Dean Hamer: Das Gottes-Gen

Bereits seit einiger Zeit gibt es die Theorie vom Gottesmodul. So wird ein Bereich innerhalb des Gehirns bezeichnet, in dem eine erhöhte Stoffwechselaktivität gemessen werden konnte, wenn sich die Betreffenden längere Zeit in einem Stadium tiefer religiöser Versenkung befunden haben. Der Genetiker und Verhaltensbiologe Dean Hamer fügt nun dieser Theorie eine neue hinzu, nämlich die, dass sich statistisch gesehen Menschen mit einem größeren Hang zu Religiosität genetisch in einigen Erbgutabschnitten von weniger religiösen Menschen unterscheiden, er schreibt:
In „Das Gottes-Gen“ stelle ich die These auf, dass es für Spiritualität einen ähnlichen biologischen Mechanismus gibt wie für den Gesang der Vögel, auch wenn er wesentlich komplizierter und präziser ist. Demnach verfügen wir über eine genetische Veranlagung zum Glauben, der sich aus unserer persönlichen Erfahrung und unserem kulturellen Umfeld ergibt und von diesen Faktoren wiederum beeinflusst wird. Nach meiner Argumentation funktionieren diese Gene, indem sie die Fähigkeiten des Gehirns zur Bildung unterschiedlicher Bewusstseinszustände beeinflussen. Diese Bewusstseinszustände wiederum bilden die Grundlage für spirituelle Erfahrungen.
Die Untersuchungsmethodik von Dean Hamer und einigen anderen, die auf diesem Gebiet gearbeitet haben, war zweigleisig. Alle Arbeiten wurden überwiegend im Rahmen von Zwillingsstudien durchgeführt:
  • Befragung zur Einschätzung des Grades an Religiosität, Spiritualität, Selbsttranszendenz.
  • Biochemische Analyse eines kleinen Teil des Erbmaterials der Probanden.
Untersuchungen an ein- und zweieiigen Zwillingen haben eine solch große Bedeutung, weil erstere identisches Erbgut haben, letztere nicht. Man kann also durch die Untersuchung verschiedener Fälle versuchen, den Grad des Einflusses der Erbanlagen mit dem der Umwelt zu vergleichen. Selbsttranszendenz ist dabei eine interessante Persönlichkeitseigenschaft, die nichts mit traditioneller Religiosität zu tun haben muss, auch atheistische Menschen können hohe Werte der Selbsttranszendenz besitzen:
Sie [die Selbsttranszendenz] gründet sich nicht auf den Glauben an einen bestimmten Gott, häufige Gebete oder andere religiöse Überzeugungen und Gebräuche. Vielmehr trifft sie den Kern der Spiritualität: die Beschaffenheit des Universums und unseren Platz darin. Selbsttranszendente Menschen neigen dazu, alles, sich selbst eingeschlossen, als Teil einer großen Einheit zu betrachten. Sie haben ein starkes Gefühl von „Einssein“ - sie empfinden eine Verbindung zwischen Menschen, Orten und Dingen. Der Standpunkt von Menschen ohne Selbsttranszendenz ist eher selbstbezogen. Sie konzentrieren sich mehr auf die Unterschiede und Widersprüche zwischen Menschen, Orten und Dingen als auf Ähnlichkeiten und Beziehungen.
Eine wichtige Aussage seiner Untersuchungen ist, dass man in der genetischen Determiniertheit zwischen Spiritualität und Religiosität trennen muss. Eineiige Zwillinge, die in unterschiedlichen Verhältnissen aufgewachsen sind, unterscheiden sich kaum im Grad ihrer Spiritualität, können sich aber stark in ihrer Religiosität unterscheiden. Religiosität ist eher kulturell und durch die Erziehung bedingt. Im Alltag wird man diesen Unterschied unter Umständen nur schwer bemerken, weil die Erziehung durch genetisch Ähnliche (die Eltern) erfolgt.

