John Rawls, kortikale Säulen und Daniel Tammet

Ich arbeite zur Zeit zwar nicht länger, aber intensiver. Deshalb bin ich Abends erschöpfter als sonst. Seit vielleicht zwei Wochen versuche ich dennoch nach der Arbeit John Rawls "Idee des politischen Liberalismus" zu lesen, aber ich komme kaum voran. Nach ein paar Seiten fallen mir die Augen zu, oder, wenn ich wach bleibe, habe ich das Gefühl, nichts Neues zu lernen, denn die Grundideen aus seiner "Theorie der Gerechtigkeit" kenne ich ja schon. In seinem zweiten, eben dem Liberalismus-Buch antwortet er in mehreren Artikeln auf die Einwände seiner Kritiker. Aber die Sprache im Buch erschließt sich mir nicht leicht, und langsam entwickle ich einen Widerwillen gegen das Buch, natürlich nicht gegen den Autor oder seine Theorie. Jedenfalls schließt sich das Zeitfenster für das Lesen; Bücher, die auf diese Weise in Ungnade gefallen sind, fasse ich meistens nie mehr an.

Die tageszeitlichen Schwankungen in der geistigen Leistungsfähigkeit sind schon gewaltig. Als ich vor ein paar Tagen schon um fünf Uhr morgens wach geworden bin, habe ich auf Anhieb ein paar sehr schwere Rätsel aus dem Buch gelöst, das auf meinem Nachttisch liegt. Rätsel der Kategorie, die ich normalerweise nicht heraus bekomme und im Lösungsteil nachschlagen muss. Es gibt ja eine Theorie der Intelligenz, die besagt, dass der Grad der Intelligenz mit der Anzahl der Dinge korreliert, mit denen jemand gleichzeitig in seinem Kurzzeitgedächtnis umgehen kann. Wenn wir als Beispiel annehmen, dass ein Mensch im müden Zustand mit vier, im ausgeschlafenen mit fünf, eine zweite Person mit fünf oder sechs und ein dritter mit sechs oder sieben Gedächtnisbausteinen jonglieren kann, dann hat der erste bei einer Aufgabe, die das gleichzeitige Arbeiten mit sechs Dingen erfordert, niemals eine Chance, der zweite nur im ausgeschlafenen Zustand. Der Dritte hingegen schafft es immer, egal wie müde er ist. C’est la vie. Jedenfalls hatte ich an diesem Morgen das beglückende Gefühl, achter Aufgaben lösen zu können.

Ein paar Tage zuvor hatte ich von einer neuen Theorie über das Einschlafen gelesen (keine Ahnung mehr, wo). Unser Gehirn ist ja in einzelnen Säulen organisiert, die jeweils eine Funktionseinheit bilden, und von einigen als der heilige Gral der Neurowissenschaften bezeichnet werden. Die Neuronen in einer Säule sind räumlich benachbart und erfüllen im Allgemeinen dieselben Funktionen, d.h. empfangen ähnliche Signale und projizieren in dieselben anderen Hirnregionen. Da die physiologische Aktivität der Zellen einer Säule am ganzen Tag ziemlich ähnlich ist und die Zellen darin aufgrund ihrer räumlichen Nähe auch gleich gut mit Sauerstoff und Nahrung versorgt werden und sich zudem gegenseitig beeinflussen, ermüden sie auch gleich. Nun will man herausgefunden haben, dass sie sich bei fortschreitender Ermüdung auch gemeinsam "abschalten", sprich die Verarbeitung und Weiterleitung von Signalen zeitgleich einstellen. Benachbarte Säulen können aber hingegen noch eine Weile weiterarbeiten.

Nach außen bemerkt man eine zunehmende Müdigkeit bei seinem Gegenüber. In seinem Gehirn bedeutet das, dass sich ein Teil seiner Neuronen bereits in die Nachtruhe verabschiedet hat und der Rest nur noch ein Sparprogramm fährt. Irgendwann sind dann zu wenige Säulen aktiv, um die Kommunikation zwischen den entfernten Teilen des Gehirns aufrecht zu erhalten, die Person verliert ihr Ich, ihr Bewusstsein, sie schläft ein. Beim Aufwachen verläuft dieser Prozess mehr oder weniger schnell in umgekehrter Richtung, bei Frühaufstehern wie mir ziemlich blitzartig, bei Spätaufstehern zieht sich dieser Prozess länger hin. Dafür quäle ich mich Abends immer ganz furchtbar, spätestens ab sieben Uhr ist bei mir im Oberstübchen nur noch die halbe Besatzung anwesend.

Wenn es dann für das Lesen eines Buches nicht mehr reicht - siehe oben - blättere ich manchmal noch ein paar Zeitschriften durch. Bei vielen Artikel kommt man auch mit dem halben Gehirn noch prima zurecht, und wenn man wider Erwarten doch noch einen interessanten Beitrag findet, dann können die aktiven Neuronen manchmal auch ihre schläfrigen Nachbarn nochmals wecken. Im Spiegel vom 2.3.2009 fand ich einen Artikel über Daniel Tammet, einen aspergerischen Savant. Er war von der ARD eingeladen worden und sollte innerhalb einer Woche die deutsche Sprache lernen. Die Sendung wurde am 2.3. ausgestrahlt. Sehr sinnig, diesen Artikel erst in der Spiegel-Ausgabe vom 2.3. zu bringen. Aber gottseidank gibt es ja sowohl bei ARD als auch ZDF eine Mediathek, in der man auch später Zugriff auf die Sendungen hat. Für so etwas zahle ich doch gern Gebühren!

