Strom & Wasser
Gestern hat mich ein Kollege zu einem "Geheimtipp" mitgenommen – eine Konzert / eine Lesung von Strom & Wasser. Chef der Gruppe ist Heinz Ratz. Er schreibt Geschichten, Gedichte und Lieder (Hörproben hier). Heinz Ratz singt, spielt Baßgitarre und wurde bei diesem Konzert von einem Pianisten mit einem E-Piano begleitet. Heinz Ratz war mir sofort sympathisch, und noch mehr als er erzählte, welche Schwierigkeiten er in der Schule hatte. Er wurde mit 4 Jahren eingeschult, weil sein Vater das so wollte, bekam aber bald Ärger mit seiner Lehrerin, weil er sich weigerte, das Wort "so" zu schreiben. "o" ist mit "g" verwandt, und "g" kann "s" nicht leiden. Das wollte die Lehrerin partout nicht einsehen. Zwischen den Liedern las Heinz Ratz aus seinen Büchern vor. Mein Favorit war eine Erzählung, die Heinz Ratz in etwa mit den Worten ankündigte: "Ich habe mich auch mit Gott und so beschäftigt. Herausgekommen ist – 'Der Schwachkopf'". Die Geschichte ist in dem Buch Der Mann der stehen blieb abgedruckt und beginnt so:
Ebenso erfindungsreich wie bei Kriegsmaschinen, Folterwerkzeug, Sexobjekten und Haushaltswaren, zeigte sich die Menschheit in der Erfindung von Göttern. Zunächst hemmungslos, schuf sie Hunderte von Ober-, Unter-, Halb-, Viertel und Achtelgottheiten, musste dann aber wieder reduzieren, weil die Zeugungswut dieser Götter enorm war und die Zahl ihrer Familienmitglieder allmählich die Kapazitäten des menschlichen Gehirns überstieg. Schließlich einigte man sich auf nur eine einzige Gottheit – und eine Menge aus Sechzehntelgottheiten aus Film und Fernsehen.Im Weiteren wird dann auch der Titel der Geschichte erklärt – derzeit amtierender Gott ist Gotthilf Gott, ein ausgemachter Idiot. Präzis sind die Ortsangaben, die Erwähnung der Zahl 42 ist überaus bedeutungsvoll, und dass angesichts der heutigen Zustände Gott ein Schwachkopf sein muss, ist wohl für jeden denkenden Menschen Grund genug, nicht am Wahrheitsgehalt der Ratzschen Offenbarung zu zweifeln.
Das war ganz praktisch gedacht – so wurde auch das moderne Bedürfnis nach klaren Strukturen gedeckt. Die Wirklichkeit jedoch sah ein wenig anders aus. Herrschaft über das Universum hatte eine einzige, unsterbliche Familie, deren Mitglieder sich in den Gottesaufgaben abwechselte. Seit April 1955 lebte besagte Familie Gott auf einem Parkplatz an der Bundesstraße 42, Ettlingen in Richtung Bad Herrenalb in Höhe einer kleinen Mühle. Dort, wo sich idyllisch die Moosalb in die Alb ergießt, gibt es einen weitflächigen Parkplatz für Schwarzwaldwanderer und eben da betrieb die Familie Gott seit Jahrzehnten eine schlecht gehende kleine Imbißbude. Keiner der zufälligen Kunden – Spaziergänger, britische Touristen, Selbsterfahrungsgruppen und Leichtathleten – ahnte, dass er hier vor dem Tor zum Himmel stand, dass die verschrobenen Typen, die ihn bedienten, Gott waren, und dass jeder einzelne von ihnen mit einem Fingerschnipsen die Existenz des ganzen Planeten auslöschen konnte.
Zum Schluss noch zwei weitere Hörproben (Killer Kuno, ein Liebeslied für seine Freundin).
Kategorien: Alltag, Bücher
Donnerstag, 13.November 2008
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