Uri Avnery: Die Lügen des Kriegs
In der Telepolis findet sich heute ein Artikel von Uri Avnery über den Krieg Israels gegen den Gazastreifen, den er so beginnt:
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum Israel alle seine Kriegsgewinne nichts nützen: Bei einem geschätzten Zahlenverhältnis von 100 getöteten Palästinensern gegen einen getöteten Israeli und geschätzt etwa 1000 unmittelbar betroffenen palästinensischen Familienangehörigen werden den radikalen Palästinenserorganisationen vielleicht 100 neue Kämpfer zugetrieben. Wenn nur einer aus dieser nächsten Generation es schafft, nur einen einzigen Israeli zu töten, geht der Konflikt in der nächsten Generation unvermindert weiter. Man bekommt fast den Eindruck, Israel beziehe seine Legitimation aus dem Führen von Kriegen und würde bei einem tatsächlichen Frieden implodieren. (So wie es vielleicht auch auf die Hamas und die Fatah zutrifft – eine psychologische Gesetzmäßigkeit langjähriger, auch asymmetrischer Konflikte besteht ja darin, dass sich die Kontrahenten immer ähnlicher werden.)
Auf Außenstehende macht vieles in der gesellschaftlichen Organisation Israels einen merkwürdigen Eindruck: Die Wehrpflicht von Männern beträgt 3 Jahre, die von Frauen 2 Jahre. (Das einzige Land, in dem es ebenfalls eine Wehrpflicht für Frauen gibt, ist übrigens Nordkorea.) Ausgenommen von der Wehrpflicht sind in Israel Palästinenser und ultraorthodoxe Religiöse. Erstere erhalten damit quasi offiziell den Status einer nicht gleichberechtigten Minderheit, letztere dienen zwar nicht selbst, lassen aber gern ihre Siedlungen durch das Militär beschützen.
Die deutsche Politik handelt in diesem erneuten militärischen Konflikt zwischen Israel und Palästina nach altem Muster und wie zuletzt im Krieg zwischen Russland und Georgien gesehen: Christlich-demokratisch-sozial.
Kategorie: Politik
Warum Israel den Krieg nicht gewinnen und die Hamas ihn nicht verlieren kannIm Artikel folgt dann die Schilderung aus dem Blickwinkel eines der wenigen Israeli, der die Politik seiner Regierung nicht gutheißt. Man kann aus der Sicht eines Ausländers noch ergänzen: Die Hamas tötet mit ihren Raketen ebenfalls vorsätzlich Zivilisten. (Aber kein Freund Israels kann sich hier herausreden und behaupten, Israel würde das nicht vorsätzlich tun – wer in dicht bewohnten Gebieten aus der Luft Terroristen angreift oder dort gar einen Bodenkrieg führt, tut nichts anderes – er nimmt vorsätzlich den Tod Unbeteiligter in Kauf.)Vor fast 70 Jahren wurde während des Zweiten Weltkriegs in Leningrad ein abscheuliches Verbrechen begangen. Länger als tausend Tage hielt eine Gang von Extremisten, die "Rote Armee" genannt wurde, Millionen von Einwohnern der Stadt als Geiseln und provozierte die deutsche Wehrmacht aus den Bevölkerungszentren heraus. Die Deutschen hatten keine andere Möglichkeit, als die Bevölkerung zu bombardieren und sie einer totalen Blockade auszusetzen, die den Tod von Hunderttausenden verursachte. Nicht lange zuvor wurde in England ein ähnliches Verbrechen begangen. Die Churchillbande versteckte sich inmitten in die Londoner Bevölkerung und missbrauchte Millionen von Bürgern als menschliche Schutzschilde. Die Deutschen waren so gezwungen, ihre Luftwaffe zu schicken und die Stadt widerwillig in Schutt und Asche zu legen.Dies ist die Beschreibung, die jetzt in den Geschichtsbüchern stünde – wenn die Deutschen den Krieg gewonnen hätten.
Absurd? Nicht absurder als die täglichen Nachrichten unserer Medien, die so oft wiederholt werden, dass einem speiübel wird: Die Hamas-Terroristen halten die Bewohner des Gazastreifen als "Geiseln" und benützen die Frauen und Kinder als "menschliche Schutzschilde", sie lassen uns keine Alternative, als massive Bombardements durchzuführen, in denen zu unserm großen Bedauern Tausende von Frauen, Kinder und unbewaffneten Männer verletzt oder gar getötet werden.
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum Israel alle seine Kriegsgewinne nichts nützen: Bei einem geschätzten Zahlenverhältnis von 100 getöteten Palästinensern gegen einen getöteten Israeli und geschätzt etwa 1000 unmittelbar betroffenen palästinensischen Familienangehörigen werden den radikalen Palästinenserorganisationen vielleicht 100 neue Kämpfer zugetrieben. Wenn nur einer aus dieser nächsten Generation es schafft, nur einen einzigen Israeli zu töten, geht der Konflikt in der nächsten Generation unvermindert weiter. Man bekommt fast den Eindruck, Israel beziehe seine Legitimation aus dem Führen von Kriegen und würde bei einem tatsächlichen Frieden implodieren. (So wie es vielleicht auch auf die Hamas und die Fatah zutrifft – eine psychologische Gesetzmäßigkeit langjähriger, auch asymmetrischer Konflikte besteht ja darin, dass sich die Kontrahenten immer ähnlicher werden.)
