Kleine Einsteins
Eine Bekannte war recht begeistert von dem Spiegelartikel Kleine Einsteins, mit dem Teaser:
Aber in der Tat hat der Spiegelartikel in Einem Recht: Die Sicht der Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren geändert. Wenn das allerdings zu den Effekten führt, die in dem Beitrag geschildert werden, dann tun mir die Kinder dieser überergeizigen Eltern leid. (Übrigens: Das Geo-Kompakt-Heft Nr. 17 Kindheit. Die wichtigsten Jahre im Leben ist ganz ausgezeichnet.)
Wenn man sich für das Thema Hochbegabung in der Jugend und den aktuellen Forschungsstand (in Deutschland) interessiert, kommt man am Marburger Hochbegabtenprojekt nicht vorbei. Der Leiter der Untersuchungen, Detlef Rost, hat 2000 ein Buch darüber geschrieben: Hochbegabte und hochleistende Jugendliche. Ich habe es noch nicht gelesen, aber dafür unter anderem die folgende Zusammenfassung von Gregor Brand: Anmerkungen zum Marburger Hochbegabtenprojekt. Er schrieb 2001 u.a., konträr zum obigen Spiegelartikel, und damit zeigend, wie sehr sich im letzten knappen Jahrzehnt die Wahrnehmung verändert hat:
Kategorie: Gehirn & Geist
Psychologen vermelden einen Ansturm von Eltern, die ihre Kinder für hochbegabt halten. Selbst schlechtes Benehmen wird dabei gern in überdurchschnittliche Intelligenz umgedeutet.Ich hatte den Artikel zuvor auch überflogen, aber nach den Sätzen
Nach allem, was Forscher wissen, hat sich indes kein Evolutionssprung ereignet in der Blauen Lehmkuhle und anderen Soziotopen der Republik: Der Anteil der Hochbegabten mit einem IQ von über 130 liegt konstant bei etwa zwei Prozent.nicht mehr ernst genommen. Die Konstanz entsteht ja nicht dadurch, dass es keine Veränderungen des Menschen gibt, sondern liegt an dem Messverfahren, das immer so kalibriert wird, dass sich eine Normalverteilung mit einem Mittelwert von 100 und einer Standardabweichung von 15 ergibt. Da liegen 2% halt immer bei 130. Auch der sogenannte Flynn-Effekt kommt nur zustande, wenn man heutige Probanden Tests machen lässt, die vor vielen Jahren geeicht wurden. Erst dann bemerkt man ein Ansteigen (oder auch nicht) der Messergebnisse über die Jahre.
Aber in der Tat hat der Spiegelartikel in Einem Recht: Die Sicht der Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren geändert. Wenn das allerdings zu den Effekten führt, die in dem Beitrag geschildert werden, dann tun mir die Kinder dieser überergeizigen Eltern leid. (Übrigens: Das Geo-Kompakt-Heft Nr. 17 Kindheit. Die wichtigsten Jahre im Leben ist ganz ausgezeichnet.)
Wenn man sich für das Thema Hochbegabung in der Jugend und den aktuellen Forschungsstand (in Deutschland) interessiert, kommt man am Marburger Hochbegabtenprojekt nicht vorbei. Der Leiter der Untersuchungen, Detlef Rost, hat 2000 ein Buch darüber geschrieben: Hochbegabte und hochleistende Jugendliche. Ich habe es noch nicht gelesen, aber dafür unter anderem die folgende Zusammenfassung von Gregor Brand: Anmerkungen zum Marburger Hochbegabtenprojekt. Er schrieb 2001 u.a., konträr zum obigen Spiegelartikel, und damit zeigend, wie sehr sich im letzten knappen Jahrzehnt die Wahrnehmung verändert hat:
In krassem Gegensatz dazu steht ein Image hochbegabter Kinder, wie es in Deutschland vor allem in den Neunziger Jahren in weiten Teilen der Medien propagiert wurde und mittlerweile auch von vielen Menschen übernommen wurde. Danach sind, nur leicht überspitzt ausgedrückt, hochbegabte Kinder durchweg in ihrem Verhalten oft nicht zu verstehende Problemkinder ihrer Eltern einerseits und Stiefkinder der Gesellschaft und des Bildungssystems andererseits; die Eltern sind zu bedauern, wenn sich - verräterische Sprache - der „Verdacht" auf Hochbegabung bestätigt und ihr Kind davon „betroffen" ist - wie von einer Krankheit.Worin Detlef Rost mit vielen anderen nicht übereinstimmt, ist seine Meinung zu den "Underachievern", siehe z.B.: Underachievement aus psychologischer und pädagogischer Sicht. Seine Definition von Underachievement ist rein technisch:
Angaben über die Auftretenshäufigkeit von Underachievern schwanken je nachdem, welche Definition man wählt. In der Literatur zur Hochbegabung trifft man häufig auf „Schätzungen“, die „bis zu 50% der Hochbegabten“ als Underachiever annehmen. Solche Angaben sind jedoch abstrus überhöht und zeugen bestenfalls von Unkenntnis über diejenigen Faktoren, die die Auftretenshäufigkeit determinieren: Wenn die Verteilungsformen (in der Regel bivariate Normalverteilung) der zu Grunde gelegten intellektuellen Leistungsfähigkeit (z. B. IQ) und des Schulleistungsindikators (z. B. standardisierte Schulleistungstests oder Zensuren) sowie die Korrelation dieser beiden Variablen (liegt üblicherweise bei r = 0.45 bis r = 0.50) bekannt sind, kann bei gegebener Diskrepanzdefinition der Anteil der möglichen Underachiever, also auch der hochbegabten Underachiever, genau kalkuliert werden. Er bewegt sich in jedem Fall sehr weit unterhalb des von vielen Erziehungswissenschaftlern/-schaftlerinnen und auch von manchen Psychologen/Psychologinnen oftmals genannten 50%-Wertes. Definiert man hochbegabte Underachiever als Schüler/innen mit einem Intelligenzquotienten von IQ ≥ 130 (entspricht etwa einem Prozentrang von PR ≥ 98) und höchstens durchschnittlicher Schulleistung (entspricht einem Prozentrang von PR ≤ 50), dann sind rund 12% der Hochbegabten (IQ ≥ 130) Underachiever. Die Auftretenshäufigkeit von Underachievement ist nämlich kein Rätsel, hier gibt es nichts zu schätzen.Ist das der richtige Maßstab für Kinder, die aufgrund ihrer intellektuellen Anlagen drei oder mehr Schulklassen überspringen können sollten? Eine mathematisch genauso gut fassbare Definition wäre, intellektuell gleich begabte Kinder miteinander zu vergleichen und zu prüfen, wer es bei gleichen intellektuellen Voraussetzungen in der Schule wie weit bringt - um dann zu untersuchen, welches die Gründe für besonders gute und für besonders schlechte Leistungen sind. Rost setzt meiner Meinung nach seine Messlatte vollkommen falsch an. Das erklärt den Unterschied seiner Aussagen zu den Wahrnehmungen der Betroffenen.
Kategorie: Gehirn & Geist
Freitag, 10.April 2009
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