Epikur: Philosophie des Glücks

Am Wochenende hat mir eine Bekannte voller Begeisterung ein Buch gezeigt, In die Sonne schauen: Wie man die Angst vor dem Tod überwindet von Irvin D. Yalom, einem amerikanischen Psychoanalytiker. Ich habe es kurz durchgeblättert und bin bei einem Kapitel über Epikur hängen geblieben. Epikur war ein griechischer Philosoph, der im 4. Jahrhundert vor Christus gelebt hat. Er war ein wichtiger Vertreter des Hedonismus, der aber damals eine etwas andere und nicht so negativ konnotierte Bedeutung wie heute hatte. Epikur war ein für seine Zeit sehr fortschrittlicher Begründer einer Denkschule, zum Beispiel hatten zu seinen philosophischen Runden auch Frauen und Sklaven ungehinderten Zutritt.

Yalom hat aus Epikurs Schriften bzgl. seines Themas, des Todes, nach meiner Erinnerung die folgenden drei Grundgedanken extrahiert:
  • Die Seele ist sterblich.
  • Wir müssen keine Angst vor dem Tod haben, weil: Wenn wir leben, sind wir nicht tot. Wenn wir tot sind, empfinden wir nichts.
  • Vor unserer Geburt sind wir auch tot gewesen.
Besonders der dritte Gedanke macht Epikur für mich zu einem Bruder im Geiste.

Yalom "entschuldigte" dann den Glauben Epikurs an Gott mit den damaligen Zeitläuften und verwies auf den "Häretiker" Sokrates, der seinen Unglauben mit dem Tod bezahlt hat. (Der Begriff Häresie ist streng genommen unkorrekt, denn er kam erst mit dem Entstehen des Christentums auf.) Auf jeden Fall hatte mich das kurz überflogene Kapitel neugierig gemacht und ich erinnerte mich, dass bei mir auf irgendeinem Bücherstapel (oder genauer gesagt, unter einem solchen) auch ein Buch von Epikur liegen musste: Philosophie des Glücks.

Die entsprechende Passage, auf die sich Yalom bezog, hatte ich schnell gefunden:
Gewöhne dich in den Glauben ein, daß der Tod keine Bedeutung für uns hat. Denn jedes Gut und Übel ist Sache der Wahrnehmung. Der Tod ist jedoch der Verlust der Wahrnehmung. Daher macht die richtige Erkenntnis, daß der Tod keine Bedeutung für uns hat, die Vergänglichkeit des Lebens zu einem Genuß; denn sie stellt uns keine unbegrenzte Zeit vor Augen, sondern sie hebt die Sehnsucht nach Unsterblichkeit auf. Denn es gibt für den, der richtig begriffen hat, daß nichts Furchtbares darin liegt, nicht zu leben, im Leben nichts Furchtbares.

Daher redet der dummes Zeug, der behauptet, den Tod zu fürchten - nicht weil er ihm Leid zufügen wird, wenn er eintritt, sondern weil er ihm als ständige Drohung Leid zufügt. Denn das, was uns nicht belästigt, wenn es da ist, fügt ohne Grund Leid zu, solange es erwartet wird. Das schauderlichste aller Übel, der Tod, hat also keine Bedeutung für uns. Denn solange wir leben, ist der Tod nicht da; wenn aber der Tod da ist, dann sind wir nicht mehr. Er hat also weder für Lebende noch für Tote eine Bedeutung, da er ja für die einen noch nicht da ist und die anderen nicht mehr da sind.

Aber die große Masse flieht bisweilen vor dem Tod als dem größten der Übel, bisweilen wählt sie ihn freiwillig als Ruhe vor allem Übel des Lebens. Der Weise entzieht sich weder dem Leben, noch hat er Angst davor, nicht zu leben. Denn weder belastet ihn das Leben, noch ist er der irrigen Meinung, daß nicht zu leben ein Übel sei. Wie er überhaupt nicht die größte Portion einer Speise, sondern die wohlschmeckendste wählt, so nimmt er für sich nicht die längste, sondern die angenehmste Zeitspanne in Anspruch.

