Telomerase
"Miss mal den ph-Wert im Urin", hatte mir die Kräuterhexe Physiotherapeutin geraten. Vorher hatte ich ihr erzählt, dass ich seit meinem Umzug vor über zwei Jahren manchmal Schmerzen in meinen Fingergelenken habe und dass es in meiner Familie mehrere Fälle von Gicht und Osteoporose gegeben hatte. "Da gibt es so Teststreifen in der Apotheke, die hältst du in den Mittelstrahl, aber nicht bloß einmal am Tag, sondern öfter. Wenigstens einmal am Tag muss der ph-Wert im basischen Bereich liegen", hatte sie noch gesagt.
Mittelstrahl kannte ich schon, zusammen mit meinen Kollegen witzelten wir darüber, wie es denn davor und danach heißt, Frühstrahl, Spätstrahl, linker oder rechter Strahl. Im Netz fand ich dann auch keine ordentlichen Begriffe, nur dass am Anfang der abgestandene Urin aus der Harnröhre kommt und man die letzten Tröpfchen am Schluss aus der Prostata quetscht.
So sollte es sein:

Jetzt kenne ich meine Werte und ich bin ziemlich sauer. Was man dagegen tun kann, weiß das Netz auch: Kein Übergewicht, mehr Sport, mehr Bewegung im Freien, weniger Fleisch, mehr Gemüse, ab und zu ein Glas Rotwein. Das sind just dieselben Dinge, die einem für ein langes Leben geraten werden. Eigentlich ist es ja nicht verwunderlich, dass eine erhöhte Lebensqualität und eine erhöhte Lebenserwartung miteinander korrelieren. Da erstaunt es doch eher, wenn immer noch nach Biomarkern zur Vorhersage der Lebensdauer gesucht wird, wenn sie doch so offensichtlich auf der Hand liegen: Die Laborwerte für Blut und Urin.
Es ist doch ganz klar, dass letztlich die Biochemie in den Zellen das Bestimmende ist. Wer seinen Körper dauerhaft außerhalb der Sollwerte betreibt, wird mit erhöhtem Verschleiß bestraft. Ein a-normaler Stoffwechsel bedeutet mehr oxidativen Stress, bedeutet mehr Eiweißproduktion, bedeutet häufigeres Ablesen der DNA, bedeutet mehr Zellteilungen. - Und die Anzahl der Zellteilungen ist begrenzt, womit wir uns der bis hierher vielleicht etwas unverständlichen Überschrift "Telomerase" nähern, klingt doch auch viel besser als "Mein Urin ist total sauer auf mich".
An den Enden der DNA sitzen die Telomere. Bei jeder Zellteilung verkürzt der Teilungsprozess die Länge dieser Telomere, wird eine Mindestlänge unterschritten, kann keine Zellteilung mehr stattfinden, die Zelle (und mit ihr der Gesamtorganismus) altert und stirbt letztendlich. Das gilt aber nicht für alle Zellen, in den Keimzellen sorgt ein Enzym mit dem Namen Telomerase dafür, dass die Telomere immer in ausreichender Länge gehalten werden. Das ist der Grund dafür, dass bei der Geburt eines neuen Lebewesens die Telomer-Uhr wieder frisch aufgezogen ist und der Neue ein genauso langes Leben wie seine Eltern führen kann. Für geklonte Tiere gilt das nicht, auch aus diesem Grund ist ihre Lebenserwartung kürzer als die von natürlich gezeugten.
Der mit den Telomeren eingebaute Bremsmechanismus hat aber einen Sinn, oder sogar mindestens zwei:
Ob sich das jemals für die Verlängerung des Lebens von Menschen verwenden lässt, bleibt abzuwarten. Den heute Lebenden nützt es eh nichts, denn man kann nicht in Billionen Körperzellen alle Zellkerne austauschen. Man müsste so etwas mit Eizellen im Reagenzglas machen. Und solange man nicht genau weiß, wie welches Gen im Einzelnen wirkt, sollte man davon die Finger lassen. Mäuse im Labor müssen nicht intelligent sein, nicht emphatisch, usw. Und wenn sie bei den Experimenten ums Leben kommen, züchtet man eben neue.
Die Natur hatte 3-4 Milliarden Jahre Zeit für die Erschaffung des Lebens, 3-4 Millionen Jahre für die des Menschen. Extrapoliert man diese Zeitskala weiter, dann werden wir 3-4 Tausend Jahre benötigen, um unsere eigenen Nachfolger zu erschaffen, denn wir werden das machen und machen müssen. Ich persönlich glaube eher an einen Erfolg der technisch-informatorischen Variante des Transhumanismus als an die biologisch-genetischen Wege. Aber jetzt muss ich erstmal ein bisschen Gymnastik und Ausdauer betreiben, damit ich nicht weiter so sauer bleibe wie ich jetzt bin. Und danach natürlich ein Glas Rotwein.
