Lilith und die apokryphen Schriften
In den letzten zwei Wochen habe ich zwei Bücher gelesen, die sich mit theologischen Überlieferungen beschäftigen, die nicht in der Bibel stehen, mit Lilith, der ersten Frau Adams, und mit den apokryphen Schriften, also Texten, die aus verschiedenen Gründen nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden. Eine Bekannte hatte sich diese beiden Bücher bei Ebay ersteigert. Einer der Vorbesitzer des zweiten Buches muss ein wahrer Bibelforscher gewesen sein, vielleicht ein Theologiestudent oder gar ein Zeuge Jehovas, denn nahezu jede zweite Zeile ist unterstrichen, wobei ich in den Unterstreichungen keinerlei Systematik erkennen kann. Vielleicht ist das ja das überzeugendste Merkmal wahren Glaubens, die Absenz jeglicher Logik?
Ich bin in einem ziemlich atheistischen Umfeld aufgewachsen, von Adam wusste ich nur, dass er der erste Mensch gewesen sein soll, der zunächst im Paradies lebte und später daraus vertrieben wurde, gemeinsam mit Eva, die angeblich aus seiner Rippe geschaffen wurde. Ein Märchen halt wie das vom Rotkäppchen oder von Hänsel und Gretel. Umso verblüffter war ich, als mir meine Bekannte die Geschichte von Lilith erzählt hat. Eva sei gar nicht Adams erste Frau gewesen, zuvor sei er mit Lilith zusammen gewesen. Lilith hätte sich bei Gott beschwert, weil sie "auch mal oben liegen wolle", und Adam seinerseits bei Gott über Lilith, dass diese ihm nicht unterlegen sei. Ehekrach im Paradies! Gott hätte dann Lilith aus dem Paradies vertrieben und Adam eine neue und folgsamere Frau beschafft. Das Buch von Vera Zingsem, einer studierten Theologin, enthält eine Reihe von Essays über dieses Thema. In einem der Artikel liest sich das dann so:
Wegen der beschriebenen Auflehnung gegen Adam ist es nicht erstaunlich, dass Feministinnen in Lilith eine ihrer Ahninnen sehen (so sie von ihr wissen). Und Vera Zingsem wendet dann auch einen Großteil ihres Buches dafür auf, die Frauenfeindlichkeit der großen Weltreligionen anhand der historischen Texte nachzuweisen. (Man kann sich natürlich darüber streiten, ob Jahrtausende alte Texte dafür der geeignete Beleg sind, wurde doch auch die weltliche frühere Gesellschaft von Männern dominiert. Entscheidend für uns sollte der heutige Umgang sein. - Da sieht es allerdings für die sogenannten "Weltreligionen" immer noch ziemlich mau aus.) Jedenfalls zitiert Vera Zingsem bitter einen Text über Eva, die Frau, die Gott für Adam auf dessen Wunsch zweitgeschaffen hat:
Für die Zeit davor bietet das Buch "Die verbotenen Evangelien" von Katharina Ceming und Jürgen Werlitz eine spannende Lektüre, dort wird über den heutigen Stand der Forschung auf diesem Gebiet berichtet. Welche Texte aus welchen Gründen ins Alte Testament übernommen wurden, warum sich die jüdischen und die christlichen Texte voneinander unterscheiden, aus welchen Gründen sich das Neue Testament aus genau den vier Evangelien zusammensetzt: Matthäus-, Markus-, Thomas- und Johannes-Evangelium.
Was man als bleibenden Eindruck aus der Lektüre mitnimmt, ist der Grundgedanke, dass auch ein Werk wie die Bibel eine Entstehungsgeschichte hat, darin alte Mythen aufgegriffen und umgedeutet wurden und sie die (macht)politischen und theologischen Auseinandersetzungen der Zeiten widerspiegelt, als die darin befindlichen Texte entstanden und aufgeschrieben wurden. Und dass es genauso interessant ist zu lesen, was nicht in der Bibel steht.
