Desoxyribonukleinsäure

Als ich das erste Mal von der DNA gelesen habe, hieß es da, dass sich darauf die Gene befinden und diese die Proteine kodieren, aus denen sich wiederum die Zellen zusammensetzen, die die DNA enthalten. Ungeklärt war, wie beide entstanden sind und wie sie sich zu Beginn des Lebens zum gemeinsamen Verband zusammengetan haben. Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich als Kind eine Reihe von Artikel in Weltall Erde Mensch fand. Dieses Buch gab es nur bis 1975 zur "Jugendweihe", aber ich habe es lange vorher, so mit 8 bis 10 gelesen, es hat mich fasziniert. Es gab darin auch einen Artikel darüber, wie sich Oparin die Ursuppe vorgestellt hat. Heute bevorzugt man ja eher die Black Smoker als Entstehungsort des Lebens.

Inzwischen sind die Kenntnisse viel weitergehend, allerdings mit der Nebenwirkung, dass einige scheinbare Gewissheiten gründlich zerbröselt sind. Liest man heute über die Gene in der Wikipedia nach, dann findet man dort:
Die Definition, was ein Gen genau ist, hat sich ständig verändert und wurde an neue Erkenntnisse angepasst. Für den Versuch einer aktuellen Definition benötigten 25 Wissenschaftler des Sequence Ontology Consortiums der Universität Berkeley Anfang 2006 zwei Tage, bis sie eine Version erreichten, mit der alle leben konnten. Ein Gen ist demnach a locatable region of genomic sequence, corresponding to a unit of inheritance, which is associated with regulatory regions, transcribed Regions and/or other functional sequence regions (eine lokalisierbare Region genomischer DNA-Sequenz, die einer Erbeinheit entspricht und mit regulatorischen, transkribierten und/oder funktionellen Sequenzregionen assoziiert ist).

Und auch diese Definition ist nicht endgültig. Durch das ENCODE (ENCyclopedia Of DNA Elements)-Projekt, bei dem die Transkriptionsaktivität des Genoms gemappt wurde, wurden neue, komplexe Regulationsmuster gefunden und festgestellt, dass die Transkription von nichtcodierender RNA viel verbreiteter ist als bisher bekannt. Ein Gen ist demnach eine Einheit aus genomischer DNA-Sequenz, die einen zusammenhängenden Satz von potenziell überlappenden funktionellen Produkten codiert (A gene is a union of genomic sequences encoding a coherent set of potentially overlapping functional products).
Insbesondere die Wortgruppe "nichtkodierende RNA" verdient hierbei größte Aufmerksamkeit, denn die für Proteine kodierenden Gene machen beim Menschen nur etwa 1,5% der Erbsubstanz aus, bei anderen Lebewesen ist es ähnlich. Einige Tiere haben zudem mehr Gene als der Mensch. Wenn unser Verständnis von Evolution richtig ist, wozu sollte die Natur über hunderte von Millionen Jahren soviel unnützen Datenmüll wieder und wieder reproduzieren, was enorme Kosten verursacht: größere Zellkerne, höherer Ressourcenverbrauch beim Kopieren. Und worin äußert sich der gewaltige Vorsprung des Menschen in seinen intellektuellen Fähigkeiten gegenüber anderen Tieren, die dieselben Proteine verwenden - und uns auch darum so gut schmecken ;-) ?

Einen ziemlich guten Artikel zu diesem Thema "Grammatik des Lebens" findet man im Spiegel 4/2009 vom 19.1.2009:
Tatsächlich mehren sich die Zweifel, ob die Gene im Verlauf der Evolution wirklich die Regie geführt haben. Immer mehr Indizien sprechen dafür, dass sie keineswegs die allein bestimmende Rolle, möglicherweise nicht einmal die entscheidende gespielt haben. „Unser Blick war viel zu sehr auf die Gene allein konzentriert", erklärt Carroll. Er fragt sich, ob die tatsächlichen Stellschrauben der Evolution nicht an ganz anderen Stellen zu finden sind.

