenn sie sogar ein kognitives Selbstmodell besäßen, dann könnten sie ihre bizarre Situation nicht nur begrifflich erfassen, sondern auch intellektuell unter der Tatsache leiden, dass sie selbst niemals so etwas besessen haben wie die "Würde", die ihren Erzeugern so wichtig ist. Sie könnten in der Lage sein, bewusst die offensichtliche Tatsache zu repräsentieren, dass sie nur Subjekte zweiter Klasse sind, postbiotische Selbste, die als austauschbare experimentelle Werkzeuge von einer anderen Art von selbstmodellierendem System verwendet werden, das offensichtlich die Kontrolle über seine eigenen Handlungen längst verloren hat. Können Sie sich vorstellen wie es wäre solch ein geistig behinderter phänomenaler Klon der ersten Generation zu sein? Können Sie sich vorstellen wie es wäre, als ein etwas fortgeschritteneres künstliches Subjekt "zu sich selbst zu kommen" - nur um zu entdecken, dass Sie, obwohl Sie ein Ichgefühl besitzen, einfach eine Ware sind, ein Objekt, ein wissenschaftliches Werkzeug, das nicht als ein Zweck in sich selbst erzeugt wurde und ganz bestimmt nicht als ein solcher behandelt werden wird?Wenn man sich diese Argumentation ansieht, dann erkennt man, dass die Haltung zu künstlichem Bewusstsein bei Metzinger offenbar davon abhängt, welches Menschenbild er hat. Die meisten Menschen sind aber (in einem anderen Sinn als oben verwendet) naive Realisten, die, ohne groß nachzudenken, Kinder in die Welt setzen, obwohl diese, genau wie ihre Eltern, in ihrem Leben ebenfalls leiden und letztlich sterben müssen. Die natürliche Evolution hat es aber nicht nur so eingerichtet, dass empfindungsfähige und bewusste Wesen innere Zustände als Leid oder Schmerz erleben, sondern zugleich andere Zustände wie Glück oder Freude oder Zufriedenheit kennen. Genauso wie es keinen plausiblen Grund gibt, warum diese zweite Evolution nicht bewusste Maschinen hervorbringen kann, genausowenig gibt es einen Grund, warum nicht parallel zum Enstehen dieser bewussten Systeme *alle* phänomenalen Empfindungen zeitgleich entstehen sollten - Übereinstimmung mit evolutionären Zielen als Glück, Nichtübereinstimmung als Leid.
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Ein tieferer und allgemeinerer Punkt ist der, dass bei genauerem Hinsehen überhaupt nicht klar ist, ob die biologische Form des Bewusstseins, so wie sie die Evolution auf unserem Planeten bis jetzt hervorgebracht hat, überhaupt eine wünschenswerte Form des Erlebens ist, ein echtes Gut, etwas, was man einfach so immer weiter vermehren sollte. Es gibt eine lange philosophische Tradition (die über Schopenhauer bis zu Buddha zurückreicht) und die sagt, dass menschliches Leben im Grunde ein leidvoller Prozeß ist, "ein Geschäft, das nicht die Kosten deckt". Es ist die Tradition des Pessimismus. Pessimistische Philosophen äußern meist in der einen oder anderen Weise Zweifel daran, dass die menschliche Existenz als solche ein Gut an sich ist: Ist das Dasein wirklich etwas, was man anstreben sollte?
Man kann die Frage nach dem Sinn menschlicher Existenz auch aus einer anderen Perspektive betrachten: Welchen Sinn hätte ein Universum, in dem es keine empfindungsfähigen bewussten Wesen gibt, existiert ein solches überhaupt?
Kategorie: Gehirn & Geist
Montag, 13.April 2009
Ich stelle grade fest, dass ich offensichtlich kein Mensch bin
Ich gebe Dir darin recht, dass die Haltung zu künstlichem Bewusstsein bei Metzinger offensichtlich davon abhängt, welches Menschenbild er hat.
Sicherlich hätte ich Schwierigkeiten, meine eigene Theorie über das Bewusstsein gegenüber einem theoretischen Philosophen wie Metzinger glaubwürdig vertreten zu können. Tatsächlich ist das, was ich über das Bewusstsein denke, meine und fühle, keine ausformulierte, geschweige denn eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Theorie - vermutlich, weil es mir sowohl am nötigen Eifer wie am dazu nötigen geisteswissenschaftlichem Know-How mangelt.
