Christopher Langan: CTMU
Vor dreieinhalb Wochen war ich mir nach dem Studium von Christopher Langans Theorie der Theorien nicht sicher, ob ich sein Hauptwerk, „The Cognitive-Theoretic Model of the Universe“ (CTMU) so bald lesen würde, aber inzwischen habe ich es getan. Ich möchte nicht behaupten, dass ich alles verstanden habe, aber einige der Hauptgedanken werden wohl richtig bei mir angekommen sein.
Ich bin ich mir nicht sicher, ob der Name seiner Theorie optimal ist, ich hätte nicht von einem Modell des Universums, sondern von einer Realitätstheorie gesprochen, so wie er selbst das an einigen Stellen schreibt. Ein Mitglied der Prometheus Society hat sich in einem Diskussionsforum zu Langans Theorie geäußert: „Sie ist ein wenig tautologisch, aber wir alle bewundern die Tiefe seiner Gedanken.“ Tatsächlich verwendet Langan selbst das Wort „tautologisch“ und an einigen Stellen sogar „supertautologisch“. Dazu muss man wissen, dass dieses Wort doppeldeutig ist. Im Alltagsgebrauch hat es eine eher negative Konnotation im Sinne von „überflüssige Wiederholung, Binsenweisheit“. In der Logik hingegen kennzeichnet es den Wahrheitswert einer Aussage.
Anforderungen an eine Realitätstheorie hat in den späten 70er Jahren John Wheeler formuliert, von dem auch das rechts stehende Bild stammt. Das „U“ steht für das Universum, der schmale Ast für den informationellen Aspekt, das Auge für die bewussten Beobachter innerhalb des Universums, also für den kognitiven Aspekt. „Das Universum beobachtet sich selbst und denkt über sich nach, es muss bewusst sein“, könnte man das Bild interpretieren. Als eine Kurzzusammenfassung der Forderungen Wheelers an eine Realitätstheorie kann man die 5 Fragen ansehen, die man im Wikipediaartikel über John Wheeler findet.
Wheeler hat ziemlich intensiv über solche Fragen nachgedacht, ein interessantes Detail ist zum Beispiel seine Erweiterung des anthropischen Prinzips, die man „teilnehmendes anthropisches Prinzip“ bezeichnen könnte: „Ein Universum, das keine Beobachter enthält (=sich nicht selbst beobachtet), existiert nicht.“ Das ist einerseits eine Konsequenz aus der Quantenphysik und andererseits eine Erweiterung des anthropischen Prinzips „Das Universum, das wir beobachten, muss für die Entwicklung intelligenten Lebens geeignet sein, andernfalls wären wir nicht hier, um es zu beobachten und physikalisch zu beschreiben“, wirft aber mindestens eine ganz neue Frage auf: Wie entsteht eine Welt bei vielen Beobachtungsteilnehmern, wenn doch jeder Beobachter eigene Ziele verfolgt?
Langan löst sich hier von der Physik (Wheelers), er hatte ja schon in „Theorie der Theorien“ festgestellt, dass die Naturwissenschaft (und darunter die Physik) nicht alles erforschen kann, weil die wissenschaftliche Methode dem selbst Grenzen setzt. Alles was nicht experimentell geprüft oder mehrfach beobachtet werden kann, liegt außerhalb der Domäne der Naturwissenschaft. Die Grenzen der Physik sind damit auch leicht auszumachen: Die Beobachtung von Eigenschaften der Materie endet auf der einen Seite am Urknall, auf der anderen Seite in einer fernen Zukunft, wenn die uns bekannten Elementarteilchen zerfallen. Andererseits musste die Realität an der Stelle des Urknalls nicht nur die materiellen Objekte schaffen, sondern auch die Regeln, mit denen diese interagieren, ein Mysterium für die Physik, die die Existenz der Gesetze nur hinnehmen kann.
Die Realität (alles was ist, alles was wir erkennen) umfasst mehr. Die bewussten Beobachter können sich die Frage stellen, was ist außerhalb? Diese Frage kann formuliert werden (=sie ist real), aber sie kann innerhalb einer Wissenschaft über die Materie (=der Physik) nicht beantwortet werden. Die raumzeitlichen Grenzen der Materie existieren für die Realität nicht, Realität war schon immer und wird immer sein und mit ihnen die grundlegenden Formen der Logik, um alles was ist zu beschreiben.
