Donata Elschenbroich: Weltwissen der Siebenjährigen

Bei Rosenherz bin ich daran erinnert worden, dass Weihnachtszeit ist: Weihnachtswunschzettel. So einen Wunschzettel aufzustellen, das Nachdenken darüber, verändert die Wahrnehmung, sie wird kindlicher. Ein paar Tage zuvor habe ich ein Interview mit Donata Elschenbroich gefunden: Jedes Kind ist begabt. In dem Artikel wird sie als Bestsellerautorin bezeichnet. Das bezieht sich auf ihr Buch "Weltwissen der Siebenjährigen", das ich vor einiger Zeit gelesen habe und das mir jetzt beim Aufräumen wieder in die Hände gefallen ist. Warum verändert das Nachdenken über den eingangs erwähnten Wunschzettel die eigene Wahrnehmung, macht sie wieder kindlicher? Weil Kinder alle Dinge zum ersten Mal erleben und darüber staunen, während Erwachsene viele Dinge schon tausend Mal erlebt, getan oder erduldet haben. Wenn man Donata Elschenbroichs Buch liest, bekommt man wieder eine Ahnung von der Vielfalt der Welt und erinnert sich daran, dass man das alles auch einmal zum ersten Mal erfahren hat.

Den Ansatz für die Interviews in ihrem Buch beschreibt die Autorin so:
Was sollte heute ein Kind in den ersten sieben Lebensjahren wissen, können, erfahren haben? Womit sollte es zumindest in Berührung gekommen sein? Drei Jahre lang, zwischen 1996 und 1999, haben wir das Menschen allen Alters, aller Schichten und Bildungshintergründe gefragt. Eltern, Großeltern, Erzieher, jugendliche. Hirnforscher, Entwicklungspsychologen, Medizinsoziologen und Grundschuldidaktiker. Den Direktor eines Altenheims, einen Erzbischof, Mütter in der Müttergenesungskur, arbeitslose Väter, Unternehmer, den General der Schweizer Armee, den Verkäufer im Bahnhofskiosk, die Verkäuferin im Media-Markt, eine türkische Analphabetin, die Studentin der Betriebswirtschaft - welche Wünsche haben sie, Fachleute aller Art, an das Weltwissen der heute Siebenjährigen?
Und offenbar als Nachdenkhilfe ist sie mit ihrem eigenen Konzept in die Gespräche gegangen:
Ein siebenjähriges Kind sollte vier Ämter im Haushalt ausführen können (etwa: Treppe kehren, Bett beziehen, Wäsche aufhängen, Handtuch bügeln). Es sollte ein Geschenk verpacken können. Zwei Kochrezepte umsetzen können, für sich und für einen Freund, für sich selbst und für drei Freunde. Es sollte einmal ein Baby gewickelt oder dabei geholfen haben. Es sollte gefragt haben können, wie Leben entsteht. Es sollte eine Vorstellung davon haben, was bei einer Erkältung in seinem Körper vorgeht, und eine Wunde versorgen können. Das Kind sollte wissen, wie man drei verschiedene Tiere füttert, und Blumen gießen können. Ein siebenjähriges Kind sollte schon einmal auf einem Friedhof gewesen sein. Es sollte wissen, was Blindenschrift ist, und vielleicht drei Wörter in Blindenschrift (oder Gehörlosensprache) verstehen. Es sollte zwei Zaubertricks beherrschen. Drei Lieder singen können, davon eines in einer anderen Sprache. Es sollte einmal ein Musikinstrument gebaut haben. Es sollte den langsamen Satz einer Sinfonie vom Recorder dirigiert haben und erlebt haben, dass die Pause ein Teil von Musik ist.

Es sollte drei Fremdsprachen oder Dialekte am Klang erkennen. Drei Rätsel, drei Witze erzählen können. Einen Zungenbrecher aufsagen können. Es sollte drei Gestalten oder Phänomene in Pantomime darstellen können und Formen der Begrüßung in zwei Kulturen. Ein Gebet kennen. Reimen können, in zwei Sprachen. Ein chinesisches Zeichen geschrieben haben. Eine Sonnenuhr gesehen haben. Eine Nachtwanderung gemacht haben. Durch ein Teleskop geschaut haben, zwei Sternbilder erkennen. Wissen, was Grundwasser ist. Was ein Wörterbuch ist, eine Wasserwaage, eine Lupe, ein Katalysator, ein Stadtplan, ein Architekturmodell. In einer Bücherei gewesen sein, in einer Kirche (Moschee, Synagoge...), in einem Museum. Einmal auf einer Bühne gestanden haben und einem Publikum mit anderen etwas Vorbereitetes vorgetragen haben.