Heute ist es unmöglich, von jedem Probanden das gesamte Erbgut zu analysieren, zudem ist ohnehin nur von einem kleinen Teil die Bedeutung bekannt. Bei der Untersuchung hat man sich auf nur sehr wenige Genabschnitte beschränkt. Das gefundene „Gottes-Gen“ ist deshalb sicher nur eines unter vielen: VMAT2 ist ein Protein, von dem man weiß, dass es im Gehirn am Transport von Monoaminen beteiligt ist. Zu diesen Monoaminen gehören die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin. Ein zu niedriger Serotoninspiegel im Gehirn korreliert mit dem Auftreten von Depressionen, Dopamin ist das Glückshormon per se. Von beiden existieren Derivate, die in den Hirnstoffwechsel eingreifen und als synthetische Drogen bewusstseinsverändernd (bewusstseinserweiternd) wirken.

Hier schließt sich (neurochemisch) der Argumentationskreis: Unterschiedliche Genvarianten von VMAT2 verursachen unterschiedliche Pegel bestimmter Neurotransmitter im Gehirn. Neurotransmitter modulieren das Denken. (Siehe dazu auch die Arbeiten von Antonio Damasio.)

In einigen Abschnitten beschäftigt sich Dean Hamer mit dem Nutzen der entsprechenden Genvarianten, denn selektiv in der Evolution wirkt ja das Verhalten der Individuen, in dem sich die Träger der entsprechenden Genvarianten von anderen unterscheiden:
Die Gene, die uns an etwas glauben lassen, dass stärker ist als wir – und die ich „Gottes-Gene“ nenne -, bieten möglicherweise einen evolutionären Vorteil, indem sie dazu beitragen, die Gesundheit zu verbessern und das Leben zu verlängern. Wenn Menschen mit Genen, die Glauben und Spiritualität hervorrufen, seltener krank werden und länger leben, können sie diese Gene in stärkerem Maße an ihre Nachkommen weitergeben.
Im Weiteren weist er dann darauf hin, dass hier die Frage nach dem Einfluss von Spiritualität und Religiosität noch nicht abschließend beantwortet ist. Also ob, salopp gesprochen, die Langlebigkeit aus den spirituell machenden Genen resultiert oder aus der Regelmäßigkeit des das Leben strukturierenden Gottesdienstbesuches.

Hamer versäumt auch nicht einen kleinen Seitenhieb gegen Richard Dawkins, Speerspitze des militanten Atheismus:
Wenn Dawkins das „Schöpfungsargument“ für Gott aufgreift, läuft er zur Hochform auf. Nach dieser religiösen Überzeugung sind das Universum und alle Geschöpfe darin zu perfekt, um durch einen Zufall einstanden zu sein, was zu dem Schluss führt, dass es einen Konstrukteur dafür gegeben haben muss – Gott -, der alles vorher geplant hat. Mit eloquenter Logik und anschaulichen Beispielen erklärt Dawkins, warum diese Theorie überflüssig ist, und legt seinen Fall überzeugend dar, indem er beweist, dass sich alle Lebensformen, einschließlich unserer eigenen, mithilfe der Evolution erklären lassen. Doch er geht einen Schritt zu weit, wenn er behauptet, dass die Evolution das ganze Leben erklärt, nur weil sie dazu in der Lage ist.

Das ist ein elementarer logischer Fehler und ein ausgezeichnetes Beispiel für den alten Irrglauben, dass, wenn A B verursachen kann, jedes B von A – und nur von A – verursacht sein muss. Die meisten Wissenschaftler halten die Evolution für ausreichend, um das Leben ohne die Existenz eines Schöpfers zu erklären, doch von einem rein wissenschaftlichen Standpunkt beweist das absolut nicht, dass es einen solchen Schöpfer nicht gibt. Ironischerweise scheint es, dass Dawkins eine Religion hat: die Wissenschaft – der er eher aufgrund seines Glaubens als aufgrund von Logik folgt.
Zum Abschluss eine Anmerkung, die Dean Hamer bereits in der Einleitung seines Buches geschrieben hat:
In diesem Buch geht es darum, warum Menschen glauben, nicht darum, ob ihr Glauben richtig ist. Atheisten werden wahrscheinlich argumentieren, dass das Gottes-Gen ein Beweis für die Nichtexistenz Gottes ist – dass Religion nichts weiter ist als ein genetisches Programm für Selbstbetrug. Gläubige Menschen hingegen betrachten die Existenz eines Gottes-Gens möglicherweise als einen weiteren Hinweis auf den Einfallsreichtum des Schöpfers, eine clevere Art, und zu helfen, an ihn zu glauben.
Derselbe Einwand gilt übrigens für das eingangs erwähnte Gottesmodul. Man sollte sich in solchen Fällen an das allgemeine Prinzip erinnern, dass ein Problem, das in der Philosophie als für logisch unlösbar klassifiziert wurde, auch von den Naturwissenschaften nicht gelöst werden kann.