Der Ansatz, den Realitätsbegriff weiter als den der Materie zu fassen, erklärt zum Beispiel auch das Verhältnis der Mathematik zur Naturwissenschaft: Beide sind Bestandteile der Realität, aber beide können nicht voneinander abgeleitet werden, weil sie verschiedene Teilaspekte der Realität sind.
Für mich wichtig ist, dass das Bieri-Trilemma , von dem ich zum ersten Mal hier gelesen habe, mit diesem Ansatz überwunden werden kann. Das Trilemma:
Die Lösung soll die rechts stehende Abbildung verdeutlichen (meine eigene Interpretation). Die Realität wird hier durch einen dreidimensionalen Raum dargestellt, die bewussten Wesen sind real. Eigenschaften der bewussten Wesen können von der Physik und anderen Naturwissenscaften beschrieben werden. Zugleich können diese bewussten Wesen sich durch Introspektion selbst erforschen oder zum Beispiel Mathematik betreiben. Beide Zugänge zur Realität benutzen einen grundlegenden gemeinsamen Satz logischer Regeln.
Was bei vielen Aussagen von Physikern immer wieder auffällt, ist, dass viele von ihnen davon ausgehen, dass ihre Untersuchungsobjekte tatsächlich existieren (ihr Sprachgebrauch verrät das). Einen Teil des Erkenntnisprozesses in der Physik vollzieht man im Physikunterricht oder -studium nach. Zuerst wird Schülern vermittelt, die Materie würde sich aus Atomen zusammensetzen. Später erfährt man dann, dass Atome selbst nur Modelle sind und aus Protonen, Neutronen und Elektronen bestehen. Wieder etwas später werden diese wiederum zu modellhaften Zusammenfassungen von Quarks erklärt, dann kommen Strings, usw. Offenbar sind alles nur Modelle, die die tatsächlichen Dinge der Realität auf die der gerade aktuellen Physik möglichen Messungen bzw. dem Verständnisniveau der Lernenden entsprechend vereinfachen.
Dass die Physik die Realität nicht vollständig erklären kann, darauf weisen zum Beispiel die Notwendigkeit zufälliger und die Nichtlokalität quantenphysikalischer Vorgänge hin. Langan vergleicht das mit dem Kaninchen, dass der Magier aus seinem Hut zaubert. Oder anders gesprochen, wenn wir die kausale Abgeschlossenheit der Physik akzeptieren und sie als Letzterklärung der Natur hinnehmen, glauben wir an Magie. Langan setzt seine tautologischen Aussagen dagegen: „Die Realität erzeugt die zufälligen Vorgänge (=die zufälligen Vorgänge sind real).“
Vom Bieri-Trilemma bleibt keine einzige Aussage übrig, denn die Umformulierung lautet (nach meiner Interpretation):
Langan hingegen, tautologisch kurz: „Bewusstsein ist real.“ Oder etwas länger: „Die Möglichkeit, Bewusstsein zu entwickeln, muss als Eigenschaft in der Realität enthalten sein, sonst gäbe es das nicht.“ Diese Betrachtungsweise hebt übrigens den Emergentismus auf, also das mysteriöse Auftauchen neuer Eigenschaften bei der Entwicklung hinreichend komplexer Systeme. Dieses mysteriöse Auftauchen gilt ja nur in Bezug auf die Physik, innerhalb deren Gesetze die neu hinzukommenden Eigenschaften nicht erklärt werden können.
Eine ähnliche Betrachtungsweise kann man auch in Bezug auf die Evolution anwenden. Innerhalb der Evolutionstheorie sind teleologische Betrachtungen verpönt. Mutationen sind zufällig. Allerdings erscheint es so etwas merkwürdig, dass diese Zufallsprozesse zur Entwicklung intelligenter und bewusster Lebensformen geführt haben. Hier springt er wieder aus dem Hut, der weiße Hase des Magiers. Und uns selbst Teleologie abzusprechen, ist absurd. Wer würde leugnen, dass wir als Einzelpersonen und als Gemeinschaft sehr genaue Vorstellungen von unserer Zukunft haben, diese planen und darauf hinarbeiten?