Besonders eine Entdeckung beschäftigt die Forscher: Bei der Untersuchung von Embryonen sind sie auf eine Art Bausatz gestoßen, der sich im Erbgut eines jeden Tieres findet. Er besteht aus einigen hundert Genen, die allesamt rund 600 Millionen Jahre alt sind. Über diesen unermesslich langen Zeitraum wurde der genetische Masterplan zur Konstruktion von Tierkörpern fast unverändert von Kreatur zu Kreatur weitergegeben.

Einige der Bausatzgene lassen im Embryo Gliedmaßen wachsen - ganz egal, ob es nun Fischflossen, Adlerschwingen oder Fliegenbeine sind. Andere wiederum steuern die Bildung von Augen - und zwar gleichermaßen die Facettenaugen der Käfer, die Linsenaugen der Tintenfische oder die Schlitzaugen der Chinesen.

Verblüffend aber ist, dass sich diese Gene im Verlauf der Evolution kaum verändert haben. Aus Flossen wurden Beine, Arme oder Flügel, einfache Pigmentflecken entwickelten sich zu Fliegen- oder Menschenaugen. Doch die Bausatzgene, die diesen Prozess steuern, blieben gleich. Es veränderte sich nur die Art und Weise, wann und wo im Organismus sie angeschaltet werden. Ähnlich wie sich aus einigen wenigen Legosteinen eine kaum begrenzte Vielzahl verschiedener Fahrzeuge, Gebäude oder Figuren bauen lässt, so schuf die Natur offenbar neue Organismen, indem sie einige wenige Bausatzgene auf immer neue Weise an- und abschaltete, regulierte und kombinierte.

Wie all diese Pracht entsteht? Bis ins Detail hat Carroll herausgefunden, wie einige wenige Bauplangene, auf immer wieder andere Weise angesteuert, solche Muster hervorbringen können. Er ist dabei auf ein unerhört komplexes Netzwerk von genetischen Schaltern gestoßen. Und er ist überzeugt: Dies ist die eigentliche Steuerzentrale der Evolution. Die Schalter, von denen Carroll spricht, liegen in Regionen des Erbguts, denen die Wissenschaftler lange wenig Beachtung geschenkt haben. Sie interessierten sich nur für jene Passagen des DNA-Texts, die im genetischen Code abgefasst sind. Seit dieser Mitte der sechziger Jahre geknackt wurde, waren diese Teile des Erbguts leicht zu lesen: Sie enthalten Instruktionen zur Herstellung von Proteinen.

Doch nach diesem Code sind gerade einmal 1,5 Prozent des menschlichen Genoms verschlüsselt. Die anderen „nichtcodierenden" 98,5 Prozent sind größtenteils wirr und unverständlich. Die Forscher taten sie als bloßen DNA-Müll ab - als bedeutungslosen Buchstabensalat, der sich eben im Laufe der Jahrmillionen angesammelt habe.

Inzwischen jedoch sind die Forscher ins Grübeln geraten. Riesige Wüsten im Erbgut haben sie entdeckt, in denen sich nicht ein einziges Gen findet. Und doch wurden diese Regionen des DNA-Texts über viele Jahrmillionen hin verblüffend wenig verändert. Warum, so fragt sich, sind sie so gut erhalten, wenn sie wirklich nur sinnloser Abfall sind?

Seit die Forscher diesen vermeintlichen Müll näher unter die Lupe nehmen, entdecken sie, dass manche dieser Textpassagen von Schaltern übersät sind, die Gene an- und abschalten können. Bei jedem Gen, so zeigt sich nun, wetteifern mehrere, nicht selten Dutzende solcher Schalter um ihren Einfluss.

Und noch etwas spricht dafür, dass die nichtcodierenden Regionen wichtiger sind als lange geglaubt. Von ihnen erhoffen sich die Genforscher die Antwort auf eine Rätselfrage, die ihnen schon seit Jahren Kopfzerbrechen bereitet: Wieso eigentlich hat der Mensch nur so wenige Gene?
Letzte Einigkeit über die genaue Anzahl der Menschengene ließ sich noch immer nicht herstellen. Die Schätzungen schwanken, aber derzeit gilt ein Wert um etwa 22000 als wahrscheinlich. Das ist kaum mehr, als der einen Millimeter lange Fadenwurm (20000 Gene) und die primitive Seeanemone (18000 Gene) vorzuweisen haben, und sogar etwas weniger als der Wert der Maus (23000 Gene).

