Anthropische Prinzipien

Nachdem ich über das Darwin-Video auf die Darwin-Jahr-Seite gestoßen bin, die von der Giordano Bruno Stiftung betrieben wird, habe ich einige Texte dort gelesen, unter anderem den Artikel Kein Wunder, dass wir existieren. Dieser Artikel setzt sich mit dem Wunder unserer Existenz auseinander ("Warum ist nicht nichts?).

Dem Schöpfungsmythos werden die anthropischen Prinzipien entgegengesetzt, die Formulierung im Artikel ist zur aktuellen Wikipediaversion identisch:
Allgemeines anthropisches Prinzip:
Was wir zu beobachten erwarten können, muss eingeschränkt sein durch die Bedingungen, welche für unsere Gegenwart als Beobachter notwendig sind.
Schwaches anthropisches Prinzip:
Wir müssen vorbereitet sein, die Tatsache in Betracht zu ziehen, dass unser Ort im Universum in dem Sinne notwendig privilegiert ist, dass er mit unserer Existenz als Beobachter vereinbar ist.
Starkes anthropische Prinzip:
Das Universum (und deswegen die fundamentalen Parameter, von welchen es abhängt) muss derart sein, dass es die Entstehung von Beobachtern in ihm in manchen Phasen erlaubt.
Man kann sich diese ziemlich verklausulierten Sätze vereinfachen, indem man formuliert, dass es uns
  1. nicht wundern sollte, wenn wir beobachten, dass unsere Umgebung lebensfreundlich ist, weil es uns sonst nicht gäbe - allgemeines Prinzip,
  2. dass das vielleicht nicht überall im Universum so sein muss und selten ist - schwaches Prinzip - und
  3. das Universum als Ganzes solche Eigenschaften haben muss, die solche Bedingungen zumindest zeitweise herstellt - starkes Prinzip.
Wie in dem Artikel erläutert wird, unterscheiden sich das schwache und das starke Prinzip in ihrem Bezug auf die Gültigkeit der Naturgesetze und Naturkonstanten. Beim schwachen Prinzip werden diese Gesetze als gegeben angenommen und die Wahrscheinlichkeit der Entstehung intelligenten Lebens untersucht. Hierzu tragen sehr verschiedene Wissenschaften bei. Man erkennt das sehr schön an der Drake-Gleichung, weil die Wahrscheinlichkeit intelligenten Lebens von kosmologischen, biologischen, kulturellen (hier fällt mir kein besseres Wort ein) und technologischen Wahrscheinlichkeiten abhängt. Wenn alle diese Wahrscheinlichkeiten zwar klein aber größer als Null sind, dann genügt ein genügend großes und genügend lange existierendes Universum, um mit Sicherheit intelligentes Leben hervorzubringen, ohne dazu ein Wunder zu benötigen.

Die Untersuchung der Konsequenzen des starken Prinzips beschäftigt sich mit den Naturgesetzen und vor allem den fundamentalen Naturkonstanten selbst. Es fällt auf, dass die berechneten Wahrscheinlichkeiten für die Existenz von Sternen, Planeten usw. sehr stark davon abhängen, dass die Naturkonstanten genau die Werte besitzen, die sie heute haben. Bereits kleine Abweichungen führen dazu, dass bestimmte Voraussetzungen für uns bekanntes Leben (wir kennen ja nur unser eigenes) nicht mehr erfüllt sind. Die zentrale Frage also: Wie wahrscheinlich sind "unsere" Werte der Naturkonstanten? Im Artikel findet man die folgende Grafik mit den als fundamental geltenden Konstanten:


Ein zentrales Anliegen auf der Suche nach der Theory of Everything ist es, dass sich in dieser Theorie auch die heutigen Werte der Konstanten quasi automatisch als die "richtigen" ergeben oder wenigstens sehr wahrscheinlich und nicht willkürlich gesetzt sind und außerhalb der Theorie erklärt werden müssen.

