Christopher Langan: Die Theorie der Theorien

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich vor einer reichlichen Woche auf Christopher Langan und sein Cognitive-Theoretic Model of the Universe, kurz CTMU, gestoßen bin. Die deutsche Wikipedia kennt seinen Namen nicht, aber in der englischen Version wird man fündig. Seine Biografie ist sehr ungewöhnlich. Er arbeitete lange als Türsteher, schafft beim Bankdrücken im Fitnesscenter 250 Kilogramm und wohnt jetzt auf seiner eigenen Pferderanch. Das wäre noch nichts Besonderes, wenn da nicht sein IQ von rund 200 wäre. Der Psychologe, der ihn seinerzeit begutachtet hat und auf Fälle extremer Intelligenz spezialisiert ist, hat hinterher gesagt, dass ihm in seiner über 25jährigen Berufslaufbahn noch niemals ein solch intelligenter Mensch begegnet ist. Langan verdingte sich knapp zwanzig Jahre als Bauarbeiter, Cowboy, Feuerwehrmann, Farmarbeiter und Türsteher, ist jetzt mit einer Professorin für klinische Neuropsychologie verheiratet und arbeitet in seiner Freizeit an seiner eigenen Theorie des Universums. In einem Interview mit ihm habe ich gelesen, dass er als Türsteher öfter ein blaues Auge und eine blutige Nase bekam und sich das erst besserte, als er berühmt wurde – nach seiner Teilnahme an einer Fernsehshow, in der er 250.000$ gewann.

Einer der Gründe, warum man ihn hier kaum kennt, dürfte darin liegen, dass er Anhänger des Intelligent Design ist, was allgemein als Nachfolger des Kreationismus gilt. Langan ist der Meinung, dass die Evolution teleologisch verläuft, also auf ein Ziel hinsteuert. Langan in Kurzform: "Gott hat das Universum erschaffen, jetzt müssen wir mit ihm zusammenarbeiten, um es zu verbessern." Liest man sich einige Aussagen von Langan durch und vergleicht sie mit den Vorwürfen, die den ID-Anhängern z.B. im deutschsprachigen Wikipedia-Artikel gemacht werden, dann erkennt man, dass sie auf ihn nicht zutreffen. Kann man es einem Menschen wie Langan vorwerfen, dass in seinem Kielwasser Leute segeln, die eigene politische, wissenschaftliche und theologische Ziele verfolgen (und die seine Theorien vermutlich niemals begreifen können)? Jedenfalls hat Langan in Interviews stets beteuert, dass er die Evolution für gegeben hält und Respekt vor jeder Form von Religion hat.

Um einen ersten Eindruck von seinen Ideen zu bekommen, muss man seine Arbeiten im Original lesen. Einen ersten Einstieg bietet die Seite Theory of theories. Obwohl das Englisch nicht besonders schwer zu lesen ist, habe ich eine deutsche Übersetzung vorgezogen – die ich leider selbst erstellen musste ;-( TheorieDerTheorien (pdf, 172 KB). Sie ist nicht ganz vollständig, sprachlich schlecht, und ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit, insbesondere nicht auf den letzten beiden halben Seiten, bei denen ich dann selbst nicht mehr folgen konnte.

Der größte Teil ist der Analyse der Grenzen der Mathematik und der Naturwissenschaften gewidmet. Bekannt waren mir bereits die Konsequenzen für die Mathematik aus Gödels Unvollständigkeitssatz und einige Beschränkungen, denen Naturwissenschaften bei der Untersuchung der Realität unterliegen. Da gibt es Gebiete der Wirklichkeit, die zu erreichen Wissenschaft tatsächlich nicht vermag, weil die selbst gewählten Untersuchungsmethoden es verhindern.

Neue Aspekte waren die Thesen von Duhem-Quine und Löwenheim-Skolem und einige Überlegungen zum Reduktionismus. Und in der Tat ist es so, dass mir das Auftreten und der Anspruch auf Welterklärung durch einige Wissenschaftler schon immer suspekt gewesen sind, aber so klar wie Langan hätte ich mein Unbehagen nicht formulieren können. Was ich nicht beurteilen kann, ist der wissenschaftliche Wert der beiden ausführlich diskutierten Thesen (Duhem-Quine und Löwenheim-Skolem). Die Wikipediaartikel sind da extrem unverständlich und unergiebig.

Der Grundlagenartikel zu seiner Theorie ist etwa achtmal so lang wie der hier vorgestellte PDF, 56 Seiten. Diesen habe ich noch nicht gelesen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich es so bald tun sollte. Denn der hier vorgestellte Einführungsartikel endet mit:
Solch eine Theorie und Modell existieren in der Tat. Doch für jetzt, lasst uns zufrieden sein mit dem flüchtigen Anblick des Regenbogens, unter dem uns dieser theoretische Topf mit Gold erwartet.
Da hat Langan wohl die Logik zugunsten der Pathetik verlassen. Der Topf mit Gold, der unter dem Regenbogen steht, kann niemals erreicht werden. Das hätte seine Theorie dann mit Naturwissenschaft und Mathematik gemeinsam - die ewig währende Unvollständigkeit.