Mensch und Wurm in derselben Liga, wie ist so etwas möglich? Diese Zahlen erlauben nur eine Deutung: Die Gene allein spiegeln die Komplexität eines Organismus nur ungenügend wider. Wenn aber nicht in den Genen, wo ist das Geheimnis der Komplexität dann verborgen? Gerade ist eine US-amerikanische Forschergruppe auf ein wesentlich besseres Maß gestoßen - und zwar in den nichtcodierenden Regionen. Die Wissenschaftler untersuchten sogenannte miRNA, eine erst vor wenigen Jahren entdeckte Art von kleinen Steuermolekülen, die in vielfältiger Weise eingreifen in die Regulierung des Zellstoffwechsels. Forscher zählten schlicht ab und stellten fest: 677 dieser Schnipsel finden sich beim Menschen, die Maus liegt mit 491 schon deutlich dahinter. Der Fadenwurm bringt es gerade einmal auf 154 miRNA, die Seeanemone ist mit 40 ganz abgeschlagen. Im Großen und Ganzen geben diese Zahlen recht gut das Maß von Komplexität wieder, das Biologen diesen Organismen zubilligen. Befunde wie dieser haben „Regulierung" zum Modewort unter Evolutionsbiologen werden lassen - auch wenn das Feld noch ganz am Anfang steht.


dna

Zu diesem Thema passen auch die beiden verwandten Prozesse Epigenese und Epigenetik recht gut. Die Epigenese erklärt, wie sich im Laufe der embryonalen Entwicklung trotz identischem Erbmaterial Zellen mit vollkommen unterschiedlichen Eigenschaften ausbilden. Eine Haarzelle und eine Muskelzelle haben zum Beispiel die gleiche DNA, weil sie beide letztlich aus derselben befruchteten Eizelle hervorgegangen sind. Auch hier spielen wieder Schalter in der DNA eine Rolle, die für das Leben des betreffenden Organismus irreversibel Gene ein- und ausgeschaltet haben. Das erklärt das große Interesse an sogenannten Stammzellen, bei denen diese Weichenstellungen noch nicht erfolgt sind und die sich deshalb in beliebiges Gewebe umwandeln lassen.

Mit der erst in letzter Zeit ins Zentrum des Interesses gerückten Epigenetik wird ein klein bisschen der alte Lamarck rehabilitiert. Zwar können zu Lebzeiten eines Organismus keine neuen Eigenschaften ins Erbgut eingebaut und dann vererbt werden, aber bereits in den Keimzellen umgelegte molekulare Schalter in der DNA können sehr wohl an die Nachkommen übertragen werden. Sehr interessant in diesem Zusammenhang der Artikel Mütter können Erfahrungen vererben. Auf den Menschen übertragen kann man zum Beispiel vermuten, dass rauchende Frauen, die bereits vor dem Beginn der Schwangerschaft mit dem Rauchen aufhören, trotzdem die Affinität für Nikotin an ihre späteren Kinder übertragen und dieser Effekt unter Umständen sogar noch bei ihren Enkeln und Urenkeln nachweisbar sein könnte!

Für mich bleibt die Desoxyribonukleinsäure eines der rätselhaftesten Moleküle, die das Leben zu bieten hat, deren eigener Ursprung und die Verbindung mit den Proteinen trotz aller Forschung weiterhin im Dunkeln bleibt und das einen großen Anteil an der Information ausmacht, die zur Erzeugung von Lebewesen notwendig ist, einschließlich des Menschen.

Einen großen Anteil - aber nicht die gesamte notwendige Information. Ich bin immer belustigt, wenn ich lese, dass die gesamte Information, die einen Menschen ausmacht, auf eine CD passt - weil man die genetische Information der menschlichen DNA dort speichern kann. Wer glaubt, dass diese Information genügt, lege doch einfach eine solche CD auf den Mond oder Mars und warte auf die Urzeugung des ersten Menschen an dieser Stelle. Es wird dort gar nichts passieren. Unsere DNA ist nicht die Information, die zur Erzeugung eines Menschen benötigt wird, sondern bloß die Information, die unserer Umwelt zur Erzeugung eines Menschen fehlt. Zusätzlich wird benötigt: Ein geeignetes Universum, eine Sonne, ein mittelgroßer Planet mit den richtigen chemischen Verbindungen, eine bereits vorhandene Biosphäre, 5 Milliarden Jahre Zeit und viele glückliche Zufälle. Diese Information ist um viele Zehnerpotenzen größer und nicht seriös abzuschätzen.

