Carl Sagan: Contact

Das Buch hatte ich schon eine ganze Weile gesucht und die Hoffnung auf ein deutschsprachiges Exemplar schon fast aufgegeben, obwohl es eine deutsche Ausgabe gibt. Kurz vor Weihnachten hat es dann geklappt. Auf meinem Exemplar steht "Preisred. Mängel-Exemplar", ich konnte nicht herausfinden, worin der Mangel bestehen soll. An anderer Stelle aber habe ich gelesen, dass es aufgrund der Buchpreisbindung in Deutschland Buchhandlungen nicht möglich ist, neue Bücher unter dem offiziellen Preis zu verkaufen. Der Mängelstempel löst dieses Problem in der Art einer self-fulfilling prophecy. Der Stempelabdruck ist selbst der Mangel, wegen dem die Buchhandlung ein Buch, auf dem sie sonst sitzen bleiben würde, billiger verkaufen kann. Nur bei Carl Sagans Buch sollte dieser marktwirtschaftliche Trick nicht nötig sein.

Das Buch ist mit Jodie Foster in der Hauptrolle verfilmt worden, zur Geschichte sowohl des Buchs als auch des Films siehe die Wikipedia. Der rote Faden ist schnell skizziert: Auf der Erde wird durch Radioteleskope eine Botschaft empfangen, die sich als das Signal einer außerirdischen Zivilisation entpuppt. Es gelingt, die Botschaft zu entschlüsseln. Sie enthält detaillierte Pläne für den Bau einer Maschine. Nach heftigen Diskussionen wird mit dem Bau der Maschine begonnen, obwohl ihr Zweck nicht klar ist und obwohl die dafür benötigten Ressourcen gewaltig sind – es ist eine Zusammenarbeit aller Staaten der Erde notwendig (das Buch wurde 1985 geschrieben, damals existierte die Sowjetunion noch). Und nach der Fertigstellung der Maschine kommt es zum "Contact" mit einer / mehreren / allen fortgeschrittenen Zivilisationen unserer Galaxis / des gesamten Universums.

Ich nehme nicht an, dass es noch viele Menschen gibt, die diesen Film nicht gesehen haben, sodass hier eigentlich nur die Dinge interessant sind, in denen sich das Buch vom Film unterscheidet. Die Charaktereigenschaften der handelnden Personen des Buchs werden auseinander genommen und im Film zu neuen Personen zusammengesetzt. Natürlich bleibt die Hauptperson Ellie Arroway, im Film verkörpert durch Jodie Foster, unangetastet. Ihr Wissenschaftlerteam hat das Signal zuerst aufgefangen, ihr bekannte Wissenschaftler dekodieren es, sie ist am Bau der Maschine beteiligt und letztlich fliegt sie in der Maschine mit. Im Unterschied zum Film besteht die Besatzung im Buch aus 5 Personen, Elli ist die Vertreterin der USA, dazu kommen ein Russe, ein Chinese sowie eine Ärztin und der wahrscheinlich weltbeste Physiker, die beiden letzteren aus Entwicklungsländern. Die Vertreter von verschiedenen Weltreligionen werden im Buch anders als im Film dargestellt. Die Verursacher der Zerstörung der ersten Maschine bleiben im Buch aber unentdeckt, obwohl das Thema Religion eine ganz wesentliche Rolle spielt, dazu weiter unten mehr.

