Todd E. Feinberg: Gehirn und Persönlichkeit. Wie das Erleben eines stabilen Selbst hervorgebracht wird
Todd E. Feinberg ist Neurologe und Psychiater. In den ersten Kapiteln seines Buches bringt er eine Reihe von Beispielen aus seiner eigenen Berufspraxis, wo ganz spezifische neurologische Ausfälle zu ganz charakterischen Störungen des Selbst geführt haben. Einige der Krankheitsbilder kannte ich noch nicht. Viele der Patienten, über die im Buch berichtet wurde, hatten Schlaganfälle oder ein geplatztes Aneurysma im Gehirn. Solche Schädigungen führen häufig dazu, dass eine Körperhälfte gelähmt wird und meistens auch ihre Wahrnehmung mit den für diesen Körperteil zuständigen Sinnesorganen beeinträchtigt ist. In einigen Fällen geht die Schädigung aber über diese physische Beeinträchtigung hinaus: Die Patienten empfinden das gelähmte Körperteil als nicht mehr zu ihrem Körper gehörig. Das kann sich darin äußern, dass sie es einer anderen Person zuordnen. Oder sie leugnen, dass sie überhaupt krank sind. Das hört sich für "Gesunde" sehr fremd an, denn im Allgemeinen kennen wir die Grenzen unseres Körpers und unseres Selbst sehr gut. Ist das wirklich so klar?
Wir alle haben ein natürliches Gespür dafür, wo wir als Selbst enden und wo die Umwelt beginnt. Von unserem inneren Standpunkt aus, aus unserer inneren Perspektive erfahren und erleben wir die Welt. Meistens, unter Alltagsbedingungen, ist die Unterscheidung zwischen der Welt und dem Selbst offensichtlich: Ich spüre, dass ich nicht der Stuhl bin, auf dem ich sitze. Aber auch wenn es so aussehen mag, als seien die Grenzen des Selbst offensichtlich, so sind sie in Wirklichkeit doch eher dynamisch als streng abgesteckt. Sie sind nicht fixiert, sie sind relativ. Dinge oder andere Menschen können dem inneren Kern der Selbsterfahrung relativ nahe sein oder sie können relativ entfernt sein.Ich habe vor einiger Zeit von einem Experiment gelesen, das bei einem Gesunden den Eindruck hervorrufen kann, der vor ihm stehende Tisch sei Teil seiner selbst: Der Proband sitzt vor einem Tisch, seine Beine befinden sich unter dem Tisch. Rhythmisch wird vom Experimentator auf den Tisch geklopft, im gleichen Takt unter dem Tisch auf das Bein des Probanden. Der Proband sieht das Klopfen auf den Tisch und er spürt gleichzeitig die Berührung seines Beines. Das Gehirn integriert die beiden Sinneseindrücke zum plausibelsten Ergebnis: Der Tisch gehört zum Körper.
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Inwieweit oder wie sehr wir uns mit einzelnen Objekten identifizieren, wird uns verdeutlicht, wann immer sich das Maß an Nähe zu einem bestimmten Objekt verändert. Wenn wir zum Beispiel ein Kleidungsstück nehmen, das wir besonders gerne tragen und an dem wir besonders hängen, merken wir im Allgemeinen nicht, wie abgetragen und verschlissen es nach Jahren ist. Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass ich, wenn ich mir neue Schuhe zulege, immer wieder erschrecke, wie abgetragen die alten aussehen, wenn sie mir eine Woche später wieder unter die Augen kommen.
In den folgenden Kapiteln wird dann von weiteren Störungen berichtet:
- Bei einigen Erkrankungen erscheinen den Patienten ihnen bekannte Personen als fremd. Aber auch den umgekehrten Fall gibt es: Patienten erkennen in Fremden lauter Bekannte. Im Gegensatz zu den ersten Beispielen, in denen es um Störungen der Verbundenheit (mit dem eigenen Körper) ging, handelt es sich hier um Störungen der Vertrautheit (mit anderen Personen).
- Eine erblindete Patientin im Buch war sich nicht bewusst, dass sie blind ist und schilderte auf Verlangen alles, was sie in ihrer Umgebung sah. Solche Konfabulationen sind vergleichsweise häufig. Sie unterscheiden sich von Lügen dadurch, dass die Betreffenden von sich selbst glauben, sie sagten die Wahrheit.
- Besonders Kinder erfinden häufig Spielkameraden oder Tiere, von denen sie jahrelang begleitet werden, und die, wenn sie älter werden, von selbst verschwinden. Aber auch Kranke erfinden solche Personen, Figuren oder Situationen. Feinberg und andere haben sich mit vergleichbaren Fällen und den Eigenschaften dieser Erfindungen beschäftigt. Es scheint, dass hier das Selbst so manche innere Dinge, Probleme, Ängste oder Sachverhalte externalisiert und auf diese Weise bestimmte Aufgaben für den Betroffenen löst.
- Einige Patienten können ihr eigenes Spiegelbild nicht erkennen. Sie sehen darin eine fremde Person, die manchmal als Freundin (z.B. eine konfabulierte Zwillingsschwester), manchmal aber auch als Nebenbuhlerin interpretiert wird. Mit den Spiegelbildern anderer Menschen hingegen haben sie keine Probleme, diese werden zutreffend als die Spiegelbilder dieser anderen Menschen erkannt.