Apropos Zufälle: Zufälle innerhalb eines Modells (hier in Form der Mutationen die die Variationen des Erbguts innerhalb der Evolution hervorrufen) sind ein Indikator dafür, dass sich innerhalb des Modells die Ursache nicht finden lässt. Das ist keine theologische Aussage, sondern nur die sachliche Feststellung, dass die Evolutionstheorie das "Wie?" des Prozesses der Entwicklung der biologischen Arten sehr gut beschreiben kann, die Sinnfrage, die nach dem "Warum?" aber unbeantwortet lässt und aufgrund ihres Ansatzes auch lassen muss. Das muss kein Nachteil sein, aber man sollte es wissen.

Kategorie: Evolution
Peter42 - 5. Februar, 22:56

Die Abqualifizierung des größten Teils des Erbguts als Trash-DNA war mir immer suspekt. So verschwenderisch ist die Natur selten. Vor einiger Zeit las ich in der SdW einen Artikel, der die bisher unbekannten Teile der DNA als Plan für die hochkomplexe Faltung der Proteine deutete. Das hatte mich überzeugt. Jetzt also eine neue Variante, die nicht minder einleuchtend ist. Die zweistufige Evolution erscheint mir ebenfalls sehr überzeugend, so wie vielleicht auch das Kurz- und Langzeitgedächnis die Zeitskala zu berücksichtigen versuchen.

Die Geschwindigkeit der Forschung macht mir langsam zu schaffen. Momentan weiß ich wirklich nicht, ob ich hoffen oder befürchten soll, diese Entwicklungen noch mitzuerleben.

Köppnick - 6. Februar, 22:36

Meine These vor den Artikeln über die Bedeutung der nichtkodierenden Abstände war, dass sie eine räumliche (und damit zeitliche) Distanz zwischen den Genen schaffen, denn meines Wissens falten sich die Eiweiße aufgrund ihrer chemischen Eigenschaften ja von selbst in die richtige Form.

Die Geschwindigkeit der Forschung ist vielleicht nicht das Problem, aber das Zurückbleiben unserer ethischen Vorstellungen und, noch viel schlimmer, unserer wirtschaftlichen, politischen und militärischen Ordnung hinter dem Entwicklungsstand der Wissenschaften und damit unseren potenziellen Möglichkeiten. Gerade in den Lebenswissenschaften wird das offenbar, wenn an beiden Seiten des Lebens ständig Grenzen überschritten werden, in der Reproduktionsmedizin und am Ende des Lebens. Und wenn Patente auf Gene erteilt werden. Hier werden Lebewesen als Mittel zum Zweck und zum Geldverdienen missbraucht. Aber der Wissenschaft kann man das nicht anlasten.
steppenhund - 7. Februar, 00:06