Das starke anthropische Prinzip ist unter Wissenschaftlern nicht so "beliebt" wie das schwache:
Wenn wir auch mit dem anthropischen Prinzip erklären können, dass wir zwangsläufig in einer Welt leben müssen, die aufgrund ihrer Naturgesetze und ihrer Naturkonstanten intelligentes Leben erlaubt, so bleibt dennoch die Frage, woher die Naturgesetze und die Naturkonstanten kommen. Muss es nicht doch jemanden geben, der sie gemacht hat und auf die Entstehung des Menschen Ziel gerichtet aufeinander abgestimmt hat? Theologen reden hier von einer wunderbaren Feinabstimmung der Naturkonstanten, die nach ihrer Meinung kein Zufall sein kann.

Einige Physiker, wie z.B. Stephen Hawking glauben, dass es gar keine bestimmten Naturgesetze gibt, sondern dass es eine unendlich große Zahl von Welten gibt, mit unterschiedlichen, beliebigen Naturgesetzen. In gewisser Weise betrachten diese Physiker das Universum wie ein Quantengebilde, das gleichzeitig in mehreren parallelen Zuständen existiert. Jedes Universum hat eigene Naturgesetze und Naturkonstanten. Die moderne Superstringtheorie stützt diese These. Nehmen wir einmal an, es gäbe eine Vielzahl von Universen mit unterschiedlichen Naturgesetzen und Naturkonstanten, so würden nur die Universen als solche erkannt werden, die intelligentes Leben hervorgebracht haben. Ob es Universen gibt, die unbewohnt sind, ist naturwissenschaftlich nicht zu beantworten, da solche Universen naturwissenschaftlichen Beobachtungen und Messungen prinzipiell nicht zugänglich sind.

Es können also grundsätzlich nur solche Universen wahrgenommen werden, deren Naturgesetze und Naturkonstanten so angelegt sind, dass intelligentes Leben entsteht. Damit hätten die Naturgesetze und die Naturkonstanten keine bestimmte Ursache, sondern wären letztlich Folge von Zufällen. Selbst wenn es mehrere Paralleluniversen geben sollte, die von intelligenten Wesen bevölkert sind, so wäre eine gegenseitige Wahrnehmung wahrscheinlich nicht möglich. Denn diese Universen stehen womöglich nicht in kausalem Zusammenhang miteinander und mit unserem eigenen Universum. Der Begriff „parallel“ ist hier im naturwissenschaftlichen Sinn auch nicht definierbar, denn andere Universen hätten weder zeitlich noch räumlich irgendeinen Bezug zu unserem Universum. Es stellt sich damit hier die Frage, ob das starke anthropische Prinzip noch als wissenschaftliche Hypothese gewertet werden kann. Allerdings kann man nicht ausschließen, dass die modernen Theorien der Superstringtheorie oder der Schleifenquantengravitation zu überprüfbaren Aussagen führen, die dann zumindest die Existenz von Paralleluniversen plausibel machen könnten.
In der Tat hat man damit den Bereich der Naturwissenschaften verlassen und betreibt Metaphysik, wenn man a) von uns unbeobachtbare Universen postuliert und b) Universen, die keine Beobachter enthalten. - Hier kommt man auch ganz von selbst zu einer Version des anthropischen Prinzips von John Wheeler, der die Existenz von Beobachtern zu einer Voraussetzung für die Existenz eines Universums macht - was nicht beobachtet wird, existiert nicht.
Von den meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern werden die beiden mathematischen Konstanten [e und pi] als noch grundlegender als die Naturkonstanten angesehen, da sie unabhängig von den Naturgesetzen existieren. Selbst wenn es eine Vielzahl von Paralleluniversen gäbe mit unterschiedlichen Naturgesetzen und Naturkonstanten, so müssten wir dennoch davon ausgehen, dass die mathematischen Konstanten immer die gleichen Werte hätten. Diese Aussage ist aber nur eine Vermutung, denn es ist keine Möglichkeit abzusehen, dies zu überprüfen.