Die im Rahmen des SETI-Projekts besonders kontrovers diskutierten Fragen werden natürlich im Roman ebenfalls thematisiert. Vermutlich sind sie auch einer der Gründe dafür, warum Sagan diesen Roman geschrieben hat. Meiner Meinung nach sind das vor allem zwei Grundfragen:
  1. Was passiert, wenn Außerirdische bemerken, dass auf der Erde intelligentes Leben entstanden ist?
  2. Was passiert auf der Erde, wenn Außerirdische sich uns zu erkennen geben?
Die beiden Fragen sind symmetrisch zueinander, und es gibt mindestens zwei Denkschulen zu ihrer Beantwortung. Die Pessimisten sagen, "lasst uns uns lieber ruhig verhalten, damit wir nicht auffallen". Diese Vertreter befürworten bestenfalls eine passive Beobachtung des Weltraums, um von der Existenz der anderen zu erfahren, bevor diese uns bemerken. Die Optimisten gehen davon aus, dass das Erscheinen Außerirdischer, die dann über eine weit fortgeschrittene Technologie verfügen müssen, positive Einflüsse auf die Menschen haben werden. Carl Sagan lässt Elli das Folgende überlegen:
Man konnte schwerlich in nationalen Kategorien wie schottisch, slowenisch oder szechwanesisch denken, wenn eine Zivilisation, die uns Äonen voraus war, sich unterschiedslos an alle Nationen wandte. Die Kluft zwischen der technologisch rückständigsten Nation und den Industrieländern der Erde war mit Sicherheit viel kleiner als die Kluft zwischen den Industrienationen und den Wesen auf der Wega.
Und den Vertreter der Außerirdischen lässt er später zu Ellie sagen:
Ich finde es erstaunlich, dass ihr euch so lange gehalten habt. Ihr habt so gut wie keine soziologische Theorie, erstaunlich rückständige Wirtschaftssysteme, keine Vorstellung von der Funktionsweise historischer Voraussage und sehr wenig Wissen über euch selbst. Wenn man in Betracht zieht, wie schnell sich eure Welt verändert, ist es verwunderlich, dass ihr euch bis jetzt noch nicht in die Luft gejagt habt. Ihr Menschen habt ein gewisses Talent zur Anpassung – jedenfalls kurzfristig.
...
Man kann sehen, dass die Zivilisationen, die nur kurzfristige Perspektiven haben, nach einer Weile einfach nicht mehr da sind. Auch sie erfüllen ihr Schicksal.
Ich zähle mich eher zu den Optimisten. "Die da draußen" haben unsere Existenz sowieso schon bemerkt oder werden das bald tun, verstecken kann man sich nicht. Im Buch und im Film ist ein Bestandteil der Botschaft der zurückgesendete Film von den Olympischen Spielen 1936 mit Adolf Hitler, eines der ersten starken elektromagnetischen Signale, das von Sendern auf der Erde abgestrahlt wurde. Optimismus heißt: Durchhalten, weitermachen, weiterforschen, also alles das, was Evolution sowieso von uns fordert.

Das zweite große Thema ist Religion. Auch hier vermute ich, dass Carl Sagan seine eigenen Auffassungen Ellie in den Mund legt:
Wenn ich sage, dass ich Agnostikerin bin, dann meine ich damit nur, dass Gott nicht bewiesen ist. Es gibt keinen zwingenden Beweis, dass Gott existiert – zumindest ihre Art Gott -, und es gibt keinen zwingenden Beweis, dass es ihn nicht gibt. Da mehr als die Hälfte der Menschen auf der Erde keine Juden, Christen oder Moslems sind, müsste ich eigentlich sagen, dass es keine zwingenden Argumente für ihre Art Gott gibt. Sonst müsste die ganze Welt sich zum Christentum bekehren. Ich kann nur immer wieder sagen, wenn Ihr Gott uns wirklich von seiner Existenz hätte überzeugen wollen, dann hätte er es viel besser machen können.
Später werden dieser Betrachtung aber noch drei weitere Ebenen hinzugefügt. Die erste Ebene besteht im Wirken der Außerirdischen, mit denen die 5 Passagiere zusammentreffen. Hier gilt der schöne Spruch, dass für Uneingeweihte jede fortgeschrittene Technologie nicht von Magie zu unterscheiden ist:
Das Problem besteht darin, dass das Universum sich ausdehnt und nicht genügend Materie enthält, die das Auseinanderfallen aufhalten könnte. Nach einiger Zeit gibt es dann keine neuen Galaxien mehr, keine neuen Sterne, keine neuen Planeten, keine neu entstehenden Lebensformen – nur immer die alte Besetzung. Alles wird baufällig. Das wird langweilig. Deshalb erproben wir in Cygnus A eine Technologie, mit der man etwas Neues machen kann. Man könnte es ein Experiment in Stadtsanierung nennen. Es ist nicht unser einziger Testlauf. Irgendwann möchten wir einen Teil des Universums abriegeln, um zu verhindern, dass der Weltraum im Laufe der Äonen immer leerer wird. Dazu müssen wir natürlich die Dichte der Masse vor Ort erhöhen. Das ist eine harte, aber lohnende Arbeit.
Das erinnert an Tiplers Omegapunkttheorie. Problematisch an dieser Theorie sehe ich nicht die immer wieder kritisierte Teleologie. Diese wird mit gewisser Berechtigung zwar aus den Naturwissenschaften herausgehalten, aber warum sollten intelligente Lebensformen nicht ihre eigene Zukunft planen? Nein, Tipler ging noch von einem kollabierenden Universum aus. Deshalb versuchen Sagans Außerirdische auch nicht, das gesamte Universum zusammenzuhalten, sondern lediglich den Teil, in dem sie leben. Ich sehe keinen prinzipiellen Grund, warum diese Idee nicht (zumindest für eine gewisse Zeit) funktionieren sollte.

