Leben wir in einer Matrix?
Der Film Die Matrix hat einige interessante Ideen in ein massentaugliches Format gepresst, aber tatsächlich ist die Frage nach der Realität der Realität uralt, schon lange ein Dauerthema der Philosophie und seit einiger Zeit auch in den Neurowissenschaften en vogue. Nick Bostrom ist der Meinung, dass wir sehr wahrscheinlich in einer Matrix leben und hat diesen Gedanken im letzten Jahr ausführlich in der Telepolis erläutert: Warum eine Matrix bauen?
Das Vorhandensein unnötigen Elends ist eines der schlagendsten Argumente gegen die Ansicht, dass die Welt von einem allmächtigen, allwissenden und gänzlich gütigen Gott erschaffen wurde. Über Jahrhunderte haben Theologen versucht, eine Antwort darauf zu finden - mit sehr fragwürdigem Erfolg. Aber das Problem des Elends ist nur dann ein Problem, wenn man annimmt, dass die Welt von einem allmächtigen und gänzlich gütigen Wesen erschaffen wurde. Geht man hingegen davon aus, dass der Schöpfer nicht gänzlich gütig und möglicherweise noch nicht einmal allmächtig war, wäre es weitaus einfacher, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass unsere Welt mit ihren scheinbar offensichtlichen ethischen Mängeln erschaffen worden ist.Die drei Grundgedanken kurz zusammengefasst:
Und was ist mit Ihnen? Sie sind nicht allmächtig, allwissend und gänzlich gütig. Doch was wäre, wenn Sie die Fähigkeit besäßen, diese Art von Matrix zu bauen? Würden Sie es tun? Selbst wenn Sie sich nicht dazu entschließen würden, eine Welt wie diese zu gestalten, so gibt es doch viele andere Menschen, die Ihre Skrupel nicht teilen. Wenn diese Menschen über die Fähigkeit verfügten, Matrices zu erschaffen, könnten einige ihrer Werke gut und gern jener Welt gleichen, in der wir uns befinden.
Warum könnten sie die Absicht haben, eine Matrix zu bauen, die unserer Realität entspricht? Da sind viele Gründe denkbar - wenn man den einfältigen Gedanken der Nutzung des menschlichen Gehirns als Batterie verwirft. Künftige Historiker würden vielleicht eine Matrix erschaffen, die die Geschichte ihrer eigenen Spezies nachahmt. Das könnten sie tun, um mehr über ihre Vergangenheit zu erfahren oder um kontrafaktische historische Szenarien zu untersuchen. In der Welt der "Architekten" mag Napoleon bei der Eroberung Europas siegreich gewesen sein, und unsere Welt könnte eine Matrix sein, die erschaffen wurde, um zu erforschen, was geschehen wäre, wenn Napoleon geschlagen worden wäre. Oder vielleicht wird es künftige Künstler geben, die Matrices als Kunstform erschaffen, so wie wir Filme und Opern produzieren. Oder vielleicht wird die Tourismusbranche interessante historische Epochen simulieren, sodass ihre Zeitgenossen auf Themenurlaub in vergangene Zeiten gehen können, indem sie in die Simulation eintreten und mit ihren Bewohnern interagieren. Der möglichen Motive gibt es viele, und wenn künftige Menschen irgendwie wie die heutigen Menschen sind und wenn sie die technische Macht und das Recht hätten, Matrices zu bauen, wäre damit zu rechnen, dass viele Matrices erschaffen würden, einschließlich solcher, die wie die Welt aussehen, die wir gerade erleben. Das Simulationsargument.
Wenn jede fortgeschrittene Zivilisation viele Matrices ihrer eigenen Geschichte erschaffen würde, würden viele Menschen wie wir, die in einem technisch primitiveren Zeitalter leben, innerhalb statt außerhalb der Matrices leben. Wenn dies der Fall wäre, wo würden Sie höchstwahrscheinlich sein?
- Es gibt gute Gründe für eine fortgeschrittene Zivilisation, Matrizen zubauen, in denen Zivilisationen simuliert werden.
- Innerhalb einer Zivilisation werden mehrere Matrizen erschaffen.