Kategorien: Alltag, Natur
Mittelstrahl kannte ich schon, zusammen mit meinen Kollegen witzelten wir darüber, wie es denn davor und danach heißt, Frühstrahl, Spätstrahl, linker oder rechter Strahl. Im Netz fand ich dann auch keine ordentlichen Begriffe, nur dass am Anfang der abgestandene Urin aus der Harnröhre kommt und man die letzten Tröpfchen am Schluss aus der Prostata quetscht.

Jetzt kenne ich meine Werte und ich bin ziemlich sauer. Was man dagegen tun kann, weiß das Netz auch: Kein Übergewicht, mehr Sport, mehr Bewegung im Freien, weniger Fleisch, mehr Gemüse, ab und zu ein Glas Rotwein. Das sind just dieselben Dinge, die einem für ein langes Leben geraten werden. Eigentlich ist es ja nicht verwunderlich, dass eine erhöhte Lebensqualität und eine erhöhte Lebenserwartung miteinander korrelieren. Da erstaunt es doch eher, wenn immer noch nach Biomarkern zur Vorhersage der Lebensdauer gesucht wird, wenn sie doch so offensichtlich auf der Hand liegen: Die Laborwerte für Blut und Urin.
Es ist doch ganz klar, dass letztlich die Biochemie in den Zellen das Bestimmende ist. Wer seinen Körper dauerhaft außerhalb der Sollwerte betreibt, wird mit erhöhtem Verschleiß bestraft. Ein a-normaler Stoffwechsel bedeutet mehr oxidativen Stress, bedeutet mehr Eiweißproduktion, bedeutet häufigeres Ablesen der DNA, bedeutet mehr Zellteilungen. - Und die Anzahl der Zellteilungen ist begrenzt, womit wir uns der bis hierher vielleicht etwas unverständlichen Überschrift "Telomerase" nähern, klingt doch auch viel besser als "Mein Urin ist total sauer auf mich".
An den Enden der DNA sitzen die Telomere. Bei jeder Zellteilung verkürzt der Teilungsprozess die Länge dieser Telomere, wird eine Mindestlänge unterschritten, kann keine Zellteilung mehr stattfinden, die Zelle (und mit ihr der Gesamtorganismus) altert und stirbt letztendlich. Das gilt aber nicht für alle Zellen, in den Keimzellen sorgt ein Enzym mit dem Namen Telomerase dafür, dass die Telomere immer in ausreichender Länge gehalten werden. Das ist der Grund dafür, dass bei der Geburt eines neuen Lebewesens die Telomer-Uhr wieder frisch aufgezogen ist und der Neue ein genauso langes Leben wie seine Eltern führen kann. Für geklonte Tiere gilt das nicht, auch aus diesem Grund ist ihre Lebenserwartung kürzer als die von natürlich gezeugten.
Der mit den Telomeren eingebaute Bremsmechanismus hat aber einen Sinn, oder sogar mindestens zwei:
- Für das einzelne Lebewesen sorgt er dafür, dass sich Zellen nicht plötzlich unbegrenzt vermehren können und den Zellverband mit diesem Egoismus zerstören. In Krebszellen ist genau dieser natürliche Stopper ausgeschaltet, hier ist die Telomerase aktiv und sorgt für das ungebremste Wachstum der Mutanten, zum Schaden des ganzen Organismus.
- Für die biologischen Arten sorgt ein fein abgestimmtes Verhältnis zwischen Geburt und Tod, zwischen Mutation und Selektion dafür, dass sich Pflanzen und Tiere im Laufe vieler Generationen an langsame Veränderungen ihrer Umwelt anpassen können.
Ob sich das jemals für die Verlängerung des Lebens von Menschen verwenden lässt, bleibt abzuwarten. Den heute Lebenden nützt es eh nichts, denn man kann nicht in Billionen Körperzellen alle Zellkerne austauschen. Man müsste so etwas mit Eizellen im Reagenzglas machen. Und solange man nicht genau weiß, wie welches Gen im Einzelnen wirkt, sollte man davon die Finger lassen. Mäuse im Labor müssen nicht intelligent sein, nicht emphatisch, usw. Und wenn sie bei den Experimenten ums Leben kommen, züchtet man eben neue.
Die Natur hatte 3-4 Milliarden Jahre Zeit für die Erschaffung des Lebens, 3-4 Millionen Jahre für die des Menschen. Extrapoliert man diese Zeitskala weiter, dann werden wir 3-4 Tausend Jahre benötigen, um unsere eigenen Nachfolger zu erschaffen, denn wir werden das machen und machen müssen. Ich persönlich glaube eher an einen Erfolg der technisch-informatorischen Variante des Transhumanismus als an die biologisch-genetischen Wege. Aber jetzt muss ich erstmal ein bisschen Gymnastik und Ausdauer betreiben, damit ich nicht weiter so sauer bleibe wie ich jetzt bin. Und danach natürlich ein Glas Rotwein.
Kategorien: Alltag, Natur
Montag, 24.November 2008
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