Das führt direkt zu Langans Vorstellungen bezüglich Intelligent Design. Langan ist Mitglied der International Society for Complexity, Information and Design (ISCID), die als neokreationistische Organisation gilt. Dem Verhältnis zwischen seiner CTMU und ID hat er ein längeres Kapitel am Schluss gewidmet. Am besten, man lässt hier Langan selbst sprechen:
Kategorien: Mathematik & Logik, Natur, Physik
Ich bin ich mir nicht sicher, ob der Name seiner Theorie optimal ist, ich hätte nicht von einem Modell des Universums, sondern von einer Realitätstheorie gesprochen, so wie er selbst das an einigen Stellen schreibt. Ein Mitglied der Prometheus Society hat sich in einem Diskussionsforum zu Langans Theorie geäußert: „Sie ist ein wenig tautologisch, aber wir alle bewundern die Tiefe seiner Gedanken.“ Tatsächlich verwendet Langan selbst das Wort „tautologisch“ und an einigen Stellen sogar „supertautologisch“. Dazu muss man wissen, dass dieses Wort doppeldeutig ist. Im Alltagsgebrauch hat es eine eher negative Konnotation im Sinne von „überflüssige Wiederholung, Binsenweisheit“. In der Logik hingegen kennzeichnet es den Wahrheitswert einer Aussage.
Anforderungen an eine Realitätstheorie hat in den späten 70er Jahren John Wheeler formuliert, von dem auch das rechts stehende Bild stammt. Das „U“ steht für das Universum, der schmale Ast für den informationellen Aspekt, das Auge für die bewussten Beobachter innerhalb des Universums, also für den kognitiven Aspekt. „Das Universum beobachtet sich selbst und denkt über sich nach, es muss bewusst sein“, könnte man das Bild interpretieren. Als eine Kurzzusammenfassung der Forderungen Wheelers an eine Realitätstheorie kann man die 5 Fragen ansehen, die man im Wikipediaartikel über John Wheeler findet.Wheeler hat ziemlich intensiv über solche Fragen nachgedacht, ein interessantes Detail ist zum Beispiel seine Erweiterung des anthropischen Prinzips, die man „teilnehmendes anthropisches Prinzip“ bezeichnen könnte: „Ein Universum, das keine Beobachter enthält (=sich nicht selbst beobachtet), existiert nicht.“ Das ist einerseits eine Konsequenz aus der Quantenphysik und andererseits eine Erweiterung des anthropischen Prinzips „Das Universum, das wir beobachten, muss für die Entwicklung intelligenten Lebens geeignet sein, andernfalls wären wir nicht hier, um es zu beobachten und physikalisch zu beschreiben“, wirft aber mindestens eine ganz neue Frage auf: Wie entsteht eine Welt bei vielen Beobachtungsteilnehmern, wenn doch jeder Beobachter eigene Ziele verfolgt?
Langan löst sich hier von der Physik (Wheelers), er hatte ja schon in „Theorie der Theorien“ festgestellt, dass die Naturwissenschaft (und darunter die Physik) nicht alles erforschen kann, weil die wissenschaftliche Methode dem selbst Grenzen setzt. Alles was nicht experimentell geprüft oder mehrfach beobachtet werden kann, liegt außerhalb der Domäne der Naturwissenschaft. Die Grenzen der Physik sind damit auch leicht auszumachen: Die Beobachtung von Eigenschaften der Materie endet auf der einen Seite am Urknall, auf der anderen Seite in einer fernen Zukunft, wenn die uns bekannten Elementarteilchen zerfallen. Andererseits musste die Realität an der Stelle des Urknalls nicht nur die materiellen Objekte schaffen, sondern auch die Regeln, mit denen diese interagieren, ein Mysterium für die Physik, die die Existenz der Gesetze nur hinnehmen kann.
Die Realität (alles was ist, alles was wir erkennen) umfasst mehr. Die bewussten Beobachter können sich die Frage stellen, was ist außerhalb? Diese Frage kann formuliert werden (=sie ist real), aber sie kann innerhalb einer Wissenschaft über die Materie (=der Physik) nicht beantwortet werden. Die raumzeitlichen Grenzen der Materie existieren für die Realität nicht, Realität war schon immer und wird immer sein und mit ihnen die grundlegenden Formen der Logik, um alles was ist zu beschreiben.
Der Ansatz, den Realitätsbegriff weiter als den der Materie zu fassen, erklärt zum Beispiel auch das Verhältnis der Mathematik zur Naturwissenschaft: Beide sind Bestandteile der Realität, aber beide können nicht voneinander abgeleitet werden, weil sie verschiedene Teilaspekte der Realität sind.
