Bryan Appleyard: Das Ende der Sterblichkeit

Darüber kann man streiten:
Religion und Philosophie verheißen uns nicht unbedingt Unsterblichkeit, aber beide befähigen uns, mit dem Tod zurechtzukommen und somit dem Leben einen Sinn zu geben. Sobald der Tod auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben wird, geraten sowohl die Religion als auch die Philosophie in tiefe Krisen.

Natürlich stehen auch viele weitere Traditionen auf dem Spiel: politische, künstlerische, wirtschaftliche und kulturelle. ... Wenn es in Shakespeares Sonetten um die Flüchtigkeit des Lebens, die schmerzliche Vergänglichkeit von Liebe und Schönheit geht, könnten wir als vitale Tausendjährige sie überhaupt noch als Ausdruck tiefer Einsichten in menschliche Nöte würdigen - oder wären diese Gedichte dann nur noch kuriose Relikte einer untergegangenen Welt?
Und weiter schreibt er:
Was die Unsterblichkeitsverheißung an sich angeht, so bin ich als entschiedener Todesbefürworter in dieses Projekt aufgebrochen. Ich war mir sicher, dass erst der Tod dem Leben Sinn verleiht - den einzigen Sinn, den wir wirklich zu erkennen vermögen. Mit Wittgenstein fragte ich mich, für welches Rätsel Unsterblichkeit die Lösung darstellen sollte. Später musste ich feststellen, dass meine Neugierde mich immer weiter von dieser reinen Lehre entfernte. Würde ich auf dem Sterbebett eine Behandlung ablehnen, die mich in einen kerngesunden Endzwanziger zurückverwandeln würde? Das ist wohl die eine große Versuchung, der niemand widerstehen könnte.
Bemerkenswert fand ich gleich zu Beginn des Buches, dass wir Menschen praktisch die einzigen bekannten Sterblichen in dem uns bekannten Teil des Universums sind: Nach unseren Zeitmaßstäben altert das Universum nicht, unsere Götter auch nicht. Aber auch die Tiere sind de facto unsterblich, denn sie haben kein Konzept der Zukunft. Entweder sie leben, dann sind sie nicht tot. Oder sie sind tot, dann sind sie keine Tiere mehr. (Meiner Meinung nach ist das deshalb auch die einzige ethisch akzeptable Begründung, warum wir Fleisch essen dürfen - wir nehmen den Tieren keine Zukunft weg, denn sie wissen nicht, was das ist.) Wir Menschen sind die einzigen Wesen, die von ihrem künftigen Tod wissen und uns davor fürchten. Obwohl es dafür - siehe Epikur - keinen vernünftigen Grund gibt.

Obwohl sich das Buch nicht aus voneinander getrennten Geschichten zusammensetzt, bezeichnet es Appleyard als eine Art Anthologie, wie ich finde mit Recht, denn er beleuchtet das Thema von allen erdenklichen Seiten. Auf den Konferenzen der Protagonisten der Unsterblichkeit des Menschen ist er überwiegend unterernährten Wissenschaftlern und Philosophen begegnet - der einzige bisherige Weg der Lebensverlängerung ist eine extrem unterkalorische Kost. Aber das eigentliche Ziel dieser Jünger ist das Folgende:
Der Leib ist eine Maschine wie andere auch, behaupten sie [=die eifrigsten Advokaten der Lebensverlängerung], und man kann daher immer wieder repariert werden. Sie nehmen an, dass wir in den nächsten paar Jahrzehnten eine Lebensspanne von 150 Jahren erreichen werden. Dann würden die Menschen lange genug leben, um von weiteren Fortschritten der Medizintechnik zu profitieren, die diese Spanne noch weiter ausdehnen würden. Letzten Endes werde die Entwicklungsgeschwindigkeit der Technologie das Tempo unseres Alterungsprozesses übersteigen, und unser Erzfeind, der Tod müsse kapitulieren. Wegen dieses "Fluchtgeschwindigkeitseffekts" sei der erste Mensch, der tausend Jahre leben werde, womöglich schon geboren.
Im Buch werden verschiedene Theorien zur Alterung erörtert. Ein Todesprogramm, wie es früher vermutet wurde, gibt es wahrscheinlich nicht. Die plausibelste Hypothese ist diese: Die Evolution hat das Zusammenspiel der Gene so optimiert, dass sie bis zu ihrer eigenen Duplizierung in Form der Nachkommen eines Individuums perfekt zusammenspielen. Danach gerät diese Balance aus dem Tritt (weil sie nicht mehr der evolutionären Optimierung unterliegt), die Wirkung von Genen kann zum Teil sogar gegensätzlich sein, entstehende Schäden werden nicht mehr repariert und häufen sich, am Ende stirbt das Individuum. Langlebigkeit nach der Fortpflanzung wird von der Evolution nicht positiv selektiert, da die entsprechenden Gene nicht mehr an die Nachkommen weitergegeben werden können.