Ein interessantes Kapitel ist Split-Brain-Patienten gewidmet. Diesen wurde, meistens zur Therapie einer Epilepsie, das Corpus callosum durchtrennt. Wenn die Hauptverbindung zwischen der linken und der rechten Gehirnhälfte unterbrochen wurde, beide weitgehend unabhängig voneinander ihre Eingangssignale verarbeiten, besitzen die Betreffenden jetzt ein Selbst oder zwei Selbste? Es gibt hier interessante Beobachtungen: Zum Beispiel wie die eine Hand eine Reihe von Knöpfen schließt, während die andere sie wieder öffnen will. Oder dass Patienten nachts erwachen, weil sie von der linken Hand gewürgt werden und die Betroffenen ihre linke Hand nur durch den vollen Einsatz der rechten Hand daran hindern können. Hier muss man wissen, dass die dominante Hirnhälfte bei Rechtshändern die linke ist, dort sitzt auch das Sprachzentrum. Wenn ein Patient also glaubhaft versichert, er wäre nach der Operation noch derselbe, dann ist es eigentlich die linke Hirnhälfte, die dieser Meinung ist. Solange die beiden Hirnhälften vereint sind, dann übt die linke die Kontrolle über die rechte aus. Entwickelt die rechte Gehirnhälfte nach der Durchtrennung ihr eigenes Selbst und steuert damit die ihr gehorchende linke Hand?
In diesen ersten Kapiteln hat Feinberg gezeigt, welche Hirnregionen zum Selbst beitragen, denn zu jeder der Schilderungen findet man im Buch eine Skizze mit den jeweils geschädigten Teilen. Feinbergs Schlussfolgerung: Praktisch spielen nahezu alle Gebiete des Gehirns für die Konstruktion des Selbst eine wichtige Rolle. Man kann also keinen genauer definierten Ort angeben, an dem das Selbst bzw. das Ich sitzt und von wo aus es alles beobachtet und kontrolliert. Aber wir haben die Empfindung, dass es diesen einen Punkt gibt. Feinberg hat dafür auch ein sehr schönes Anschauungsbeispiel, dass ich so noch nirgendwo gefunden habe: Wenn wir ein Auge zukneifen, sehen wir durch das jeweils andere Auge ein einzelnes Bild. Was passiert, wenn wir beide Augen offen halten?
Sherrington bemerkte, dass unser binokulares Sehfeld unter normalen Umständen, wie die Analyse zeigte, den Ausblick durch eine einzelnes, an einem Punkt auf der Mitte der Senkrechten der Stirn un Höhe der Nasenwurzel zentriertes Auge voraussetze. Es setze unbewusst als selbstverständlich voraus, dass sein Sehen durch ein Zyklopenauge erfolge, das an dem gerade erwähnten Kreuzungspunkt über ein Rotationszentrum verfüge.Vergleichbares lässt sich auch von anderen Sinnen, z.B. dem Gehör sagen. Wenn man sich nicht genau darauf konzentriert, hat man das Empfinden, dass man als Person etwas hört, und zwar mit dem Selbst, das jeder bei sich als irgendwo im Kopf sitzend empfindet, und nicht mit den Ohren.
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Das Problem ist, dass wir natürlich kein solches in der Mitte des Gehirns sitzendes Auge haben.
In den letzten Kapiteln entwickelt Feinberg dann seine eigenen Ideen vom Selbst. Er beginnt dazu (natürlich) bei Descartes. Feinberg ist Emergentist, d.h. er hält die Perspektiven der ersten und der dritten Person ab einer gewissen Stufe für irreduzibel und deshalb nicht ineinander überführbar. Seine Vorstellungen zum Emergentismus sind aber ein bisschen anders als meine. Ich habe den Eindruck, dass er dem Selbst eine gewisse Wirkmächtigkeit über die darunter liegenden Schichten (z.B. der neuronalen Ebene) zuschreibt, obwohl er an anderer Stelle gegen dualistische Vorstellungen argumentiert. Für mich ergibt sich die Irreduzibilität vor allem dadurch, dass die Phänomene nur auf ihrer eigenen Beschreibungsebene existieren, die sowohl notwendig als auch hinreichend (und natürlich irreduzibel) ist.
Überhaupt scheint es mir, dass alle, die sich mit diesem Thema beschäftigen, früher oder später an einen Punkt gelangen, an dem sie sich anderen nicht mehr verständlich machen können. Ganz am Ende des Buches beschreibt er das selbst (in einem etwas anderen Zusammenhang) so:
Hier bin ich also, in meinem Kopf, in meinem inneren Geist, in meinen Schmerzen – und für Sie, die sie diese Worte lesen, nichts weiter als eine Illusion. All das bedingt eine gewisse Einsamkeit, aber dies ist der Preis der Evolution unseres Gehirns. Als der selbst-bewusste Geist seine Unabhängigkeit von der Welt entwickelte, da trennte er sich auch von anderen Wesen mit einem Selbst, von anderen Lebewesen. Ebenso wie das Leben eines jeden Organismus zweifellos einmalig ist, ist es auch der Geist.Kategorien: Gehirn & Geist, Bücher
Die persönliche Einmaligkeit des Geistes und Seins jedes einzelnen Organismus ist das, was wir als "Seele" bezeichnen. Die Seele jedes Gehirns ist in der Tat eine einzigartige, einmalige Sache. Wir können ein Organ oder Blut für Transfusionen spenden, aber der Sinn meiner selbst für mich selbst besitzt eine Realität, die nur von einer Person erfahren werden kann: von mir selbst.
Mittwoch, 03.Dezember 2008
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