Der Physiker John Archibald Wheeler geht nun noch einen Schritt weiter und formuliert das allgemeine anthropische Prinzip folgendermaßen:

"Beobachter sind notwendig, um das Universum zu erzeugen."

Diese Formulierung ist der philosophischen Position des Konstruktivismus zuzuordnen. Grundlage dieser Form des anthropischen Prinzips ist die so genannte Kopenhagener Deutung der Quantentheorie. In dieser Deutung wird die quantenmechanische Wellenfunktion durch einen bewussten Beobachter zu einer messbaren Größe reduziert. Danach spielt also der Beobachter selbst eine wesentliche Rolle in der physikalischen Beschreibung der Welt. Eine weitere sehr spekulative Form des anthropischen Prinzip ist das von Barrow und Tipler formulierte „endgültige anthropische Prinzip“ (engl. Final Anthropic Principle, abgek. FAP):

"Intelligente Informationsverarbeitung muss im Universum entstehen, und, wenn sie einmal entstanden ist, wird sie niemals aussterben."

Wegen ihrer Unbeweisbarkeit wird diese Version von den meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als unwissenschaftlich bezeichnet und damit abgelehnt.
An den zitierten Abschnitten finde ich drei Aussagen interessant:
  1. Den mathematischen Konstanten wird (vielleicht) eine umfassendere Existenz zugebilligt, als es der Geltungsrahmen der Physik zulässt. Es sind aber nicht die Konstanten selbst das eigentlich Bemerkenswerte, sondern sie ergeben sich ja aus Zusammenhängen in mathematischen Konstrukten. Und deren Übertragung auf die Physik ist höchst interessant: e wird benötigt, um in der Zeit verlaufende (Ausgleichs-)Vorgänge, pi um Raumeigenschaften und zeitlich periodische Abläufe zu beschreiben. Haben Raum und Zeit eine über die Materie hinausgehende (=objektive) Existenz - etwas, dass die Physik im Rahmen der Relativitätstheorie und der Quantentheorie eigentlich schon verneint hatte?
  2. Teleologische Aussagen werden von den Naturwissenschaften stets als unwissenschaftlich verworfen, weil sich Selbstorganisations- und evolutionäre Prozesse sehr gut mit Zufallsprozessen als Ursachen beschreiben lassen. Es ist nur höchst merkwürdig, dass dergestalt evolutionäre Prozesse immer dazu führen, dass die entstehenden Systeme besser in ihre Umwelt passen - das ist doch Teleologie per se?
  3. Der Terminus "unwissenschaftlich" wird von vielen (Wissenschaftlern) mit "nicht existent" gleichgesetzt. Doch streng genommen bedeutet er lediglich die Aussage, dass dem entsprechenden Ding mit wissenschaftlicher Methodik nicht beizukommen ist. Über die Existenz des Dings oder Vorgangs oder des ??? sagt das eigentlich nichts aus.
Zusammenfassend können wir sagen, dass die zum Teil geringen Wahrscheinlichkeiten der einzelnen Faktoren, die zur Entwicklung des Menschen auf der Erde geführt haben, kein Argument für einen Schöpfer sind. In einer unendlich großen Welt oder in einer Welt mit unendlich vielen Paralleluniversen werden noch so geringe Wahrscheinlichkeiten durch die unendliche Menge der Möglichkeiten kompensiert. Der Zufall reicht damit zur Erklärung unserer Existenz vollkommen aus. Dies ist zwar kein Beweis gegen die Existenz eines Schöpfergottes, aber es macht ihn restlos überflüssig.
Ich glaube zwar auch nicht an die Existenz Gottes (Oder glaube ich an die Nichtexistenz Gottes? Welcher feine Unterschied!), aber den letzten Satz hätte ich so nicht formuliert. Besser wäre ein wenig mehr Bescheidenheit, so wie oben in Punkt 3: Mit wissenschaftlicher Methodik kann man nichts über einen Gott herausfinden, sondern muss sich mit dem Zufall als der Mutter aller Prozesse begnügen.

