Jill B. Taylor: Mit einem Schlag
Vor einem dreiviertel Jahr bin ich auf Jill Bolte Taylor aufmerksam geworden, die, als Neurowissenschaftlerin arbeitend, selbst einen Schlaganfall hatte, dabei am eigenen Leib beobachten konnte, wie Stück für Stück neuronale Funktionen ausfielen, und die danach etwa acht Jahre benötigt hat, um wieder vollständig gesund zu werden: Video mit ihr. Ihre Erlebnisse hat sie in einem Buch verarbeitet:
Dieses Buch ist eine chronologische Dokumentation der Reise, die ich in die Abgründe eines stummen Gehirns gemacht habe, an einen Ort tiefen inneren Friedens. In diesem Buch verbinde ich akademische Ausbildung mit persönlicher Erfahrung und Erkenntnis. Soweit ich weiß, ist dies der erste dokumentierte Bericht eines Menschen, dessen Beruf die Hirnforschung ist und der sich von einer schweren Hirnblutung wieder vollständig erholt hat. Ich bin froh, dass ich meine Erfahrungen der Welt mitteilen kann.Einige Seiten später schreibt sie:
Ich habe einen Schlaganfall! Und im nächsten Augenblick durchzuckte mich der Gedanke: Wow, das ist ja cool." Ich fühlte mich wie in einer besonders euphorischen Regungslosigkeit und war seltsam erfreut, als ich begriff, dass es für diese unerwartete Reise in die komplizierten Funktionen meines Gehirns tatsächlich eine physiologische Erklärung gab. Ich dachte die ganze Zeit: Wie viele Wissenschaftler haben schon Gelegenheit, das Schwinden ihrer eigenen Hirnfunktion von innen heraus zu beobachten?Später hat sie es dann weitaus nüchterner gesehen, als ihr die Konsequenzen klar wurden und es auch nicht so sicher war, ob und wie sie es überleben wird. Und, was andere betrifft, hat sie eigentlich Unrecht: Die meisten Menschen erleben es am Ende ihres Lebens sicher so, aber nur die wenigstens können danach davon berichten – weil es für sie Teil des Sterbeprozesses ist. Ein großer Teil des Buchs ist dann der Chronologie der Ereignisse gewidmet. Zunächst, in welcher Reihenfolge welche Funktionen ihres Gehirns bzw. ihres Körpers ausfielen. Später, in welcher Reihenfolge und mit welchem Erfolg sie sich die verloren gegangenen Fähigkeiten zurückgeholt hat. Eine große Rolle hat dabei ihre Mutter gespielt, die sie in der ersten Zeit gepflegt und motiviert hat.
Zwei Dinge im Buch haben mich irritiert. Zum einen, wie genau sie später über den zeitlichen Ablauf der Ausfälle und der Wiederherstellungen Auskunft geben konnte. Muss es nicht so sein, dass bei so gravierenden Ausfällen im Gehirn auch das Erinnerungsvermögen betroffen ist? Sie beschreibt aber minutiös zum Beispiel ihre Schwierigkeiten, einen Arzt zu rufen, weil die Gehirnbereiche zur Identifizierung von Telefonnummern, zum Sprechen und generell zum Festhalten eines Gedankens allmählich ausfielen – bei vollem Bewusstsein.
Warum habe ich nicht einfach den Notarzt angerufen? Die Blutung, die sich in meinem Gehirn ausbreitete, lag direkt über dem Teil meiner linken Hirnhälfte, die wusste, was eine Zahl war. Die Neuronen, die die Telefonnummer des Notarztes kodierten, schwammen in Blut, deshalb gab es diese Vorstellung für mich einfach nicht mehr. Warum ging ich nicht einfach nach unten und bat meine Vermieterin um Hilfe? ... Aber auch ihre Akte, ein Detail im großen Bild meines Lebens, existierte für mich nicht mehr.Und das zweite Problem taucht bereits im oben von mir verlinkten Video auf und zieht sich als Grundgedanke auch durch das gesamte Buch. Jill Taylors Schlaganfall war auf ein geplatztes Angiom in der linken Hirnhälfte zurückzuführen. Nach ihrer Darstellung gibt es eine sehr differenzierte Aufgabenverteilung im Gehirn. Sie schreibt zum Beispiel:
Zunächst einmal müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass die Dominanz einer Hirnhälfte nichts mit der landläufigen Definition von Dominanz zu tun hat. Dominanz im Gehirn wird dadurch bestimmt, in welcher Hirnhälfte die Fähigkeit sitzt, verbale Sprache zu schaffen und zu verstehen. Demnach weist so gut wie jeder Rechtshänder eine links-hemisphärische Dominanz auf. Dies trifft jedoch zugleich auch auf über 60 Prozent der Linkshänder zu. Schauen wir uns einmal die Asymmetrien der beiden Hemisphären genauer an.Die Aufteilung der Funktionen im Gehirn ist in der Tat faszinierend. Die Aufnahme der sensorischen Informationen ganz am Beginn und die Ausgabe motorischer Befehle ganz am Ende der Verarbeitung werden zu gleichen Teilen in der linken und der rechten Hemisphäre durchgeführt, weil unser Körper zu großen Teilen links-rechts symmetrisch ist und die entsprechenden Körperteile in Areale des Hirns projizieren bzw. motorische Befehle von dort empfangen. Ein Teil der dazwischen stattfindenden Verarbeitung muss aber hochgradig asymmetrisch sein, zum Beispiel weil man Bilder nur einmal interpretieren, Wörter nur einmal verstehen, Gerüche nur als eine Person wahrnehmen kann. Eine gleichmäßige Aufteilung dieser Funktionen nach links und rechts wäre deshalb biologisch ineffizient. Aber eine so absolute Aufteilung in links und rechts kann es wiederum auch nicht geben – eben wegen dem Beginn und dem Ende der Signalverarbeitung und wegen der Möglichkeiten, gerade nach einem Schlaganfall Ausfälle in einigen Regionen durch Funktionsübernahme anderer Regionen zu kompensieren.
