Robert Oxnam: Ich bin Robert, Wanda und Bobby
Viele Menschen werden sich über die Kontextabhängigkeit ihres Verhaltens wenig Gedanken machen, aber wenn man sich selbst beobachtet, dann kann man sehr leicht feststellen, dass man in jeweils unterschiedlichen Situationen vollkommen anders agiert. Gegenüber seinem Partner, seinen Kindern, Freunden, Arbeitskollegen und völlig Fremden spricht und handelt man jeweils unterschiedlich. Wahrscheinlich fällt es einem aus zwei Gründen im Alltag so wenig auf:
- Den meisten anderen Menschen begegnet man immer nur in einem einzigen Kontext, sie sind entweder Kind oder Freund oder Arbeitskollege oder Fremder. Das heißt, sie zeigen einem gegenüber immer ähnliches Verhalten.
- Und, wahrscheinlich noch wichtiger, man hat selbst zu seinen eigenen Rollen in Form von Erinnerungen und Antizipationen stets einen weitgehend ungehinderten Zugang.
Für Menschen mit einer gespaltenen Persönlichkeit sind die Pronomen "ich" und "wir" manchmal sehr verwirrend. Ich habe Ihnen erzählt, dass wir zwischenzeitlich zu elft waren. Heute sage ich Ihnen voller Stolz, dass wir die Anzahl in einem Integrationsprozess auf drei reduzieren konnten. Wir verbleibenden drei - Robert, Wanda und Bobby haben gemeinsam beschlossen, dieses Buch zu schreiben.Vieles im Buch würde einem vollkommen unglaublich und unglaubhaft erscheinen, wäre nicht von Anfang an klar, dass Robert Oxnam ein real existierender und sehr erfolgreicher Mann ist. Er war lange Jahre Vorsitzender der Asiengesellschaft der USA und als solcher Berater der beiden Präsidenten George Bush und Bill Clinton. Er hat nach seinem Ausscheiden aus dieser Gesellschaft als Professor in den USA und in China gelehrt. Er war verheiratet und hat zwei Söhne. Seine erste Ehe wurde wegen dieser seiner persönlichen Probleme geschieden. Jetzt ist er wieder verheiratet.
Doch werden unsere Leser die Geschichte glauben? Darüber haben wir uns eine Zeit lang große Gedanken gemacht. Wir haben geschworen, alles so genau wie möglich zu erzählen und jede innere Persönlichkeit für sich selbst sprechen zu lassen. ... Menschen, die aus nächster Nähe Zeugen unserer multiplen Persönlichkeiten waren, haben unsere Erinnerungen geprüft. Mehr konnten wir nicht tun. Das abschließende Urteil, ob die Geschichte glaubwürdig ist, bleibt Ihnen überlassen.Alles was unser Verhalten ausmacht, muss eine Entsprechung im Gehirn haben, die sogenannten neuronalen Korrelate. Wenn man nur über ein Selbst verfügt (oder genauer, wenn man daran glaubt, über nur eines zu verfügen ;-) ), dann muss dieses ungehinderten Zugriff zu allen bewussten Inhalten haben. Wenn in einem Gehirn mehrere Bewusstseine nebeneinander existieren und abwechselnd dominieren, dann muss dieser Mechanismus gestört sein.
Robert Oxnam hatte sich zunächst in psychiatrische Behandlung begeben, weil er das Gefühl hatte, seine Alkoholabhängigkeit und seine Bulimie nicht mehr allein in den Griff zu bekommen und kurz vor einem Selbstmord stand, außerdem litt er an Gedächtnisausfällen. Dass in seinem Körper mehrere Persönlichkeiten "zu Hause" sind, wurde eher zufällig entdeckt, als ein solcher Persönlichkeitswechsel während einer Sitzung beim Psychoanalytiker auftrat.
An einigen Stellen fällt es einem wirklich sehr schwer die Geschichte zu glauben, weil sie sehr viele phantastische Elemente enthält. Zu den elf Personen gehören ein Auge, eine Hexe, ein Baby, ein kleiner Junge, ein Halbwüchsiger. Man lebt zusammen in zwei Burgen, wobei sich einige Personen einsperren und gegenseitig schlagen. Manche Personen können die Burgen verlassen, andere nicht. Aber diese phantastischen Elemente lassen sich bis zu einem gewissen Punkt klären. Im Verlauf der Geschichte ergibt sich als Ursache aller Störungen ein Missbrauch im frühen Kindesalter.