(Meiner Meinung nach stimmt dieses vereinfachte Modell für den Menschen nicht mehr ganz, da langlebige Menschen auch nach ihrer Reproduktionsphase für ihre Gene von Vorteil sein können - indem sie als Groß- oder Urgroßeltern die Überlebenswahrscheinlichkeit ihrer Enkel und Urenkel zu verbessern helfen. Das ist ein ähnliches indirektes Einwirken auf die eigenen Gene, wie man sie zum Beispiel in den unfruchtbaren Individuen in Insektenstaaten beobachten kann.)

Zum Modell eines allmählich aus dem Ruder laufenden Systems passen die Daten der Versicherungswirtschaft. Sie hat berechnet, dass sich ab dem 30. Lebensjahr alle 8 Jahre die Sterbewahrscheinlichkeit verdoppelt. An einem Zahlenbeispiel bedeutet das: Wenn zu Beginn die jährliche Sterberate 1% beträgt, dann sterben zwischen 30 und 37 8 von 100 Personen. Von 38 bis 45 bei dann 2% pro Jahr von den 92 Verbliebenen 15 Personen, in den folgenden acht Jahren von den 77 Verbliebenen dann 18 usw.

Aufgrund des hyperexponenziellen Zinseszinseffektes haben sowohl eine Verringerung der Ausgangsprozentrate als auch eine Verlängerung der Achtjahresregel dramatische Auswirkungen auf die durchschnittliche Lebenserwartung. Aber am prinzipiellen Ausgang ändert das nichts. Aufgrund des hyperexponziellen Chrakters dieses Gesetzes stirbt die Mehrheit eines Jahrgangs innerhalb eines recht engen Zeitfensters (heute vielleicht etwa zwischen dem sechzigsten und neunzigsten Lebensjahr).

Was ist nun mit dem Begriff der Unsterblichkeit gemeint? Was man auch in Zukunft nicht verhindern kann, ist, dass Menschen durch Unfälle, Morde oder Naturkatastrophen ums Leben kommen. Aber diese Sterberaten sollten konstant und unabhängig vom Lebensalter sein - wenn es gelingt, das biologische Alter der Personen unabhängig vom Lebensalter konstant zu halten. Im Buch wird an mehreren Stellen das Ideal eines Endzwanzigers angegeben. Vermutlich bezieht sich das durchschnittliche Lebensalter eines "Unsterblichen", mehrfach auf etwa 1000 Jahre geschätzt, auf heute übliche Unfallraten.

Auf drei Hoffnungen gründen sich die Erwartungen, den Alterungsprozess auf zellulärer Ebene zu beseitigen:
  • Es gibt kein zelluläres Todesprogramm (oder es kann ausgeschaltet werden).
  • Es gibt Tiere, die unsterblich zu sein scheinen. Bei einigen Fischarten wird es vermutet, für einige Taufliegenarten ist es bewiesen. Hier bleiben ab einem bestimmten Alter die Sterberaten konstant - ein Indiz dafür, dass der Prozess der Verschlechterung von Stoffwechselprozessen zum Stillstand gekommen ist. In der freien Natur spielen diese Formen der Unsterblichkeit keine Rolle, kein Tier wird bei Anwesenheit natürlicher Feinde wirklich alt - biologisch so alt wie es für Menschen in den entwickelten Gesellschaften inzwischen die Regel ist.
  • Keimzellen altern im Vergleich zu Körperzellen nicht. Aus diesem Grund steht die biologische (genetische) Uhr bei einem neugeborenen Kind auf Null, obwohl die Eltern dreißig Jahre oder sogar noch älter sind.
Es gibt die Hayflick-Grenze, die eine obere Grenze für die Anzahl der Zellteilungen angibt, die für eine Körperzelle möglich sind. Von den etwa 50 Zellteilungen haben die ersten etwa 30 bereits vor der Geburt stattgefunden. Die meisten Menschen sterben aber viel früher, als dass diese Grenze erreicht werden würde. Die Hayflick-Grenze scheint auf die Eigenschaften der Telomere an den Enden der DNA zurückzuführen sein, die sich bei jeder Zellteilung weiter verkürzen. Mit Hilfe der Telomerase wird diese Grenze aber sowohl in den Keimzellen als auch in Tumorzellen ausgehebelt. Ein zukünftiges Regenerationsprogramm müsste dieses Problem also lösen - eine de facto 100%ige Regeneration aller Körperzellen, ohne Krebs zu verursachen.