- Aus 1. und 2. und einer zusätzlich möglichen Rekursion folgt, dass die Wahrscheinlichkeit, in einer Simulation zu leben, beliebig nahe bei eins liegt.
Wo sind die Außerirdischen? Falls es sie gibt, müssten wir sie sehen. Die mutmaßliche Zeitspanne für die Ausbreitung einer Zivilisation in der Galaxis ist nämlich sehr viel geringer als das Alter der Galaxis selbst und angesichts der Evolution zumindest einer intelligenten Spezies (wir selbst) sollten wir erdrückende Beweise für die Existenz anderer verfügen. Doch dem ist nicht so. Neue Beweise für die Existenz von Planeten, die andere Sterne umkreisen, sowie die Anhäufung negativer Indizien für das Vorhandensein extraterrestrischer Intelligenz nach etlichen Jahrzehnten fruchtloser SETI-Programme haben das Rätsel – besser bekannt als das Fermi-Paradoxon nur noch vergrößert.Und ein paar Seiten weiter äußert er einen Gedanken, den ich nach dem Film auch hatte und in dem ich mit ein paar Bekannten übereinstimme: (Im Film ist es ja so, dass die Menschen in der Matrix ein weitaus angenehmeres Leben führen als diejenigen, die die "Wahrheit" erkannt haben.)
...
Ich habe auf eine plausible Lösung des Fermi-Paradoxons hingewiesen; sie besagt, dass alles, was wir um uns herum sehen, künstlich ist. Was, wenn wir uns in einer Art "Planetarium" befinden, das mithilfe einer hochentwickelten Virtual-Reality-Technik konstruiert wurde und uns ein leeres Universum vorgaukelt – während hinter den Mauern mit ihren aufgemalten Sternen die glänzenden, für uns unsichtbaren Lichter außerirdischer Zivilisationen leuchten? ... Es ist viel leichter, einen Mantel um eine Welt oder sogar um ein Sonnensystem zu legen, als eine komplette galaktische Kultur zu tarnen.
Mag sein, dass wir tatsächlich in einer Art Exil, einem Käfig oder sogar einem Gefängnis leben; aber womöglich sind die Motive der Schöpfer auch nobel und wir befinden uns zu unserem eigenen Schutz in einem Hort oder Reservat. Womöglich ist es ein ziemlich hässliches Universum da draußen.Die Überlegungen von Bostrom, Baxter und einigen enthalten aber logische Fehler, die in der Philosophie schon lange bekannt sind und dort diskutiert wurden und die sich in nichts von der Diskussion um die Existenz eines oder mehrerer Götter unterscheiden: Wenn wir in einer von einer überlegenen Macht geschaffenen Welt leben, wer schuf dann deren Welt? Wenn man sich hier mit einer Antwort a la "Gottes Wille ist unerforschlich" begnügt, dann kann man gemäß Ockhams Rasiermesser auch gleich auf diese Pseudoerklärung verzichten!
Als Kuriosum sei hier am Schluss noch erwähnt, dass sich tatsächlich einige Menschen damit beschäftigen, Fehler in der Matrix zu finden. Dieses Buch habe ich nur angelesen, weil ich nach ein paar Dutzend Seiten stutzig wurde und nach dem Verlag googelte, der das Buch herausgegeben hat. Das Problem mit den Geschichten im Buch ist dasselbe, das man auch mit denen der Ufo-Fan-Gemeinde hat. Man kann noch so viele Ereignisse rational aufklären, es wird immer welche geben, die rätselhaft bleiben. Nur bedeutet das Fehlen einer rationalen Erklärung nicht, dass nur eine irr-rationale Erklärung richtig sein kann. Hier meine Lieblingsgeschichte im Zusammenhang mit Watzlawicks "Konstruktion der Wirklichkeit":
Watzlawick [beschreibt] einen Mann, der alle zehn Sekunden in die Hände klatscht. Nach dem Grund für dieses merkwürdige Verhalten befragt, erklärt er: „Um die Elefanten zu verscheuchen.“ Auf den Hinweis, es gebe hier doch gar keine Elefanten, antwortet der Mann: „Na, also! Sehen Sie?“Kategorien: Gehirn & Geist, Bücher, Filme
Mittwoch, 22.Oktober 2008
Obwohl die Gesellschaft ein Ausdruck der Überzeugungen vieler Menschen ist, ist das Individuum nicht abhängig von diesen kollektiv geteilten Matrizen. Wer erkennen kann, was ein Mensch wirklich ist, wird sich von dem Aberglauben der Religionen und Wissenschaft befreien und die Matrizen installieren, die seinen eigenen Vorlieben entsprechen. Aber ohne zu wissen, aufgrund welcher Prämissen man selber funktioniert, ist eine Änderung unmöglich. Deshalb ist die gute alte Selbsterkenntnis der erste Schritt, falls man etwas ändern will.