Kategorie: Physik
Peter42 - 28. Februar, 19:51

Ziellos/zielgerichtet

Es ist nur höchst merkwürdig, dass dergestalt evolutionäre Prozesse immer dazu führen, dass die entstehenden Systeme besser in ihre Umwelt passen - das ist doch Teleologie per se?
Dem würde ich deutlich widersprechen. Der dynamische evolutionäre und der statische teleologische Prozess stehen sich diametral gegenüber.

Ob der evolutionäre Prozess das Optimum erreichen kann, wird dadurch entschieden wie gleichverteilt der Zufall ist und welche Güte die Selektion aufweist. Ist der Prozess nicht gleichverteilt, kann das Optimum möglicherweise nicht erreicht werden (was in der Natur eher nicht der Fall ist, geeignet genug reicht). Ist die Selektion nicht geeignet, werden die unpassenden Lösungen vielleicht nicht verworfen (Selektion klappt in der Natur ziemlich zuverlässig, kleinst Vorteile reichen in ruhigem Fahrwasser). Ein höchst dynamischer Vorgang, der von den zwei Parametern bestimmt wird.

Teleologie setzt für mich voraus, dass der "Designer" entweder Erfahrungen gesammelt hat, die er anwendet oder die nötigen Informationen aus dem Aufbau der Umgebung per Regel bezieht. Der dynamische Vorgang liegt also zum Zeitpunkt des Designs in der Vergangenheit. Der Unterschied ziellos/zielgerichtet ist damit eindeutig bestimmt.

Das ist alles trivial, weshalb ich nicht glaube, dass du dies anders siehst. Aber warum hälst du dann einen evolutionären Vorgang für Teleologie?

Köppnick - 1. März, 17:53

Spätestens mit dem Auftreten der ersten bewussten Beobachter ist Zielgerichtetheit im Universum vorhanden. Wir haben Vorstellungen über unsere Zukunft und steuern unsere eigene Entwicklung, weil wir uns unserer selbst bewusst geworden sind. Ob man so weit gehen kann wie Tipler und Barrow, dass *unsere Art* von Informationsverarbeitung niemals mehr verschwinden wird, bezweifle ich. Aber zunächst bedeutet es, dass wir das Problem der Zielgerichtetheit von Entwicklungsprozessen nur dort untersuchen müssen, wo es solche Beobachter (noch) nicht gegeben hat. Wir nehmen ja an, dass es eine Zeit im Universum gegeben hat, wo solche noch nicht existiert haben. Sicher wissen können wir das aber nur von Intelligenzen, die so aufgebaut sind wie wir.

Mich hat lange das Problem emergenter Vorgänge beschäftigt. Woher stammen die neuen Eigenschaften, die im Laufe eines evolutionären Prozesses entstehen? Christopher Langan antwortet hier ganz lakonisch (und tautologisch), dass diese Möglichkeiten in der Realität bereits drin gesteckt haben müssen ohne bemerkbar zu sein, weil sie noch nicht realisiert worden waren.

Wenn wir einen evolutionären Vorgang wissenschaftlich untersuchen, dann finden wir einen zufallsgetriebenen Prozess, mit dem irgendeine noch nicht besetzte Nische ausgefüllt wird - just mit den Systemen, die zu den Eigenschaften dieser Nische am besten passen. Für mich ist das merkwürdig und eine Variante der Frage "Warum ist nicht nichts?". Ich habe Verständnis dafür, dass Wissenschaft sagt, dass das nicht wissenschaftlich ist, weil da nichts zu falsifizieren ist, aber das schafft diese Frage trotzdem nicht aus der Welt.