Kategorie: Bücher
Ich bin in einem ziemlich atheistischen Umfeld aufgewachsen, von Adam wusste ich nur, dass er der erste Mensch gewesen sein soll, der zunächst im Paradies lebte und später daraus vertrieben wurde, gemeinsam mit Eva, die angeblich aus seiner Rippe geschaffen wurde. Ein Märchen halt wie das vom Rotkäppchen oder von Hänsel und Gretel. Umso verblüffter war ich, als mir meine Bekannte die Geschichte von Lilith erzählt hat. Eva sei gar nicht Adams erste Frau gewesen, zuvor sei er mit Lilith zusammen gewesen. Lilith hätte sich bei Gott beschwert, weil sie "auch mal oben liegen wolle", und Adam seinerseits bei Gott über Lilith, dass diese ihm nicht unterlegen sei. Ehekrach im Paradies! Gott hätte dann Lilith aus dem Paradies vertrieben und Adam eine neue und folgsamere Frau beschafft. Das Buch von Vera Zingsem, einer studierten Theologin, enthält eine Reihe von Essays über dieses Thema. In einem der Artikel liest sich das dann so:
Als Gott den ersten Menschen erschaffen hatte, sagte er: "Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei" und schuf ihm eine Frau gleich ihm aus Erde und nannte sie Lilith. Bald begannen sie, miteinander zu streiten: Sie sagte zu ihm "Ich will nicht unter dir liegen." Und er sagte: "Ich will nicht unter dir liegen, sondern auf dir, weil du verdienst, die Unterlegene zu sein und ich, der Überlegene zu sein." Sie sagte zu ihm: "Wir sind beide gleich, weil wir beide aus Erde gemacht sind." Und sie wollten nicht aufeinander hören.Wie man in der Wikipedia lesen kann, kommt Lilith in der Bibel nur an einer Stelle vor und dort auch nicht sehr gut weg. Aber genauso wie sich die jüdischen, christlichen und islamischen Texte aus noch älteren mythologischen Quellen bedient haben, genauso haben sich parallel zu den theologischen Schriften die Geschichten um Lilith & Co. erhalten. Vera Zingsem schreibt, dass Goethe sie kannte und in einigen Texten verwendete, und im Zauberberg von Thomas Mann wird sie auch erwähnt. Was ich nicht wusste, über zwei Ecken ist auch Frau Holle mit ihr "verwandt", Frau Holle als die volkstümliche Überlieferung der römischen Göttin Venus.
Als Lilith das gewahr wurde, rief sie den spezifischen Namen Gottes aus und erhob sich in die Lüfte der Welt. Adam (Mensch) rief seinen Schöpfer an und sprach: "Gott der Welt, die Frau, die du mir gabst, ist mir weggelaufen." Daraufhin schickte Gott der Allmächtige, gebenedeiet sei er, ihr sofort drei Engel nach, um sie zurückzuholen. Der Allmächtige, gebenedeiet sei er, sagte zu Adam: "Wenn sie zurückkehren will, gut. Wenn nicht, muß sie es auf sich nehmen, daß tagtäglich hundert ihrer Söhne sterben müssen." Sie folgten ihr und holten sie ein, mitten auf dem Grund des großen Wassers, in dem die Ägypter eines Tages ertrinken sollten. Sie teilten ihr Gottes Worte mit. Sie wollte nicht zurückkehren (das hier verwendete hebräische Wort meint die Rückkehr zu den Werten, die man verworfen hat). Sie sprachen zu ihr: "Wir werden dich im Meer ertränken." Sie sprach zu ihnen: "Laßt mich allein, denn ich bin für nichts geschaffen worden, außer Kinder zu schwächen; männliche Kinder von der Geburt bis zum 8. Tag, weibliche von der Geburt bis zum 20. Tag." Und als sie hörten, was sie sprach, bestanden sie darauf, sie zu ergreifen; "ich schwöre euch beim Namen Gottes (El), dem Lebendigen und Seienden, daß ich, wenn ich eure Namen oder Antlitze in einer Camea erblicke, über das betreffende Kind nicht herrschen werde."
Und sie nahm es auf sich, daß tagtäglich hundert ihrer Teufel sterben. Und daher kommt es, daß wir ihren Namen in die Camea von kleinen Kindern schreiben. Und sie erblickt sie, erinnert sich ihres Versprechens, und das Kind ist geheilt.
