Kleine Aktienleere
Auch nach knapp 20 Jahren Beschäftigung damit, habe ich die hinter Aktien stehenden Mechanismen noch nicht richtig verstanden, obwohl ich, wie wahrscheinlich viele andere, fleißig mitzocke. Ein vormals nicht börsennotiertes Unternehmen gibt Aktien aus und verkauft sie an der Börse, der Erlös geht ins Unternehmen. Wieso, da das Unternehmen doch auch vorher jemandem gehört hat, kann der doch das Geld einstecken? Im Falle der Telekom oder der Bahn also der Staat, der sich über eine schöne (aber nur einmalige) Zahlung freuen kann. Damit diese möglichst hoch ausfällt, wird vorher Kursfantasie erzeugt, also Märchen über die Zukunft des Unternehmens erzählt. Seinerzeit konnte das der Schauspieler Manfred Krug sehr gut, dem viele Telekomaktionäre sicher heute noch sehr dankbar dafür sind.
Wenn tatsächlich von dem Erlös ins Unternehmen fließt, ist der vorherige Besitzer entweder ein unverbesserlicher Philantroph oder aber er bleibt Teilbesitzer und steigert durch die Investition aus seinem Erlös den Wert seiner verbliebenen Anteile. Das wäre dann eine der wundersamen Geldvermehrungen, die im Umfeld der Börse zu bestaunen sind.
Ab dem Verkauf der Aktien haben diese nur noch wenig mit dem Unternehmen zu tun, sie werden ver- und gekauft von
Vom gestiegenen Kurs haben die verbleibenden Aktionäre eigentlich nichts, denn wenn sie jetzt massenhaft Kasse machen wollen, fällt der Kurs ja wieder. Sie freuen sich im besten Fall über eine größere Zahl auf dem nächsten Kontoauszug, während die neuen Nichtbesitzer tatsächlich über mehr Geld verfügen. Oder kurz zusammengefasst: Mit dem Aktienrückkauf verringern die Angestellten der Firma, also die Manager, die Zahl der Besitzer der Firma, also der Aktionäre, und machen die Nichtbesitzer der Firma für dieses Ziel etwas reicher.
Heute war überall zu lesen, dass die Börsianer erbost über die Achterbahnfahrt der VW-Aktie sind, Deutschland würde sich lächerlich machen. Ich frage mich wieso. In der Marktwirtschaft regieren doch Angebot und Nachfrage und die Aktien haben nach ihrer Ausgabe mit dem tatsächlichen Wert des Unternehmens nur noch wenig gemein. Die einzige dünne Nabelschnur ist die Dividende.
Früher war es mal so, dass ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 20 als gesund galt, d.h. 5 Euro jährliche Dividende je 100 Euro Kurswert. Verglichen mit einer konventionellen Geldanlage ein Zins von 5%. Wenn jetzt die Dividende von 5% auf 6% stieg und man wollte wieder ein KGV von 20 haben, musste der Kurswert auf 120 steigen. Das trat auch häufig ein, weil eine höhere Dividende ja attraktiv auf Nichtaktionäre dieser Firma wirkte. Verkaufte jetzt ein Altbesitzer seine Aktien, dann realisierte er 120+6 Euro, also einen Gewinn von 26% in Bezug auf seine 100 Euro Kaufkurs.
Genausolche Ausschläge sind natürlich auch in der umgekehrten Richtung möglich. Aber tatsächlich ist es noch viel extremer. Da immer nur ein kleiner Teil der Aktien gehandelt wird, hängt der Preis viel stärker von Angebot und Nachfrage ab, und zusätzlich interessieren einen Käufer ja nicht die Dividenden, die der Verkäufer in der Vergangenheit kassiert hat, sondern die in der Zukunft. Es geht also immer viel weiter nach oben oder unten, als es nach KGV sinnvoll wäre. Mit dem Wert eines Unternehmens, mit seinen Immobilien, Produkten und Mitarbeitern haben Aktien nicht das geringste zu tun. Mich erheitern deshalb solche Sätze wie
Der Wolfsburger Autobauer - nicht eben ein Garant für schillernde Kursfantasien - war kurzzeitig kurz sogar mit einem Wert von 296 Milliarden Euro teurer als der Ölriese Exxon.Das ist vollkommener Nonsens. Richtig wäre: Der Preis einer VW-Aktie multipliziert mit ihrer Anzahl ergibt eine Summe von 296 Milliarden. Lustig finde ich auch immer, wenn geschrieben wird:
Heute wurden Werte in Höhe von 1,5 Billionen Euro vernichtet.Meist schaue ich dann aus dem Fenster und sehe Leute, die genauso wie jeden Tag zur Arbeit gehen, alle Gebäude stehen noch, Autos fahren, die Sonne scheint. Aber irgendwie muss es den Schöpfern unserer famosen Gesellschaft tatsächlich gelungen sein, den meisten Menschen weiszumachen, die Zahlen in den Computern hätten eine größere Bedeutung als Menschen, Gebäude, Maschinen und Produkte.
Dankenswerterweise wurde dem staunenden Publikum jetzt auch an verschiedenen Stellen der Mechanismus der sogenannten Leerverkäufe erklärt: Ein Unternehmen kauft bei einem anderen das Anrecht auf Aktien, die dieses andere Unternehmen noch gar nicht besitzt, sondern erst später erwerben will. Da das erste Unternehmen die Aktien (den Gegenwert) erst später erhält, nimmt es meist einen Kredit auf, um das andere Unternehmen zu bezahlen. Zusammengefasst: Das erste Unternehmen kauft mit Geld, das es nicht hat, von einem anderen Unternehmen Aktien, die dieses nicht besitzt. Nur gut, dass wir in einer so ausgezeichnet funktionierenden Marktwirtschaft leben, in einer Planwirtschaft wäre das nicht möglich, das geht nur vollkommen
Wie im ersten Satz schon geschrieben – ich begreife auch nach 20 Jahren noch nicht, wie die Menschheit so irre sein kann.
Kategorie: Alltag
Mittwoch, 29.Oktober 2008
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