Ich glaube, dass der Begriff Teleologie so verpönt ist, weil er in der Nähe von Intelligent Design gerückt wird und das wiederum in die Nähe von Schöpfergott und Kreationismus. Er scheint mir in dieser Auseinandersetzung semantisch verbrannt worden zu sein. Vielleicht verbinden andere auch andere Vorstellungen damit, ich formuliere es für mich so: Die Realität (=die Natur) enthält die Möglichkeit der Existenz bewusster Wesen. Und weil sie zugleich über einen Prozess zur Erzeugung dieser Wesen verfügt, entstehen diese auch mit Sicherheit. Das Auftreten bewusster Wesen ist also kein Zufall, sondern gesetzmäßig. Wieder zurück zu Langan: Diese Möglichkeiten steckten in der Realität (=dem Universum) von Anfang an drin. Wenn man das abstreitet, hat man das Problem zu erklären, wie diese Eigenschaften später ins Universum gekommen sind - Langans magisches Kaninchen.

Das das auch *theologisch* ausgeschlachtet werden kann, kann nicht als Argument dagegen verwendet werden.
Peter42 - 1. März, 21:59

Damit bist du aber nicht auf meinen Kommentar eingegangen. Ich dachte ich hätte den Unterschied zwischen ziellos und zielgerichtet deutlich gemacht. Ich kann mir nur vorstellen, dass wir den Begriff teleologisch unterschiedlich definieren. Die Anlage eines Ergebnisses durch die Randbedingungen ist kein Argument, da der Weg zum Ziel interessiert, nicht das Ergebnis (s. z.B. kongruente Entwicklung des Auges bei Säugetieren und Tintenfischen).
Köppnick - 1. März, 22:49

Implizit bin ich durchaus darauf eingegangen - u.a. darin, dass wir offensichtlich Teleologie unterschiedlich auffassen. Wir stimmen darin überein, dass es keinen Designer gibt, der *vorher* Erfahrungen gesammelt hat - oder genauer, dass wir darüber keine sinnvollen Aussagen gewinnen können. (Vorher und außerhalb sind unmögliche Konstrukte für die Realität.)

Dein Beispiel von ziellos und zielgerichtet überzeugt mich nicht. Als Beispiel kann man eine Monte-Carlo-Simulation nehmen. Hier läuft ein Zufallsprozess (ziel-los, eine Art Mutation), aber das gewünschte Ziel ist bekannt und wird so gefunden (ziel-gerichtet). In unserem Fall: Eine bestimmte Nische soll besetzt werden. Konzentriert man sich auf die Untersuchung des Prozesses, sieht man wieder nur den zufälligen Charakter. Aber die Möglichkeit der Lösung steckte von Anfang an drin, sonst hätte sie ja nicht gefunden werden können. Das ist, wenn man so will, auch trivial. Ich glaube, es ist nur ein semantischer Dissens.

Wenn das Auge nicht wieder so ein verbranntes Beispiel wäre könnte man auch damit argumentieren: Die evolutionären Prozesse, die bei verschiedenen Tieren stattgefunden haben, waren bei ihnen unterschiedlich, z.B. könnten die Augen auf verschiedenen Genen auf unterschiedlichste Weise kodiert sein. Aber die gefundene Lösung ist sehr ähnlich, weil sie sich auf die Aufgabe und die zur Verfügung stehenden Naturgesetze bezieht. Die Lösung steckt also in der Realität (der Natur) bereits drin, bevor sie gefunden wurde.