Wegen der beschriebenen Auflehnung gegen Adam ist es nicht erstaunlich, dass Feministinnen in Lilith eine ihrer Ahninnen sehen (so sie von ihr wissen). Und Vera Zingsem wendet dann auch einen Großteil ihres Buches dafür auf, die Frauenfeindlichkeit der großen Weltreligionen anhand der historischen Texte nachzuweisen. (Man kann sich natürlich darüber streiten, ob Jahrtausende alte Texte dafür der geeignete Beleg sind, wurde doch auch die weltliche frühere Gesellschaft von Männern dominiert. Entscheidend für uns sollte der heutige Umgang sein. - Da sieht es allerdings für die sogenannten "Weltreligionen" immer noch ziemlich mau aus.) Jedenfalls zitiert Vera Zingsem bitter einen Text über Eva, die Frau, die Gott für Adam auf dessen Wunsch zweitgeschaffen hat:
Das zweite Weib Adams - Eva - schuf Gott aus der Rippe. Dabei sprach Er: "Ich werde sie nicht aus dem Kopf des Mannes machen, sonst wird sie ihren Kopf in hochmütigem Stolz tragen; und nicht aus dem Auge, sonst wird sie lüsterne Blicke bekommen; und nicht aus dem Ohr, sonst wird sie überheblich; und nicht aus dem Mund, sonst wird sie eine Schwätzerin; und nicht aus dem Herzen, sonst wird sie zu Neid neigen; und nicht aus der Hand, sonst mischt sie sich in fremde Angelegenheiten; und nicht aus dem Fuß, sonst wird sie eine Herumtreiberin."Aus der deutschen Bibel ist Lilith jedenfalls spätestens von Luther eliminiert worden, der "Lilith" mit "Nachtgespenst" übersetzte, ein wirklich toller Einfall von Luther. Das lenkt den Blick fast automatisch darauf, wie überhaupt die Sammlung der Texte der Bibel entstanden ist. Wer hat entschieden, welcher Text in diese Sammlung verschiedener theologischer Schriften Eingang findet und welcher nicht? Für den Teil des historischen Puzzles nach der Elimination der meisten apokryphen Schriften kann man z.B. diesen Kommentar von Rosenherz lesen.
Aus der Rippe, die dem Auge des Menschen entzogen und stets unter der Hülle des Kleides verborgen ist, aus ihr schuf Gott das Weib. Denn die Zierde des Weibes ist die stille Zurückgezogenheit, die sittsame Beschränkung auf den häuslichen Kreis mit seinen Pflichten und seinem lauteren Glück?
Für die Zeit davor bietet das Buch "Die verbotenen Evangelien" von Katharina Ceming und Jürgen Werlitz eine spannende Lektüre, dort wird über den heutigen Stand der Forschung auf diesem Gebiet berichtet. Welche Texte aus welchen Gründen ins Alte Testament übernommen wurden, warum sich die jüdischen und die christlichen Texte voneinander unterscheiden, aus welchen Gründen sich das Neue Testament aus genau den vier Evangelien zusammensetzt: Matthäus-, Markus-, Thomas- und Johannes-Evangelium.
Wie kam es nun dazu, daß ausgerechnet die Evangelien des Markus, Matthäus, Lukas und Johannes sowie die Werke der Apostel, d.h. die übrigen Schriften des Neuen Testaments, im Lauf des 2. Jahrhunderts immer mehr Geltung erlangten und schließlich kanonisiert wurden? Dazu ist als erstes zu bemerken, dass es bis Mitte des 2. Jahrhunderts nicht darum ging, einer oder mehreren Schriften absolute Gültigkeit, d. h. normative Kraft zuzuschreiben, sondern es ging um die Überlieferung der Jesustradition. In den ersten Jahrzehnten des Christentums war die erste Autorität der Herr, Jesus Christus, und nicht eine Schrift.Das Lustige an dem Prozess der Kanonisierung, der die christlichen Texte in die guten, die in die Bibel Eingang fanden, und in die bösen, die verbotenen Evangelien, die Apokryphen, trennte, ist, dass ein Teil der christlichen Gebräuche auf diese apokryphen Texte zurückgeht.
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Wäre das erste Evangelium seinem Inhalt nach für unantastbar gehalten worden, dann hätten weder Matthäus noch Lukas ihre Werke verfassen können, da sie Markus nach eigenen Gesichtspunkten umgestalteten. Das Johannesevangelium mit seiner eigenen inhaltlichen und theologischen Konzeption wäre nie geschrieben worden.
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Dass es diese Auseinandersetzungen bereits in der Urkirche gab, bezeugen die Apostelgeschichte und die Paulinischen Briefe. In der wohl für die Entwicklung des Christentums wesentlichsten Frage, ob Heiden, die zum Christentum konvertieren, das jüdische Gesetz und die Beschneidung anerkennen müssen oder nicht, konnte sich die Richtung durchsetzen, die dies nicht für notwendig ansah. Mit dieser Entscheidung, Heiden auch ohne Beschneidung im Christentum aufzunehmen, war der Schritt von einer jüdischen Sekte hin zur Weltreligion getan. Hätte man an der Beschneidung festgehalten, wäre die Missionierung der nicht-jüdischen Welt kaum von Erfolg gekrönt gewesen. Das Christentum wäre, wie viele andere jüdische Splittergruppen, über kurz oder lang vom Erdboden verschwunden.