Ich habe jedoch, aufgrund der Zitate, den Eindruck, dass Metzinger sehr bestimmte, in unserer Kultur sehr weit verbreitete, aber sicher nicht auf alle Menschen zutreffende Vorstellungen von der Natur des Bewusstseins hat: Genau diesen Eindruck habe ich von mir selbst nicht. Nicht etwa, weil ich so etwas wie ein "übermenschlicher Durchblicker" wäre, der in der Lage wäre, sein subsymbolisches Selbstmodell als Selbstmodell zu durchschauen - das geht auch bei mir nur über den Umweg über abstrakte Modelle. Etwa so, wie ich mit Quantenvorgänge auch nicht vorstellen kann, sehr wohl aber die physikalischen Modelle der Quantenphysik (jedenfalls auf dem bescheidenen Niveau "Physik im Nebenfach") und damit buchstäblich rechnen kann.
Was ich anders erlebe: "ich" (Persönlichkeitskern, aktuelles Bewusstsein) erlebe mich keineswegs im direkten und unmittelbaren wissendem Kontakt mit mir selbst. Anders ausgedrückt: ich habe nicht den Eindruck, "Herr im eigenen Haus" zu sein, noch nicht mal den, in meinem Gehirn allein zu sein. (Nicht im Sinne einer "multiplen Persönlichkeit" zu verstehen.) Mein Selbstmodell geht eher in Richtung "Ebenenmodell" oder "Instanzenmodell" und das "Ich" ist wenig mehr als so etwas wie eine "Benutzeroberfläche". Wobei ich Freuds Vorstellung vom "Ich - Über-Ich - und Es" für hoffnungslos vereinfachend halte.
Weiter: . Auf der rein subjektiv-gefühlsmäßigen Ebene bin "ich mir selbst" keineswegs "unendlich nahe". Pianisten oder geübte Tipper wissen sehr oft, dass sich sich gerade im Begriff sind, sich zu vertippen / einen falschen Ton anzuschlagen, in dem Moment, wo sie gerade dabei sind, den Fehler zu machen. Sie sind sich des Fehler bewusst, und zwar nicht nachträglich, sondern währenddessen. Das geschieht dann, wenn wir sozusagen "auf Autopilot" agieren, was ja das Geheimnis der Routine ist. Dieses Gefühl, falsch zu handel, während ich falsch handle, habe ich interessanterweise auch oft bei nicht-"automatisierten", bewusst ablaufenden Handlungen - ich weiß, dass das, was ich bewusst (auf der Ebene des Alltagsbewusstseins) mache und denke, falsch ist. Ich weiß, dass nicht alle Menschen das so erleben wie ich, aber bin mir im klaren darüber, dass ich nun wahrlich kein Einzelfall bin - sonst gäbe es wohl keine Vorstellungen vom "höheren Selbst" oder vom sokratischen "Daimon".
Zur Frage nach Systemen künstlicher Intelligenz mit Bewusstsein: ich halte grundsätzlich eine "starke KI", also eine wirklich selbstständig denkende Maschine für realisierbar. Allerdings vermute ich, dass diese KI eine nicht-menschliche, im Wortsinn sogar eine un-menschliche KI sein dürfte. Wenn schon die Selbstwahrnehmung des menschlichen Bewusstseins bei verschiedene Menschen unterschiedlich ist, und es sich bei der Untersuchung dieser Unterschiede nur minimale Abweichungen in der Hirnfunktion zeigen, dürfte der Abstand zwischen einem Bewusstsein eines organisches Hirns und dem z. B. eines "stark" intelligenten Computers noch weitaus größer sein.
Und vielleicht ist das der Grund, wieso so vielen Menschen schon bei der Idee einer intelligenten Maschine gruselt: die Furcht vor dem undurchschaubar Anderen, das auch noch dem Menschen in vielen Hinsicht überlegen wäre.
In Bezug auf unser Bewusstsein gilt, dass dieses über einem System superveniert, dass sich aus Billionen Zellen zusammensetzt, die hunderte von verschiedenen Aufgaben erfüllen und dazu Millionen verschiedener chemischer Substanzen benutzen und 10 hoch unbekannt synaptische Verbindungen aufgebaut haben. Ich halte deshalb ein "künstliches" Bewusstsein zwar theoretisch für möglich (anderenfalls müssten wir ein göttliches Prinzip akzeptieren), aber außerhalb unserer derzeitigen Möglichkeiten liegend.
Ich kenne einige Menschen, die bedeutend intelligenter sind als ich - aber ihre Intelligenz kann sich nur entfalten, weil es ein Medium gibt - die menschliche Gesellschaft - in dem ihre Defizite auf anderen Gebieten kompensiert werden. Allein wären sie nicht lebensfähig. Vergleichbares wird auf alle Systeme zutreffen, die "intelligenter" sind als wir. Sie sind genauso auf unsere Kooperation angewiesen wie wir auf ihre.