In einem höheren Sinn kann man überhaupt nichts erfinden, was nicht als bloße Möglichkeit schon existieren würde. Woher sollte etwas kommen, das unmöglich ist? Teleologie ist also für mich, dass mögliche Lösungen mit Sicherheit gefunden werden, wenn Raum und Zeit für den Suchprozess ausreichen.
Metepsilonema - 3. März, 23:46

Ich habe mich an dem selben Punkt wie Peter gestoßen. Zielgerichtet heißt für mich, dass ein Prozess von Anfang an auf ein Ziel ausgerichtet ist, und nicht dass er mögliches produziert. Auf das Augenbeispiel bezogen, heißt das, dass Augen zwar möglich sind, aber nicht als Ziel der Evolution herhalten können, die Evolution hat ja nicht nur Lebewesen mit Augen hervorgebracht. Ein anderes Beispiel, das ich für vertrackter halte: Wir beobachten im Evolutionsprozess eine generelle Entwicklung zu mehr Komplexität (natürlich gibt es sekundäre Vereinfachungen, aber das ist nicht der Regelfall): Moleküle, Zellen, lose Zellkolonien, erste Vielzeller, etc. Hier könnte man tatsächlich fragen, ob Entwicklung zu mehr Komplexität notwendiges Ziel des Evolutionsprozesses ist. Zufall hin, Zufall her, der ändert daran eigentlich nichts.
Köppnick - 4. März, 16:45

@Metepsilonema

Vielleicht ist "Zielgerichtetheit" wirklich der falsche Begriff, weil er Intentionalität impliziert. Augen sind aber kein Ziel, sondern die Lösung eines Problems unter Ausnutzung der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Und offensichtlich für den ganzen Prozess so naheliegend, dass sie gleich mehrfach "erfunden" wurden.

Die Beobachtung von größerer Komplexität könnte ein typisches Beispiel des anthropischen Prinzips sein, also nur für eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort geltend. Tatsächlich war das Universum am Anfang sehr uniform und diese Komplexität wird, wenn die kosmologischen Modelle stimmen, irgendwann auch wieder verschwinden, d.h. das Universum wieder gleichförmig und langweilig werden. (Ich glaube es aber nicht so recht, vermutlich sind diese Modelle falsch.) Im Mittel nimmt die Entropie ständig zu, und diese komplexen Systeme (also wir) erhalten und erhöhen unsere Komplexität, indem wir die Entropie außerhalb von uns überproportional steigern.

Der Zufall ist aber unbedingt notwendig, sonst funktioniert Evolution ja nicht.
Metepsilonema - 8. März, 21:29

Ja, natürlich!

Die Evolution ist beides, Zufall und Notwendigkeit, wie Monod so schön formulierte.
ostfriese - 3. März, 14:18

Hallo!

Wir haben gestern ja bereits bis zum Rauswurf (ts-ts-ts, heißt der Laden nicht "Kavalier"?) über Gott und die Welt diskutiert -- dieser Kommentar dient in erster Linie als Beleg dafür, dass ein gewisser Bierdeckel unbeschadet in Eisenach angekommen ist.

Ist evolutionäre Anpassung mit gezieltem Problemlösen vergleichbar?

Es mag so aussehen, als suchten evolvierende Systeme die naturgesetzlich als Möglichkeiten angelegten Nischen früher oder später unweigerlich auf. (Und in dem Fall könnte man geneigt sein, hinter der Summe dieser Möglichkeiten einen Plan zu wittern; doch wenn geschieht, was naturgesetzlich geschehen musste, bedeutet das noch nicht, dass es geschehen sollte.)

Ich bestreite aber, dass dies so ist. Die allermeisten der naturgesetzlich möglichen Nischen öffnen und schließen sich, ohne je erschlossen zu werden, semiperfekte Formen boxen sich zufallsgesteuert ihre Lebensräume frei, bevor sie an ihren Konstruktionsfehlern, an überlegener Konkurrenz oder irgendwelchen Katastrophen zugrunde gehen. Die Evolution steckt voller "Irrtümer" und Sackgassen. Und gerade wir Menschen, die wir uns so lange für die Krone und das Ziel aller Schöpfung hielten, befinden uns doch in einem bejammernswerten Übergangsstadium. Kaum haben wir uns hinreichend erfolgreich den Erfordernissen eines Lebens als Jäger und Sammler angepasst, werden viele dieser Fähigkeiten obsolet, und wir kauern mit Rückenschmerzen vor Computer-Monitoren.