Die rechte Hirnhälfte (die die linke Hälfte unseres Körpers kontrolliert) funktioniert wie ein Parallelprozessor. Unabhängige Informationsströme fließen durch die sensorischen Systeme in unser Gehirn. In jedem Augenblick kreiert die rechte Hirnhälfte ein Abbild davon, wie dieser Augenblick aussieht, klingt, schmeckt, riecht und welches Gefühl er erzeugt. ... Für die rechte Hirnhälfte existiert nur der gegenwärtige Augenblick. Leben oder Tod erfolgt im aktuellen Moment. Freude ist ein Gefühl des gegenwärtigen Augenblicks. Für unsere rechte Hirnhälfte ist das Jetzt zeitlos und ewig.
Im Gegensatz dazu verarbeitet die linke Hirnhälfte Informationen auf völlig andere Art und Weise. Sie reiht die komplexen Momente, die von der rechten Hirnhälfte geschaffen wurden, in zeitlicher Abfolge auf. Dann vergleicht sie die Details dieses Moments mit denen des letzten Moments. Dadurch werden Momente in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterteilt. ... Im Gegensatz zum großen Gesamtbild der rechten Hirnhälfte nimmt die linke Hirnhälfte jedes noch so kleine Detail wahr. Die Sprachzentren in der linken Hirnhälfte verwenden Wörter, um alles zu beschreiben, zu definieren, zu kategorisieren und zu kommunizieren. Sie brechen das große Gesamtbild des gegenwärtigen Augenblicks auf in handhabbare und miteinander vergleichbare Datenteilchen herunter.
...
Über die Sprachzentren der linken Hirnhälfte "spricht" unser Verstand ständig mit uns, ein Phänomen, das ich als "Hirngeplapper" bezeichne. es ist diese Stimme, die Sie daran erinnert, auf dem Heimweg Bananen zu kaufen, oder die ihnen sagt, wann Sie mal wieder die Wäsche waschen müssen.
An einigen Stellen beschreibt Taylor, dass sie nach ihrem Schlaganfall das Gefühl für die Grenzen des eigenen Körpers verloren, sich eins mit dem Universum und gewissermaßen als "Flüssigkeit" gefühlt hatte. Diese Empfindung verlor sich dann mit der fortschreitenden Rückkehr der Kontrolle über ihren Körper. Diese Erfahrungen erinnern an asiatische Meditationsformen o.ä. Man kann solche Techniken auch als Gesunder lernen und anwenden. Aber hier gelingt es dem so Praktizierenden mühelos, wieder in den "Normalzustand" zurückzukehren. Und auch der umgekehrte Zustand ist möglich (und wird über aller Begeisterung für alles Fernöstliche gern vergessen): Gedankliche Arbeit über einen längeren Zeitraum, ohne dabei über irgendwelche Emotionen zu verfügen und ohne im Nachhinein auch nur das Geringste über den Zustand des eigenen Körpers in dieser Zeit berichten zu können.
Man sollte diesen Kampf gegensätzlicher Bestandteile der eigenen Persönlichkeit, des eigenen Fühlens, der eigenen Ratio, also besser nur allegorisch nehmen und nicht eins zu eins auf die Aufgabenteilung der beiden Hirnhemisphären übertragen wollen. Ansonsten verwickelt man sich nämlich sehr schnell in Widersprüche. Unser Selbst oder Ich muss nämlich über beide Hemisphären verteilt sein, weil es die Informationen verschiedener Sinne integrieren, die Aktivitäten verschiedener Körperteile synchronisieren muss, und weil sich der Fokus der Aufmerksamkeit auf vollkommen verschiedenen Modalitäten verschieben kann. Für eine Gesamtbewertung überwiegt die Integration aller Gehirnleistungen, nicht die Separation von Einzelfunktionen.
Es ist schon ein faszinierendes Buch. Vielleicht bin ich deshalb hier so kritisch eingestellt, weil ich mich nicht ganz von der Begeisterung der Autorin anstecken lassen möchte. Jill Bolte Taylor war vor ihrem Schlaganfall Mitarbeiterin der Brain Bank von Harvard und ist schon während ihrer Rehabilitation an ihren alten Arbeitsplatz zurückgekehrt. Die Brain Bank ist eine Firma, die Hirnspenden entgegen nimmt, verwaltet und an wissenschaftliche Institutionen verteilt. Neben ihrer Lehrtätigkeit an der Universität reist Jill Bolte Taylor als "Singin Scientist" durchs Land und wirbt für Hirnspenden. deshalb findet man dann nach Ratschlägen für Schlaganfallpatienten und vielen anderen Informationen ganz am Schluss des Buchs auch das Folgende:
Sie wollten doch immer schon mal nach Harvard!Normalerweise bin ich ja ein rationaler Mensch, mehr unter der Kontrolle meiner linken Gehirnhälfte. An dieser Stelle aber gelingt es der angstvollen rechten Gehirnhälfte, die alleinige Kontrolle zu übernehmen: "Was, du willst dich von etwas so hervorragend Funktionierendem trennen, das dir so lange und so treue Dienste geleistet hat, und MICH in kleine Scheibchen schneiden lassen? Wenn du das tust, dann kündige ich dir die Freundschaft!"
Der Brain-Bank-Jingle
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Kategorien: Gehirn & Geist, Bücher
Montag, 29.Dezember 2008
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