Ode an die Freude
Die aktuelle SZ Wissen trägt den Titel „Zeitmaschine Gehirn“, folgerichtig findet man eine ganze Reihe von Artikeln zum Thema „Zeit“. Einer dieser Artikel enthält ein Interview mit dem Zeitforscher Hartmut Rosa. Viele seiner Aussagen kannte ich schon aus Büchern anderer Autoren, unter anderem aus Karlheinz A. Geißler: Vom Tempo der Welt und aus Fritz Reheis: Die Kreativität der Langsamkeit. Darunter das folgende Paradoxon:
Allerdings funktioniert es auch nicht, seine Zeit beliebig dicht mit spannenden Unternehmungen vollzupacken, wie es viele versuchen, die ihr langweiliges Alltagsleben mit umso mehr Erlebnissen im Urlaub oder der Freizeit zu kompensieren versuchen.
Der Umgang mit Musik ist heute meist ein völlig anderer. Ein paar Klicks bei Amazon, beim Klingeln des Postboten an die Tür gehen, die Packung aufreißen, die CD in den Player legen. Das kostet insgesamt etwa drei Minuten. Man bekommt es noch schneller hin, indem man sich „Musik“ aus dem Netz lädt. Wer das tut, der hört im Allgemeinen gar nicht mehr zu, sondern lässt sich nebenher berieseln.
Das schafft keine Zufriedenheit, sondern macht so konsumierte Musik zu einem Bestandteil des Hintergrundrauschens für das Gehirn. Über solcherart Zeitbetrachtungen erklärt sich vielleicht, wieso das Betreiben historischer Gewerke oder das Spielen alter Instrumente den Betreffenden solche Zufriedenheit gibt. Sie stellen für den Teil ihres Lebens, in dem sie sich aus der beschleunigten Gesellschaft ausklinken, für sich selbst einen anderen Zeittakt ein.
Ode an die Freude
Freude schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum!
|: Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng geteilt;
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt. :|
Die heutige Form der Violine ist seit dem 16. Jahrhundert unverändert geblieben. Der Text stammt von Friedrich Schiller vom Ende des 18. Jahrhunderts, die Musik wurde von Ludwig van Beethoven zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschrieben. Obwohl diese Musik auf uns heute eine solche Faszination ausübt, sind wir trotz aller unserer technischen Möglichkeiten nicht in der Lage, vergleichbare neue Werke zu schaffen. Das liegt am Wesen unserer Zeit. „Das rechnet sich nicht.“ Obwohl es uns eigentlich gut tun würde.
Kategorie: Violine
Wenn ich spannende Dinge erlebe und die Zeit schneller vergeht, erscheint sie mir im Nachhinein lang. Ich diagnostiziere jedoch ein Phänomen, dass ich Fernsehparadox nenne: Beim Zappen etwa wechseln Zuschauer alle paar Sekunden das Programm. Dabei vergeht die Zeit wie im Flug. Man will vielleicht nur fünf Minuten gucken, am Schluss sind es zwei Stunden. Die Zeit ist dann zwar schnell vergangen, aber nach dem Ausschalten fällt sie sofort zusammen, es bleibt nichts zurück.Oder etwas abstrakter formuliert: Je schneller die Zeit in der Gegenwart vergeht, umso langsamer wird sie in der Zukunft als dann vorgenommene Rückschau auf die Vergangenheit erscheinen. Wenn wir von elementaren Zeitgebern wie zum Beispiel dem Herzschlag im Körper einmal absehen, legen die erinnerbaren Ereignisse den Zeittakt fest. Unabhängig davon, in welcher Geschwindigkeit sie im Gehirn gespeichert werden, erfolgt ihr Abrufen später in einem festen, menschengemäßen Takt.
Allerdings funktioniert es auch nicht, seine Zeit beliebig dicht mit spannenden Unternehmungen vollzupacken, wie es viele versuchen, die ihr langweiliges Alltagsleben mit umso mehr Erlebnissen im Urlaub oder der Freizeit zu kompensieren versuchen.
Ich vermute, dass mit der Erlebnisdichte die Erlebnistiefe abnimmt. Wir erleben zwar sehr viel, aber erinnern uns nur durch Souvenirs und äußere Dinge daran. Wir machen unsere Erlebnisse nicht mehr zum Teil unserer Lebens- und Entwicklungsgeschichte. Wir erfahren kein Wachstum, sondern eine ziel- und richtungslose Veränderung. Das ist kein Fortschritt.Die fortschreitende Beschleunigung ist zu einem großen Teil der Technologie geschuldet. Ein einfaches Beispiel dafür: Musik. Wenn man früher Musik hören wollte, musste man sie selbst machen, singen oder ein Instrument spielen. Schaut man sich eine Geige an, dann ist sie ein kompletter Anachronismus (anachron = gegen die Zeit): Ihre Produktion verschlingt viel Zeit und sie setzt sich aus äußerst merkwürdigen Materialien zusammen: Mehrere unterschiedliche Holzarten, die an verschiedenen Orten wachsen und unterschiedlichste Eigenschaften haben, temperaturempfindlicher Leim, Naturlacke, Metalldrähte, Pferdehaare aus der Mongolei, Perlmutt, Kolophonium. Das Studium des Spielens und das notwendige Üben verschlingen noch mehr Zeit, es vergehen Jahre bis zu einer geübte Ohren zufriedenstellenden Qualität.
Der Umgang mit Musik ist heute meist ein völlig anderer. Ein paar Klicks bei Amazon, beim Klingeln des Postboten an die Tür gehen, die Packung aufreißen, die CD in den Player legen. Das kostet insgesamt etwa drei Minuten. Man bekommt es noch schneller hin, indem man sich „Musik“ aus dem Netz lädt. Wer das tut, der hört im Allgemeinen gar nicht mehr zu, sondern lässt sich nebenher berieseln.
Das schafft keine Zufriedenheit, sondern macht so konsumierte Musik zu einem Bestandteil des Hintergrundrauschens für das Gehirn. Über solcherart Zeitbetrachtungen erklärt sich vielleicht, wieso das Betreiben historischer Gewerke oder das Spielen alter Instrumente den Betreffenden solche Zufriedenheit gibt. Sie stellen für den Teil ihres Lebens, in dem sie sich aus der beschleunigten Gesellschaft ausklinken, für sich selbst einen anderen Zeittakt ein.
Ode an die Freude
Freude schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum!
|: Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng geteilt;
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt. :|
Die heutige Form der Violine ist seit dem 16. Jahrhundert unverändert geblieben. Der Text stammt von Friedrich Schiller vom Ende des 18. Jahrhunderts, die Musik wurde von Ludwig van Beethoven zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschrieben. Obwohl diese Musik auf uns heute eine solche Faszination ausübt, sind wir trotz aller unserer technischen Möglichkeiten nicht in der Lage, vergleichbare neue Werke zu schaffen. Das liegt am Wesen unserer Zeit. „Das rechnet sich nicht.“ Obwohl es uns eigentlich gut tun würde.
Kategorie: Violine
Sonntag, 18.Januar 2009