Aber es gibt keine Realität hinter der Realität, wie das so Viele glauben, oder besser gesagt, der Mensch selbst ist die Realität hinter der Realität oder noch anders gesagt: Das Bewusstsein ist das Konkrete, die Materie ist das Virtuelle. Die Realität wird immer seiner eigenen Matrix entsprechen.
Naja, das ist die Kurzform. Übrigens wird gerade von einer Gruppe Eidechesen (steht für die Drahtzieher, die man unter "Weltregierung" zusammenfassen könnte) versucht, eine neue, sehr unangenehme Matrix zu installieren, welche die meisten Menschen zu Sklaven machen soll. Sie benutzt dazu die altbekannten Mittel wie die Verbreitung von Angst und Schrecken, gepaart mit hohlen Versprechungen. Dagegen hilft nur eins: Die Entfaltung des Bewusstseins, die Er-leuchtung, ein innerer Vorgang und diese Erleuchtung macht den Menschen souverän. Er könnte seine Matrix frei bestimmen.
Übrigens wäre das ein sehr guter Artikel, um zur Reanimation von "nensch" beizutragen!
OT (sorry)
sein
die du in der Welt sehen willst
Mahatma Gandhi
Eine „Reanimation“ des Forums, liebe Anna, d.h. die Rückkehr zum anfänglichen Konzept und womöglich zum Teilnehmerkreis der Blütezeit, halte ich weder für möglich, noch für wünschenswert. Zum einen ist Kulturschaffen (und das sollte m.E. das erklärte Ziel des Forums bleiben) kein demokratischer Prozeß, zum anderen haben sich manche der Leitfiguren von damals als zu einem ehrlichen Diskurs unfähige Sozialinvaliden entpuppt. Was nützen gelegentliche gute Beiträge, wenn ihre Wirkung durch zersetzende Kommentare mehr als wettgemacht wird? Wer schadet dem Forum mehr: derjenige, der schwache oder gar unsinnige Beiträge leistet, oder die arrogante Diva, die mit mehr oder weniger gut versteckten Beleidigungen um sich schmeißt? Das Forum braucht eine aktive Führung (=Redaktion) und eine - sowohl nach fachlichen, als auch nach sozialen Kriterien - sorgfältige Auswahl der Teilnehmer, ansonsten wird es wieder im Chaos landen.
Ich glaube genausowenig, lieber Köppnick, daß Nensch einer neuen bzw. verbesserten Software bedarf. Der Diskurs, und darin sollte m.E. der wesentliche Vorteil eines echten Forums gegenüber Blogs oder sonstigen Internetpräsenzen bestehen, kann nur dann als kulturschaffendes Mittel dienen, wenn es ehrlich und frei stattfinden kann. Ich kann mir kein informationstechnisches Tool vorstellen, das, für sich allein betrachtet, die Voraussetzung erfüllen kann. Was wir tatsächlich erlebt haben, das war eine Art Kulturdarwinismus.
Was die Vorteile eines eigenen Blogs betrifft, lieber Gregor Keuschnig, gebe ich Ihnen bis zu einem gewissen Punkt recht. Die privaten Blogs der Ex-Nenschen haben mit Sicherheit mehr geleistet als manches Schattenforum, wo man sich mitunter ernsthaft mit der Frage beschäftigt hat, ob man mit links onaniert hat oder nicht. Und m.E. haben diese Blogs auch wesentlich mehr gezeigt, als das, was Nensch derzeit bietet. Allerdings birgt die Sicherheit des eigenen Blogs auch die Gefahr, daß man zu sehr im eigenen Saft kocht und unliebsame Kritik nach Gutsherrenart niederbügelt. Bei Vorliegen eines gemeinsamen Interesses und nachgewiesener Dialogfähigkeit schätze ich die kritische Masse für den qualitativen Sprung hin zum Diskurs auf etwa 5 Teilnehmer. Eine Zusammenlegung von mehreren Blogs wäre unter diesen Voraussetzungen aus meiner Sicht möglich und wünschenswert: sie würde die Keimzelle für ein erfolgreiches Forum darstellen. (Übrigens: warum OT? Der Beitrag trifft den Kern ganz genau!)
