Unter Werwolfverdacht
Peter und seine Klassenkameraden waren 15 oder 16 Jahre alt, als sie gegen Kriegsende zur Ausbildung am Gewehr und der Panzerfaust aufgefordert wurden. Im Volkssturm sollten sie den aussichtslosen Kampf gegen die Russen fortsetzen. Aber die Amerikaner rückten dann so schnell in Leipzig ein, dass sie nicht mehr zum Einsatz kamen. Später zogen die Amerikaner ab und überließen Leipzig den Sowjets, weil Sachsen der sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen war. Die Schulen wurde wieder geöffnet, aber in der Freizeit musste man sich um Lebensmittel und Kohlen kümmern.
Zwei Bekannte von Peter gerieten nach dem Diebstahl eines Schweins in Streit über die gerechte Aufteilung, aus Rache schwärzte der eine den anderen bei der Polizei an. Bei einer Hausdurchsuchung fanden die Beamten den Lauf einer Pistole, die der Junge irgendwo auf der Straße gefunden hatte, nichts besonderes nach dem Krieg. Ein paar Tage später wurden weitere acht Schüler verhaftet. Die Anklage lautete auf Mitgliedschaft beim Werwolf.
Nach Wochen oder Monaten in Haft, als erste Hoffnungen auf eine Freilassung keimten, schließlich lagen überhaupt keine Beweise vor, wurden die Jugendlichen von den Russen angefordert und diesen übergeben. Die Verhöre mit Peter führte jetzt ein sowjetischer Offizier, für den eine Dolmetscherin übersetzte."Du Werwolf!" "Ich war kein Werwolf." Nach vielen Wochen sollte Peter ein Dokument unterzeichnen, das in Russisch verfasst war. "Da steht drin, dass du kein Werwolf bist", fasste die Dolmetscherin den Inhalt des Schriftstücks zusammen. Peter unterschrieb. Wenige Tage später wurden er und viele andere in einen Zug gesteckt, der sie in mehreren Wochen Fahrt nach Sibirien brachte.
Dort kam er in ein Bergwerk. Er wurde einem Russen zugeteilt, der etwas Deutsch sprach. Er hatte es in deutscher Kriegsgefangenschaft gelernt. Für Stalin war bereits das ein Grund, auch diesen Russen in ein Lager zu stecken. Trotzdem sagte dieser Russe zu ihm: "Später werde ich mal eine Deutsche heiraten, die sind besser als die russischen Frauen." Tatsächlich hat er später eine Wolgadeutsche geheiratet, die er in eben diesem Lager kennen gelernt hat. Deren Verbrechen bestand darin, dass sie Wolgadeutsche war.
Von den neun Jungs, die damals verhaftet wurden, kamen sieben nach Buchenwald (ein ehemaliges KZ der Nazis, weiterbetrieben als Lager von den Russen) und zwei nach Sibirien. Diesen zweiten hat Peter in Sibirien begraben. Nach ungefähr fünf Jahren hatte er ein Gespräch mit einem sowjetischen Offizier. "Weißt du, warum du hier bist?" "Nein." "Dann lies!" Der Russe zeigte ihm das Dokument, das Peter unterschrieben hatte. Darin las er, dass er gestanden hätte, ein Werwolf gewesen zu sein. Anfang der fünfziger Jahre kehrte er nach Deutschland zurück, genauer gesagt nach Leipzig, in die DDR. Einer seiner ersten Wege führte ihn zu den Eltern des in Sibirien Gestorbenen. Von dem Tod ihres Sohnes hatte sie bis dahin niemand informiert.
Ich habe Peter gefragt, warum er in der DDR geblieben ist. "Meine Mutter und viele andere Verwandte lebten in der DDR. Und hier habe ich meine Frau kennen gelernt." Peter wurde Bauzeichner und hat später Bauingenieur studiert. Ein Teil der Dachkonstruktion des Leipziger Hauptbahnhofs stammt von ihm. Gleich nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion war die Stasi bei ihm und untersagte, über seine Erlebnisse mit irgend jemandem zu sprechen. Heute ist er fast achtzig, hat noch unglaublich viel Energie, aber schleppt sich nur noch mühsam an Krücken voran, weil er sich seine Knie beim Kriechen im Bergwerk ruiniert hat.
Wenn es um das Unrecht in der DDR geht, dann würde ich nicht die Mauertoten an die erste Stelle setzen. Diejenigen, die eine Flucht über die Grenze riskierten, wussten was sie taten, sie hatten eine Wahl. Aber solche Jugendliche wie Peter hatten diese nicht und waren zudem vollkommen unschuldig. Was die heutige Gesellschaft in Deutschland von der DDR unterscheidet, ist nicht, dass es keine Vergehen oder Verbrechen mehr gibt. Das kann gar nicht sein, denn die menschliche Natur ist gleich geblieben. Aber wenn ein Unrecht bemerkt wird, dann wird es publik, man kann die Verantwortlichen benennen, verfolgen, ächten und bestrafen. Diese Möglichkeit ist weit wichtiger als Details des politischen Systems oder der Wirtschaftsordnung.