Auf Außenstehende macht vieles in der gesellschaftlichen Organisation Israels einen merkwürdigen Eindruck: Die Wehrpflicht von Männern beträgt 3 Jahre, die von Frauen 2 Jahre. (Das einzige Land, in dem es ebenfalls eine Wehrpflicht für Frauen gibt, ist übrigens Nordkorea.) Ausgenommen von der Wehrpflicht sind in Israel Palästinenser und ultraorthodoxe Religiöse. Erstere erhalten damit quasi offiziell den Status einer nicht gleichberechtigten Minderheit, letztere dienen zwar nicht selbst, lassen aber gern ihre Siedlungen durch das Militär beschützen.
Die deutsche Politik handelt in diesem erneuten militärischen Konflikt zwischen Israel und Palästina nach altem Muster und wie zuletzt im Krieg zwischen Russland und Georgien gesehen: Christlich-demokratisch-sozial.
Kategorie: Politik
Montag, 12.Januar 2009
1. Guerillakriege sind nicht militärisch zu gewinnen.
2. Luftbombardements schweissen die Bevölkerung noch mehr auf das bestehende Regime zusammen (das hat spätestens im Zweiten Weltkrieg gesehen). Die "Einsicht", daß man dies der bestehenden "Politik" zu verdanken habe, steht zurück hinter einem Gruppenzusammengehörigkeitsgefühl.
Die Hamas hatte den Waffenstillstand einseitig aufgehoben und ihre Raketen wieder auf Israel abgefeuert. Durch Schmuggel bekommt man inzwischen wohl bessere Waffen. Kein Land der Welt würde dies auf Dauer dulden. Insofern habe ich Verständnis für die israelische Aktion, auch wenn sie unangemessen ist.
Verständnis und Vernunft sind aber zweierlei. Politisch ist dieser Krieg ein Fiasko für Israel, da das Märtyrertum der Hamas zum Selbstläufer wird (Du beschreibst das ja). Natürlich wird die Organisation zunächst geschwächt sein, aber (das zeigt sich im Libanon) auch wieder schnell erholen. Die Perspektivlosigkeit der jungen, zornigen (und vielen!) Männer tut ein übriges (denke an Heinsohns Thesen).
Auf Dauer hilft nur Verhandeln - mit dem Iran, mit Syrien (das macht Israel wohl schon). Den Palästinensern muss eine Alternative zur Hamas geboten werden, die ihre Lebensbedingungen verbssert. Das Land braucht keine EU-Zahlungen (etliche der Gebäude, die jetzt in Schutt und Asche gelegt werden, wurden von der EU finanziert), sondern eine Zukunft, die ausserhalb der Gewaltspirale liegt.
Israel hat sich einen Bärendienst erwiesen. Zu erklären ist dies mit Angst. Die nach der Shoah geborenen wollen nicht wie ihre Eltern und Grosseltern passiv ihrer eigenen Vernichtung zusehen. Das ist verständlich. Die Mittel, die man wählt, entsprechen jedoch nicht den Mitteln, mit denen das Problem gelöst werden kann: die Befriedung der Region.
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Ergänzung: Über diesen Hinweis auf diesen Artikel gestossen. Besonders der letzte Satz ist deutlich und eindeutig: All those who support the war also support the horror.
Avnery ist nicht unbedingt alleine. Aber fast.
Zweifellos ist die Hamas heute eine terroristische Organisation und die von ihren Raketen bewusst angegriffenen Personen sind jüdische Zivilisten. Nur der Gerechtigkeit halber muss man aber ergänzen, dass das Verhalten der Palästinenser die logische Folge ihrer Erfahrungen mit den Israeli in den letzten 60 Jahren ist. Aus deren Sicht ist es nachvollziehbar, wenn sie dem Staat Israel sein Existenzrecht absprechen - vor 60 Jahren lag dort, wo Israel jetzt ist, das Land Palästina mit wenigen jüdischen Siedlern als Minderheit.
Ob den Palästinensern eine Alternative zur Hamas geboten werden muss, weiß ich nicht. Vielleicht sollte man der Hamas zunächst eine Alternative zum jetzigen Verhalten Israels anbieten?
Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel gelesen über das Ansehen der Überlebenden des Holocaust in Israel selbst. Zu meiner Verwunderung genießen sie dort nicht denselben Respekt und die Rücksicht, die wir Deutschen ihnen gegenüber aufbringen. Allgemeiner Tenor: Wieso habt ihr euch nicht gewehrt? Dazu passt, dass die Israeli schon vor der Gründung ihres Staates auf Gewalt gesetzt haben, Stichworte: Hagana, Irgun, Menachem Begin u.a. Vielen der israelischen Politiker, die als Offiziere in irgendeinem der vielen Kriege gekämpft haben, werden Kriegsverbrechen nachgesagt, zum Teil sind sie sogar gut belegt. Man kann jedenfalls nicht behaupten, die jüdische Gewalt wäre nur eine Reaktion auf die nazistischen Gräuel im Dritten Reich, der Zionismus reicht viel weiter zurück.
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Die derzeitige Hamas ist an an einer Verständigung mit Israel nicht interessiert. Sie will Israel vertilgen (nicht unbedingt die Menschen, sondern den Staat) und ist in etwa auf dem Niveau von Arafats PLO Anfang der 70er Jahre. Sie lebt von der Zuwendung des Iran (und Syriens). Der Iran ist schiitisch und hat mit den eigentlich sunnitischen Palästinenern, die in den 70er/80er Jahren fast säkularisiert waren (zumindest einen relativ weltlichen Islam propagierten), nichts am Hut. Die Hamas dient nur als nützliche Idioten für ihre Expansions- und Interessenpolitik in der Region.
Natürlich hätte man mit Hamas nach den gewonnenen Wahlen verhandeln müssen - schon, um sie in ihrer Beschränktheit zu zeigen. Stattdessen wird der Paria vom Gegner zum Helden gemacht.