Um diese furchtbaren Ereignisse zu verdrängen und zu vergessen und gleichzeitig den hohen Erwartungen der Eltern und Großeltern gerecht zu werden, fand wohl die erste Abspaltung und das damit ermöglichte Verdrängen von Gedächtnisinhalten statt, das Baby blieb zurück. Das Auge ist ein Bild für eine übergeordnete Instanz, über die eben doch alle Teilpersönlichkeiten Zugriff auf gemeinsame Gedächtnisinhalte haben. So kann im Prinzip für jede der Identitäten eine Entsprechung nach außen gefunden werden. So wie in der äußeren Realität jedes Beobachtungsergebnis mit einem Modell gespiegelt wird, so sind es offenbar in Oxnams Gehirn Bilder, die er von den Persönlichkeiten hat und die ihnen am besten entsprechen.
Die Frage nach der Identität der Kinderschänder wird im Buch nicht gelüftet, sie müssen im engeren Familienkreis zu finden gewesen sein. Die Eltern oder die Großeltern waren es aber nicht, wie Oxnam betont.
Die Integration der elf Persönlichkeiten zu heute nur noch drei hat sich weit über zehn Jahre hingezogen. Geblieben sind Robert, der erwachsene Mann, Wanda, sie ist offenbar die Integration des Auges und der Hexe, und Bobby, ein Teenager.
Die Therapie war erfolgreich, denn es kam zu sieben inneren Fusionen. Wir haben die Burg verlassen, und es gibt nur noch drei Persönlichkeiten, von denen jede die Fähigkeiten und Erinnerungen verschiedener früherer Subpersönlichkeiten integriert hat. Die Mauern um das Gedächtnis der jeweiligen Persönlichkeiten sind durchlässiger geworden, sodass alle drei wissen, was die anderen tun, aber nicht immer, was sie denken - mit Ausnahme von Wanda, die über alles Bescheid weiß.Man kann sich niemals vollkommen sicher sein, was andere Menschen in ihrem Kopf wirklich empfinden, weil sich die Erste-Person-Perspektive nicht mit einer zweiten Person teilen lässt und jede Beschreibung nur einen sehr dürftigen Eindruck vermitteln kann und beim Lesen oder Hören sofort in eigene Bilder übersetzt wird. Insofern bin ich mir gar nicht so sicher, dass nicht Robert Oxnams Gehirn heute "normal" funktioniert, und die Bilder, mit denen er seine heutige Situation beschreibt, nicht denen anderer kreativer und phantasievoller Menschen entsprechen. Denn woher stammen denn die Universen, die in Romanen und Erzählungen beschrieben werden, wenn nicht aus den Gedankenwelten ihrer Schöpfer, die abwechselnd in der Perspektive verschiedener ihrer Hauptpersonen leben?
...
Wir sind zwar noch nicht zu einer einzigen Persönlichkeit verschmolzen, aber wir ziehen auch beträchtliche Vorteile aus unserer jetzigen Situation. Die Therapie hat uns einen einzigartigen Einblick in unsere Seele ermöglicht. Im Gegensatz zu vielen normalen Leuten wissen wir sehr genau, was in unserem Innern, sei es in der Burg oder auf der Wiese, vor sich geht. ... Vielleicht beneiden uns normale Menschen sogar um die Arbeitsteilung, die innerhalb unseres Systems herrscht. Ich, Robert, kann mich, ohne abgelenkt zu werden, darauf konzentrieren, zu lesen, zu analysieren, Reden zu halten und zu schreiben. Bobby steht grenzenlose Energie für seinen Sport, für seinen Witz und seine Fantasie und für das Unterrichten zur Verfügung. Wanda kann sich spannenden spirituellen Herausforderungen widmen. Sie meditiert, um eine höhere Bewusstseinsstufe zu erreichen, vermittelt zwischen uns, um Bobby und mich gemeinsam nach außen agieren zu lassen, oder erforscht die Herzen anderer Menschen.
Kategorien: Gehirn & Geist, Bücher
Montag, 23.Februar 2009