Raumschiff Erde

Blinzelnd standen sie da und schirmten ihre Augen mit den Händen ab. Zum ersten Mal seit vielleicht einer Milliarde Jahren standen Menschen wieder auf dem trockenen Boden eines Kontinents. Der Bewuchs der Felsen war noch spärlich, größere Tiere waren keine zu sehen. Obwohl die Besucher ihre Augen an die Helligkeit und das Spektrum ihres Zentralgestirns angepasst hatten, blendete sie die neue Sonne sehr.

Vor vielleicht 4 Milliarden Jahren war es den Bewohnern des Planeten Erde klar geworden, dass ihre Sonne nicht ewig scheinen würde. Was sollten sie dagegen tun? Die Möglichkeit, die gesamte Menschheit auf einen anderen Planeten umzusiedeln, war immer wieder erwogen und genauso häufig verworfen worden. Der Aufbruch vergleichsweise weniger Menschen von der Erdoberfläche hätte die Erde unwiderruflich zerstört – wegen dem damit verbundenen gigantischen Ressourcenverbrauch und der Belastung der Atmosphäre.

Nur etwa 100 Millionen Jahre später wohnte der größere Teil der Menschheit bereits unterirdisch. Die Gründe hatten die heute lebenden Menschen schon lange vergessen. Ihre Haupthypothese war, dass ihre Vorfahren damit der Not gehorchten, der Enge und dem Dreck entflohen, den sie selbst und die Generation vor ihnen unablässig produziert hatten.

Ein paar Millionen Jahre später verriet nichts mehr auf der Oberfläche die Existenz einer vernunftbegabten Spezies auf dem Planeten. Pflanzen und Tiere hatten ihre einstigen Lebensräume zurückerobert. Die Menschen hingegen mussten sich nicht auf der Oberfläche aufhalten, ihre hoch entwickelten Sensoren verfolgten trotzdem das Geschehen auf der Erde, im Sonnensystem, der Galaxis und dem ganzen Universum. Nach so langer Zeit verspürte auch niemand mehr das Bedürfnis, sich den Unwägbarkeiten eines Lebens "da draußen" auszusetzen. Man konnte ein fast unendlich lange währendes Leben entweder der Forschung oder dem Vergnügen oder abwechselnd beidem widmen.

Die nächsten 3,5 Milliarden Jahre waren die wahrscheinlich glücklichsten des Menschengeschlechts. Die Radioaktivität im Erdinneren nahm langsam ab, sodass die Erde immer weiter auskühlte. Dort wo der Erdmantel sich verfestigte und die tektonischen Bewegungen sich verlangsamten, drangen die Menschen weiter in die Tiefe vor und nahmen die neuen Lebensräume dankbar in Besitz. Die Abkühlung der Erde hatte auch Auswirkungen auf der Oberfläche. Die Kontinente hörten auf zu wandern, die Bildung neuer Faltengebirge kam zum Erliegen. Da die Erosion aber immer weiter ging, waren die Gebirge vor etwa einer Milliarde Jahren vollständig abgetragen und die Kontinente ins Meer gespült worden. Den gesamten Planeten bedeckte jetzt ein im Mittel drei Kilometer tiefer Ozean. Der einst als "blauer" bezeichnete Planet war jetzt wirklich und vollständig blau geworden.

Aber auch die Entwicklung des Sonnensystems ging im Laufe der Jahrmilliarden weiter. Die Sonne kühlte allmählich ab, weil sie sich dabei aber gleichzeitig ausdehnte, wurde der innerste Planet von ihr erst verbrannt und dann verschluckt. Die gravitativen Änderungen im Sonnensystem lenkten einige größere Planetesimale aus dem Kuipergürtel in Richtung der inneren Planeten. Als einer dieser kapitalen Brocken vor reichlich einer Milliarde Jahre auf der Erde einschlug, konnte er kaum noch einen größeren Schaden anrichten. Zwar kam es lokal zu einer größeren Erwärmung und eine kilometerhohe Flutwelle raste um den ganzen Planeten. Aber die tief im Erdinneren verborgenen Menschen waren vor den schlimmsten Folgen geschützt und auch die maritime Flora und Fauna wurde nicht auf lange geschädigt.

Aber trotzdem wurde durch diese Katastrophe den Menschen deutlich vor Augen geführt, dass sich die guten Zeiten im Sonnensystem ihrem Ende näherten. Nach langem Abwägen kamen sie zu dem Entschluss, mit der gesamten Erde als "Raumschiff" das Sonnensystem zu verlassen und sich ein anderes Sonnensystem zu suchen. Die Realisierung des Plans erwies sich als einfacher, als es sich die meisten Menschen vier Milliarden Jahre zuvor hätten träumen lassen.