Wenn also hinter den in der Realität angelegten Möglichkeiten ein ursprünglicher Plan steckt, so ist dieser noch in keiner Hinsicht jemals aufgegangen -- der Zufall hat jedes etwaige Ziel getilgt.

PS.: Wenn es unserem fiktionalen Schöpfer gelingt, den prächtigen Amurtiger überleben zu lassen, dann können wir uns über das Thema nochmal unterhalten ... :-)

PPS.: Über die Frage, ob Zufall die Realität formt, oder ob er nur in den mathematischen Modellen vorkommt, mit denen wir die Welt zu beschreiben versuchen, können wir nur spekulieren. Ich persönlich glaube, dass der (unerkennbare, informationslose) Zufall so etwas wie der weiche, fransige Saum der (erkennbaren, informationsgeladenen) Realität ist.

Köppnick - 3. März, 19:10

Auch Hallo!

Die Nischen unterliegen genauso Zufallsprozessen und Wechselwirkungen. Unter diesem Aspekt ist die Unterscheidung in evolvierende Systeme, die sich an irgend etwas anpassen und ihrer Umwelt ein Bestandteil unserer Modellbildung: Die Nischen als unbelebt und sich langsam verändernd im Bezug zur Biologie. Aber wenn wir auch hier die bewussten Beobachter hinzunehmen, könnte sich das Verhältnis sogar umkehren: Die Veränderungen, die wir an unseren "Nischen" vornehmen sind schneller als unsere eigene biologische Evolution.

So ganz informationslos ist der Zufall nicht, weil er ja Beschränkungen unterliegt und Wahrscheinlichkeitsaussagen erlaubt. Für mich ist der Zufall ein Bestandteil der uns möglichen Modelle. Innnerhalb der Modelle ist er echt (siehe die Bellsche Ungleichung). Aber so ist das halt: Ein Teilsystem kann nicht die vollständige Informationsmenge erfassen. Was außerhalb liegt, muss immer als Zufall (oder als Wunder ;-) ) erscheinen. Je kleiner oder vom Ganzen separierter ein Teilsystem ist, umso größer sind die Zufallskomponenten - weil der Abgleichbedarf mit dem Rest des Universums größer ist.
ostfriese - 3. März, 21:44

'n Abend!

Deinem umkehrbaren Anpassungs-Modell stimme ich zu. So war oben auch das "Freiboxen von Lebensräumen" gemeint.

Zum zweiten Absatz: Die Informationsmenge, die ein Teilsystem fasst, kann durchaus hinreichen, um Strukturen umfangreicherer Systeme abzubilden. Dies hängt bekanntlich davon ab, auf welcher Ebene das System beschrieben wird. Für die erreichbare Genauigkeit ist auch nicht unbedingt 'Zufall' der limitierende Faktor.

Wenn unsere besten physikalischen Modelle adäquat sind, dann ist er's aber auf subatomarer Ebene. Wir sind, um Erkenntnis vollziehen zu können, auf informationsverarbeitende Systeme angewiesen. Deren Auflösungsvermögen ist durch das Plancksche Wirkungsquantum begrenzt. Wenn in der Realität feinere Übergänge vorkommen, so sind hierüber keine direkten Aussagen möglich, da zur Identifikation von Strukturen auf unterscheidbare Zustände abgebildet werden muss.