Kategorien: Bücher, Evolution, Gehirn & Geist
Peter (Gast) - 27. Januar, 00:34

Stinkt diese Salbaderei nicht vom Kopf? So wie schon das Schwulen-Gen und der ganze andere nur medienwirksam an-postulierte Rest. Die Zeit beschreibt in einem Artikel zu einem anderen Buch glaube ich ganz richtig:
Wenn er zu Tagungen fuhr, wo eine Handvoll Experten über ihre neuesten Fortschritte auf dem Gebiet der Regulation des Metallothionein-Gens der Bäckerhefe berichteten, mußte er aufpassen, nicht einzuschlafen. Er war vierzig Jahre alt, Abteilungsleiter eines angesehenen Forschungsinstituts und langweilte sich zu Tode.
Ich habe mich mittlerweile genug über den unausgegorenen Käse von dem Mann geärgert und betrachte diese Schlußfolgerung als schlüssig:
Bleibt die dritte Möglichkeit, Dean Hamers Buch zu lesen: wie eine gute Frauenzeitschrift. Sagen wir, Brigitte. Oder besser, Cosmopolitan

Köppnick - 27. Januar, 07:36

Diese Betrachtungsweise halte ich für grundfalsch. Völlig unabhängig von der Grundaussage schon wegen dem Tonfall, mit dem hier die Arbeit anderer Menschen herabgewürdigt wird.

Aber auch inhaltlich stimmt es nicht. Hamer hat methodisch sauber eine Korrelation zwischen verschiedenen Varianten eines Gens und menschlichem Verhalten festgestellt. Dargestellt sind die Vorgehensweise und die Schlussfolgerungen in einer sehr sachlichen Form.

Natürlich ist klar, dass diese Betrachtungsweise zwei gegensätzlichen menschlichen Parteien nicht passt. Zum einen denjenigen, die Glauben gern als überflüssiges Überbleibsel aus vergangenen Zeiten betrachten wollen. Diesen Eiferern ist offenbar genau der von Hamer herausgearbeitete Unterschied zwischen Selbsttranszendenz (Spiritualität) und Religiosität nicht klar bzw. sie wollen ihn nicht zur Kenntnis nehmen. Die andere Fraktion sind diejenigen, die am besten gar keinen Zusammenhang zwischen unserem biologischen Erbe und Religion sehen wollen.
Peter (Gast) - 27. Januar, 10:40

Diese Betrachtungsweise halte ich für grundfalsch. Jemand, der in den letzten Jahren von einem medienwirksamen Thema zum nächsten gesprungen ist, ohne das alte in halbwegs aufgeräumten Zustand zurückzulassen, möchte ich meine Aufmerksamkeit nicht mehr widmen. So bald Gegenwind kam, hatte Hamer die Segel gestrichen. Da hilft es auch nicht Kritiker als Eiferer zu disqualifizieren. Ich hatte mich nur gewundert, dass du dich damit befasst. Ist aber schließlich auch egal.
Köppnick - 27. Januar, 12:43

Ich kenne von Hamer nur dieses eine Buch, von dem "Gay-Gen" habe ich erst in deinem Kommentar und in dem sehr kurzen Wikipediaeintrag über ihn gelesen. Darüber kann ich nichts sagen. Das, was er in seinem Buch geschrieben hat, ist meiner Meinung nach nicht zu beanstanden. Er hat dort deutlich gesagt, dass man nur einen kleinen Set an Genen untersucht hat und die statistische Korrelation nur bei einem einzigen gefunden hat. Und er hat die verschiedenen psychologischen Befragungen und die Ergebnisse von Zwillingsstudien dazu in Bezug gesetzt.

Er hat auch deutlich gemacht, dass es in keiner Richtung eine Monokausalität geben kann, also weder, dass es das einzige Gen ist, das menschliches Verhalten beeinflusst, noch, dass es keinen großen Einfluss der Umwelt auf jeden einzelnen Menschen gibt.