Ich habe mir ja ein einfaches Modell zurechtgebastelt - ganz im Sinne des Darwinismus.
Der Mensch an sich ist eine Mutation, die durchaus überlebensfähig im Vergleich mit der vorhandenen Tierwelt ist.
Er wird trotzdem aussterben, weil das wesentliche Organ, das Hirn, sich zwar sehr gut im Konkurrenzkampf zurechtfindet, aber leider einen Konstruktionsfehler aufweist.
Man stelle sich vor, dass Ethik (Moral) sowie intellektuelle Fertigkeiten in verschiedenen Regionen oder mit verschiedenen Vernetzungsgraden implementiert sind. In der Menschheit entwickeln sich die IQ-bezogenen Fertigkeiten schneller als die EQ-bezogenen.
In der Vergangenheit konnte der Mensch irgendwelchen IQ-Auswüchsen noch immer rechtzeitig begegnen. So sind zum Beispiel chemische Waffen verboten worden, obwohl die doch sehr effizient sind. Irgendwann wird der Mensch eine Waffe entwickeln, die schneller zur Anwendung und zur Vernichtung der Menschheit führen kann, als der Mensch sie aufgrund der EQ-Komponente verbieten oder entsorgen kann.
Als Beispiel könnte ich mir da eine Waffe, die Unfruchtbarkeit erzeugt, vorstellen, bei der aber eine eingrenzende Bedingung nicht mehr greift. Bis der Mensch begreift, dass nicht nur der Feind sondern er selbst ebenfalls unfruchtbar wird, hat sich der Virus oder das Bakterium so weit verbreitet, dass es allgemein um sich greift.
Die Menschheit stirbt einfach aus.
Es muss nicht gerade das Szenario sein, aber wenn es ein derartiges gibt, so hängt es mit der Geschwindigkeit der Forschung zusammen.
Gregor Keuschnig - 7. Februar, 11:31

@steppenhund

Schöne These. Ich glaube auch, dass die Menschheit ihrem selbstinitiierten technologischen "Fortschritt" irgendwann erliegen wird. Dein Beispiel einer "Unfruchtbarkeitsbombe" ist sehr interessant; in den 80er Jahren gab es mit der "Neutronenbombe" schon etwas ähnliches - die Bombe vernichtet die Menschen, lässt aber Gebäude und Infrastruktur im wesentlichen unzerstört. Zwar stellte sich wohl später heraus, dass Letzteres so nicht stimmt und das der Tod sehr qualvoll eintritt, aber alleine der Gedanke, eine solche Waffe zu entwickeln, trieb in Scharen die Friedensbewegung um. Egon Bahr nannte diese Bombe eine "Perversion menschlichen Denkens".

Dass es sie heute (angeblich) nur noch in China gibt, d. h. das der Westen sie verschrottet hat, liegt wohl weniger an einer Selbstbesinnung, sondern daran, dass die Vorteile, die man sich von der Bombe erhofft hatte, nicht eingelöst wurden.

Dahingehend möchte ich Dir auch widersprechen, wenn du sagst , dass chemische Waffen verboten worden sind obwohl die doch sehr effizient sind. Das sind sie nämlich genau nicht (Stichwort Windrichtung). Der deutsche Generalstab hat nicht aus Menschenfreundlichkeit den Einsatz von Chemiewaffen im Zweiten Weltkrieg abgelehnt, sondern weil die Erfahrungen 1914-18 negativ waren.

Auch hier: Nicht Einsicht führt zum Umdenken, sondern nur mangelnde "Perfektion" der "Erfindung".
Köppnick - 7. Februar, 13:14

An einen Big Bang, der die Menschheit auslöscht, glaube ich weniger. Für viel wahrscheinlicher halte ich einen allmählichen und multifaktoriellen Niedergang. Verursacht durch Klimaveränderungen, das Versagen der Antibiotika, knapper werdende Ressourcen (Trinkwasser, Lebensmittel, Rohstoffe). Die Systeme, auf denen wir aufbauen, in und mit denen wir leben, politisch, wirtschaftlich, usw. sind auf einem Wachstumsmodell begründet, das nicht nachhaltig funktioniert und auf dem Axiom basiert, dass sich die Einzelinteressen quasi von selbst zu einem sinnvollen Ganzen ergänzen.

Letztlich basiert unser evolutionärer Erfolg darauf, dass es eine ökologische Nische gibt, in der Intelligenz einen Überlebensvorteil verspricht. Wenn die Ressourcen dieser Nische verbraucht sind, werden wir aussterben. Bis dahin spielt die Kapelle auf der Titanic mit voller Lautstärke weiter, um das Grollen des näher kommenden Eisberges zu übertönen.
steppenhund - 7. Februar, 13:27