Wir versuchen den Zufall mit kontinuierlichen wahrscheinlichkeitstheoretischen Modellen zu erfassen. Jede experimentelle Beobachtung aber, die sich mit den Vorhersagen eines solchen Modells deckt, setzt Realisierungen von 'Seinstendenzen', Distinktionen (mindestens zwischen Existenz und Nichtexistenz) voraus. Aus den auf dieser Ebene gewinnbaren Informationen lassen sich keine 'strukturellen' Informationen über den Zufall rekonstruieren. Wenn es solche 'Informationen' gibt, dann sind sie für informationsverarbeitende (binär darstellbare) Systeme nicht verwertbar und verdienen meines Erachtens ihren Namen nicht. Deshalb charakterisierte ich den Zufall als "informationslos".

Das heißt ontologisch, dass ich die Realität nicht für scharf abgegrenzt halte; der Übergang zwischen Existenz und Nichtexistenz, zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit ist vielmehr 'fuzzy'.

Was wiederum keineswegs bedeutet, dass hiermit Platz geschaffen wäre für intelligente Designer oder einen geheimen Evolutionsplan, ganz im Gegenteil. Nach meiner Auffassung wäre das Nichtausgeschlossensein von Möglichkeiten bereits gleichbedeutend mit der realen Existenz von irgendetwas (anstelle eines 'Nichts'). Da offensichtlich nicht alle Seinsmöglichkeiten ausgeschlossen sind/waren, bedarf/bedurfte es also keiner ontischen Initiation.
Metepsilonema - 3. März, 23:54

@Ostfriese

Popper hat die Evolution tatsächlich als Problemlösen, und zwar durch Versuch und Irrtum, verstanden (eines seiner letzten Bücher trägt den Titel "Alles Leben ist Problemlösen").
Köppnick - 4. März, 16:34

@Ostfriese

Man kann den Zufall in Bezug auf das Verhältnis zwischen einem System und seiner Umgebung auch wie folgt interpretieren: Die Informationsmenge, die innerhalb eines Systems vorhanden sein kann, ist begrenzt. Die theoretische Grenze ist die Bekensteingrenze, praktisch dürfte es viel weniger sein, da ein "normales" System weniger Materie als ein schwarzes Loch enthält.

Tritt dieses System in Wechselwirkung mit seiner Umwelt, d.h. einem größeren System, dann ist dessen Informationsmenge automatisch größer, da das größere System das kleinere enthält. Das kann innerhalb des kleineren aufgrund der geringeren Informationskapazität nur vergröbert verarbeitet werden. Eine Möglichkeit davon ist die statistische Beschreibung, die ja bereits einen Wechsel der Beschreibungsebene bedeutet.

Wenn man so will, ist das das naturwissenschaftliche Analogon zu Gödels Unvollständigkeitssatz. An die größte Matrjoschka kommen wir nicht ran, jede, die wir untersuchen, steckt in einer noch größeren drin.
ostfriese - 4. März, 17:32

@Köppnick

Das macht aber nichts, wenn es uns nur auf hinreichend adäquate Beschreibungen ankommt.

Außerdem: Wirklichkeitserkenntnis ist zwar immer projektiv und damit informationsreduzierend. Dies ist aber nur für den Test von Theorien relevant, nicht für ihre Deduktion.

Es könnte von der Natur durchaus vollständige Theorien geben (Physiker suchen ja fieberhaft danach), die alle nötigen (Re-)Konstruktionprinzipien enthalten. Nur hieße das eben nicht, dass die verfügbare 'Substanz' ausreichen würde, eine solche Re-(Konstruktion) auch durchzuführen.

Mit anderen Worten: Wir könnten ihre Vollständigkeit nicht empirisch verifizieren. Gödel lässt grüßen...

Trackback URL:
http://kwakuananse.twoday.net/stories/5548181/modTrackback

Kommentare hier ...

Bitte mehr davon? Aus...
Bitte mehr davon? Aus meiner Sicht auf keinen Fall,...
Köppnick - 25. Dezember, 16:53
bitte mehr davon
Nimmersatt (Gast) - 25. Dezember, 15:33
lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
la-mamma - 30. November, 19:43
Ich möchte Ihnen...
Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02