Wer aber mit der Forderung auftritt, der junge Mensch müsse anständig leben, der alte dagegen mit Anstand sterben, ist nicht nur naiv wegen der angenehmen Seiten des Lebens, sondern auch deshalb, da man sich nach dieser Auffassung ständig um ein anständiges Leben und um einen anständigen Tod kümmern muß. Viel schlechter ist aber jener, der sagt, es sei schön, überhaupt nicht geboren zu werden, «wenn man aber geboren sei, dann möglichst schnell an das Tor des Hades zu gelangen» Wenn er das tatsächlich mit voller Überzeugung sagt, warum scheidet er dann nicht aus dem Leben? Denn diese Möglichkeit hat er ja, wenn er es wirklich vorhat. Wenn er dies aber nur im Scherz sagt, dann ist er ein dummer Schwätzer bei Dingen, bei denen man dies nicht sein sollte.
Im selben Kapitel kann man auch über den Glauben Epikurs nachlesen. Hier hat Yalom sicher nicht recht, wenn er Epikur für einen zu früh geborenen Atheisten hält:
Zunächst einmal glaube, daß Gott ein unvergängliches und glückseliges Wesen ist, wie dies ja auch die allgemeine menschliche Auffassung so annahm; deshalb hänge Gott nichts an, was nicht zu seiner Unvergänglichkeit und zu seiner Glückseligkeit paßt. Sei jedoch der Meinung, daß alles zu ihm paßt, was die mit seiner Unvergänglichkeit verbundene Glückseligkeit zu bewahren vermag. Götter gibt es. Daß es sie gibt, ist offensichtlich und einleuchtend. Sie sind allerdings nicht so, wie die Menge meint. Denn die schwankt ständig in ihrer Meinung über das Wesen Gottes. Ein Frevler ist nicht der, der die Götter der großen Masse beseitigt, sondern der, der die falschen Meinungen der Masse über die Götter teilt. Denn die Meinungen der Menge über die Götter sind keine natürlich gebildeten Annahmen, sondern bloße Vorurteile.
Womit Epkur aber nichts am Hut hatte, waren die Gottesvorstellungen seiner Zeitgenossen:
Ferner darf man bei Himmelserscheinungen keineswegs annehmen, daß Bewegung, Richtungsänderung, Verfinsterung, Auf- und Untergang und alles, was damit zusammenhängt, durch die Leitung irgendeines Wesens ablaufen, das sie einrichtet oder eingerichtet hat und dazu noch die vollkommene Glückseligkeit samt Unsterblichkeit besitzt. Denn Beschäftigungen, Sorgen, Zornausbrüche und Gunsterweise passen nicht zur Glückseligkeit, sondern sind Ausdruck von Schwäche, Angst und Abhängigkeit von der Umgebung. Man soll auch nicht annehmen, daß die Himmelserscheinungen, die ja aus Feuer bestehen, die Glückseligkeit besitzen und nach eigenem Willen diese Bewegungen ausführen.

Vielmehr müssen wir ihre Erhabenheit in allen Bezeichnungen respektieren, die wir für derartige Gedanken vorbringen, damit man daraus zu keinen dieser Erhabenheit entgegengesetzten Meinungen kommt. Denn wenn das nicht geschieht, wird dieser Gegensatz die größte Beunruhigung in den Seelen hervorrufen. Deshalb muß man vermuten, daß während der ursprünglichen Absonderungen der Atomverbindungen bei der Entstehung des Kosmos sowohl die Gesetzmäßigkeit als auch die Umlaufbahn der Gestirne mit vollendet wurde.
Aber die christliche Kirche hatte natürlich ein Problem mit Epikur, denn er nimmt eine einfache Lösung der Theodizee vorweg, lange bevor dieses Problem von den christlichen Denkern überhaupt erkannt wurde:
Wenn Gott den Gebeten der Menschen nachkommen würde, dann wären schon längst alle Menschen zugrunde gegangen, da sie sich ständig viel Schlimmes gegenseitig an den Hals wünschen.
Epikurs "Philosophie des Glücks" ist ein kleines Büchlein von reichlich 90 Seiten. Die meisten seiner Aussprüche haben die Länge eines durchschnittlichen Aphorismus. Ein wunderbares Buch für den Nach(t)tisch.

Kategorien: Ethik, Bücher
Balbina (Gast) - 19. November, 14:20

"Ich war vor meiner Geburt tot"

Sehr witzig! This has made my day, so to speak...

Köppnick - 19. November, 15:52

Hallo Balbina, schön, mal wieder etwas von dir zu hören.

Der Epikur hat völlig recht, ich jedenfalls habe keine negativen oder positiven Erinnerungen an diese Zeit. Ich fürchte mich deshalb nicht vor der Zeit vor meiner Geburt. Andererseits zieht es mich auch nicht besonders dorthin. Aber da ich nicht sein kann, wo ich nicht bin, wäre das alles auch nicht logisch, gelle? ;-)
Balbina (Gast) - 19. November, 17:17

Naja, ich war noch NIE tot, also nicht-existent. Deshalb erscheint mir das Totsein vor der Geburt oder nach dem Sterben ein wenig lächerlich. Ach - und übrigens, Du bist doch überall! -)
kranich05 - 21. November, 12:17

Leider (aber warum eigentlich "leider"?) ist der Tod ständig anwesend, während wir leben. Damit klar zu kommen verlangt einige Anstrengung, ist aber auch sehr lohnend.

Ihn sich einfach aus dem Kopf schlagen zu wollen, kommt mir töricht vor.

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Kommentare hier ...

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Bitte mehr davon? Aus meiner Sicht auf keinen Fall,...
Köppnick - 25. Dezember, 16:53
bitte mehr davon
Nimmersatt (Gast) - 25. Dezember, 15:33
lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
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Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
la-mamma - 30. November, 19:43
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Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
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steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
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Köppnick - 28. November, 15:46
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steppenhund - 28. November, 15:02