Dean Hamer: Das Gottes-Gen
Bereits seit einiger Zeit gibt es die Theorie vom Gottesmodul. So wird ein Bereich innerhalb des Gehirns bezeichnet, in dem eine erhöhte Stoffwechselaktivität gemessen werden konnte, wenn sich die Betreffenden längere Zeit in einem Stadium tiefer religiöser Versenkung befunden haben. Der Genetiker und Verhaltensbiologe Dean Hamer fügt nun dieser Theorie eine neue hinzu, nämlich die, dass sich statistisch gesehen Menschen mit einem größeren Hang zu Religiosität genetisch in einigen Erbgutabschnitten von weniger religiösen Menschen unterscheiden, er schreibt:
In „Das Gottes-Gen“ stelle ich die These auf, dass es für Spiritualität einen ähnlichen biologischen Mechanismus gibt wie für den Gesang der Vögel, auch wenn er wesentlich komplizierter und präziser ist. Demnach verfügen wir über eine genetische Veranlagung zum Glauben, der sich aus unserer persönlichen Erfahrung und unserem kulturellen Umfeld ergibt und von diesen Faktoren wiederum beeinflusst wird. Nach meiner Argumentation funktionieren diese Gene, indem sie die Fähigkeiten des Gehirns zur Bildung unterschiedlicher Bewusstseinszustände beeinflussen. Diese Bewusstseinszustände wiederum bilden die Grundlage für spirituelle Erfahrungen.Die Untersuchungsmethodik von Dean Hamer und einigen anderen, die auf diesem Gebiet gearbeitet haben, war zweigleisig. Alle Arbeiten wurden überwiegend im Rahmen von Zwillingsstudien durchgeführt:
- Befragung zur Einschätzung des Grades an Religiosität, Spiritualität, Selbsttranszendenz.
- Biochemische Analyse eines kleinen Teil des Erbmaterials der Probanden.
Sie [die Selbsttranszendenz] gründet sich nicht auf den Glauben an einen bestimmten Gott, häufige Gebete oder andere religiöse Überzeugungen und Gebräuche. Vielmehr trifft sie den Kern der Spiritualität: die Beschaffenheit des Universums und unseren Platz darin. Selbsttranszendente Menschen neigen dazu, alles, sich selbst eingeschlossen, als Teil einer großen Einheit zu betrachten. Sie haben ein starkes Gefühl von „Einssein“ - sie empfinden eine Verbindung zwischen Menschen, Orten und Dingen. Der Standpunkt von Menschen ohne Selbsttranszendenz ist eher selbstbezogen. Sie konzentrieren sich mehr auf die Unterschiede und Widersprüche zwischen Menschen, Orten und Dingen als auf Ähnlichkeiten und Beziehungen.Eine wichtige Aussage seiner Untersuchungen ist, dass man in der genetischen Determiniertheit zwischen Spiritualität und Religiosität trennen muss. Eineiige Zwillinge, die in unterschiedlichen Verhältnissen aufgewachsen sind, unterscheiden sich kaum im Grad ihrer Spiritualität, können sich aber stark in ihrer Religiosität unterscheiden. Religiosität ist eher kulturell und durch die Erziehung bedingt. Im Alltag wird man diesen Unterschied unter Umständen nur schwer bemerken, weil die Erziehung durch genetisch Ähnliche (die Eltern) erfolgt.
Heute ist es unmöglich, von jedem Probanden das gesamte Erbgut zu analysieren, zudem ist ohnehin nur von einem kleinen Teil die Bedeutung bekannt. Bei der Untersuchung hat man sich auf nur sehr wenige Genabschnitte beschränkt. Das gefundene „Gottes-Gen“ ist deshalb sicher nur eines unter vielen: VMAT2 ist ein Protein, von dem man weiß, dass es im Gehirn am Transport von Monoaminen beteiligt ist. Zu diesen Monoaminen gehören die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin. Ein zu niedriger Serotoninspiegel im Gehirn korreliert mit dem Auftreten von Depressionen, Dopamin ist das Glückshormon per se. Von beiden existieren Derivate, die in den Hirnstoffwechsel eingreifen und als synthetische Drogen bewusstseinsverändernd (bewusstseinserweiternd) wirken.
Hier schließt sich (neurochemisch) der Argumentationskreis: Unterschiedliche Genvarianten von VMAT2 verursachen unterschiedliche Pegel bestimmter Neurotransmitter im Gehirn. Neurotransmitter modulieren das Denken. (Siehe dazu auch die Arbeiten von Antonio Damasio.)