Für mich wichtig ist, dass das Bieri-Trilemma , von dem ich zum ersten Mal hier gelesen habe, mit diesem Ansatz überwunden werden kann. Das Trilemma:
- Mentale Phänomene sind nichtphysikalische Phänomene.
- Mentale Phänomene sind im Bereich physikalischer Phänomene kausal wirksam.
- Der Bereich physikalischer Phänomene ist kausal geschlossen.
Die Lösung soll die rechts stehende Abbildung verdeutlichen (meine eigene Interpretation). Die Realität wird hier durch einen dreidimensionalen Raum dargestellt, die bewussten Wesen sind real. Eigenschaften der bewussten Wesen können von der Physik und anderen Naturwissenscaften beschrieben werden. Zugleich können diese bewussten Wesen sich durch Introspektion selbst erforschen oder zum Beispiel Mathematik betreiben. Beide Zugänge zur Realität benutzen einen grundlegenden gemeinsamen Satz logischer Regeln.Was bei vielen Aussagen von Physikern immer wieder auffällt, ist, dass viele von ihnen davon ausgehen, dass ihre Untersuchungsobjekte tatsächlich existieren (ihr Sprachgebrauch verrät das). Einen Teil des Erkenntnisprozesses in der Physik vollzieht man im Physikunterricht oder -studium nach. Zuerst wird Schülern vermittelt, die Materie würde sich aus Atomen zusammensetzen. Später erfährt man dann, dass Atome selbst nur Modelle sind und aus Protonen, Neutronen und Elektronen bestehen. Wieder etwas später werden diese wiederum zu modellhaften Zusammenfassungen von Quarks erklärt, dann kommen Strings, usw. Offenbar sind alles nur Modelle, die die tatsächlichen Dinge der Realität auf die der gerade aktuellen Physik möglichen Messungen bzw. dem Verständnisniveau der Lernenden entsprechend vereinfachen.
Dass die Physik die Realität nicht vollständig erklären kann, darauf weisen zum Beispiel die Notwendigkeit zufälliger und die Nichtlokalität quantenphysikalischer Vorgänge hin. Langan vergleicht das mit dem Kaninchen, dass der Magier aus seinem Hut zaubert. Oder anders gesprochen, wenn wir die kausale Abgeschlossenheit der Physik akzeptieren und sie als Letzterklärung der Natur hinnehmen, glauben wir an Magie. Langan setzt seine tautologischen Aussagen dagegen: „Die Realität erzeugt die zufälligen Vorgänge (=die zufälligen Vorgänge sind real).“
Vom Bieri-Trilemma bleibt keine einzige Aussage übrig, denn die Umformulierung lautet (nach meiner Interpretation):
- Mentale Phänomene sind reale Phänomene.
- Reale Phänomene können als mentale Phänomene und/oder physikalische Phänomene beobachtet werden.
- Der Bereich realer Phänomene ist kausal geschlossen.
Langan hingegen, tautologisch kurz: „Bewusstsein ist real.“ Oder etwas länger: „Die Möglichkeit, Bewusstsein zu entwickeln, muss als Eigenschaft in der Realität enthalten sein, sonst gäbe es das nicht.“ Diese Betrachtungsweise hebt übrigens den Emergentismus auf, also das mysteriöse Auftauchen neuer Eigenschaften bei der Entwicklung hinreichend komplexer Systeme. Dieses mysteriöse Auftauchen gilt ja nur in Bezug auf die Physik, innerhalb deren Gesetze die neu hinzukommenden Eigenschaften nicht erklärt werden können.
Eine ähnliche Betrachtungsweise kann man auch in Bezug auf die Evolution anwenden. Innerhalb der Evolutionstheorie sind teleologische Betrachtungen verpönt. Mutationen sind zufällig. Allerdings erscheint es so etwas merkwürdig, dass diese Zufallsprozesse zur Entwicklung intelligenter und bewusster Lebensformen geführt haben. Hier springt er wieder aus dem Hut, der weiße Hase des Magiers. Und uns selbst Teleologie abzusprechen, ist absurd. Wer würde leugnen, dass wir als Einzelpersonen und als Gemeinschaft sehr genaue Vorstellungen von unserer Zukunft haben, diese planen und darauf hinarbeiten?
