Cornelia Funke: Herr der Diebe

Der Anlass des Interviews mit Cornelia Funke im Spiegel war sicherlich der Kinostart des Films „Tintenblut“. Ich habe überlegt, mir den Film anzusehen, und bin dann doch nicht gegangen. Ich kenne das Buch nicht und habe die Erfahrung gemacht, dass sich, wenn man zuerst einen Film sieht und erst danach das Buch liest, die falschen Bilder im Kopf festsetzen und man die größere Komplexität des Geschriebenen nicht mehr wahrnimmt. Das Buch „Tintenblut“ war auf die Schnelle nicht aufzutreiben, aber „Herr der Diebe“ hat mir eine Bekannte geborgt.

Cornelia Funke gilt als die erfolgreichste deutsche Kinderschriftstellerin, wobei dafür als Erfolgsmaßstab die Anzahl der verkauften Bücher gilt, 10 Millionen sind es wohl. Ich habe überlegt, wie ein solcher Erfolg zustande kommt. Kinder lesen die Bücher zwar und können ihre Eltern auch mächtig bedrängen, aber gekauft werden die Bücher von Erwachsenen. Das heißt, die Bücher müssen zuallererst Gnade bei den Eltern finden. Das geht sicherlich am besten, wenn diese etwas in den Büchern findet, das eine auch für Erwachsene noch hinreichende Tiefe hat, etwas, das sie mit sich selbst verbinden können oder das sie an ihre eigene Kindheit erinnert, sie andererseits aber der Meinung sind, das wäre genau das Richtige für ihre Kinder.

Das Erste, woran ich bei Harry Potter denke, ist die Schilderung des Internats. Genauso habe ich mir so ein altes englisches Institut vorgestellt, mit dunklen, hohen Räumen, Schuluniformen, etc. Und dann die Erwachsenen, archetypisch gestaltet, der Direktor, die Lehrer, Hausmeister Filch, Snape mit fettigen Haaren, etc.

Im Herrn der Diebe ist das nicht anders. Jedes der Kinder hat stellvertretend Eigenschaften, die sich sonst auf mehrere Personen verteilen. Auch die Erwachsenen sind in ihrem Verhältnis zu den Kindern überzeichnet, in Gute, in Böse und in Kathartische. Eine gute Geschichte muss auch so geschrieben sein, dass Erwachsene eine größere Tiefe als Kinder wahrnehmen können, hier zum Beispiele die mögliche Beziehung zwischen Victor, dem Detektiv, und Ida, der guten Seele.

Überdurchschnittlich erfolgreiche Kinderbücher können deshalb auch nur für eine ganz bestimmte Altersgrupppe geschrieben sein, für Kinder kurz vor der Pubertät. Das gilt für Harry Potter, das gilt für den Goldenen Kompass von Philip Pullman und das gilt auch für Cornelia Funkes Bücher. Einerseits kann man hier als Autor so schreiben, dass sich Erwachsene angesprochen fühlen, andererseits werden die Kinder durch eine fast Erwachsenensprache nicht mehr überfordert. Bücher, die in einer noch komplexeren Sprache gedacht und geschrieben sind, führen vielleicht zu Literaturnobelpreisen, aber nicht zu mehr Lesern.

Und natürlich sind die zentralen Themen wichtig. In Harry Potter ist es die Schule, im Goldenen Kompass, ein für Kinder fast zu schwieriges Buch, die Religion. Im Herrn der Diebe ist es ein noch elementareres Thema: Das Älterwerden. Kinder wollen schnell erwachsen werden, Erwachsene wollen manchmal wieder Kind sein. Bei Kindern ist der Wunsch, schnell erwachsen zu werden, verständlich, denn sie verbinden damit die Wünsche, abends länger aufbleiben zu dürfen, sich alle Dinge kaufen zu können, die sie haben wollen, und zu tun, worauf sie gerade Lust haben. Erwachsene hingegen sollten es eigentlich besser wissen, dass es nicht immer so erstrebenswert ist, ein Kind zu sein, denn sie haben es ja schon einmal erlebt. Aber manchmal wünscht man sich eben weniger Verantwortung, vielleicht weniger Krankheit und ganz allgemein mehr Zeit.

Diese beiden unterschiedlichen Wünsche von Kindern und Erwachsenen kann im Buch ein altes Karussell erfüllen. Je nachdem, auf welche der Figuren man sich setzt, wenn sich das Karussell dreht, wird man entweder jünger oder älter.

Auch das Ende des Buchs werden Kinder und Erwachsene unterschiedlich empfinden. Für Kinder geht alles glücklich aus, die Guten werden belohnt und die Bösen bestraft. Erwachsene lesen es differenzierter. Scipio heiß im Buch der Herr der Diebe, ein Junge, der sich vom Karussel zum Erwachsenen machen lässt:
“Was tun Erwachsene so den ganzen Tag, Victor?“, fragte er.
„Arbeiten“, antwortete Victor. „Essen, einkaufen, Rechnungen bezahlen, telefonieren, Zeitung lesen, Kaffee trinken, schlafen gehen.“
Scipio seufzte. „Nicht sehr aufregend“, murmelte er und stützte die Arme auf die Brüstung.
„Tja“, brummte Victor. Mehr fiel ihm nicht ein.
Langsam schlenderten sie weiter, die Brücke hinunter und wieder hinein in das Gewirr von Gassen, in dem jeder Fremde sich mindestens einmal verläuft.
„Mir wird schon noch was anderes einfallen“, sagte Scipio. Trotz klang aus seiner Stimme. „Irgendetwas Verrücktes, Abenteuerliches. Vielleicht sollte ich einfach zum Flughafen fahren und in irgendein Flugzeug steigen, oder ich werde Schatzsucher, darüber habe ich was gelesen. Ich könnte auch tauchen lernen.“

Dazu sagte Victor nichts. Die Füße taten ihm weh, er war müde, und er hätte jetzt gern bei Ida auf dem Sofa gesessen.
PS: Das habe ich gerade im Wikipediaartikel über Cornelia Funke gelesen:
Im Gegensatz zu den „Harry Potter“-Romanen von Joanne K. Rowling haben sich die Herausgeber der SPIEGEL-Bestseller-Liste lange geweigert, Funkes Werke trotz enormer Verkaufszahlen aufzunehmen. Erst der dritte und abschließende Band der Tintenwelt-Trilogie „Tintentod“ konnte dies ändern und stieg am 8. Oktober 2007 gleich auf Platz 1 ein.
Soviel zur Aussagekraft von Literaturlisten und der Objektivität des Spiegels.

Kategorie: Bücher

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Kommentare hier ...

Bitte mehr davon? Aus...
Bitte mehr davon? Aus meiner Sicht auf keinen Fall,...
Köppnick - 25. Dezember, 16:53
bitte mehr davon
Nimmersatt (Gast) - 25. Dezember, 15:33
lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
la-mamma - 30. November, 19:43
Ich möchte Ihnen...
Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02