Es wurde eine einzige Expedition aus fortgeschrittenen Maschinen in die Außenwelt geschickt. Diese errichteten auf der Wasseroberfläche einige gigantische Spiegel, mit denen das Sonnenlicht gezielt und in genau definierte Richtungen reflektiert werden konnte. Jahr für Jahr wurde so in den folgenden Millionen Jahren die Bahn der Erde um die Sonne Stück für Stück geändert und immer exzentrischer gemacht. Allmählich konnte so die Erde in das Schwerefeld anderer Planeten gebracht werden. Die gemeinsame gravitative Anziehung dieser Passanten und der Erde wurde dazu genutzt, weiter Schwung zu holen. Während Venus und Mars letztlich in Richtung Sonne abstürzten, nutzte die Erde die von diesen Planeten übertragene Bewegungsenergie, um etwa vor 40 Millionen Jahren das Sonnensystem endgültig zu verlassen.

Der Weltozean kühlte ab und gefror. Später im interstellaren Raum lagerte sich auch das Sauerstoff-Stickstoff-Gemisch der Atmosphäre als Schnee auf dem Wassereis ab. Während der folgenden Millionen Jahre durchquerte die Erde den sternenlosen und deshalb nahezu stockdunklen Raum zwischen zwei kleinen Seitenarmen der Milchstraße. Hätte die Erde einen lichtstärkeren Stern mit vernunftbegabten Wesen in seiner Nähe passiert, dann hätten diese Wesen nichts weiter als eine strahlend weiße und perfekt geformte Kugel wahrgenommen, die sich auf einer nur schwer natürlich erklärbaren Bahn durch den freien, transgalaktischen Raum bewegte.

Nach langer Zeit wurde wieder eine sternenreiche Gegend durchquert, intensiv wurde nach einem geeigneten neuen Heimatstern gesucht und man wurde auch bald fündig. Zum Abbremsen und Einschwenken in eine stabile Umlaufbahn wurde ein ähnliches Verfahren benutzt, wie es viele Millionen Jahre zuvor beim Aufbruch zum Einsatz gekommen war. In diesem Fall wurde ein Teil der Oberfläche der Erde eingeschwärzt, der Rest der überflüssigen Bewegungsenergie wurde durch "Gravitationsjojo" (eine Wortschöpfung eines der beteiligten Ingenieure) an benachbarten Sternen und Planeten und durch den kurzzeitigen Start von tief unter der Oberfläche liegenden Neutrinotriebwerken abgebaut. Auch hier ließ man sich einige Millionen Jahre Zeit, bis man störende andere Planeten aus ihren Orbitalen gekickt und für die Erde selbst eine optimale Umlaufbahn gefunden hatte.

Dort, im lebensfreundlichen Gürtel des Sterns, verdampfte zuerst das atmosphärische Eis, der Treibhauseffekt der rekonstruierten Gashülle führte danach zum Auftauen des Ozeans. Nach langen Diskussionen über die beste Vorgehensweise beschloss die Menschheit, die Plattentektonik wieder in Gang zu setzen. Als einer der Hauptgründe galt, dass die Untersuchung und Kolonialisierung der neuen Umgebung landgestützt einfacher zu bewältigen sei. Zudem waren einige einfach zu neugierig, viel mehr als ihre Vorfahren in den Jahrmillionen zuvor. Die Vergrößerung der Radioaktivität im Erdkern war mit den zur Verfügung stehenden Technologien recht einfach zu erreichen. Nur der Platzmangel erwies sich in den folgenden Jahren als ein ernstes Problem, viele sehr tief liegende Siedlungen mussten wegen dem allmählichen Aufsteigen zähflüssigen Gesteins aufgegeben werden.

Als sich die ersten Kontinentalplatten über den Wasserspiegel erhoben, hatten die Ströme zähflüssigen Eisens im Erdkern und Erdmantel dazu geführt, dass sich wieder ein stabiles Magnetfeld herausbildete, gerade rechtzeitig genug, um das erneut auf das Land strebende Leben vor der intensiven kosmischen Strahlung zu schützen. Denn natürlich war der Ozean auch während der langen Reise niemals bis zu seinem Grund gefroren, weil auch in dieser Zeit ständig ein leichter Wärmestrom von den tiefer liegenden Siedlungen der Menschen das Wasser speiste.

Nun standen also das erste Mal nach fast einer Milliarde Jahren Menschen wieder unter einem freien Himmel. Ein kleines Team blieb auch in der heranbrechenden Nacht an der Oberfläche, die meisten anderen kehrten in ihre unterirdischen Behausungen zurück. Unter Leitung der Ingenieure bauten Maschinen ein Observatorium auf. Als die Nacht am tiefsten war, empfingen die Teleskope das Licht eines sich langsam aufblähenden roten Sterns der Spektralklasse M, etwa 10.000 Lichtjahre entfernt, auf einem anderen Spiralarm ihrer Galaxis. 30 Millionen Jahre Reise und 10 Millionen Jahre Solarforming lagen zwischen der alten und der neuen Welt. Tief unten hofften vielleicht 100 Milliarden Menschen auf einen glücklichen Ausgang ihrer langen Odyssee.

Kategorien: Visionen, Physik

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lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
la-mamma - 30. November, 19:43
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Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
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steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
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Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02
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Mit dem Schreibfehler hast Du vollkommen recht. Vor...
steppenhund - 28. November, 14:56
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Ich nehme an, dass in deinen beiden Listen die ersten...
Köppnick - 23. November, 10:57