In einigen Abschnitten beschäftigt sich Dean Hamer mit dem Nutzen der entsprechenden Genvarianten, denn selektiv in der Evolution wirkt ja das Verhalten der Individuen, in dem sich die Träger der entsprechenden Genvarianten von anderen unterscheiden:
Die Gene, die uns an etwas glauben lassen, dass stärker ist als wir – und die ich „Gottes-Gene“ nenne -, bieten möglicherweise einen evolutionären Vorteil, indem sie dazu beitragen, die Gesundheit zu verbessern und das Leben zu verlängern. Wenn Menschen mit Genen, die Glauben und Spiritualität hervorrufen, seltener krank werden und länger leben, können sie diese Gene in stärkerem Maße an ihre Nachkommen weitergeben.Im Weiteren weist er dann darauf hin, dass hier die Frage nach dem Einfluss von Spiritualität und Religiosität noch nicht abschließend beantwortet ist. Also ob, salopp gesprochen, die Langlebigkeit aus den spirituell machenden Genen resultiert oder aus der Regelmäßigkeit des das Leben strukturierenden Gottesdienstbesuches.
Hamer versäumt auch nicht einen kleinen Seitenhieb gegen Richard Dawkins, Speerspitze des militanten Atheismus:
Wenn Dawkins das „Schöpfungsargument“ für Gott aufgreift, läuft er zur Hochform auf. Nach dieser religiösen Überzeugung sind das Universum und alle Geschöpfe darin zu perfekt, um durch einen Zufall einstanden zu sein, was zu dem Schluss führt, dass es einen Konstrukteur dafür gegeben haben muss – Gott -, der alles vorher geplant hat. Mit eloquenter Logik und anschaulichen Beispielen erklärt Dawkins, warum diese Theorie überflüssig ist, und legt seinen Fall überzeugend dar, indem er beweist, dass sich alle Lebensformen, einschließlich unserer eigenen, mithilfe der Evolution erklären lassen. Doch er geht einen Schritt zu weit, wenn er behauptet, dass die Evolution das ganze Leben erklärt, nur weil sie dazu in der Lage ist.Zum Abschluss eine Anmerkung, die Dean Hamer bereits in der Einleitung seines Buches geschrieben hat:
Das ist ein elementarer logischer Fehler und ein ausgezeichnetes Beispiel für den alten Irrglauben, dass, wenn A B verursachen kann, jedes B von A – und nur von A – verursacht sein muss. Die meisten Wissenschaftler halten die Evolution für ausreichend, um das Leben ohne die Existenz eines Schöpfers zu erklären, doch von einem rein wissenschaftlichen Standpunkt beweist das absolut nicht, dass es einen solchen Schöpfer nicht gibt. Ironischerweise scheint es, dass Dawkins eine Religion hat: die Wissenschaft – der er eher aufgrund seines Glaubens als aufgrund von Logik folgt.
In diesem Buch geht es darum, warum Menschen glauben, nicht darum, ob ihr Glauben richtig ist. Atheisten werden wahrscheinlich argumentieren, dass das Gottes-Gen ein Beweis für die Nichtexistenz Gottes ist – dass Religion nichts weiter ist als ein genetisches Programm für Selbstbetrug. Gläubige Menschen hingegen betrachten die Existenz eines Gottes-Gens möglicherweise als einen weiteren Hinweis auf den Einfallsreichtum des Schöpfers, eine clevere Art, und zu helfen, an ihn zu glauben.Derselbe Einwand gilt übrigens für das eingangs erwähnte Gottesmodul. Man sollte sich in solchen Fällen an das allgemeine Prinzip erinnern, dass ein Problem, das in der Philosophie als für logisch unlösbar klassifiziert wurde, auch von den Naturwissenschaften nicht gelöst werden kann.
Kategorien: Bücher, Evolution, Gehirn & Geist
Montag, 26.Januar 2009
Aber auch inhaltlich stimmt es nicht. Hamer hat methodisch sauber eine Korrelation zwischen verschiedenen Varianten eines Gens und menschlichem Verhalten festgestellt. Dargestellt sind die Vorgehensweise und die Schlussfolgerungen in einer sehr sachlichen Form.
Natürlich ist klar, dass diese Betrachtungsweise zwei gegensätzlichen menschlichen Parteien nicht passt. Zum einen denjenigen, die Glauben gern als überflüssiges Überbleibsel aus vergangenen Zeiten betrachten wollen. Diesen Eiferern ist offenbar genau der von Hamer herausgearbeitete Unterschied zwischen Selbsttranszendenz (Spiritualität) und Religiosität nicht klar bzw. sie wollen ihn nicht zur Kenntnis nehmen. Die andere Fraktion sind diejenigen, die am besten gar keinen Zusammenhang zwischen unserem biologischen Erbe und Religion sehen wollen.