Eine Einbindung als Video-Objekt hier ist mir nicht gelungen, deshalb der originale Link: http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/1641972 Die Sendung dauert 25 Minuten. Tammet ist einer von den Aspis, die ihre sozialen Fähigkeiten sehr weit entwickelt haben, was keineswegs selbstverständlich ist. Trotzdem bleibt er autistisch, viele für andere Menschen selbstverständlichen Fähigkeiten bleiben ihm verwehrt, er kann z.B. nicht Auto fahren. Aber selbstverständlich hat er in der einen Woche die deutsche Sprache so weit gelernt, dass er in deutsch mit Beckmann sprechen kann. Wer ein Gefühl dafür bekommen möchte, wie weit seine Sprachbeherrschung nach dieser einen Woche gediehen ist, der sollte sich das Ende der Sendung anschauen. Da spricht Tammet einige Sätze in Englisch, seiner Muttersprache. Die Betonung und Geschwindigkeit im Englischen entsprechen dem Deutschen, Vergleichbares findet man nur bei zweisprachig aufgewachsenen Menschen!

Tammet ist zugleich Synästhet, d.h. Zahlen rufen bei ihm zusätzliche Empfindungen von Farben und Formen hervor. Er benutzt diese Querverbindungen auch beim Sprachen lernen, weil ihm Gemeinsamkeiten von Wörtern auffallen, von denen Linguisten vermutlich nichts merken. Ich weiß von anderen Synästheten, bei den Wörter oder Farben Gerüche induzieren. Das kann für die Betreffenden äußerst belastend sein, da man diesen scheinbaren Sinneseindrücken, die aber direkt im Gehirn entstehen, nicht entfliehen kann. Normale Menschen kennen ein ähnliches Übersprechen von Empfindungen auch, häufig erinnert man sich bei einem bestimmten Geruch an ein Erlebnis, es tauchen Bilder und damit verbundene Emotionen wieder auf. Aber bei den Synästheten sind die entsprechenden Verbindungen nicht an Erinnerungen gekoppelt, sondern sehr tief in den primären sensorischen Hirnarealen verdrahtet.

Es gibt ja Wissenschaftler, die daran arbeiten, die erstaunlichen Fähigkeiten der Savants auch für normale Menschen zu erschließen. Ich bin da sehr skeptisch und ärgere mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich den platten Spruch höre "Sie nutzen nur 5% ihrer geistigen Leistungsfähigkeit!" Kann wirklich jemand glauben, die Natur hätte einen so gewaltigen Energiefresser wie unser Gehirn, das zehn mal so viel Energie verbraucht wie ein gleich schwerer Muskel, ohne einen Nutzen nicht schon lange wieder beseitigt?

Ich halte das für unmöglich. Man konnte das auch in Beckmanns Sendung sehen. Im Vergleich zu den anderen wirkte Tammet wie ein ätherisches Wesen aus einer fremden Welt. Er konnte innerhalb einer Woche eine Sprache lernen, den Quotienten aus zwei Zahlen auf hunderte Nachkommastellen ausrechnen, aber in der Welt Beckmanns, Steinbrücks und des Bankers wäre er in wenigen Tagen erledigt. Allein ihre physische Präsenz im Vergleich zu Tammet ist überwältigend. Politische Intrigen, Machtkämpfe, Postengerangel, ein ungesunder Lebenswandel, etc., Daniel Tammet würde das nicht überleben. Im Umkehrschluss bedeutet es aber, dass man für die Übernahme besonderer geistiger Fähigkeiten bei anderen einen Preis zu bezahlen hätte. Vulgo: Entweder Auto fahren oder hundert Nachkommastellen ausrechnen können. Beides zusammen geht nicht, doch man hat ja sowieso keine Wahl.

Aber immerhin ist unsere heutige Welt schon so human, dass Menschen wie Tammet oder der im Film ebenfalls angesprochene Kim Peek überleben können. Auf einer einsamen Insel würde ich jedoch einen Tammet jedem anderen Teilnehmer bei Beckmann vorziehen. Irgendwie symbolisiert er für mich mehr die eigentliche Natur des Menschen als die sogenannten Normalen.

Kategorie: Gehirn & Geist
Köppnick - 22. März, 19:05

Interview mit Daniel Tammet

Ich hatte von dem Fernsehauftritt Daniel Tammets in der gedruckten Ausgabe des Spiegels erfahren. In Spiegel Online gibt es anlässlich dieser Sendung ein Interview mit ihm: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,610651,00.html

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Kommentare hier ...

Bitte mehr davon? Aus...
Bitte mehr davon? Aus meiner Sicht auf keinen Fall,...
Köppnick - 25. Dezember, 16:53
bitte mehr davon
Nimmersatt (Gast) - 25. Dezember, 15:33
lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
la-mamma - 30. November, 19:43
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Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02