Das führt direkt zu Langans Vorstellungen bezüglich Intelligent Design. Langan ist Mitglied der International Society for Complexity, Information and Design (ISCID), die als neokreationistische Organisation gilt. Dem Verhältnis zwischen seiner CTMU und ID hat er ein längeres Kapitel am Schluss gewidmet. Am besten, man lässt hier Langan selbst sprechen:
The CTMU has a meta-Darwinian message: the universe evolves by hological self-replication and self-selection. Furthermore, because the universe is natural, its self-selection amounts to a cosmic form of natural selection. But by the nature of this selection process, it also bears description as intelligent self-design (the universe is “intelligent” because this is precisely what it must be in order to solve the problem of self-selection, the master-problem in terms of which all lesser problems are necessarily formulated). This is unsurprising, for intelligence itself is a natural phenomenon that could never have emerged in humans and animals were it not already a latent property of the medium of emergence. An object does not displace its medium, but embodies it and thus serves as an expression of its underlying syntactic properties. What is far more surprising, and far more disappointing, is the ideological conflict to which this has led. It seems that one group likes the term “intelligent” but is indifferent or hostile to the term “natural”, while the other likes “natural” but abhors “intelligent”. In some strange way, the whole controversy seems to hinge on terminology.Ich kann in diesen Aussagen weder einen logischen Fehler finden, noch etwas, das meinen eigenen Ansichten widersprechen würde.
Kategorien: Mathematik & Logik, Natur, Physik
Freitag, 16.Januar 2009
Nimmt man zu Aussage 1a die Erweiterung 1b
1a. Mentale Phänomene sind reale Phänomene.
1b. Physikalische Phänomene sind reale Phänomene.
kann man unter der Annahme, dass mentale und physikalische Phänomene die realen Phänomene sind, verkürzt sagen:
1. Reale Phänomene sind reale Phänomene.
Ähnliches ergibt sich dann für die Aussagen 2 und 3. Was sind irreale Phänomene überhaupt? Verwirrend. Ergibt sich nicht das gleiche, wenn ich einfach annehme, dass mentale Phänomene physikalische Phänomene sind?
Andere Projektionsrichtungen können andere Wissenschaften sein, Biologie zum Beispiel. Diese liefern Beiträge, die mit der Physik nicht zu gewinnen sind, sie zeigen uns weitere Aspekte der Realität.
Übertragen bedeutet das, dass durch die Modellbildung (die Projektion) in den Einzelwissenschaften Eigenschaften verloren gehen, die dem modellierten Objekt (der Realität) eigen sind. Das Bieri-Trilemma im Original ist widersprüchlich, weil in ihm der Anspruch steckt, die Physik müsse eine vollständige Erklärung der Realität ermöglichen. Aber Physik arbeitet mit einem Modell, der Materie. Die Beschränkungen dieses Modells führen dazu, dass bestimmte Aspekte der Realität innerhalb des Modells nicht mehr erklärt werden können. Innerhalb der physikalischen Modelle erscheint deshalb als Ursache der Zufall, weil - zurück zum Bild - aus der zweideimensionalen Projektion eines dreidimensionalen Körpers bestimmte Körpereigenschaften nicht erklärt werden können. Die fehlende Ursache ist aber nicht ein Problem der Realität, sondern der Physik.
Wen man im Bieri-Trilemma die Physik als Erklärung durch Realität ersetzt, dann lösen sich die Sätze in Tautologien auf. Es gibt keine Widersprüche mehr, aber auch keine besonders nützlichen Aussagen. Das soll heißen, das Trilemma (das Paradoxon) verschwindet, wenn man den Anspruch aufgibt, Bewusstsein *vollständig* mit den Mitteln der Physik zu erklären. Das bedeutet aber nicht, dass Physik zur Untersuchung des Bewusstseins nicht nützlich ist, aber sie ist eben nicht kausal. Die Realität ist kausal, sowohl für Materie als auch für Bewusstsein.
Dieser Erklärungsansatz erledigt den Physikalismus und löst zugleich den Widerspruch zwischen monistischen und dualistischen Modellen. Diese reiben sich immer am Gegensatz zwischen Geist und Materie auf. Langans Meinung dazu: Wenn man Unterschiede zwischen Geist und Materie feststellen will, benötigt man ein Medium, in dem diese Widersprüche existieren. Dieses Medium ist die Realität der beiden Dinge.