Die zweite Ebene wird geöffnet, als der Außerirdische Ellie von seinen eigenen Vorgängern erzählt. Als sie begonnen haben, die Galaxis zu erforschen, sind sie auf Spuren noch älterer Zivilisationen gestoßen. Diese sind verschwunden, ohne Anzeichen auf Katastrophen o.ä., und ihre Nachfolger haben einen großen Teil der noch vorhandenen Techniken in ihre eigenen integriert. Da inzwischen auch Kontakt zu vielen anderen Galaxien besteht, wohin sind sie gegangen, wenn man sie – zumindest in diesem Teil des Universums – nicht mehr antreffen kann?

Auf die dritte Ebene wird Ellie ebenfalls durch die Außerirdischen gestoßen. Ihre Kontaktperson erzählt ihr, dass sie in den Zahlenfolgen transzendenter Zahlen auf Botschaften gestoßen sind. Bei deren Erforschung stehen sie aber selbst erst am Anfang. Er berichtet davon, dass sie in einer dieser Zahlen (nicht e und nicht π) ein elfdimensionales Muster gefunden haben und an dessen Dekodierung arbeiten. Auf die Erde zurückgekehrt, macht sich Ellie dann selbst auf die Suche nach derartigen Mustern und wird (auf der letzten Seite des Buchs) in π auch fündig. Irgendwo in Nachkommastellen von π (wenn π als Zahl zur Zahlenbasis 11 genommen wird, wieder die 11!) findet sie ein zweidimensionales Muster von Einsen und Nullen, das ein Bild eines idealen Kreises ist.

Unabhängig von der ungeklärten Beziehung zwischen Mathematik und Natur gilt aber zumindest für die transzendenten Zahlen π und e, dass sie auch Naturkonstanten darstellen. Wer also das Universum erschaffen hat, hat zugleich in π eine Botschaft an die intelligenten Lebewesen eingebaut, die dieses Universum hervorbringen wird und die es dann gewissermaßen von Innen heraus erforschen werden. Und es sind offenbar an verschiedenen Stellen verschieden komplexe Botschaften versteckt worden. Ellie hat eine sehr einfache Botschaft gefunden, während die Außerirdischen bereits auf sehr viel komplexere gestoßen sind. Der Schluss des Buches ist deshalb quasireligiös:
Das Universum war absichtlich gemacht worden, sagte der Kreis. In welcher Galaxis man sich befand: Wenn man den Umfang eines Kreises nahm und ihn durch seinen Durchmesser teilte und genau genug maß, entdeckte man ein Wunder – einen weiteren Kreis, der Kilometer jenseits des Dezimalkommas gezeichnet war. ... Es spielte keine Rolle, wie man aussah, woraus man bestand oder woher man kam. Solange man in diesem Universum lebte und ein bescheidenes Talent für Mathematik hatte, stieß man früher oder später auf dieses Wunder. Es war von Anfang an da. Es war in allem. ... Über den Menschen, Göttern und Dämonen ... stand eine Intelligenz, die dem Universum vorausging.
Kategorien: Bücher, Visionen

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Kommentare hier ...

lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
la-mamma - 30. November, 19:43
Ich möchte Ihnen...
Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02
Mit dem Schreibfehler...
Mit dem Schreibfehler hast Du vollkommen recht. Vor...
steppenhund - 28. November, 14:56
Ich nehme an, dass in...
Ich nehme an, dass in deinen beiden Listen die ersten...
Köppnick - 23. November, 10:57