Es gibt ein Buch eines Mitgefangenen über die damaligen Ereignisse: Sigfried Rulc: Unvollständige Chronik 1945-1950. Ein Tagebuch zur Werwolflegende.
Kategorie: Politik
Zwei Bekannte von Peter gerieten nach dem Diebstahl eines Schweins in Streit über die gerechte Aufteilung, aus Rache schwärzte der eine den anderen bei der Polizei an. Bei einer Hausdurchsuchung fanden die Beamten den Lauf einer Pistole, die der Junge irgendwo auf der Straße gefunden hatte, nichts besonderes nach dem Krieg. Ein paar Tage später wurden weitere acht Schüler verhaftet. Die Anklage lautete auf Mitgliedschaft beim Werwolf.
Nach Wochen oder Monaten in Haft, als erste Hoffnungen auf eine Freilassung keimten, schließlich lagen überhaupt keine Beweise vor, wurden die Jugendlichen von den Russen angefordert und diesen übergeben. Die Verhöre mit Peter führte jetzt ein sowjetischer Offizier, für den eine Dolmetscherin übersetzte."Du Werwolf!" "Ich war kein Werwolf." Nach vielen Wochen sollte Peter ein Dokument unterzeichnen, das in Russisch verfasst war. "Da steht drin, dass du kein Werwolf bist", fasste die Dolmetscherin den Inhalt des Schriftstücks zusammen. Peter unterschrieb. Wenige Tage später wurden er und viele andere in einen Zug gesteckt, der sie in mehreren Wochen Fahrt nach Sibirien brachte.
Dort kam er in ein Bergwerk. Er wurde einem Russen zugeteilt, der etwas Deutsch sprach. Er hatte es in deutscher Kriegsgefangenschaft gelernt. Für Stalin war bereits das ein Grund, auch diesen Russen in ein Lager zu stecken. Trotzdem sagte dieser Russe zu ihm: "Später werde ich mal eine Deutsche heiraten, die sind besser als die russischen Frauen." Tatsächlich hat er später eine Wolgadeutsche geheiratet, die er in eben diesem Lager kennen gelernt hat. Deren Verbrechen bestand darin, dass sie Wolgadeutsche war.
Von den neun Jungs, die damals verhaftet wurden, kamen sieben nach Buchenwald (ein ehemaliges KZ der Nazis, weiterbetrieben als Lager von den Russen) und zwei nach Sibirien. Diesen zweiten hat Peter in Sibirien begraben. Nach ungefähr fünf Jahren hatte er ein Gespräch mit einem sowjetischen Offizier. "Weißt du, warum du hier bist?" "Nein." "Dann lies!" Der Russe zeigte ihm das Dokument, das Peter unterschrieben hatte. Darin las er, dass er gestanden hätte, ein Werwolf gewesen zu sein. Anfang der fünfziger Jahre kehrte er nach Deutschland zurück, genauer gesagt nach Leipzig, in die DDR. Einer seiner ersten Wege führte ihn zu den Eltern des in Sibirien Gestorbenen. Von dem Tod ihres Sohnes hatte sie bis dahin niemand informiert.
Ich habe Peter gefragt, warum er in der DDR geblieben ist. "Meine Mutter und viele andere Verwandte lebten in der DDR. Und hier habe ich meine Frau kennen gelernt." Peter wurde Bauzeichner und hat später Bauingenieur studiert. Ein Teil der Dachkonstruktion des Leipziger Hauptbahnhofs stammt von ihm. Gleich nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion war die Stasi bei ihm und untersagte, über seine Erlebnisse mit irgend jemandem zu sprechen. Heute ist er fast achtzig, hat noch unglaublich viel Energie, aber schleppt sich nur noch mühsam an Krücken voran, weil er sich seine Knie beim Kriechen im Bergwerk ruiniert hat.
Wenn es um das Unrecht in der DDR geht, dann würde ich nicht die Mauertoten an die erste Stelle setzen. Diejenigen, die eine Flucht über die Grenze riskierten, wussten was sie taten, sie hatten eine Wahl. Aber solche Jugendliche wie Peter hatten diese nicht und waren zudem vollkommen unschuldig. Was die heutige Gesellschaft in Deutschland von der DDR unterscheidet, ist nicht, dass es keine Vergehen oder Verbrechen mehr gibt. Das kann gar nicht sein, denn die menschliche Natur ist gleich geblieben. Aber wenn ein Unrecht bemerkt wird, dann wird es publik, man kann die Verantwortlichen benennen, verfolgen, ächten und bestrafen. Diese Möglichkeit ist weit wichtiger als Details des politischen Systems oder der Wirtschaftsordnung.
Es gibt ein Buch eines Mitgefangenen über die damaligen Ereignisse: Sigfried Rulc: Unvollständige Chronik 1945-1950. Ein Tagebuch zur Werwolflegende.
Kategorie: Politik
Sonntag, 16.November 2008
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