Das Verhältnis zwischen Realität und Irrealität diskutiert Langan auch. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann existiert kein Bereich der Irrealität, der sich von der Realität unterscheidet, weil wir Irrealität ja denken können, und alles was wir denken können, gehört zur Realität. Insofern kann es auch keine irrealen Phänomene geben. Wenn wir Phänomene beobachten können, sind sie real. Was wir vielleicht nicht können, ist eine Erklärung für sie zu finden. Das ist aber dann ein Problem unserer Modelle, nicht der Realität-heit der Phänomene.
Umbenennung
Ich denke, wir sehen einen Würfel, der der Schatten eines vierdimensionalen Objektes ist, von dem wir niemals sagen können wie er aussieht, da wir nicht aus dem System einen Schritt heraustreten können. Das Paradoxon wird für uns immer bestehen bleiben, systemimmanent. Das bedeutet natürlich auch, dass die Frage nach der Existenz eines Gottes o.ä. schlicht sinnlos ist, da jeder Versuch dies zu beantworten pure Willkür ist.
Die Erklärungslücke ist sicher zweigeteilt. Ein Teil ist auf unsere derzeit begrenzten Möglichkeiten zurückzuführen, der zweite Teil auf die prinzipielle Unmöglichkeit. Ein Mol Wasser (18 Gramm) enthält in der Größenordnung 10^23 Moleküle. Da kann man auch theoretisch nicht mehr mit der Wellengleichung der Quantenphysik beginnen, weil die Zahl der Kombinationen alles Berechenbare im Universum übersteigt.
Wie erklärt man dann die beinahe zwangsläufig auftretenden neuen Eigenschaften komplexer Systeme, die man eben nicht in den Modellen der Einzelbestandteile findet? Der Emergentismus erklärt sie eigentlich nicht, er stellt sie nur als gegeben fest. Langans zugegeben tautologische Aussage dazu ist, dass die Realität die Möglichkeit solcher komplexer Eigenschaften schon immer besessen hat oder sie genau dann entwickelt, wenn sie "benötigt" werden. Denn erst bei der Existenz derartiger Systeme kann man auch deren Eigenschaften beobachten. Aus dieser Form der Tautologie, die ihrerseits nichts weiter als eine erneute Erscheinung des anthropischen Prinzips ist, kommt man nicht heraus.
Langer Rede kurzer Sinn: Die Aussage "Letztendlich kann ich doch jeden biologischen Vorgang auf einen physikalischen runter brechen, wenn, ja wenn ich nicht solche Konstrukte wie Emergenz ins Spiel bringe" ist unbewiesen, unbeweisbar, eine reine Glaubensannahme.
Vor allem sehe ich keinen Grund, warum das Bieri-Trilemma durch die Einführung des Begriffes der Realität als eine Art anthropisches Prinzip überwunden sein soll. Umformuliert wäre doch eher richtig, da das grundsätzliche Problem der Erklärungslücke wie ein Springteufel wieder aus einer anderen Ecke hüpft. Mir ist aber auch die gesamte analytische Philosophie von Russell, Quine und Strawson sehr suspekt und ohne Erklärungswert. Ein Spiel mit Wörtern.
P.S. Die Definition des Wortes intelligent in dem Zitat empfinde ich als unredlich, da es nicht mit den Konnotationen durch die Bezeichnung Intelligent Design korrespondiert. Das ist Polemik.
Die Erklärungslücken zwischen diesen Theoriefeldern werden nicht innerhalb der bestehenden Wissenschaften und Theorien geschlossen, sondern dadurch, dass erst die Gesamtheit aller Phänomene die Realität bildet, nicht die Gesamtheit aller Erklärungsmodelle der Physik. Die Erklärungslücken sind dann kein Mysterium mehr, sondern Realität. ( ;-) schönes Wortspiel)
Über Intelligent Design weiß ich zu wenig. Ich kenne nur die unisono Ablehnung durch die Wissenschaftler, die ID als ein Trojanisches Pferd der Religiösen bezeichnen, um den Biologieunterricht mit der Schöpfungslehre zu infizieren. Ich kenne nur die beiden Standardbeispiele "Evolution des Auges" und "Evolution der Speise/Luftröhre". So komplex wie Langans Gedanken sind, glaube ich nicht, dass er einer solchen primitiven Argumentation Glauben schenken würde. Es kann also nicht ganz so einfach (zu widerlegen) sein. Von William Dembski habe ich noch nichts gelesen - es gibt ja deutschsprachig nichts von ihm.