Ein siebenjähriges Kind sollte einige Ereignisse aus der Familiengeschichte kennen, aus dem Leben oder der Kindheit der Eltern oder Urgroßeltern. Und etwas aus der eigenen Lebensgeschichte: zwei Anekdoten über sich selbst als Kleinkind erzählen können. Wissen, zu welcher Zeit - der Eltern, der Großeltern - das Haus gebaut ist, in dem man wohnt. Einen Streit aus zwei Positionen erzählen können. Ein Beispiel für Ungerechtigkeit beschreiben. Konzepte kennen: Was ist ein Geheimnis, was ist Gastfreundschaft, was ist eine innere Stimme, was ist Eifersucht, Heimweh, was ist ein Missverständnis. Ein Beispiel kennen für den Unterschied zwischen dem Sachwert und dem Gefühlswert von Dingen...
Die Liste ist schier endlos, genauso wie die Welt unendlich ist. Man kann jeden einzelnen Posten nehmen und überlegen, wann man selbst damit konfrontiert wurde. Oder wenn man eigene Kinder hat, wann sie das konnten oder erfahren haben oder ob sie es überhaupt schon kennen oder können.

Einige, denen die Liste vorgestellt wurde, haben den großen Umfang der Liste kritisiert. Im Buch sind die Interviews zusammengefasst und es gibt als Ergebnis der Gespräche eine weitere Liste. Eine Art Weihnachtslektüre, die ganz bestimmt auch für Weihnachtsphobiker und ~gebräucheflüchtlinge geeignet ist.

Kategorien: Bücher, Visionen
steppenhund - 13. Dezember, 18:06

Es scheint mir, dass allein von dem Auszug her viele Erwachsene nicht dem Anspruch an ein siebenjähriges Kind genügen würden.
Nicht, dass ich die Liste selbst bekrittele.

Köppnick - 14. Dezember, 19:42

Da hast du recht. Aber einen ganz wesentlichen Gedanken haben das Buch und die Liste: Pisa und Iglu sind nicht alles, was man als Vergleichsmaßstab für Kindheit und Jugend verwenden sollte. Einige Dinge muss man nicht bloß sinn-gemäß sondern tat-sächlich be-greifen.
Mirja (Gast) - 14. Dezember, 17:42

Meine Arme sind zu kurz

Mit sieben Jahren bin ich längelang im Bettbezug verschwunden. Mit sieben Jahren hat gerade so mein Kopf bis zum Bügelbrett gereicht. Mit sieben Jahren habe ich mal im Coop verzweifelt dagestanden, weil die Bananen zu hoch hingen (ja, wirklich) - so viel zum Wäsche aufhängen. Treppe kehren hätte klappen können, aber unsere war mit Stoff bezogen, da bin ich immer auf dem Hintern runtergerutscht.

Bisschen viel Erinnerung heute.

Köppnick - 14. Dezember, 19:33

Mirja, du bist goldig. Ich bin die Liste auf deine Anregung hin nochmals durchgegangen. Ich bügle auch heute noch keine Handtücher. Aber eines habe ich gefunden, das steht nicht auf der Liste: Ich konnte mit drei oder vier jeden Wecker auseinander nehmen. Damals waren die Dinger noch mit Zahnrädern. Nur das mit dem Zusammensetzen habe ich nie hingekriegt, auch heute noch nicht. Was ich aber jetzt ganz allein schaffe, ist das Wechseln der Batterie.
steppenhund - 14. Dezember, 19:35

Aber Handtücher bügelst Du vermutlich nicht, weil Du es nicht kannst sondern weil es unnötig ist.
Nicht einmal Frau Columbo würde es einfallen, Handtücher zu bügeln.
Köppnick - 14. Dezember, 19:45

Ja. Und ein Kollege konnte mir auch gut erklären, dass man beim Waschen von Handtüchern keinen Weichspüler verwenden sollte. Nicht bloß wegen der Ökologie sind Weichspüler vollkommen überflüssig, sondern sie vermindern durch das Kuschligmachen der Oberfläche auch die Saugfähigkeit dieser Textilien.
testsiegerin - 20. Dezember, 23:41

und was, wenn kinder das nicht oder nur einen teil davon können?

mag sein, dass das buch sensationell gut ist, keine ahnung, aber in mir sträubt sich immer etwas, wenn wo festgeschrieben ist, was jemand in welchem alter können soll. ich denke, erstens hängt es von den vorbildern und lebensrealitäten ab (ich selber habe damals höchstens die steckperlenspiele meiner kinder gebügelt), und zweitens machen solche listen immer schuldgefühle.
warum konnte ich mit sieben noch kein bett überziehen? warum tu ich es immer noch nicht gerne?
warum hab ich noch nie ein wort in braille-schrift geschrieben und war noch nie in einer moschee? bin ich jetzt weniger wert?
und was ist mit kindern, die defizite haben?

wie gesagt, solche texte machen mich eher unglücklich als weise.