Die klare Unterscheidung der Begriffe Spiritualität und Religiosität habe ich bei ihm zum ersten Mal in dieser Form gelesen, sie erklärt mir auf plausible Art einige Beobachtungen, auf die ich mir bisher keinen Reim machen konnte.

Mir sind hingegen Leute wie Dawkins suspekt, die solche Unterschiede nicht in Betracht ziehen und offenbar grundlegende philosophische (und psychiologische) Erkenntnisse geflissentlich ignorieren. Mir persönlich scheint ein konsequent agnostischer Standpunkt der einzig seriöse zu sein.
Gregor Keuschnig - 27. Januar, 13:07

Für mich stellt sich immer die Frage, ob der reisserische Titel "Das Gottes-Gen" vom Autor oder vom Verlag stammt. Der m. E. schwachsinnige Untertitel "Warum uns der Glaube im Blut liegT" spricht für letzteres. Damit wird mindestens am Anfang suggeriert, dass es eine unabänderliche Determiniertheit gibt. Insofern sehe ich schon eine gewisse Trivialiserung. Wenn der Autor dann einer Monokausalität das Wort redet, würde ich mich irgendwann fragen, was er überhaupt sagen will.
Köppnick - 27. Januar, 14:16

Der Titel stammt von Hamer, er nimmt mehrfach im Buch darauf Bezug. Aber der englische Untertitel lautet "How Faith Is Hardwired Into Our Genes ", da steht nichts von "Blut" sondern von "Genen". Von Determiniertheit spricht er an keiner Stelle, sondern von Korrelation.

Wenn das Buch tatsächlich eine solche Aufregung verursacht hat, was ich bis jetzt nicht wusste, dann liegt das ganz sicher nicht an der Darstellung im Buch und den dort geschilderten Fakten. Ich vermute eher, dass hier eine Art Kulturkampf ausgefochten wird, die Religiösen auf der einen, die Atheisten auf der anderen. Aber, und das ist eine der tatsächlich von Hamer getätigten Aussagen, Naturwissenschaft kann nicht Gottes Existenz beweisen oder widerlegen, sondern nur bestimmte Denk- und Glaubensstrukturen in unseren Gehirnen und Genen aufspüren und untersuchen. Und das scheint beiden Lagern nicht zu gefallen.
Gregor Keuschnig - 27. Januar, 15:03

Ich weiß nicht, ob das Buch Aufregung verursacht hat. Ich glaube aber, dass reduktionistische Titel, die dann im Buch relativiert bzw. zurechtgerückt werden, nicht unbedingt hilfreich sind; die meisten Rezipienten lesen das Buch höchstens oberflächlich.

Die neurowissenschaftlche Ausdeutung in der Wissenschaft sehe ich weniger als Kulturkampf (das mag vereinzelt auch der Fall sein), sondern eher als Gegenbewegung zur Soziologie der 60er-80er Jahre, die alle Phänomene rein aus der Umweltr konstituiert hat.

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OT: Hiervon schon gehört?
Köppnick - 27. Januar, 18:37

Ich habe überlegt, welchen anderen aussagekräftigen Titel Hamers Buch tragen könnte, mir fällt kein besserer ein.

Zu deinem OT: In der Tat bewegen sich die Forscher, die aus Stoffwechselaktivitäten auf Gedanken schließen, auf dünnem Eis. Charakteristisch ist ein Beispiel zum Gedankenlesen. Es wurde als Erfolgt gemeldet, dass man aus den Daten vorhersagen konnte, ob die betreffende Person auf dem Bildschirm nach links oder nach rechts schaut. Die Randbedingungen: Die Apparatur musste mit derselben Person angelernt werden und die Trefferquote lag bei 60%, mit einfachem Raten hätte man 50% erzielt. Von tatsächlichem Gedankenlesen ist man also noch weit entfernt. Aber die (Horror)Vision eines Lügendetektors auf dieser Basis wirkt doch sehr "inspririerend". Man darf aber nicht vergessen, dass wir solche Geschichten lesen wollen (es sind unsere Mythen, so wie vor 2000 Jahren die biblischen Geschichten) und dass die Wissenschaftler Fördergelder mit die Allgemeinheit interessierenden Ergebnissen rechtfertigen müssen.