Die Geisteswissenschaft beschreibt z.B. das Gefühl der Angst, seine Auswirkungen für die Person, die zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie beschreibt also tatsächlich die Realität, ohne den Hintergrund zu hinterfragen.
Vom Moment des Erschreckens mit der mentalen Repräsentation der Angst, bis zum Abspalten einer Phosphatgruppe eines ATP-Moleküls zwecks Energiegewinnung, um davon zulaufen, steckt aber die Kette: Psychologie - Biologie - Chemie - Physik. Das ist kein nebeneinander, hier treten nur verschiedene Ebenen der Naturwissenschaft auf. Aber irgendwo dazwischen steckt das Trilemma, unlösbar. Das gleiche Prinzip hatte ja schonmal gedient die Philosophie aus dem humeschen Tal der Tränen zu holen. Raum und Zeit als a priori zu begreifen, entspricht zwar der menschlichen Wirklichkeit, da sie in den Genen repräsentiert sind. Aber auch hier wurde das eigentliche Problem mehr ignoriert, als gelöst.
In der Tat glaube ich, dass jede der verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen verschiedene Phänomene erklärt, wobei sich der Erklärungsraum durchaus überschneiden kann. Der Kitt zwischen ihnen ist dann, dass die Phänomene alle Bestandteile der Realität sind. Diese Betrachtung bedeutet, dass Vorgänge in der Realität zu Phänomenen führen, die in die Zuständigkeit verschiedener Wissenschaften fallen. Man kann also zum Beispiel Leute in Scanner stecken und ihre Hirnaktivität messen, sie anschließend über ihre Gedanken befragen, Korrelationen feststellen und sagen: "Gedanke X und Hirnaktivität Y treten immer zusammen auf." Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften sind in einem Punkt gleich: Sie stellen Modelle ihrer Untersuchungsobobjekte auf. Der Unterschied zwischen beiden Sparten ist nur der Umgang mit den Modellen: Im ersten Fall ist es das Experiment, im anderen die Introspektion. Aber der zyklische Prozess des Erkenntnisgewinns ist dann bei beiden eigentlich wieder gleich, man falsifiziert die Modelle und deren Vorhersagen. Auch die Mathematik passt in dieses Schema, für Langan gehört sie zur introspektiven Seite, die Erkenntnisse kommen "von innen".
Die Interpretation aller Untersuchungsergebnisse fällt unterschiedlich aus, je nachdem, ob man ein "Realist" (nach Langan) oder ein Physikalist ist. Der Realist: Es gibt einen realen Vorgang, der sich sowohl in physikalischer Hirnaktivität äußert als auch in phänomenalem Erleben der betreffenden Person. Der Physikalist: Die Bewegungen der Atome verursachen das phänomenale Erleben. Der Physikalist setzt also Materie und Realität gleich, für den Realisten ist Materie nur eines von mehreren Modellen, mit denen die Wissenschaften die Realität beschreiben.
Für mich sind zwei Dinge wesentlich: Langans Ansatz ist in sich widerspruchsfrei und er ist nicht dualistisch, weil er nur *einen* "Urstoff" annimmt - die Realität. Diese Widerspruchsfreiheit erkauft er sich allerdings mit einem ganzen Sack von Tautologien.
Zu Raum und Zeit: Metaphysisch (d.h. a priori) verkörpern Raum und Zeit zwei grundlegende Konzepte der Realität: Zeit ist notwendig, um kausale Zusammenhänge zwischen Vorgängen zu beschreiben, Raum ist notwendig, um die gleichzeitige Existenz mehrere Objekte zu ermöglichen. Das Wort "gleichzeitig" im letzten Teilsatz wiederum macht deutlich, dass Raum und Zeit immer zusammen gedacht werden müssen.
Wenn man sich nur mal die Zeit hernimmt, dann passen die Konzepte für sie in der Realitivitätstheorie, in der Quantenphysik und in unserem phänomenalen Empfinden nicht zusammen. Das ist meiner Meinung nach aber ein Problem unserer Modelle, denn an der Existenz von nur einer Realität zu zweifeln, führt zu überhaupt nichts mehr. Wenn aber gerade die Quantenphysik, die von den Physikalisten als feste Grundlage jedweder anderer Wissenschaft gedacht ist, die größten Probleme mit Raum und Zeit hat, dann ist das für mich eigentlich ein sehr überzeugendes Argument gegen die Gleichsetzung von Materie und Realität.