Prinzipiell ist ein solches Verfahren denkbar, ansonsten müsste man einen (metaphysischen) Grund dafür angeben können, warum eine Maschine durch immer neue Ersatzteile praktisch unbegrenzt lange am Funktionieren gehalten werden kann, die menschliche Körpermaschine aber nicht. Allerdings scheint mir der anvisierte Zeitrahmen zu knapp. Ich glaube also nicht, dass der erste "Tausendjährige" schon geboren ist.

Aber wie eingangs schon erwähnt, einige der an den Projekten Beteiligten glauben fest daran. Im Buch wird Ray Kurzweil erwähnt, der täglich etwa 200 (lt. Wikipedia) bis 250 (lt. Appleyard) Tabletten zu sich nimmt. Kurzweil ist weltweit bekannt über die Begriffe der technologischen Singularität und des Transhumanismus sowie über seine Bücher. Der Transhumanismus wäre als Technik des Uploads des menschlichen Bewusstseins sogar noch weitergehend in Richtung auf die Unsterblichkeit, weil hier das Leben solange währen würde, wie es gelingt, die entsprechende Technik zu erhalten.

Längere Abschnitte sind den verschiedenen Religionen und deren Position zur Unsterblichkeit gewidmet. Für mich interessant, dass keinesfalls alle Religionen (nicht einmal das Christentum) den Menschen eine individuelle Unsterblichkeit verheißen. Wichtiger und allen Religionen gemeinsam ist das Zugehörigkeitsgefühl, der Trost und die Hilfe, die die Gläubigen sich untereinander geben. Und auch der heute vorherrschende säkulare Glauben an die Naturwissenschaften (und an die mögliche Unsterblichkeit) trägt die Züge eines religiösen Systems:
Diese säkulare Religion hat zwei zentrale Dogmen. Erstens: Die Akkumulation des Wissens und seiner Anwendung wird anhalten. Zweitens: Diese fortgesetzte Akkumulation wird zu einer ständigen Verbesserung der menschlichen Daseinsbedingungen führen.
...
Offensichtlich ist vieles an diesem Glauben fragwürdig, und ebenso offenkundig handelt es sich wirklich um einen Glauben, denn es kann keine Belege dafür geben, dass es auch in Zukunft immer nur bergauf gehen wird. Aber trotz aller Zweifelhaftigkeit ist dieser Glaube das Fundament des heutigen Strebens nach medizinischer Unsterblichkeit.
Einen wichtigen Teil des Buchs nehmen Überlegungen über die Konsequenzen der Unsterblichkeit ein. Über eine Passage musste ich dabei herzlich lachen:
Das Leben hat nicht unendlich viel zu bieten, und die Seele wird es leid, in ihrem Körper zu hausen. Ich vermute, das wäre in der Praxis das größte Problem, mit dem die immortalisierten Individuen und ihre Gesellschaft fertig werden müssten. Sobal der Reiz des Neuen verpufft wäre, würden die Menschen seelisch vergreisen, und die Gesellschaft wäre ein riesiges Altenheim voller ewiger Endzwanziger, die in ihren Plastikstühlen säßen und ins Nichts starren würden. Das Alter wäre zurückgekehrt - in einer unheimlichen, jugendfrischen Larve.
...
In den 1970er Jahren schlug der leidenschaftliche Immortalist Alan Harrington eine andere Lösung für das Überdruss-Problem vor, die überzeugender wirkt als ein Gehirnumbau: "Ein unendliches Dasein kann als Abfolge von Leben strukturiert werden, zwischen denen Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte des Tief- oder Winterschlafs liegen."