Frau Rabe - 21. Dezember, 10:21

ich interpretiere die Liste so, dass sie Beispiele aufzeigen soll, nicht Vorgaben für genau-das-Könnenmüssen. Diese Liste soll einen -meine ich- nachdenklich machen, dass Kinder mehr lernen sollten als nur z.B. mit der Playstation umzugehen. Und sie will vielleicht zeigen, was ein Kind können könnte, dass Kinder nicht klein, dumm und hilflos sind. Schon nur dieser Auszug aus der Liste hat mein grippiges Gehirn auf Hochtouren gebracht... ich denke, dass man die Welt der Kleinen ganz schön groß machen kann, dass man dadurch wohl das Selbstbewußtsein der Kleinen ganz schön groß machen kann, dass man dadurch Einflüsse aus Werbung & Co ganz schön klein und unbedeutend für die Kleinen machen kann.

Vielleicht.

Jedenfalls ist das Buch demnächst mein ;-)
Köppnick - 21. Dezember, 10:43

Ein Kollege, auf dessen Meinung ich sehr großen Wert lege, war auch etwas deprimiert. Ich glaube aber, dass das nicht die Intention der Autorin war. Frau Rabe hat da ganz recht.

Ich erinnere mich noch genau an meine erste unmittelbare Begegnung mit Braille-Schrift. Es war bei einem Schachwettkampf, ich sollte gegen einen Blinden spielen. Er brachte seine eigene Schachuhr, sein eigenes Brett mit Figuren und sein eigenes Schreibgerät mit. Bild: http://static.twoday.net/KwakuAnanse/images/schachuhr.jpg Beim Schach wird die Bedenkzeit jedes der Spieler mit einem Uhrwerk gemessen. Da beide Spieler abwechselnd ziehen, haben diese Uhren zwei Uhrwerke, wobei immer nur eine Uhr läuft. Hat man seinen Zug gemacht, drückt man auf den Knopf auf der eigenen Seite der Uhr. Das eine Uhrwerk hält an und das andere beginnt zu laufen. Bei der Uhr des Blinden waren die Glasscheiben vor den beiden Uhren aufklappbar, er konnte die Zeiger mit seinen Fingern betasten.

Das Schachbrett des Blinden war auch 8x8, aber die schwarzen und die weißen Felder waren unterschiedlich hoch, vielleicht 5mm Unterschied. Auch seine schwarzen und weißen Figuren waren etwas unterschiedlich geformt, sodass er auch hier die Unterschiede ertasten konnte.

Die Schreibunterlage für Brailleschrift bestand aus einem Klappmechanismus, zwischen den ein Blatt (Kunststoff?) eingespannt wurde und in das er seine Aufzeichnungen als Punkte eingestochen hat. Bild: http://static.twoday.net/KwakuAnanse/images/braille-tafel.jpg

Dieses Spiel ist über zwanzig Jahre her, ich habe es bis heute nicht vergessen. Nicht weil ich verloren habe, sondern weil es so ein einzigartiges Erlebnis war. Ich glaube, so soll man auch die Liste verstehen, als Vorschläge, seinen Kindern einzigartige Anregungen zu geben.
Mama einer Vierjährigen (Gast) - 7. Oktober, 18:34

Das muss ich haben

Sicherlich ist es nicht tragisch, wenn man das eine oder andere von dieser Liste nicht gemacht hat oder stattdessen etwas ähnliches anderes.
Die Liste macht aber deutlich, welche Aktivitäten ein heute aufwachsendes Kind leider sehr häufig gar nicht mehr erlebt. Die Zeiten, in denen Kinder in Großfamilien aufwuchsen (wo sie von den verschiedenen Verwandten - Geschwistern, Eltern, Großeltern, evtl. Tanten und Onkel... vielseitige Anregungen bekamen), sind Zeiten gewichen, in denen Kinder doch häufig mehr Zeit mit Geräten als mit ihren Mitmenschen verbringen. Wie viele Kinder in den Städten haben nichtmal mehr einen Spielplatz oder eine Wiese, geschweige denn haben sie schon mal eine Kuh oder ein Schwein "live" erlebt. Es ist unsere Aufgabe, unseren Kindern vielfältige Erfahrungen zu ermöglichen, denn Erziehung heißt: Schaffen einer günstigen/anregenden Lernumgebung. Man kann seinem Kind (um bei dem Beispiel zu bleiben) 20 Bilderbücher oder diese sogenannten Tastbücher mit künstlich aufgeklebtem Fell vorlesen, es ist eben doch etwas anderes, mal auf einen Bauernhof zu fahren und das Kind darf einmal ein echtes Tier anfassen, beobachten, riechen ... Der Aufwand, den dieser einmalige Ausflug bedeutet, ist sicherlich gering im Vergleich zu den positiven Prozessen, die deses Erlebnis in dem Kind anregt.
Und die Verantwortung, für das Kind positive/anregende Erlebnisse zu ermöglichen, liegt immer zuerst bei den Eltern. Kein Kindergarten, keine Schule, und seien sie noch so gut, kann später ganz aufholen, was bei den Kleinsten schon versäumt wurde.
Ich werde mal in das Buch hineinschauen und bin schon gespannt, welche weiteren Anregungen es noch bereithält und welche Horizonte es für unsere Familie womöglich noch erschließt. ;)

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