Es sei hier nur noch einmal an das Protevangelium des Jacobus erinnert, das zu zwei Dritteln aus Marienerzählungen besteht. ... kann es als geistige Grundlage des Dogmas von der "Unbefleckten Empfängnis Mariens" gelten. ... Wir sind mit der aberwitzigen Situation konfrontiert, dass ein verbotenes Evangelium die theologische Grundlage für einen Bereich in der kirchlichen Dogmatik, nämlich die Mariologie, legte.Den größten Teil des Buchs nehmen deutsche Übersetzungen der erhalten gebliebenen apokryphen Evangelien mit jeweils einer kurzen Erklärung ein. Neben dem bereits erwähnten Jacobus-Evangelium, in dem nicht nur das Rätsel der jungfräulichen Geburt von Jesus gelöst wird, obwohl Jesus doch zwei Brüder gehabt hat - Josef war verwitwet, Maria seine zweite Frau - gibt es unter anderem auch ein "Kindheitsevangelium des Thomas". Mit dem sollte offenbar das Bedürfnis der Urchristen nach Kenntnis der Kindheit von Jesus gestillt werden. Geschildert wird ein frecher kleiner Junge, der sich seiner magischen Kräfte bereits bewusst war und sie zu allerlei Unfug einsetzte (heute wäre er wohl eine Art Harry Potter geworden) und auch für den Tod eines anderen Kindes verantwortlich gewesen sein soll. Verständlich, dass für derlei Gotteslästerung bei der Kanonisierung dann kein Platz mehr blieb, obwohl der oder die Autoren sicherlich ein ernsthaftes Anliegen vertrat.
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Neben dem Brauchtum hatten diese Schriften einen enormen Einfluss auf die bildende Kunst. Ikonographie, Freskenmalerei, Mosaikkunst, Schnitzerei und und Buchmalerei schöpften ihre Themen aus dern Erzählungen der Apokryphen, auch wenn diese von der Kirche abgelehnt bzw. verboten wurden.
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Gerade die Wiedergabe der Geburt Jesu in der byzantinischen Kunst zeigt ab dem 10. Jahrhundert ein Bestimmtes Muster immer wiederkehrender Elemente. Dazu gehört die Höhle als Ort des Geschehens, das Jesuskind in einem Trog, die Anwesenheit von Ochs und Esel sowie Maria im Mittelpunkt des Bildes. Auch in der westlichen Tradition hat sich diese Konstellation durchgesetzt, lediglich aus der Höhle wurde hier ein Stall. Eine Darstellung des Weihnachtsgeschehens, die so vertraut und selbstverständlich erscheint, dass ihre Nichtüberlieferung durch die synoptischen Evangelien kaum bewusst ist. Wer möchte heute noch auf die Krippe unter dem Christbaum verzichten, nur weil es sich um eine Erzählung aus einem apokryphen Evangelium handelt? Selbst die Kirche pflegt diesen Brauch. Und die so selbstverständliche Kenntnis der Namen der drei Weisen aus dem Morgenland, woraus wird sie gewonnen? Bei der Durchsicht der Synoptiker muss man feststellen, dass deren Namen nirgendwo genannt werden.
Was man als bleibenden Eindruck aus der Lektüre mitnimmt, ist der Grundgedanke, dass auch ein Werk wie die Bibel eine Entstehungsgeschichte hat, darin alte Mythen aufgegriffen und umgedeutet wurden und sie die (macht)politischen und theologischen Auseinandersetzungen der Zeiten widerspiegelt, als die darin befindlichen Texte entstanden und aufgeschrieben wurden. Und dass es genauso interessant ist zu lesen, was nicht in der Bibel steht.
Kategorie: Bücher
Freitag, 06.Februar 2009
Unterschreibe ich sofort. Im Prinzip muss man auch die Bibel sehr genau kennen, wenn man auf die absurde Idee kommen sollte, mit Vertretern der Kirche oder eine Sekte zu diskutieren.
Für jede Meinung kann man sehr wohl eine gegensätzliche Bibelstelle finden. Man muss nur wissen, dass es sie gibt.