Auf vergleichbare statistische Effekte hat übrigens auch Hamer in seinem Buch hingewiesen. Wenn man die Zahl der untersuchten Gene immer weiter vergrößert, findet man für beliebige Forschungsergebnisse immer einige, die hoch korreliert sind, obwohl bei weiteren Untersuchungen diese Zusammenhänge wieder verschwinden. Es muss einfach eine vernünftige Relation zwischen der Anzahl der Messungen und der untersuchten Größen eingehalten werden.

In Hamers Fall liegen die Verhältnisse etwas anders, weil für sein Gen das kodierte Protein und dessen Arbeitsweise im Gehirn (in der Zellmembran) vergleichsweise gut bekannt sind. Und für die von diesem Protein regulierten Neurotransmitter ist die Wirkung ebenfalls gut erforscht. Außerdem gibt es auch eine Reihe von Sustanzen (Drogen), die chemisch ähnlich sind und die nachweislich bewusstseinsverändernd wirken. Es gibt also nicht bloß eine statistische Korrelation, sondern eine nachgewiesene Stoffwechselwirkung.

Der Zusammenhang zur Soziologie der vorletzten Jahrzehnte ist interessant. Tatsächlich scheint es Wellenbewegungen in der Wissenschaft und der Gesellschaft zu geben, die sich über mehrere Bereiche erstrecken. Parallel zu den Überlegungen zur genetischen Determiniertheit gibt es ja auch die Gedanken rund um den freien Willen, die in dieselbe Richtung zielen (Determinismus).
404 - 27. Januar, 12:58

Evolutionärer Vorteil?

Für mich die spannenste Frage dabei ist jedoch, ob es einen evolutionärern Vorteil für den Menschen bedeutet, wenn er religiös ist. Die Meinungen gehen auch hier auseinander.

Sicher scheint aber nur eines: Es wird weder je einen Beweis für einen (bewußten) Schöpfergott geben, noch einen dafür, dass es ihn nicht gibt!

Metepsilonema - 4. Februar, 00:23

Naja...

Wenn ich das richtig verstanden habe, dann korreliert Hamer Religiosität/Spiritualität mit einem Gen, das für ein Protein kodiert, das für den Transport von Neurotransmittern in synaptische Vesikel zuständig ist. Das ist schon etwas mager. Oder gibt er im Buch detaillierter Auskunft darüber, wie man sich vorstellen kann, wie ein Transportprotein entscheidenden Einfluss auf Neurotransmitterspiegel haben soll? Das ist doch ein Faktor unter hundert anderen.

Transzendenz ist wohl das einzige Kennzeichen aller Religionen, und insofern ist der Glaube an einen Gott, also Religiosität, auch eine Form von Transzendenz. Mit Spiritualität meint Hamer wohl eher das Erleben?

Köppnick - 4. Februar, 19:49

Ich habe dir unten den Scan der Abschnitte angehängt, die die Wirkungsweise des Proteins beschreiben, dass VMAT2 kodiert. Du dürftest als Biologe ja wenig Mühe haben, die Details zu verstehen.

Nicht Hamer korreliert Spiritualität mit einem Gen, sondern seine Messergebisse zeigen das. Und sie zeigen weiterhin, dass Spiritualität und Religiosität bzw. dieses Gen und Religiosität wenig bis gar nicht korreliert sind. Das liefert neues Futter für den Streit darüber, was von unserem Verhalten genetisch bedingt ist und was über die Erziehung verursacht wird. Das ist für mich deshalb bemerkenswert, weil es an einem Beispiel zeigt, dass sich bestimmte unserer Verhaltensweisen tatsächlich bis auf die molekulare Ebene verfolgen lassen. Natürlich ist dieses Gen nur eines unter vielen und es wird sich sicherlich auch auf viele andere Verhaltensweisen und anderes (korrelativ) auswirken.

Spiritualität bedeutet für mich kurz zusammengefasst das Empfinden des Einssein mit etwas außerhalb meiner Selbst. Das kann sich in Verbundenheit mit der Natur äußern, in vergrößerter Empathie gegenüber anderen Menschen oder es kann sich eben in Form von Religion kanalisieren, wenn die Umwelt hier die ensprechenden Schlüsselreize setzt. Das ist für mich auch ein Fingerzeig dafür, dass ein militanter Atheismus ala Dawkins zum Scheitern verurteilt ist, wenn er nicht einen Ersatz für die entsprechenden menschlichen Gefühle mitliefert - weil in unseren Genen diese Bedürfnisse sehr tiefgehend kodiert sind.
Hier kommen die Monoamine und das Gen VMAT2 ins Spiel. Monoamine sind die biochemischen Träger von Emotionen und Werten. Durch sie fühlen wir. Monoamine sind für das Gehirn jedoch nicht frei verfügbar, sie werden wie ein Geburtstagsgeschenk erst ein- und dann ausgepackt. Dabei spielt das Gen VMAT2 eine wichtige Rolle.