Da sind wir wirklich unterschiedlicher Meinung. Denn ich glaube, dass die menschliche Erfindungskraft mit Problemen durchaus umgehen kann, wenn für die Behebung Zeit genug bleibt.
Es könnte natürlich sein, dass der Untergang bereits begonnen hat, dass wir zwar das Versiegen bestimmter natürlicher Ressourcen erkennen, aber nicht rechtzeitig für Substitution sorgen können.
Aber schon die damaligen Ergebnisse des Club of Rome haben nicht gehalten, weil danach tatsächlich in einigen Bereichen ein Umdenken begonnen hat.
Was ich eben fürchte, ist die mangelnde Erkenntnisse, dass etwas überhaupt gefährlich sein kann.
Ein Beispiel:
In einem Gespräch mit einem pensionierten Strategie-Direktor bei Philips erzählte er mir, dass beim Einsatz von FCKW sehr wohl geprüft wurde, ob da irgendein Schadeffekt bemerkbar war. Das Zeug schien ideal, rückstandsfrei, ungefährlich und gerade das Richtige für seine Verwendung. "Kein Mensch hat damals zum Himmel geschaut, ob sich vielleicht dort etwas abspielt." Der Gedanke, dass eine Wirkung über unseren unmittelbaren Dunstkreis hinausgeht, war noch nicht gegeben.
Insofern war die Atomtechnologie gar nicht so gefährdend. Man wusste ja, dass da ein Risiko dabei ist.
Wenn ich heute aber Gentechniker reden höre, höre ich fast immer bestimmte Scheuklappen heraus. Die reine Forschung mag stimmen, aber der gesellschaftliche Impakt wird einfach geleugnet.
Köppnick - 8. Februar, 09:37

Da sind wir wirklich unterschiedlicher Meinung. Denn ich glaube, dass die menschliche Erfindungskraft mit Problemen durchaus umgehen kann, wenn für die Behebung Zeit genug bleibt.

Warum sind wir dann unterschiedlicher Meinung? Ich hatte ja nicht geschrieben, dass ich den Niedergang selbst für wahrscheinlich halte, nur eine Form des möglichen Niedergangs (den leisen multifaktoriellen) für wahrscheinlicher als einen anderen (den großen Knall) ;-)

Das Problem sind nicht die durch Wissenschaft und Technik aufgeworfenen Probleme und deren Lösungen, sondern die vielleicht zu langsame Anpassung der Gesellschaft und dort vor allem von Politik und Ökonomie. Man sieht es doch jetzt am Klimawandel: Die Wissenschaft hat sowohl das Problem erkannt als auch mögliche Lösungen skizziert, und das ausreichend schnell. Aber Politik und Ökonomie sind ganz offensichtlich vollkommen unfähig, in angemessener Zeit darauf zu ragieren. Der Niedergang äußert sich nicht in unserem abrupten Aussterben, sondern zunächst in einer Verringerung des Zuwachses des Wohlstandes, dann in Stagnation, später in Verteilungskämpfen und einem Rückgang der menschlichen Population.

Gerade zum jetzigen Zeitpunkt erlebt das ökonomische (und das politische!) System selbst eine Krise, was zu einer zusätzlichen Verringerung der Lösungskapazitäten und zu einer Verminderung der Bereitschaft der politischen Elite beiträgt, die Lösung des Problems mit höchster Priorität anzugehen.

Lass zu diesen beiden Problemen noch ein Dutzend weitere hinzutreten. Diese können durch den Klimawandel beschleunigt worden oder (anscheinend oder scheinbar) davon unabhängig sein. Ein mögliches Beispiel ist das Versagen der Antibiotika. Ich kann mir eine nicht allzu ferne Zukunft vorstellen, in denen eine medizinische Operation wieder genauso gefährlich ist wie ihr Unterlassen - weil die Wahrscheinlichkeit, im Krankenhaus an irgendwelchen Superkeimen zu sterben genauso groß ist wie die, hervorgerufen durch die Primärerkrankung. Dann haben wir in der Gesellschaft wieder Mortalitätsraten wie vor der Entdeckung des Penicillins.

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Kommentare hier ...

Bitte mehr davon? Aus...
Bitte mehr davon? Aus meiner Sicht auf keinen Fall,...
Köppnick - 25. Dezember, 16:53
bitte mehr davon
Nimmersatt (Gast) - 25. Dezember, 15:33
lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
la-mamma - 30. November, 19:43
Ich möchte Ihnen...
Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02