Kritische Masse (@fely)
Das Problem im eigenen Saft zu schmoren, das sehe ich auch. Das war aber schon ein Nensch-Problem - selbst bei den 50 Leutchen dort. Andererseits: Ein Massenphänomen in Form von massenhafter Mitwirkung wird ein niveauvolles Forum nie werden. Dennoch könnte es eine Art Massenwirkung bekommen...
Was zur Redaktion gesagt wurde, trifft m. E. ins Schwarze. Eine Diskussion um andere/bessere Software kann man führen, aber ist letztlich nur ein Ablenkungsmanöver: Gute Briefe beurteilt man nicht danach, welche Tinte jemand verwendet.
Trotzdem halte ich eine Reanimation nicht für unmöglich. Vielleicht schreibe ich mal wieder einen Beitrag. Mal sehen...
@Fely
Ein solches Diskussionsforum mit 5++ und selbst ausgewählten Leuten aufzuziehen, ist ganz leicht, das wurde bei TwoDay mit einem Blog schon mal gemacht:
- Man eröffnet einen (kostenlosen) Blog.
- Man gibt anderen Teilnehmern abgestufte Schreibrechte.
-> Fertig.
Das einzige Feature, worin es sich dann von der Nenschsoftware unterscheidet, ist die Abstimmung über Beiträge. - Nur ist es so, dass von allen, die sich hier oder an anderem Ort zu diesem Thema einer Renaissance geäußert haben, bei Nensch stets alle Beiträge auch die Abstimmung mit positivem Ergebnis passiert haben! Es gibt also nüchtern betrachtet weder einen technischen noch sonstigen Grund, kein Forum zu haben.
Meine Schlussfolgerung: Mit den Möglichkeiten und der massenhaften Verbreitung der Blogs ist das Bedürfnis (=der Leidensdruck) für noch eine weitere Plattform so weit gesunken, dass keine weitere gegründet wird.
Rein psychologisch kann ich JB inzwischen gut verstehen: Er hängt noch dran am alten Forum, deshalb schließt er es nicht, aber andererseits auch nicht so stark, dass er initiativ werden möchte. Und er weiß genau (wenigstens implizit), dass er dann auch den gesamten Sozialkram am Hals hat und einen Haufen "schwierige" Menschen "betreuen" muss. Das will er nicht und das kann er auch gar nicht.
Und ich auch nicht. Ich habe das gemerkt bei meinem einzigen und vorzeitig hinausposaunten Versuch. Der erste, der einen längeren Beitrag "bei mir" schrieb, war HJG, und gerade den wollte ich dort eigentlich nicht haben.
@ Gregor
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Im übrigen glaube ich fest, dass Nensch nicht wegen HJG oder sonstiger Sozialkrüppel gescheitert ist. Es ist gescheitert, weil es als basisdemokratische Schwärmerei herumgeisterte. Man schritt nicht rechtzeitig genug ein, setzte keine Grenzen fest, und fertig ist der Kotzbrocken. Stundenlange Diskussionen um Sperrungen, Nullungen und sonstigen Quark - statt einfach für eine gewisse Zeit die Notbremse zu ziehen. Ich kann mich sehr gut an Mailkorrespondenz zwischen Köppnick, JB und mir erinnern, in der es darum ging, möglichst wenig einzugreifen (JB) oder bestimmte Grenzen von Anfang zu ziehen (ich).
JB betreibt inzwischen professionell einen eigenen Blog - seine Zeit und sein Interesse an einem Neuanfang sind sicherlich eher eingeschränkt.
Ein kollaboratives Forum müsste auch marketingmässig betreut werden; die blosse Existenz reicht nicht aus.