Die Monoamine verdanken ihren Namen der Tatsache, dass sie eine einzige Aminogruppe enthalten - ein von drei Wasserstoffatomen umgebenes Stickstoffatom -, die durch eine kurze Kohlenstoffkette mit dem Molekül verbunden ist. Es gibt zwei Sorten von Monoaminen. Zu den so genannten Katecholaminen gehören Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin: Sie bestehen jeweils aus einer Aminogruppe an einem aromatischen Ring mit zwei herausragenden Sauerstoffmolekülen. Serotonin hingegen ist ein Indolamin: Hier ist die Aminogruppe an eine doppelte Ringstruktur ohne Sauerstoff angehängt.

Monoamine sind klein, etwa so groß wie ein Aspirinmolekül, und werden aus den Aminosäuren in Nahrungsmitteln und Eiweißen gebildet. Deshalb hat die Nahrung auch Einfluss auf das Befinden. Wenn man traurig ist, greift man lieber nach Schokolade als nach einem Hot Dog - nicht weil sie süß ist, sondern weil der Zuckergehalt im Blut den Ausstoß von Serotonin im Gehirn verstärkt und so der Niedergeschlagenheit entgegenwirkt.

Monoamine werden in den Neuronen hergestellt, den Zellen, die im Gehirn die Informationen übermitteln. Durch die Kommunikation der Neuronen untereinander - oftmals durch die Sprache der Monoamine - »weiß« das Gehirn, was man fühlt und wie man sich fühlt.

Neuronen kommen in allen möglichen Formen und Größen vor, doch einiges haben alle gemeinsam: einen Zellkörper, Dendriten, Axone und Nervenenden. Der Zellkörper ist wie eine dicke Wurzelknolle. Hier finden die Wartungsarbeiten der Zelle statt. Die Dendriten ähneln den kurzen, stacheligen Wurzelhaaren. Sie sind die Antennen, mit denen die Zellen Informationen sammeln. Ein Axon, das einem langen, massiven Baumstamm ähnelt, vermittelt die Informationen, die es von der Zelle erhält. Jedes Axon verzweigt sich viele Male in Hunderte und Tausende von Verästelungen, die in kleinen Knöpfen, den Synapsenendköpfchen, enden. Diese erledigen die eigentliche Arbeit der Axone und schütten die Botenstoffe aus, die den umliegenden Nervenzellen Signale übermitteln. Die kleine Lücke zwischen dem Rezeptor einer Nervenzelle und dem Dendriten einer anderen nennt man Synapse.

Die monoaminproduzierenden Zellen haben ihren Sitz tief im Gehirn, doch ihre Ausläufer reichen weit. Das System für Serotonin, den Botenstoff für negative Emotionen, ist besonders weit verzweigt, es reicht vom Raphekern in der Hirnmitte bis zum Vorderhirn, dem Neokortex, dem Hippocampus, dem Thalamus, dem Kleinhirn, zum Riechkolben und sogar bis ins Rückenmark. Dopamin, Anreger des Gehirns und "Wohlfühl-Transmitter“, wird von zwei verschiedenen Zellen produziert. Ein Nervenzellhaufen im ventralen tegmentalen Areal (VTA) sendet seine Axone hauptsächlich zum Vorderhirn, dem präfrontalen Kortex, der Amygdala und dem so genannten Nucleus accumbens aus. Die andere Gruppe von Neuronen sitzt in der Substantia nigra und strahlt hauptsächlich ins Striatum aus, das die Bewegungen steuert. Diese Zellen degenerieren bei der Parkinson-Krankheit, was den Verlust der Körperkontrolle und Zittern zur Folge hat. Noradrenalin schließlich, das bei Stress und geistiger Anspannung eine Rolle spielt, wird zwar nur in ein paar tausend Zellen im Locus ceruleus hergestellt, sendet jedoch ein dichtes Netz von Projektionen an viele verschiedene Regionen wie Kortex, Kleinhirn und Hippocampus aus.