Er hat auch deutlich gemacht, dass es in keiner Richtung eine Monokausalität geben kann, also weder, dass es das einzige Gen ist, das menschliches Verhalten beeinflusst, noch, dass es keinen großen Einfluss der Umwelt auf jeden einzelnen Menschen gibt.
Die klare Unterscheidung der Begriffe Spiritualität und Religiosität habe ich bei ihm zum ersten Mal in dieser Form gelesen, sie erklärt mir auf plausible Art einige Beobachtungen, auf die ich mir bisher keinen Reim machen konnte.
Mir sind hingegen Leute wie Dawkins suspekt, die solche Unterschiede nicht in Betracht ziehen und offenbar grundlegende philosophische (und psychiologische) Erkenntnisse geflissentlich ignorieren. Mir persönlich scheint ein konsequent agnostischer Standpunkt der einzig seriöse zu sein.
Wenn das Buch tatsächlich eine solche Aufregung verursacht hat, was ich bis jetzt nicht wusste, dann liegt das ganz sicher nicht an der Darstellung im Buch und den dort geschilderten Fakten. Ich vermute eher, dass hier eine Art Kulturkampf ausgefochten wird, die Religiösen auf der einen, die Atheisten auf der anderen. Aber, und das ist eine der tatsächlich von Hamer getätigten Aussagen, Naturwissenschaft kann nicht Gottes Existenz beweisen oder widerlegen, sondern nur bestimmte Denk- und Glaubensstrukturen in unseren Gehirnen und Genen aufspüren und untersuchen. Und das scheint beiden Lagern nicht zu gefallen.
Die neurowissenschaftlche Ausdeutung in der Wissenschaft sehe ich weniger als Kulturkampf (das mag vereinzelt auch der Fall sein), sondern eher als Gegenbewegung zur Soziologie der 60er-80er Jahre, die alle Phänomene rein aus der Umweltr konstituiert hat.
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OT: Hiervon schon gehört?
Zu deinem OT: In der Tat bewegen sich die Forscher, die aus Stoffwechselaktivitäten auf Gedanken schließen, auf dünnem Eis. Charakteristisch ist ein Beispiel zum Gedankenlesen. Es wurde als Erfolgt gemeldet, dass man aus den Daten vorhersagen konnte, ob die betreffende Person auf dem Bildschirm nach links oder nach rechts schaut. Die Randbedingungen: Die Apparatur musste mit derselben Person angelernt werden und die Trefferquote lag bei 60%, mit einfachem Raten hätte man 50% erzielt. Von tatsächlichem Gedankenlesen ist man also noch weit entfernt. Aber die (Horror)Vision eines Lügendetektors auf dieser Basis wirkt doch sehr "inspririerend". Man darf aber nicht vergessen, dass wir solche Geschichten lesen wollen (es sind unsere Mythen, so wie vor 2000 Jahren die biblischen Geschichten) und dass die Wissenschaftler Fördergelder mit die Allgemeinheit interessierenden Ergebnissen rechtfertigen müssen.
Auf vergleichbare statistische Effekte hat übrigens auch Hamer in seinem Buch hingewiesen. Wenn man die Zahl der untersuchten Gene immer weiter vergrößert, findet man für beliebige Forschungsergebnisse immer einige, die hoch korreliert sind, obwohl bei weiteren Untersuchungen diese Zusammenhänge wieder verschwinden. Es muss einfach eine vernünftige Relation zwischen der Anzahl der Messungen und der untersuchten Größen eingehalten werden.
In Hamers Fall liegen die Verhältnisse etwas anders, weil für sein Gen das kodierte Protein und dessen Arbeitsweise im Gehirn (in der Zellmembran) vergleichsweise gut bekannt sind. Und für die von diesem Protein regulierten Neurotransmitter ist die Wirkung ebenfalls gut erforscht. Außerdem gibt es auch eine Reihe von Sustanzen (Drogen), die chemisch ähnlich sind und die nachweislich bewusstseinsverändernd wirken. Es gibt also nicht bloß eine statistische Korrelation, sondern eine nachgewiesene Stoffwechselwirkung.
Der Zusammenhang zur Soziologie der vorletzten Jahrzehnte ist interessant. Tatsächlich scheint es Wellenbewegungen in der Wissenschaft und der Gesellschaft zu geben, die sich über mehrere Bereiche erstrecken. Parallel zu den Überlegungen zur genetischen Determiniertheit gibt es ja auch die Gedanken rund um den freien Willen, die in dieselbe Richtung zielen (Determinismus).