Kategorien: Gehirn & Geist, Mathematik & Logik, Physik, Evolution, Visionen
steppenhund - 20. Dezember, 23:15

Zuerst einmal danke für das Posting und die zahlreichen Links. Für wen hast Du denn die Übersetzung gemacht? Nur für dich. Eine ganz schöne Arbeit.
Möglicherweise wollte Langan diese Unerreichbarkeit sogar tatsächlich in den Raum stellen.
Nach meinem Verständnis ist die Duhem-Quine Darstellung nämlich eine Erweiterung von Gödel in den Bereich der Wissenschaftstheorien, ein zusätzliches Unsicherheitselement, ein systeminhärentes.
Da passt der letzte Satz für mich dann schon ganz gut dazu.
-
Hast Du einmal etwas von Chaitin gelesen? Das müsste dich auch reizen.
http://www.umcs.maine.edu/~chaitin/

Köppnick - 21. Dezember, 10:19

Ich hatte mir Langans Text Anfang dieser Woche ausgedruckt und habe ihn einige Male gelesen, meistens abends vor dem Schlafengehen. Dabei habe ich festgestellt, dass ich nicht beides gleichzeitig kann, Übersetzen und Denken. Freilich war es eine ganz schöne Arbeit, aber wie die Kategorien-Linkliste am Ende zeigt, schneidet der Inhalt ja viele der Gebiete, die mich interessieren.

Deinen Link sehe ich mir bei Gelegenheit näher an, Metamathematik ist ein interessantes Stichwort.
steppenhund - 21. Dezember, 14:43

Der Inhalt von Chaitin kann in einem Satz beschrieben werden: numerische Mathematik unterliegt dem gleichen Zwang (zu) einer statistischen Behandlungsweise wie die Quantenphysik.
Die daraus entstehenden Ableitungen sind recht vielfältig. Als Entwickler wirst Du auch leichter den Beweis nachvollziehen können.
rosenherz - 21. Dezember, 01:20

" Gott hat das Universum erschaffen, jetzt müssen wir mit ihm zusammenarbeiten, um es zu verbessern."
Könnte der Satz nicht auch heißen: "Gott hat das Universum erschaffen, jetzt müssen wir mit ihm zusammenarbeiten, um damit aufzuhören, es weiter zu verschlechtern"?

Köppnick - 21. Dezember, 10:57

Hm, das Universum ist ziemlich groß. Ich glaube nicht an einen persönlichen und auch nicht an einen personalisierten Gott. Aber wenn es den gibt und er die ihm zugeschriebenen Eigenschaften hat, dann können wir eigentlich nichts falsch machen - er hat ja alles bereits vorhergesehen (er ist allwissend) oder er kann alles korrigieren, was ihm nicht passt (er ist allmächtig). Außerdem soll er ja ziemlich nett sein (er ist allgütig).

*Ironiemodus_ein* Wenn wir das Ganze aber physikalistisch betrachten, dann sieht es schon schlechter aus. Universen mit Lebewesen altern schneller als welche ohne. Das ist die Konsequenz aus dem 2. Hauptsatz der Wärmelehre, der Zunahme der Entropie. Und wir vergrößern mit unserem "intelligenten Chaos" auch ganz schön die Entropie. Im Sinne der langfristigen Erhaltung des Universums ist die einzig logische Handlung: Wir bringen möglichst schnell alle anderen Lebewesen um und vernichten uns dann selbst. Damit sind wir doch schon auf dem richtigen Weg. *Ironiemodus_aus*
steppenhund - 21. Dezember, 14:45

Bezüglich des Ironiemodus hast Du wohl Langan zu wörtlich genommen:)
rosenherz - 21. Dezember, 16:15

@ Köppnik,
angenommen, wenn es so einen allmächtigen, allgütigen und allwissenden Gott geben sollte, vielleicht haben wir Menschen das falsch verstanden. Es könnte bedeuten, dass er eben nur da draußen im All mächtig ist und ein über das All Wissender ist, aber halt nicht unbedingt erdmächtig und erdwissend und erdgütig ;-)

... und möglicherweise braucht er deshalb die Anrufungen von (exoterischen) Gläubigen, damit er wenigstens ansatzweise erfährt, was sich da so tut auf der Erde.

... und womöglich sitzt der da am Planeten Jupiter, in die Ohren ein paar alltaugliche Ohrhöhrer gestöpselt, mit denen er Satellitenübertragungen belauscht, um seinem eigenen Mythos der Allwissenheit auf die Spur zu kommen.

... und wenn ich mir den Satz hernehme, Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild, und mir dann die Menschen anschaue, um von diesen auf Gott zu schließen ... Uije ...
Reh Volution - 21. Dezember, 12:07

" Unser Leben entkam wie ein Vogel dem Netz der Jäger. Das Netz ist zerrissen, und wir sind frei ! " PSALM 124,7

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