Wenn man sich langweilt, legt man sich einfach so lange schlafen, dass die Welt einem nach dem Erwachen wie neu erschient. Es kann natürlich passieren, dass man in demselben alten Plastikstuhl erwacht, in dem man eingeschlafen ist. Aber wenn sich alle Leute immer wieder mal in den Winterschlaf zurückziehen, stehen die Chancen nicht schlecht, dass ab und zu etwas halbwegs Spannendes passiert.
Der Gehirnumbau wurde hier deswegen erwähnt, weil die Alternative ja so aussieht, dass sich mit einem heutigen Gehirn ein Tausendjähriger wahrscheinlich nur an die letzten 100 Jahre seines Lebens erinnern kann. Was macht es dann für einen Unterschied, ob die 1000 Lebensjahre zwischen zehn Menschen aufgeteilt oder von einem einzigen gelebt werden und die anderen neun niemals existieren? Ich sehe logisch keinen Unterschied. Epikur hatte vor 2300 Jahren vollkommen recht.

Kategorie: Visionen, Bücher
bl (Gast) - 10. Februar, 11:19

Forever Young (and Alive)

Menschen sind auch jetzt schon unsterblich. Das Einzige, was abgelegt wird, ist der Körper. Also erscheint es mir viel sinnvoller, die (eigene) Evolution so voranzutreiben, dass die Übergänge (der sogenannte Tod) bewusst vollzogen werden, um - falls man sich entscheidet, wieder auf der Erde zu leben - dies im vollen Wissen um die verschiedenen Inkarnationen gemacht werden kann, egal wie lange diese Leben chronologisch sind. Diese Inkarnationen sind natürlich nicht linear und auch nicht im gleichen Körper. Sie sind einfach eine Wahl, so wie man verschiedene Theaterstücke oder Filme erlebt.

Das Leben ist viel - viel fantastischer als man gewöhnlich denkt. Es gibt keinen Tod für das Wesen des Menschen. Die Furcht davor ist eine Folge der Ignoranz über das Menschsein. Mir erscheint es sehr viel effektiver zu sein, den "inneren" Weg zu erforschen, das Wesen des Menschen, denn er wird auch den "äußeren" Weg viel attraktiver machen - wobei natürlich innen und außen das Gleiche sind. Es geht nur darum, welche Perspektive zum Erfolg führt - und das ist eben diejenige, die von "innen" nach "außen" führt.

Köppnick - 10. Februar, 15:17

Naja Balbina, die für mich zutreffendste Weltanschauung bleibt vermutlich der Buddhismus. In zwei Lehrsätzen in heutige Sprache übersetzt, besagt er:
  • Übe dich in Gelassenheit, dann kannst du auch dem Tod gelassen entgegen sehen.
  • Seit nett zu anderen Menschen. Dann wird es auch nach deinem Tod einen neuen und mindestens genauso netten Menschen geben. Der sich allerdings wahrscheinlich nicht daran erinnern wird, dass er seine Nettigkeit deinem Wirken auf Erden verdankt.
Aber noch präziser trifft es Epikur:
  • Solange ich lebe, bin ich nicht tot.
  • Wenn ich tot bin, merke ich nicht, dass ich nicht lebe.
Falls es entgegen meinen Überzeugungen anders sein sollte, werde ich es die Welt wissen lassen: Ich werde in alten Gemäuern herumspuken, Kompassnadeln tanzen lassen und alte Münzen verschieben. ;-)
bl (Gast) - 16. Februar, 10:14

Du spukst doch jetzt schon in der Welt herum... Und es gibt sicher Perspektiven, aus denen Du "tot" bist?

Und Epikur sieht es zu beschränkt. Ich glaube, der Buddhismus auch, so wie alle ...ismen!

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Kommentare hier ...

lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
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Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
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la-mamma - 30. November, 19:43
Ich möchte Ihnen...
Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02
Mit dem Schreibfehler...
Mit dem Schreibfehler hast Du vollkommen recht. Vor...
steppenhund - 28. November, 14:56
Ich nehme an, dass in...
Ich nehme an, dass in deinen beiden Listen die ersten...
Köppnick - 23. November, 10:57