In diesen Zellen werden die Monoamine produziert, doch vor dem Verschicken müssen sie noch eingepackt werden. Die Zellen umgeben die Monoamine mit einer Membran, einem starken, flexiblen Material aus Eiweißen, Zucker und Fett. Diese Membranen bilden kleine Bläschen, die so genannten Vesikel. Ein einziges Nervenende kann Tausende von kleinen und großen Vesikeln beinhalten. Die meisten von ihnen halten sich in der Nähe der so genannten präsynaptischen Verdickung auf, von wo sie schließlich ausgeschüttet werden. Manche von ihnen berühren sogar das Axonende. Monoamine zu verpacken ist schwierig. Und hier kommt der vom Gen VMAT2 gesteuerte vesikulare Monoamintransmitter ins Spiel. Der VMAT2-Transmitter ist ein längliches, schlangenartiges Molekül, das sich in beide Richtungen durch die Vesikelmembran windet. Kopf und Schwanz von VMAT2 stecken sicher innerhalb des Bläschens. Der Körper schlängelt sich zwölfmal durch die Membran, sodass nach außen sechs Schlingen hervorstehen. An jeder Schnittstelle mit der Membran befindet sich eine transmembrane Helix, eine enge Spirale aus Aminosäuren, die genau in die glatten, rutschigen Schlingen passt.

Der Transmitter bildet einen Kanal durch die Membran, der den Monoaminen als Durchgang dient. Doch der Eintritt in den Schutz der Vesikel hat seinen Preis. Für jedes Monoamin, das hineingelassen wird, müssen zwei Protonen (positiv geladene Wasserstoffionen) entfernt werden.

Sind die Monoamine erst einmal in den Bläschen verpackt, so bleiben sie dort im Schutz der Membran, bis etwas geschieht. Dieses »Etwas« tritt ein, wenn ein Hormon oder ein anderer Neurotransmitter einen kurzen Stoß elektrochemischer Energie durch das Axon der Nervenzelle schickt, die das Monoamin hergestellt hat. An der Membran am Ende des Atoms öffnet der Impuls einen winzigen Kanal, durch den Kalziumionen eingelassen werden. Kalzium ist nicht nur für den Knochenaufbau gut, es dockt auch an Proteine an und ändert ihre Form. Wenn sich Kalzium mit den Proteinen an der Schnittstelle von Zellmembran und Transportbläschen verbindet, zwingt es sie weiter auseinander und bildet so eine kleine Öffnung, durch die Monoamine aus der Zelle gelangen können. Es ist, als ob man ein Schleusentor nur ein ganz klein wenig öffnet: Wenn es erst einmal losgeht, gibt es kein Halten mehr. Bald ergießt sich der gesamte Inhalt des Vesikels in den synaptischen Spalt. Das Geschenk ist ausgepackt.
Metepsilonema - 12. Februar, 23:42

Tut mir leid, dass ich Dich so lange warten lasse.

Verhaltensweisen sind meist Resultate komplexer neuronaler Verschaltungen. Ich halte es für unseriös sie mit einzelnen Genen zu korrelieren, und derartige Behauptungen aufzustellen, ohne Mechanismen zu nennen.

Doch, Hamer korreliert. Er (oder jemand in seinem Labor) hat die Messungen durchgeführt (aber ich gebe zu: schlampige Redeweise). Ich meine mich zu erinnern, dass vor einem, oder zwei Jahren in Bild oder Spektrum der Wissenschaft ein Schwerpunkt über diese Thematik u.a. mit Hamer war. Ich konnte es aber nicht finden.

