Odom

Bereits als er sie das erste Mal gesehen hatte, verliebte er sich in sie. Seitdem ging er fast jeden Tag nach Feierabend in die Bibliothek, wo sie arbeitete. Aber wenn er seine Bücher vor ihr ausbreitete, drückte sie ohne hinzusehen den Verlängerungsstempel hinein. Erst nach einem halben Jahr sprach er sie an: "Würden Sie mit mir einen Kaffee trinken gehen?" Als hätte sie nur darauf gewartet, hob sie den Kopf, sah ihn prüfend an und nickte leicht mit unmerklicher Verzögerung.

Danach ging alles sehr schnell. Bereits nach einem Vierteljahr zog sie bei ihm ein. Als junger Assistenzprofessor hatte er eine kleine bescheidene Wohnung auf dem Campus erhalten. Zu ihrer Hochzeit Ende des Jahres kamen nur wenige Gäste. Seine Eltern waren mächtig stolz auf ihren Sohn, dazu waren noch ein paar Kollegen und alte Freunde anwesend. Seine junge Frau schien keine Verwandten zu haben und er fragte sie nicht danach.

Später zogen sie in eine andere Stadt, an deren Uni er eine Berufung erhalten hatte. Am Stadtrand kauften sie sich ein eigenes Haus. Sie gab ihren Job auf, bemühte sich auch nicht um eine neue Anstellung und widmete sich in den folgenden Jahren ihrem Garten und dem Haus. Sie schien zufrieden damit und er auch, weil sie glücklich schien und ihn selbst seine Arbeit an der Uni ausfüllte. Die Ehe blieb kinderlos, obwohl er das nicht so geplant hatte.

Ihr Leben verlief überschaubar und geregelt. Zweimal im Jahr fuhren sie in den Urlaub, meist eine kürzere Städtereise und im Sommer für längere Zeit an die See. Er hatte jeden Herbst eine oder zwei Konferenzen, bei denen er alte Freunde und Fachkollegen aus der ganzen Welt traf.

Studenten altern nicht. Jedes Jahr verlassen Absolventen die Universität und werden durch Abiturienten ersetzt. So fiel es dem Professor kaum auf, dass sich auch seine Frau kaum veränderte. Zwar passte sie ihre Bekleidung derjenigen der anderen an und bekam auch einige graue Haare, aber eines Tages hatte er irritiert graues Haarfärbemittel in ihrem Bad gefunden. Er begann sie genauer zu beobachten, sprach aber mit niemandem darüber, schon gar nicht mir ihr.

Nach seiner Emeritierung verfiel der Professor schnell. Für ihn war es eine enorme Umstellung, sich an das eintönige Leben zu Hause zu gewöhnen, während die Monotonie seine Frau nicht zu stören schien. Als Rentner unternahmen sie zwar noch ihre regelmäßigen Reisen, aber nach wenigen weiteren Jahren ging es nun doch mit ihm zu Ende. Fiebernd lag er auf dem Bett. Sie hatte die Vorhänge zugezogen, saß auf einem Stuhl vor seinem Bett und tupfte ihm geduldig den Schweiß von der Stirn.

Wäre er in der Lage gewesen, zum Fenster zu gehen, die Gardinen aufzuziehen und ins Freie zu schauen, dann hätte er einen äußerst befremdlichen Anblick gehabt. Bis zum Horizont erstreckte sich eine Ebene, in verschiedenen Grautönen, unruhig wie das Meer, brodelnd und Blasen werfend. Die benachbarten Gebäude waren verschwunden, auch der Garten. Der graue Schaum reichte bereits bis zum Haus und begann an den Wänden aufzusteigen. Über der Ebene war etwas zu sehen, das man vielleicht als Auge interpretiert hätte, wenn nicht seine riesiges Ausdehnung jegliche Wahrnehmung unmöglich machen würde.

Im Halbdunkel des Zimmers drückte sich der Professor ein letztes Mal mit beiden Armen aus dem Bett nach oben. "Wer bist du?", fragte er seine Frau, die ihn mit ruhigem Blick und genauso wie immer ansah. "Wer bist du, eine Maschine?" Ihr Blick war nachdenklich. Wer sie in den letzten Jahren genauer kennen gelernt hatte, erkannte in der kurzen Verzögerung, bis sie seine Frage mit einem leichten Nicken beantwortete, etwas Vertrautes. "Ja, ich bin eine Maschine. So kannst du es vielleicht am einfachsten verstehen." Auf sein kaum noch wahrnehmbar gehauchtes "Warum?" musste sie ihm bereits keine Antwort mehr geben.

Das Haus zerfloss jetzt selbst. So wie es seine Konturen verlor, verblassten die Farben der Wände, Fenster und Türen. Wie eine Kerze, die in einen Topf mit heißem Wachs gestellt wurde, zerschmolzen Wände, Decken und Türen und die gesamte Einrichtung; auch die einstigen Bewohner verloren nun ihre Form und wurden eins mit dem Schaum, der sich nur langsam beruhigte, am Ende aber doch eine glatte Fläche bildete.

Ab und zu hätte ein Zuschauer einen helleren Schein zu erkennen vermocht oder einen flüchtigen Schatten, und wenn jener lange genug in das Grau gestarrt hätte, wären auch kleine Farbnuancen zu erkennen gewesen und das Brodeln hätte vielleicht von Neuem begonnen oder zuvor sogar niemals geendet. Aber der letzte Beobachter hatte ja soeben diese Welt verlassen. So würde nun wohl eine unendlich lang währende Zeit nichts mehr geschehen, bis jede Erinnerung verloren war und alles von Neuem beginnen konnte.

Kategorie: Köppnicks Welt
rosmarin (Gast) - 18. März, 18:09

grande !

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Kommentare hier ...

Bitte mehr davon? Aus...
Bitte mehr davon? Aus meiner Sicht auf keinen Fall,...
Köppnick - 25. Dezember, 16:53
bitte mehr davon
Nimmersatt (Gast) - 25. Dezember, 15:33
lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
la-mamma - 30. November, 19:43
Ich möchte Ihnen...
Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02