Ist leider alles andere als mein Spezialgebiet. Aber ich würde wie folgt argumentieren: VMAT2 dient dem Transport von Monoaminen in die Vesikel, und diese werden in den synaptischen Spalt entleert, um die Erregung an eine, oder mehrere nachgeschaltete Synapsen bzw. Neurone weiterzuleiten. Dabei bleibt unberücksichtigt, dass in den synaptischen Spalt auch andere Substanzen von anderen Synapsen eingebracht werden können, die Antwort also moduliert wird, und nicht nur von den mit Monoaminen gefüllten Vesikeln abhängt. Weiter hängt die Antwort nicht nur davon ab wie viele Monoamine in die Vesikel gepackt werden können (darauf will Hamer doch hinaus, dass das entsprechende Gen die Zahl der Transportproteine pro Vesikel bestimmt), sondern auch wie viele Vesikel in den Spalt entleert werden. Außerdem spielt fraglos die Regulation der Monoamine, also ihre vorhandene Konzentration eine Rolle (wie viele können überhaupt verpackt werden). Und zu guter letzt: Solange genug Zeit bleibt um die Vesikel zu füllen spielt die Zahl der vorhandenen Transportproteine eine untergeordnete Rolle. Außerdem ist nicht einmal klar in welchen Bandbreiten sie überhaupt variieren können.

In dem von Dir verlinkten Wikipedia Artikel steht folgendes zu Hamers Buch, was meine Skepsis bestätigt:

Geneticist Dean Hamer identified the VMAT2 gene as correlating with spirituality using data from a smoking survey, which included questions intended to measure "self-transcendence". Hamer performed the spirituality study on the side, independently of the National Cancer Institute smoking study. His findings were published in the mass-market book The God Gene: How Faith Is Hard-Wired Into Our Genes. According to Carl Zimmer, Hamer's study has not been academically published and depends on a minor statistical variance.

Es wird wohl Gründe geben, warum diese Studie nicht in einem wissenschaftlichen Journal erschienen ist.
Köppnick - 13. Februar, 17:33

Hamer schreibt in seinem Buch selbst, dass ihn Wissenschaftlerkollegen gewarnt haben, dieses Buch zu schreiben. Er solle lieber bis zu seiner Emeritierung warten. Dabei hat er nach meiner Wahrnehmung nichts weiter gemacht, als auf eine Korrelation zwischen Genen und Verhalten in einem sehr speziellen Fall hinzuweisen.

Es wird wohl Gründe geben, warum diese Studie nicht in einem wissenschaftlichen Journal erschienen ist.

Einer der Gründe könnte sein, dass Wissenschaftler die Religion fürchten, so wie der Teufel das Weihwasser. Ablehnung hat Hamer übrigens auch von der anderen Seite erfahren, denn Gläubige wiederum wollen nicht hören, dass Glauben profane biologische Gründe haben könnte.
Metepsilonema - 14. Februar, 18:58

Ich kenne seine Daten nicht, aber wenn das [...] depends on a minor statistical variance. stimmt, dann hat er seine Überlegungen auf dünnes Eins gebaut, und dann ist auch klar warum sie nicht anderwärtig veröffentlicht wurden.
Köppnick - 11. Februar, 21:33

Ein interessanter Artikel findet sich bei SPON: Mitleid wird vererbt.
Bei den mitleidigen Mäusen handelte es sich um miteinander verwandte, besonders sozial aktive Tiere. Mäuse aus einer anderen genetischen Linie zeigten hingegen kein vergleichbares Verhalten.

Daraus folgern die Forscher, dass das Mitleid eine direkte genetische Ursache hat. Künftige Studien könnten die genetischen Unterschiede zwischen mitleidigen Mäusen und Tieren, die dazu nicht in der Lage sind, bestimmen und ein genaueres Verständnis des Zusammenhangs ermöglichen, erklären die Wissenschaftler.
Nun wird man bei Mäusen nicht von Spiritualität sprechen, aber Empathie gehört ganz bestimmt in die Kategorie von Verhaltensweisen, die vom Pegel bestimmter Neurotransmitter im Gehirn abhängen. Und diese Botenstoffe, die sie steuernden Mechanismen und die damit verknüpften Gene dürften evolutionsbiologisch uralt sein und zum gemeinsamen Erbe von Mäusen und Menschen gehören.

Sven (Gast) - 6. März, 09:21

Klingt richtig interessant. Besten Dank für die Review, bald werde ich vielleicht dieses Buch lesen. Gruß!

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Kommentare hier ...

lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
la-mamma - 30. November, 19:43
Ich möchte Ihnen...
Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02
Mit dem Schreibfehler...
Mit dem Schreibfehler hast Du vollkommen recht. Vor...
steppenhund - 28. November, 14:56
Ich nehme an, dass in...
Ich nehme an, dass in deinen beiden Listen die ersten...
Köppnick - 23. November, 10:57